Europa definiert sich nicht über eine Institution. Europa ist ein Kulturkontinent, geformt durch Kunst, Architektur, Philosophen, Ritter, Krieger, Fürsten, Könige, Kaiser. Herrscher, die militärische Auseinandersetzungen nicht scheuten. Staats- und Nationswerdung ist verbunden mit Macht-, Einfluss-, Souveränitäts- und Friedensfragen. Wer Europa allein über die EU in Brüssel, ihre Verträge und Gipfelkommuniqués versteht, sieht nur die Fassade – nicht die Statik, die Europa ausmacht.
Dieser Kontinent besteht aus älteren Schichten: Reichsbildungen und Reichsenden, Bündnissen und Bündnisbrüchen, Grenzziehungen, die mit Lineal und Krieg gezogen wurden, Erinnerungen, die Politik bis heute prägen — und Friedensordnungen, die nie wirklich abgeschlossen wurden. 1815, 1871, 1919, 1945, 1990: jedes Datum ein Versuch, den Kontinent zu ordnen, jeder Versuch mit ungelösten Resten.
Diese Reste sind keine historische Kuriosität. Sie sind die Risse, durch die die Gegenwart zurückblickt. Wer die Krise der EU, das Verhältnis Westeuropas zu Russland, die Südtirolfrage, das britische Verhältnis zum Kontinent oder die deutsche Verfassungsfrage und -zukunft verstehen will, kommt ohne diese Tiefenlinien nicht aus.
Die Serien dieser Rubrik untersuchen sie — nicht aus Lagerdenken, nicht aus Sentimentalität, sondern als das, was sie sind: die ungeklärten Fragen einer Ordnung, die sich für selbstverständlich hält und es nicht ist.