Das Davos Prinzip: Alles ist entschieden, bevor es entschieden wird
Eine internationale Elite vorkonzipierte weitreichende politische, wirtschaftliche u. wissenschaftliche Entscheidungen, die anschließend „demokratisch“ beschlossen wurden.
Die Technokratie hatte ihr Denkgebäude geschaffen, die Systemtheorie hatte ihre Modelle geliefert, und die großen Stiftungen hatten daraus Infrastruktur gemacht. Doch ein System, das die Welt neu ordnen will, bleibt unvollständig, solange es keinen Ort besitzt, an dem seine Vertreter sich erkennen, bestärken und koordinieren können. Macht braucht Geometrie. Und sie benötigt einen Raum, der größer ist als Parlamente, Kabinette oder Konzerne – einen Raum, in dem jene zusammenkommen, die sich selbst längst nicht mehr als nationale Akteure verstehen, sondern als Statthalter einer übergeordneten Ordnung. Genau an dieser Stelle betritt Klaus Schwab die Bühne. Nicht als Visionär, sondern als Katalysator. Nicht als Erfinder des Globalismus, sondern als dessen Zeremonienmeister. Er schuf keine Idee – er schuf einen Ort. Und Orte formen Geschichte. Die Geburt des Globalismus – Davos als Knoten einer Machtarchitektur, die längst vor Schwab existierte.
Davos war kein Anfang, sondern die sichtbare Verdichtung eines Systems, das im Schatten der Nachkriegsordnung entstanden war. Klaus Schwab trat nicht als Gründer einer neuen Idee auf, sondern als Verwalter eines Machtgefüges, dessen Linien sich seit 1945 durch Stiftungen, Geheimdienste, internationale Organisationen und transatlantische Elitenzirkel zogen. Seine Leistung bestand darin, diesen Machtstrukturen ein jährliches Ritual zu geben – einen Ort, an dem sich jene trafen, die längst nicht mehr im Auftrag von Staaten handelten, sondern im Auftrag einer Ordnung, die sich selbst legitimierte. Die eigentliche Geburtsstunde des Globalismus liegt in der Architektur, die die USA nach dem Krieg errichteten. John J. McCloy, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, formte als Hoher Kommissar, Rockefeller-Stratege und Vorsitzender des Council on Foreign Relations eine transnationale Infrastruktur, in der Politik zunehmend durch Experten und private Akteure definiert wurde. Seine Arbeit ist ausführlich dokumentiert in Kai Birds Biografie The Chairman: John J. McCloy and the Making of the American Establishment. Die Nachkriegsinstitutionen OECD, Weltbank und GATT wurden zu Laboren einer Politik, die nationale Souveränität in internationale Regelwerke überführte – ein Soft-Law-Regime, das Parlamente nicht überging, sondern schlicht durch die schiere Masse globaler „Notwendigkeiten“ neutralisierte. Schwab trat Jahrzehnte später in dieses System ein, bereits vorbereitet durch eine Ausbildung in Harvard, wo Denkfiguren dominierten, die Verwaltung als überlegene Form des Politischen betrachteten. Die Ideologie, die er übernahm, beruhte auf der Überzeugung, dass globale Probleme technische Fragen seien, deren Lösungen nicht aus demokratischen Prozessen entstehen können, sondern aus Governance. Die Harvard-Welt, dokumentiert in den Archiven der Harvard Kennedy School, lehrte ihn, die Welt als Managementproblem zu betrachten – und politische Verantwortung als Hemmnis.
Die Netzwerke, die die Bühne für Schwab bereiteten, formten sich bereits in den 1950er und 60er Jahren. Die Bilderberg-Konferenz, die Trilateral Commission von Zbigniew Brzezinski (dessen geopolitische Theorie in The Grand Chessboard beschrieben ist), der CFR, der Atlantic Council – sie alle bildeten eine operative Elite, die außenpolitische Grundlinien definierte, bevor Parlamente darüber debattierten. Jean Monnet, der in seinem Werk Memoirs offen schildert, wie er die EU als technokratische Struktur konzipierte, legte in Europa die Blaupause für supranationale Verwaltung. Währenddessen verwebten Stiftungen wie Rockefeller, Ford und Carnegie politische Agenda-Setting-Prozesse über Thinktanks, deren Veröffentlichungen später als „wissenschaftlicher Konsens“ galten. Als Schwab sein „European Management Symposium“ gründete, stieß er auf eine Klasse, die sich längst als transnational begriff. Diese Klasse bestand aus Politikern, die ihre Entscheidungsprozesse an internationale Experten ausgelagert hatten; aus Konzernlenkern, die globale Märkte benötigten, um nationale Regulierung zu umgehen; aus UNO-Bürokraten, die moralische Autorität über politische Legitimität stellten; und aus Stiftungsnetzwerken, die ihre Interessen seit Jahrzehnten als „philanthropisch“ verkleideten.
Schwab gab dieser Klasse eine Bühne, deren Neutralität sie selbst definieren konnte. In den 1980er Jahren begann Davos, seine eigentliche Funktion auszubilden. Internationale Konflikte, die offiziell in UN-Foren diskutiert wurden, wurden hinter den Kulissen längst in Davos vorverhandelt. Die Integration Chinas in die globale Ökonomie, dokumentiert in WTO-Analysen der WTO, wurde in Davoser Zirkeln bereits Jahre vor ihrer Umsetzung antizipiert. Die europäische Deregulierungsagenda, die Privatisierungsschübe in Lateinamerika, die energiepolitische Neuordnung nach der Ölkrise – es existieren zahlreiche Vermerke in den WEF-Jahresberichten im Archiv des World Economic Forum, in denen diese Themen nicht nur diskutiert, sondern vorkodiert wurden. Davos war kein Ort der Debatte, sondern der Synchronisation. Es funktionierte, weil es nicht entscheiden musste. Entscheidungen wurden vorbereitet, gerahmt, legitimiert und von den Anwesenden später in nationalen Regierungskontexten als unausweichlich präsentiert. Das berühmte Konzept der „Stakeholder-Governance“, das Schwab später in The Fourth Industrial Revolution ausformulierte, war nichts anderes als eine politisch neutrale Verpackung eines technokratischen Machtanspruchs: Politik als Aufgabe derer, die Zugang zu Kapital, Technologien und globalen Strukturen besitzen.
In den Räumen ohne Kameras verschmolzen CEOs, Minister, UNO-Vertreter, EU-Kommissare und Stiftungsvorstände zu einem einzigen politischen Organismus. Dort wurde abgestimmt, wie man Klimapolitik rahmt, wie man Bevölkerungsfragen behandelt, wie man Energiepolitik standardisiert, wie man Finanzmärkte öffnet oder schließt. Davos lieferte Regierungen die wissenschaftlich klingende Erzählung, die sie benötigten, um Entscheidungen zu rechtfertigen, für die sie demokratisch kein Mandat hatten. Und es lieferte Konzernen den moralischen Anstrich, um global zu operieren, während nationale Regeln zunehmend bedeutungslos wurden. Davos war die Choreografie einer Weltordnung, die nicht gewählt, sondern hergestellt wurde. Es zeigte der Elite, dass der Staat als Machtzentrum überflüssig werden kann, wenn Verwaltung, Kapital und internationale Institutionen eng genug verflochten sind. Die Demokratie wurde nicht gestürzt – sie wurde erstickt. Nicht durch Gewalt, sondern durch Verfahren. Nicht durch Umsturz, sondern durch monotone Wiederholung eines angeblich „objektiven“ globalen Sachzwangs. Damit beginnt der nächste Schritt: die Transformation von Davos in ein aktives Steuerungszentrum, das nicht nur synchronisiert, sondern orchestriert. Eine Welt, in der Schwab nicht mehr Gastgeber war, sondern Zeremonienmeister einer Elite, die begann, sich selbst für unersetzlich zu halten.
Die Verfestigung der globalistischen Architektur – wie Davos vom Ritual zum Machtinstrument wurde
Als Davos in den 1980er Jahren an Bedeutung gewann, veränderte sich der Charakter des Forums leise, aber entscheidend. Was als jährliche Selbstbespiegelung einer transnationalen Managerklasse begann, wurde zu einem Ort, an dem politische Realitäten nicht mehr nur beschrieben, sondern vorbereitet wurden. Davos blieb offiziell ein „Forum“. Doch in der Praxis genügte die inoffizielle Zusammensetzung der Teilnehmer, um es zu einem Machtinstrument zu machen: Minister und Premierminister, Zentralbanker und Konzernchefs, Geheimdienstleute in Zivil, UNO-Bürokraten, digitale Oligarchen, Energie- und Pharmalobbys, Akademiker, die von Stiftungen finanziert wurden, Medienvertreter, die später die Narrative verbreiteten. In Davos entstand ein Raum, der gleichzeitig öffentlich und unkontrollierbar war – ein grauer Zwischenraum, in dem Macht sich nicht rechtfertigen musste. Der entscheidende Schritt bestand darin, dass Davos begann, Probleme zu definieren, bevor Staaten darüber stritten. Wer Probleme definiert, definiert auch die Bandbreite der Lösungen. Und wer die Lösungen vorgibt, kontrolliert die politischen Erzählungen. In den Jahresberichten des World Economic Forum aus den achtziger und neunziger Jahren erkennt man den Wandel: Statt Management-Agenden dominierten plötzlich Themen wie „globale Sicherheit“, „weltweite Ressourcenkontrolle“, „nachhaltige Bevölkerungsentwicklung“, „Neuordnung der Finanzarchitektur“, „Zukunft der Demokratie“ und „Governance der Globalisierung“.
Diese Themen entsprangen nicht Schwabs Fantasie. Sie folgten jenen Machtlinien, die von Rockefeller-Stiftungen, CFR-Papieren, Brzezinskis strategischen Überlegungen in The Grand Chessboard und UNO-Kommissionen geprägt wurden, deren Berichte bereits damals die Idee globaler „Notwendigkeiten“ verankerten. Die Transformation erfolgte beinahe unsichtbar. In den späten Siebzigerjahren war Davos ein Ort, an dem Wirtschaft und Politik sich beobachteten. In den frühen Achtzigerjahren wurde Davos zum Ort, an dem sie sich abstimmten. Und seit den neunziger Jahren wurde es der Ort, an dem sie einander legitimierten. Politiker erhielten dort die scheinbar wissenschaftliche Begründung, warum Privatisierung, Marktöffnung oder Bevölkerungsprogramme „alternativlos“ seien. Konzerne erhielten die politische Rückendeckung, um nationalen Widerstand zu umgehen. Internationale Organisationen erhielten das moralische Mandat, ganze Politikbereiche als „global“ zu definieren, auch wenn sie de facto nur westliche Interessen repräsentierten.
Ein zentrales Beispiel ist die Rolle von Davos bei der Energiepolitik. Bereits in den frühen neunziger Jahren finden sich in den Protokollen der UN-Agenda-21-Debatten im Umfeld des United Nations Sustainable Development Programme unverkennbare Parallelen zu WEF-Positionen. Es ist kein Zufall, dass Maurice Strong – einer der einflussreichsten Architekten globaler Umweltpolitik – sowohl im UNO-System als auch im WEF eine zentrale Rolle spielte. Strong, selbst eng mit Rockefeller-Zirkeln verbunden, war die Brücke, über die Umweltpolitik technokratisiert und als globales Steuerungsfeld etabliert wurde. Seine Ideen sind ausführlich dokumentiert in Where on Earth Are We Going?, einem Werk, das seine Vision einer steuerbaren Menschheit offenlegt. In Davos wurden solche Programme nicht beschlossen, aber sie wurden dort allokalisierbar gemacht. Widerspruch galt nicht als politischer Prozess, sondern als intellektuelle Abweichung. Davos erzeugte jene Atmosphäre, in der Politiker das Gefühl hatten, nicht mehr ihren Wählern, sondern der Weltgemeinschaft verpflichtet zu sein – einer Weltgemeinschaft, die in Wahrheit aus Konzernlenkern, UNO-Funktionären und Stiftungsdirektoren bestand.
Diesen Mechanismus beschreibt Naomi Klein in The Shock Doctrine, wenn auch aus einer ideologischen Perspektive, die man nicht teilen muss, um die Analyse zu erkennen: Krisen schaffen Gelegenheiten für Politik, die in Davos vorbereitet und später in nationale Gesetzgebung übersetzt wird. Je stärker Davos wuchs, desto mehr wurde es zum Scharnier zwischen öffentlicher Moral und privater Macht. Politiker traten dort nicht als Vertreter ihrer Nationen auf, sondern als Anwälte einer globalen Mission. Ihre Reden folgten zunehmend denselben rhetorischen Mustern, denselben Begriffen, denselben Zukunftsformeln – alles sprachlich an denselben Knotenpunkten entwickelt, die in Thinktanks wie dem Brookings Institute und dem Harvard Kennedy-Netzwerk entstanden. Die Demokratie wurde dadurch nicht abgeschafft, sondern semantisch ausgehöhlt. Nationale Interessen galten als „provinziell“, globale Agenden als „fortschrittlich“. Das Parlament wurde zur Bestätigungsinstanz, nicht mehr zum Entscheidungsraum. Diese Entkernung führte zu einer neuen Form der Macht: der moralischen Technokratie. Politiker wurden zu Moderatoren globaler Prozesse, die sie selbst nicht mehr kontrollierten. Unternehmer wurden zu politischen Akteuren, geschützt durch den Mantel eines Forums, das vorgab, nur „Ideen auszutauschen“. Internationale Organisationen traten auf wie Weltbehörden, obwohl sie weder demokratisiert noch zur Rechenschaft verpflichtet waren.
Je enger diese Verflechtungen wurden, desto stärker wurde Davos zum Epizentrum des globalistischen Narrativs. Die Legitimität entstand nicht durch Wahl, sondern durch Wiederholung. Wer oft genug behauptet, die Welt sei „vernetzt“, „komplex“ und daher „global steuerbar“, schafft eine Atmosphäre, in der jede Abweichung als irrationale Störung gilt. Davos wurde zum „Beichtstuhl“ einer Elite, die sich selbst für die natürliche Spitze der Welt hielt. Und Schwab wurde zu ihrem Zeremonienmeister – nicht, weil er Macht hatte, sondern weil er die Räume zur Verfügung stellte, in denen Macht sich ihrer selbst vergewissern konnte. Damit beginnt die nächste Stufe der Entwicklung: Davos wächst über die Rolle der Synchronisation hinaus und wird zum Instrument direkter Einflussnahme. Es entsteht nicht nur eine Ideologie, sondern ein Regelwerk. Nicht nur ein Konsens, sondern eine Agenda.
Die stille Übernahme: Das WEF begann, Politik direkt zu steuern
In den 1990er Jahren veränderte sich die Rolle des World Economic Forum entscheidend. Die frühen Davos-Jahrgänge waren Orte, an denen sich Eliten selbst bespiegelten. Doch bald begann das Forum, eine Funktion auszufüllen, die nie auf der Agenda stand: Es wurde zum Regisseur politischer Prioritäten, ein Akteur, der staatliche Souveränität nicht frontal angriff, sondern sie systematisch umging. Öffentlich blieb das WEF stets Vorsicht wahrt: kein Parlament, kein Mandat, keine legislative Macht. Doch hinter dieser formalen Ohnmacht entwickelte sich etwas, das in keiner Verfassung vorgesehen ist: eine Struktur, die Politik nicht beschließt, aber vorgibt, worüber Politik sprechen muss. Dieser Wandel lässt sich präzise nachzeichnen, wenn man die Berichte, Arbeitsgruppen und Partnerschaften jener Zeit verfolgt. Die Archive des World Economic Forum dokumentieren ab Mitte der 1990er Jahre eine auffällige Verschiebung. Die Themen werden nicht mehr nur diskutiert, sie werden als „Herausforderungen“, „globale Risiken“ oder „Zukunftsnotwendigkeiten“ formuliert – Vokabular, das später zu politischen Leitbegriffen wurde. Das WEF begann, die politischen Probleme der Zukunft zu definieren, bevor Parlamente, Medien oder nationale Debatten diese Themen überhaupt erkannten. Der politische Raum der 1990er Jahre war dafür perfekt geeignet. Die Sowjetunion war kollabiert. Der Westen war ohne Rivalen. Die Globalisierung galt als Naturgesetz. Die EU hatte mit dem Vertrag von Maastricht ihre supranationale Ordnung formalisiert und sich auf einen Weg begeben, der immer weniger demokratisch kontrolliert wurde. Gleichzeitig expandierten die internationalen Finanzmärkte in einer Geschwindigkeit, die selbst Nationalstaaten überforderte. Es war ein historischer Moment, in dem Machtzentren außerhalb staatlicher Institutionen entstehen konnten, ohne dass jemand sie als Bedrohung erkannte.
In dieser Phase begann das WEF, serielle Berichte zu initiieren, die später zu Referenzpunkten der globalen Politik wurden. Das bekannteste Beispiel ist der „Global Risks Report“, der erstmals Mitte 2006 veröffentlicht wurde – eine Publikation, die bis heute von Medien und Regierungen zitiert wird, als handle es sich um ein neutrales, wissenschaftliches Dokument. Tatsächlich entsteht dieser Report hinter verschlossenen Türen durch ein Netzwerk aus Konzernen, Stiftungen, Großbanken und UNO-nahen Funktionären. Die Grundlage des Berichts ist kein demokratischer Prozess, sondern ein privat organisierter Konsens, der über die Frage entscheidet, welches Thema als „globales Risiko“ gilt und welches nicht. Die institutionelle Struktur des Reports ist öffentlich, der Prozess dahinter nicht.
Ein historisch unterschätzter Punkt ist der Einfluss, den das WEF auf die Energie- und Klimapolitik der 1990er und 2000er Jahre nahm. Die Klimadebatte, lange ein Randthema technischer Fachgremien, wurde in Davos strategisch aufgeladen. Maurice Strong, Gründervater der UN-Umweltkonferenzen und zentraler Einflussnehmer der Agenda 21, nutzte Davos, um die Idee global koordinierter Klimapolitik in jene Kreise zu tragen, die die Finanzierungs- und Machtmittel dafür hatten. Seine Schriften in Where on Earth Are We Going? Lassen keinen Zweifel daran, dass er die Umweltpolitik als Hebel verstand, um globale Entscheidungsstrukturen zu verankern – Strukturen, die demokratische Prozesse umgehen. Die offiziellen UN-Dokumente des United Nations Environment Programme bestätigen, wie eng UNO, Stiftungen und WEF seit den 1990ern kooperierten.
Ein weiteres Feld, auf dem Davos zur unsichtbaren Gesetzgebungsinstanz wurde, war die digitale Ökonomie. Die frühen Diskussionen über Internetgovernance, Datenschutz, digitale Identitäten und Cybersecurity zeigen, dass Davos bereits Themen verhandelte, die erst Jahrzehnte später politisch aufschlugen. Im Archiv des MIT Media Lab finden sich Parallelen zwischen WEF-Diskursen und den Positionen jener Tech-Eliten, die später die Weltmärkte dominierten. Diese Themen wurden nicht neutral behandelt. Sie wurden technologisch gerahmt, moralisch aufgeladen, ökonomisch verkoppelt – und später von Staaten übernommen, als handle es sich um objektive Notwendigkeiten.
Die „Public-Private-Partnerships“ (öffentlich-private Partnerprojekte), die das WEF ab Ende der 1990er Jahre als Allheilmittel präsentierte, waren in Wahrheit die institutionelle Verschmelzung von Staat und Konzern. Diese Struktur folgte exakt jenem Modell, das Galbraith bereits in The New Industrial State beschrieben hatte: große Organisationen steuern die Wirtschaftsordnung, während demokratische Institutionen nur die Infrastruktur liefern, die diese Steuerung absichert. Schwab übersetzte diese Theorie in seine „Stakeholder“-Ideologie, die er später in The Fourth Industrial Revolution zu einer Art globalem Leitfaden erhob – ein Leitfaden, der in keiner Weise demokratisch legitimiert war, aber in politischen Gremien wie ein Gesetzestext behandelt wurde. Diese Entwicklung führte zu einer neuen Realität. Davos wurde zum Ort, an dem die Regeln der globalen Ökonomie vorformuliert wurden. Davos wurde zum Raum, in dem Staaten erfuhren, welche Entscheidungen sie später „treffen mussten“. Davos wurde zum Knotenpunkt einer Machtarchitektur, die nicht gewählt, nicht kontrolliert, nicht rechenschaftspflichtig war – und gerade deshalb so wirksam. Regierungen, deren Minister in Davos auftraten, begannen unbewusst, ihre Entscheidungshorizonte dem globalistischen Konsens anzupassen. Medien, deren Chefredakteure dort eingeladene Gäste waren, passten ihre Erzählungen an dieselbe Linie an. Universitäten, deren Professoren dort Vorträge hielten, verstärkten jene intellektuellen Muster, die Davos als grundlegende Wahrheit präsentierte. In dieser Verflechtung entstand eine politische Realität, die nicht mehr national war, aber auch nicht demokratisch international – sie war transnational privat, eine hybride Form der Herrschaft.
Dieser Prozess erklärt, warum Davos in zwei Jahrzehnten nicht einfach ein Forum wurde, sondern ein Taktgeber. Entscheidungen, die in nationalen Parlamenten Wochen oder Monate debattiert wurden, waren in Davos längst gefallen – nicht formal, aber funktional. Der politische Betrieb wurde zum Nachvollzug einer Agenda, die dort entworfen wurde, wo kein Bürger einen Wahlzettel abgeben konnte.
Bewerten Sie diesen Artikel:
Artikel die Sie auch interessieren könnte:
Donald J. Trump und Klaus Schwab - Antipoden der globalen Weltordnung
Zwei Männer verkörpern den Bruch unserer Zeit wie keine anderen: Donald J. Trump und Klaus Schwab. Der eine sprengt das Fundament des globalistischen Projekts, der andere steht sinnbildlich für seine technokratische Vision. Mehr lesen
Von : Stephan