
BRICS+
Kurzdefinition
BRICS+ ist die seit 2024 erweiterte Form der ursprünglich fünf Schwellenländer-Allianz Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika. Mit dem Beitritt Saudi-Arabiens, des Iran, der Vereinigten Arabischen Emirate, Ägyptens und Äthiopiens hat sich die Gruppe zu einem ökonomisch-monetären Verbund entwickelt, der die G7 in Kaufkraftparität überholt hat und die institutionelle Hauptarchitektur einer post-westlichen Wirtschaftsordnung bildet.
Historischer Ursprung
Der Begriff entstand 2001 nicht in der Diplomatie, sondern bei der Investmentbank Goldman Sachs. Der Ökonom Jim O’Neill prägte das Akronym BRIC in einem Forschungsbericht („Building Better Global Economic BRICs“), um die vier wichtigsten Schwellenländer als gemeinsame Investitionskategorie zu vermarkten. Aus der Marktbeobachtung wurde 2006 eine politische Initiative: Auf Anregung Russlands trafen sich die Außenminister Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas erstmals offiziell am Rande der UN-Generalversammlung. 2009 folgte der erste BRIC-Gipfel in Jekaterinburg; 2010 trat Südafrika bei. Die Reihenfolge ist analytisch wichtig: Erst Marketing-Begriff einer westlichen Bank, dann politische Selbstaneignung der bezeichneten Staaten.
Die institutionelle Verfestigung erfolgte ab 2014 mit der Gründung der New Development Bank (NDB) in Schanghai und dem Contingent Reserve Arrangement (CRA) — beide gedacht als Alternativen zu Weltbank und IWF. Der Johannesburg-Gipfel im August 2023 beschloss die erste Erweiterungsrunde: Saudi-Arabien, Iran, VAE, Ägypten und Äthiopien wurden zum 1. Januar 2024 Vollmitglieder. Argentinien hatte zunächst beigetreten, der Beitritt wurde von der Milei-Regierung Ende 2023 widerrufen. Die Gruppe stellt seit 2024 etwa 35 Prozent der Weltwirtschaftsleistung in Kaufkraftparität (laut IWF-Daten) und überschreitet damit erstmals die G7 (etwa 30 Prozent). Bevölkerungsmäßig liegen BRICS+ bei etwa 45 Prozent der Weltbevölkerung. Mit dem Auslaufen des Petrodollar-Frameworks zwischen Saudi-Arabien und den USA im Juni 2024 hat die Gruppe einen monetärpolitisch zentralen Akteur an Bord — nahezu zwei Drittel der globalen Ölproduktion liegen jetzt im BRICS+-Verbund.
Westliche Beobachter — etwa der Atlantic Council oder das European Council on Foreign Relations — verweisen auf die internen Heterogenitäten: Indien und China haben einen ungelösten Grenzkonflikt; Saudi-Arabien und Iran haben sich erst 2023 mit chinesischer Vermittlung wieder diplomatisch angenähert; die VAE pflegen militärische Kooperation sowohl mit den USA als auch mit Russland. Der indische Ökonom Arvind Subramanian hat in „Eclipse“ (2011) bereits darauf hingewiesen, dass BRICS keine echte ökonomische Kohärenz aufweist, sondern eine Koalition durch Negation — geeint durch das, was sie nicht sein wollen, weniger durch das, was sie gemeinsam wollen. Die russische BRICS-Politik unter Putin wird in der westlichen Forschung (Andrew Cooper, „BRICS. A Very Short Introduction“, 2016) als Versuch beschrieben, ein westlich definiertes Sanktionsregime durch Diversifikation zu umgehen.
Loreley-Einordnung
Die Reservewährungs-Frage. Der eigentliche strategische Kern von BRICS+ liegt nicht in der NDB oder in den jährlichen Gipfeln, sondern in der schrittweisen Diversifikation der Reservewährungen weg vom US-Dollar. 2003 wurden 66 Prozent der globalen Devisenreserven in Dollar gehalten, 2024 nur noch etwa 58 Prozent (laut IWF COFER-Daten). Das ist kein dramatischer Bruch, sondern ein langsamer Übergang. Die russische Zentralbank hat seit 2014 systematisch US-Staatsanleihen abgebaut und in Gold sowie Yuan umgeschichtet; Saudi-Arabien hat 2024 das mBridge-Projekt — eine multilaterale digitale Zentralbankwährungs-Plattform — beigetreten. Wer das Ende des Petrodollars als rhetorisches Phänomen abtut, übersieht die Substrate, auf denen es sich vollzieht.
Die Heterogenität als strukturelles Merkmal, nicht als Schwäche. Die innere Vielfalt der Gruppe — eine Demokratie (Brasilien, Indien, Südafrika), zwei autoritäre Großmächte (Russland, China), drei Monarchien oder Theokratien (Saudi-Arabien, VAE, Iran), Staaten unterschiedlichen Verfassungstyps (Südafrika, Äthiopien, Ägypten) — wird im westlichen Diskurs meist als Schwäche gelesen. Tatsächlich ist sie struktureller Anspruch: Anders als G7 oder NATO erhebt BRICS+ keinen Anspruch auf Wertehomogenität. Der gemeinsame Nenner ist die Ablehnung eines einheitlichen westlichen Wertekanons als Voraussetzung internationaler Kooperation. Dieser Nenner reicht für ökonomische Diversifikation, nicht für militärische Bündnisse — was bewusst so gewählt ist.
Die Distanzierung Argentiniens als Lehrstück. Die Milei-Regierung widerrief den argentinischen Beitritt im Dezember 2023 unmittelbar nach Amtsantritt. Das wurde in westlichen Medien als Sieg gegen den BRICS-Block gefeiert. Tatsächlich zeigt der Vorgang die analytische Pointe: BRICS+ ist nicht zwingend, sondern wählbar. Staaten können beitreten, austreten oder den Beitritt annullieren. Das unterscheidet die Gruppe von der NATO, deren Austritt als völkerrechtspolitisch unmöglich gilt, und vom IWF, dessen Mitgliedschaft an Konditionalitäten gebunden ist. Wer BRICS+ als geschlossenen autoritären Block beschreibt, ignoriert, dass die Gruppe gerade durch die Optionalität ihrer Mitgliedschaft an Attraktivität gewinnt.
Fazit
BRICS+ ist nicht der „Anti-Westen“, sondern eine ökonomisch-monetäre Architektur jenseits des Westens. Der Unterschied ist analytisch entscheidend: Eine Anti-Architektur wäre auf Konfrontation programmiert. Eine Jenseits-Architektur ist auf Diversifikation und Optionalität programmiert. Was sie für die alte Ordnung gefährlich macht, ist nicht die Konfrontation, sondern die Tatsache, dass sie funktioniert — dass Ölhandel ohne Dollar, dass Entwicklungsfinanzierung ohne IWF-Konditionalität, dass internationale Politik ohne westliche Wertepartnerschaft technisch möglich ist. Diese Möglichkeit zu beweisen ist die strategische Hauptleistung der Gruppe seit 2024.
Quellen
– Jim O’Neill: Building Better Global Economic BRICs, Goldman Sachs Global Economics Paper No. 66, November 2001
– Arvind Subramanian: Eclipse. Living in the Shadow of China’s Economic Dominance, Washington 2011
– Andrew F. Cooper: The BRICS. A Very Short Introduction, Oxford 2016
– BRICS Johannesburg II Declaration, 24. August 2023
– IMF: COFER — Currency Composition of Official Foreign Exchange Reserves, Quartalsdaten 2003–2024
– IMF: World Economic Outlook Database, April 2024 (BRICS+/G7-Vergleichsdaten in PPP)
– mBridge Project Briefing, Bank for International Settlements, Juni 2024
Wo dieser Begriff trägt
Schwerpunkt der Anwendung in der Loreley-Hauptanalyse zur Weltordnung:
– Das Ende des Schachbretts — Trumps Neuverhandlung der Brzezinski-Doktrin
Auch relevant in:
– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag Globaler Süden
– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag SCO
– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag Belt and Road
– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag Multipolarität
– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag Hegemonie
– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag Truman-Doktrin
Die Loreley-Hauptanalysen sind Loreley+ vorbehalten.

