• Wenn das Werkzeug stumpf wird, mit dem ein Mensch sich gegen die Übermacht wehren könnte — und kaum jemand es bemerkt. Lesezeit: 11 Minuten Es gibt eine Waffe, die jedem Menschen offensteht, unabhängig von Herkunft und Vermögen: die Fähigkeit, zu lesen, zu verstehen und das Verstandene zu prüfen. Wer sie beherrscht, kann sich gegen jede Übermacht zur Wehr setzen, die auf einem Wissensvorsprung beruht. Wer sie nicht beherrscht, ist auf das angewiesen, was andere ihm erklären. Genau deshalb ist der Zustand des Bildungswesens keine pädagogische Fachfrage, sondern eine Machtfrage. Ein Volk, das schlechter liest, rechnet und urteilt als die Generation vor ihm, verliert nicht nur Wohlstand. Es verliert die Mittel, sich selbst zu regieren. Über diesen Zustand wird in Deutschland mit auffälliger Gereiztheit gestritten. Die einen sprechen von Niedergang, die anderen von Panikmache. Der nüchterne Weg führt nicht über das Lamento, sondern über die Zahlen, die Studien und die Eigenangaben der Verantwortlichen — und über das ehrliche Eingeständnis, wo die Belege eindeutig sind und wo sie umstritten bleiben. Drei Stationen eines Bildungswegs lassen sich so durchgehen: die Grundschule, das Abitur, die Hochschule. Die Grundschule: ein Streit ums Lesenlernen Am Anfang steht das Schreiben- und Lesenlernen, und ausgerechnet hier tobt seit Jahren ein Methodenstreit, der exemplarisch ist. Im Zentrum steht eine Methode des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen: „Lesen durch Schreiben“. Ihr Grundgedanke ist, dass Kinder sich das Schreiben über eine Anlauttabelle selbst erschließen — sie schreiben, wie sie hören, und die Rechtschreibung soll sich später von allein einstellen. Korrekturen unterbleiben zunächst bewusst, um die Schreibfreude nicht zu hemmen. Die Kritik daran ist erheblich, und sie kommt aus der empirischen Forschung. Eine vielzitierte Studie der Universität Bonn unter Leitung der Psychologin Una Röhr-Sendlmeier verglich Rechtschreibleistungen und kam zu dem Ergebnis, dass Kinder, die nach klassischem Fibelunterricht lernten, deutlich weniger Fehler machten als jene, die nach „Lesen durch Schreiben“ unterrichtet wurden. Mehrere Bundesländer, darunter Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, schränkten die Methode in Reinform daraufhin ein oder untersagten sie. Hier ist allerdings die erste Differenzierung nötig, die der redliche Umgang mit dem Thema verlangt. Die Methode in Reinform war nie flächendeckend im Einsatz; Lehrerverbände wiesen darauf Mehr lesen

Themen des Monats

  • 18. Februar 1943, Berliner Sportpalast: Tausende erheben die Hand für den „totalen Krieg“. Sie wussten, was sie taten — und taten es trotzdem. Was die Szene zeigt, ist kein deutsches Sonderphänomen, sondern eine wiederkehrende Mechanik. Wer sie kennt, erkennt sie auch in der Gegenwart. Mehr lesen

Stichwort der Woche

  • Der Begriff „regelbasierte Ordnung“ bezeichnet ein politisches Konzept, bei dem internationale Beziehungen nicht primär durch nationales Recht oder souveräne Entscheidungen einzelner Staaten bestimmt werden. Mehr lesen

Serien

Essays & Analysen

Essays (frei)

  • Wenn das Werkzeug stumpf wird, mit dem ein Mensch sich gegen die Übermacht wehren könnte — und kaum jemand es bemerkt. Lesezeit: 11 Minuten Es gibt eine Waffe, die jedem Menschen offensteht, unabhängig von Herkunft und Vermögen: die Fähigkeit, zu lesen, zu verstehen und das Verstandene zu prüfen. Wer sie beherrscht, kann sich gegen jede Übermacht zur Wehr setzen, die auf einem Wissensvorsprung beruht. Wer sie nicht beherrscht, ist auf das angewiesen, was andere ihm erklären. Genau deshalb ist der Zustand des Bildungswesens keine pädagogische Fachfrage, sondern eine Machtfrage. Ein Volk, das schlechter liest, rechnet und urteilt als die Generation vor ihm, verliert nicht nur Wohlstand. Es verliert die Mittel, sich selbst zu regieren. Über diesen Zustand wird in Deutschland mit auffälliger Gereiztheit gestritten. Die einen sprechen von Niedergang, die anderen von Panikmache. Der nüchterne Weg führt nicht über das Lamento, sondern über die Zahlen, die Studien und die Eigenangaben der Verantwortlichen — und über das ehrliche Eingeständnis, wo die Belege eindeutig sind und wo sie umstritten bleiben. Drei Stationen eines Bildungswegs lassen sich so durchgehen: die Grundschule, das Abitur, die Hochschule. Die Grundschule: ein Streit ums Lesenlernen Am Anfang steht das Schreiben- und Lesenlernen, und ausgerechnet hier tobt seit Jahren ein Methodenstreit, der exemplarisch ist. Im Zentrum steht eine Methode des Schweizer Reformpädagogen Jürgen Reichen: „Lesen durch Schreiben“. Ihr Grundgedanke ist, dass Kinder sich das Schreiben über eine Anlauttabelle selbst erschließen — sie schreiben, wie sie hören, und die Rechtschreibung soll sich später von Mehr lesen

  • In Versailles unterzeichnet Trump eine Absichtserklärung mit dem Iran — vierzehn Punkte, gefeiert wie ein historischer Frieden. Doch der Ort trägt eine ältere Botschaft: Der Vertrag, der dort 1919 Frieden schaffen sollte, hat nie gehalten. Über Inszenierung und Substanz. Mehr lesen

  • Sie galt als das ethische Gewissen der Nation — Vorsitzende eines Gremiums ohne Entscheidungsgewalt, das die schärfsten Eingriffe nicht bremste, sondern mehrheitlich befürwortete. Über eine Medizinethikerin, die zur moralischen Vollstreckerin wurde, einen Auftritt vor der Presse und die Frage, was geschieht, wenn die Stimme der Ethik selbst unter Verdacht gerät. Mehr lesen

Analysen

Jeden Monat ist mindestens eine Analyse frei. Alle weiteren Analysen in Loreley+.

  • Donald Trump wird achtzig. Hinter Käfigkampf und Großbuchstaben verschwindet die eigentliche Zäsur: Er beendet die amerikanische Weltordnung, die Bush senior 1990 ausrief, und ersetzt sie durch die Rückkehr Monroes — den Anspruch auf die ganze Hemisphäre, von Nord nach Süd.

  • Lesezeit: 10 Minuten — Diesen Sommer wird wieder geflaggt. Zur Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko hängen die schwarz-rot-goldenen Fähnchen an den Autospiegeln, und für ein paar Wochen darf der Deutsche sein Land lieben, solange es um Tore geht. Patriotismus auf Zeit, abschaltbar mit dem Schlusspfiff — die einzige Form, in der das Bekenntnis hierzulande als unverdächtig gilt. Warum das so ist, hat eine lange Geschichte. Mehr lesen

  • Die Begründungen der Impfkampagne wanderten: von der Herdenimmunität zum Schutz vor schwerem Verlauf, von zwei Dritteln auf 85 Prozent. Widerrufen wurde nie etwas — nur umgefärbt. Über Inzidenz, PCR und eine Kommunikation, die Überprüfung unmöglich macht. Mehr lesen