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Veröffentlicht im Mai 2026
Krieg als Testfeld — Teil 2: Doktrin, Personal und Integration
Wenn ukrainische Drohnenoperateure zwei NATO-Bataillone an einem Tag ausschalten, Russland die digitale Infrastruktur westlicher Operationsmodelle gezielt unterbricht und die Europäische Union die ukrainische Rüstungsindustrie strukturell in ihr eigenes Verteidigungsprogramm einbaut — drei Befunde zur asymmetrischen Lehrgeschwindigkeit zwischen Lehrling und Lehrmeister.
Wenn das Marketingversprechen durch die Schlachtfeld-Realität aufgelöst wird
Der erste Teil dieser Bestandsaufnahme endete mit dem Befund, dass Marketing in modernen Kriegen eine eigene Kampfdisziplin ist — beidseitig betrieben, mit denselben Methoden, mit denselben strukturellen Schwächen. Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, schrieb Hiram Johnson 1917. Was in den vier Jahren des Ukrainekriegs jenseits der Marketingversprechen passiert ist, ist analytisch interessanter als jede einzelne Behauptung über die Wirksamkeit eines konkreten Waffensystems.
Drei Befunde stehen am Ende dieser Beobachtungsperiode und werden die Streitkräfte der NATO über die kommenden zwei Jahrzehnte prägen.
Der erste betrifft das Personal. Ukrainische Drohnenoperateure haben im Mai 2025 zwei NATO-Bataillone in einem halben Tag ausgeschaltet — bei einer Übung, die zu dem ausdrücklichen Zweck angesetzt war, NATO-Streitkräften die Erfahrung des modernen Schlachtfelds zu vermitteln. Was als didaktischer Lehrgang gedacht war, wurde zur empirischen Demütigung. Die Lehre, die die NATO daraus ziehen müsste, ist methodisch eindeutig formuliert worden. Sie ist bisher nicht in ausreichendem Maß gezogen worden.
Der zweite betrifft die Doktrin. Russland hat die letzten drei Jahre genutzt, um die digitale Achse, auf der das gesamte westliche Operationsmodell aufbaut, gezielt unter Druck zu setzen — und parallel dazu seine eigenen Waffensysteme so zu konstruieren, dass sie auch ohne digitale Infrastruktur funktionieren. Das ist nicht Marketing. Das ist eine alternative militärische Architektur, die sich seit Februar 2022 in der Praxis bewährt hat.
Der dritte betrifft die Strukturpolitik. Während die NATO-Doktrindebatte über die Lehren aus der Ukraine erst beginnt, hat die Europäische Union die ukrainische Verteidigungstechnische und -industrielle Basis seit dem 8. Dezember 2025 formal in die eigene Rüstungsindustrie und -strategie integriert. Die Ukraine ist nicht mehr nur Empfänger europäischer Lieferungen. Sie ist Lieferant, Partner, Element einer europäischen Lieferkette. Dieser Schritt wird nicht rückgängig zu machen sein, unabhängig davon, wie der Krieg endet.
Die folgenden drei Abschnitte gehen diesen Befunden nach, in dieser Reihenfolge.
Hedgehog 2025: Wie ukrainische Drohnenoperateure NATO-Bataillone ausschalteten
Seit Februar 2022 bilden 31 NATO-Staaten ukrainische Soldatinnen und Soldaten aus. Das deutsche Bundesministerium der Verteidigung koordiniert die nationale Beteiligung über den 2022 eingerichteten Sonderstab Ukraine, geleitet von Generalmajor Christian Freuding. Die Brüsseler Ramstein-Format-Treffen — eigentlich Ukraine Defence Contact Group — strukturieren das internationale Zusammenwirken. Was hier passiert, folgt einer alten Logik: Eine westliche Allianz mit Jahrzehnten institutioneller Erfahrung lehrt ein Land in der Not, wie modernes Militärhandwerk geht.
Im Mai 2025 fand in Estland die NATO-Großübung Hedgehog 2025 statt. Über 16.000 Soldaten aus zwölf NATO-Staaten nahmen teil — Briten, Esten, Letten, Litauer, Polen, Franzosen, Niederländer, Deutsche, Norweger, Dänen, Schweden, Finnen. Die USA waren bemerkenswerterweise nicht dabei. Das ukrainische Team, mit Spezialisten für unbemannte Systeme aus der Frontrotation, war als feindliche Aufklärungs- und Schlageinheit eingeteilt. Es bestand aus rund einhundert Personen, davon zehn ukrainische Drohnenoperateure mit Echtkampferfahrung, ergänzt durch estnische Spezialisten der Estonian Defense League. Verwendet wurde das ukrainische Battlefield-Management-System Delta — erstmals auf NATO-Boden — mit einer Erkennungszeit zwischen Aufklärung und Treffermöglichkeit von 2,2 Sekunden, von NATO-Stäben bei früheren Interoperabilitätstests bereits 2024 ausdrücklich gelobt.
In einem der zentralen Übungsszenarien sollte ein NATO-Kampfverband mit mehreren tausend Soldaten — darunter eine britische Brigade und eine estnische Division — eine offensive Vorrückung durchführen. Was tatsächlich geschah, hat das Wall Street Journal in einem Bericht vom Februar 2026 beschrieben. Die NATO-Einheit bewegte sich, wie ein Teilnehmer der gegnerischen Seite es formulierte, „einfach so, ohne jede Tarnung, Zelte und gepanzerte Fahrzeuge wurden aufgebaut. Alles wurde zerstört.“ Innerhalb eines halben Tages verzeichnete das ukrainisch-estnische Team siebzehn simuliert zerstörte gepanzerte Fahrzeuge und dreißig weitere Treffer auf andere Ziele. Zwei NATO-Bataillone waren am Abend gefechtsunfähig.
Ein NATO-Kommandeur, der die Übung beobachtete, kommentierte das Ergebnis nach Angaben des Wall Street Journal mit den Worten: „Wir sind erledigt.“ Im Original etwas drastischer. Aivar Hanniotti, Koordinator für unbemannte Luftsysteme der Estonian Defense League und Leiter des ukrainisch-estnischen Verbands, formulierte das Gesamtergebnis nüchterner: „horrible“ für die NATO-Streitkräfte. Lieutenant Colonel Arbo Probal von den estnischen Streitkräften, verantwortlich für das Übungsdesign, erklärte, das Ziel der Übung sei gewesen, „Reibung, Stress und kognitive Überlastung so schnell wie möglich zu erzeugen“. Es war methodisch beabsichtigt. Es war trotzdem aufschlussreich, wie schnell beides eintrat.
Was Hedgehog 2025 zeigt, ist nicht die Überlegenheit ukrainischer Soldaten. Es ist die strukturelle Diskrepanz zwischen einer Streitkraft, die seit drei Jahren unter Echtbedingungen lernt, und Streitkräften, die dieselben Operationsbedingungen nur theoretisch kennen. Das ukrainisch-estnische Team setzte in einem Raum von unter zehn Quadratkilometern mehr als dreißig Drohnen ein — nach Hanniottis Angaben etwa die Hälfte der Drohnendichte, die an der ukrainischen Frontlinie übliche Praxis ist. Auch bei dieser reduzierten Dichte gab es laut Hanniotti „keinerlei Möglichkeit, sich zu verbergen“.
Hedgehog war nicht das einzige Ereignis dieser Art im Jahr 2025. Im selben Mai fand vor der portugiesischen Atlantikküste die NATO-Marineübung REPMUS / Dynamic Messenger 2025 statt. Ukrainische Marineeinheiten, mit Erfahrung aus dem Schwarzmeerkrieg und dem Einsatz von unbemannten Oberflächendrohnen gegen die russische Schwarzmeerflotte, bildeten den simulierten Feind. NATO-Verbände, diesmal mit US-amerikanischer Beteiligung, sollten Schifffahrt und Hafeninfrastruktur gegen ukrainische Angriffe schützen. Sie scheiterten in allen fünf maritimen Szenarien. In mehreren Fällen simulierten die ukrainischen Operateure die Versenkung von NATO-Schiffen mittels koordinierter Drohnenschwärme — eine Taktik, die sie an der russischen Schwarzmeerflotte entwickelt hatten und die in der NATO-Doktrin bislang nur als theoretische Bedrohung erscheint.
Eine dritte Episode, weniger spektakulär, aber strukturell aufschlussreich, stammt aus der NATO-Winterübung Joint Viking 2025 in Nordnorwegen. Hier traten US-amerikanische Truppen gegen finnische Reservisten an. Die Finnen — die ihre Tradition des Winterkriegs gegen die Sowjetunion seit den 1940er Jahren ohne Unterbrechung gepflegt haben — schlugen die Amerikaner so deutlich, dass die Übungsleitung sie bitten musste, ihre Gegner zu schonen. Eine im Wall Street Journal zitierte Quelle aus dem Übungsumfeld formulierte es so: „Den Finnen musste gesagt werden, dass sie aufhören sollen, die Amerikaner zu schlagen, weil es demütigend und demoralisierend war.“ Joint Viking 2025 hatte mit der Ukraine nichts zu tun. Es zeigte trotzdem ein Muster: NATO-Streitkräfte sind in Übungen unter realistischen Bedingungen schlechter, als ihr Selbstbild erlaubt.
Der pensionierte US-General David Petraeus — als Architekt der amerikanischen Counterinsurgency-Doktrin in Afghanistan und im Irak nicht im verdacht, antiamerikanisch zu denken — formulierte im Wall Street Journal das methodische Maß, an dem sich solche Lehren messen lassen: „Lessons are not truly learned until doctrine, force structure, procurement, and training are rewritten to reflect new realities.“ Erkenntnisse seien erst dann wirklich gewonnen, wenn Doktrin, Streitkräftestruktur, Beschaffung und Ausbildung neu geschrieben würden. Petraeus‘ Maßstab ist nicht neutral — er stammt von einem Vertreter genau jener militärischen Tradition, die in Afghanistan zwanzig Jahre lang Lernunfähigkeit demonstriert hat. Aber das Kriterium selbst ist belastbar. Es liefert die Frage, an der sich die NATO-Reaktion auf Hedgehog 2025 messen lassen muss.
Ein Jahr nach der Übung, im Mai 2026, ist diese Frage noch nicht beantwortet. Die Bundeswehr-Reform unter Verteidigungsminister Pistorius hat Drohnentruppen aufgestellt — auf einem Ausbildungsstand, der nach Aussagen der Bundeswehr selbst noch deutlich hinter der ukrainischen Realität zurückbleibt. Die NATO-Doktrin für Multi-Domain Operations wird überarbeitet, aber der Prozess wird Jahre dauern. Die Beschaffungsstrukturen sind weitgehend unverändert. Russland hingegen rotiert seine Truppen seit drei Jahren durch eine Front, die nach westlichen Schätzungen rund 1,5 Millionen Soldaten Kampferfahrung verschafft hat. Die Bundeswehr verfügt über etwa 30.000 Soldaten mit Auslandseinsatzerfahrung der letzten zwanzig Jahre — überwiegend aus dem afghanischen Stabilisierungseinsatz, dessen operative Bedingungen mit dem ukrainischen Frontkrieg nichts gemeinsam haben.
Hier liegt die strukturelle Pointe der Personalfrage. Die Ukraine ist nicht mehr nur Empfänger westlicher Ausbildung. Sie ist gleichzeitig zur entscheidenden Lehrquelle für die Streitkräfte einer ganzen Allianz geworden — eine Umkehrung, die in offiziellen NATO-Verlautbarungen noch nicht in dieser Klarheit auftaucht.
Die digitale Achse und ihre Verwundbarkeit
Was Hedgehog 2025 zeigt, ist die Macht des digitalen Gefechtsfelds — Drohnen-Saturation, KI-gestützte Zielidentifikation, vernetzte Wirkungsketten im Sekundenbereich. Was Hedgehog nicht zeigt, ist die Frage, was geschieht, wenn diese digitale Infrastruktur unter dem Druck eines voll ausgerüsteten Gegners zusammenbricht. Die Übung fand unter Bedingungen statt, in denen niemand die ukrainischen Drohnenoperateure jämmte, die Delta-Satellitenverbindung störte oder das gegnerische Funkspektrum überflutete. Das ist eine wichtige Einschränkung. Sie zeigt, was die Ukrainer können, wenn die Bedingungen gut sind. Sie zeigt nicht, was unter russischen Bedingungen passieren würde.
Das russische Verständnis von Elektronischer Kampfführung (im Westen Electronic Warfare, im deutschen Bundeswehrsprachgebrauch EloKa) hat sich seit dem Kalten Krieg konzeptionell anders entwickelt als das westliche. Eine Analyse des indischen Centre for Land Warfare Studies (CLAWS) vom Mai 2025 formuliert es so: „Russland betrachtet EloKa als integralen Bestandteil seiner Militärdoktrin und als zentrales Thema aller Operationspläne.“ Das ist nicht Marketing. Das ist die strukturelle Beschreibung einer Streitkraft, die seit den 1980er Jahren ihre technologische Unterlegenheit gegenüber den USA durch eine andere Doktrin auszugleichen versucht — durch die Annahme, dass digitale Überlegenheit ein zerstörbares Gut ist, nicht ein dauerhafter Vorteil.
Die russische EloKa-Architektur in der Ukraine umfasst mehrere Systemfamilien, deren Reichweiten den westlichen Vergleichswerten weit voraus sind. Krasukha-4 stört Radarsysteme bis 300 Kilometer Reichweite — das ist die Standardplattform, die in den HIMARS-Präzisionsverlusten der Jahre 2023 und 2024 die operative Hauptrolle spielte. Leer-3 unterdrückt Mobilfunknetze in der Frontnähe. Murmansk-BN überdeckt strategisch elektronische Signale über Tausende Kilometer — gegen NATO-Aufklärungssatelliten, gegen Hochfrequenz-Funkverkehr. Tobol und Kalinka zielen auf Satellitennavigation und Starlink-Bodenterminals, mit nach Angaben des US-Branchenmediums SpaceNews mindestens drei spezialisierten Tobol-Komplexen, die im Frühjahr 2024 explizit auf die Störung des Starlink-Signals über der Ostukraine ausgerichtet wurden. Im Mai 2024 berichtete der ukrainische Digitalminister Mychajlo Fedorow der New York Times, die 92. ukrainische Sturmbrigade habe ihre Starlink-Verbindung unmittelbar vor der russischen Charkiw-Offensive verloren — temporär, aber im operativen Schlüsselmoment.
Diese systembasierte EloKa ist die eine Hälfte des russischen Doktrin-Bauplans. Die andere Hälfte ist eine Sprengkopfklasse, die in der westlichen Öffentlichkeit kaum diskutiert wird, in den russischen Arsenalen aber seit anderthalb Jahrzehnten einsatzbereit liegt: der elektromagnetische Impuls-Sprengkopf, EMP, integriert in eine der erfolgreichsten russischen Plattformen des laufenden Krieges. Das russische Iskander-M-Kurzstreckenraketensystem kann nach Angaben der amerikanischen Missile Defense Advocacy Alliance neben konventionellen, nuklearen, Streumunitions- und Bunkerbrecher-Sprengköpfen auch einen „EMP-Sprengkopf für Anti-Radar-Missionen“ tragen. Der Generalkonstrukteur der KB-Maschinostroyeniya, Valery M. Kashin, gab im September 2017 in der russischen Fachpresse an, dass es für die Iskander mindestens sieben Sprengkopfvarianten gebe, „möglicherweise mehr“. Die Reichweite des Systems beträgt 500 Kilometer, die Trefferungenauigkeit (Circular Error Probable) liegt bei 10 Metern, die Lenkung kombiniert Trägheitsnavigation mit optischer Endphasensteuerung — kein zwingender Bedarf an Satellitennavigation. Die Iskander funktioniert auch, wenn GLONASS und GPS gestört sind. Sie funktioniert auch, wenn alle digitalen Aufklärungsketten ausgefallen sind.
Ein EMP-Sprengkopf einer Iskander, gezündet über einer westlichen Kommandostelle, würde dort alle ungeschützten elektronischen Systeme zerstören — Radargeräte, Kommunikationsknoten, Battlefield-Management-Systeme, KI-Server. Das ist nicht hypothetisch. Es ist im russischen Arsenal verfügbar. Es ist seit dem Russisch-Georgischen Krieg 2008 kampferprobt — als andere Sprengkopfvariante derselben Plattform. Was im Falle eines NATO-Russland-Konflikts an einer westlichen Front passieren würde, wenn Moskau auf diese Sprengkopfklasse zurückgriffe, ist in keiner offen zugänglichen NATO-Übung der letzten Jahre durchgespielt worden.
Dazu kommt eine zweite, weniger spektakuläre, aber konzeptionell gleich aufschlussreiche russische Antwort auf eigene Verwundbarkeit. Die russische Industrie baut systematisch Waffensysteme, die ohne digitale Integration funktionieren. Der Kampfpanzer T-90M ist eine inkrementelle Modernisierung des T-72 aus den 1970er Jahren — mit verbesserter Panzerung und neuer Optik, aber ohne das vernetzte Battle-Management-System, das den deutschen Leopard 2A8 oder den amerikanischen M1A2 SEPv3 charakterisiert. Das ist nicht Rückständigkeit. Es ist Doktrin: Ein Panzer ohne digitale Integration kann nicht digital ausgeschaltet werden. Die russischen First-Person-View-Drohnen — die im Stellungskrieg an der ukrainischen Front die zentrale Rolle der Panzerabwehr übernommen haben — werden seit Mitte 2024 zunehmend mit Glasfaserkabel gesteuert. Das Kabel macht die Drohne schwerfälliger, beschränkt ihre Reichweite auf zehn bis zwanzig Kilometer und blockiert ihre Manövrierfähigkeit. Es macht sie aber immun gegen jede Form elektronischer Störung. Die Gleitbomben mit Unifiziertem Modul für Planung und Korrektur, die im ersten Teil dieser Bestandsaufnahme beschrieben wurden, nutzen GLONASS — aber sie funktionieren mit ihrem Trägheitssystem auch dann weiter, wenn GLONASS gestört ist. Die Trefferungenauigkeit wächst dann von etwa zehn Metern auf etwa hundert Metern. Bei einer FAB-3000 mit 1.400 Kilogramm Sprengstoff ist diese Differenz operativ kaum relevant.
Was die russische Doktrin ausdrückt, ist eine Annahme über zukünftige Kriege. Sie lautet: Wer alle seine Kampfkraft auf eine einzige operative Schicht setzt, verliert gegen einen Gegner, der mehrere Schichten gleichzeitig betreibt. Westliche Streitkräfte haben die letzten zwanzig Jahre dazu genutzt, ihre Hauptkampfkraft in die digitale Schicht zu verlegen — Multi-Domain Operations, Joint All-Domain Command and Control, vernetzte Sensoren, KI-gestützte Zielidentifikation, Starlink-ähnliche Mesh-Netzwerke. Das ist eine kohärente Strategie unter der Annahme, dass der Gegner die digitale Schicht nicht zerstören kann oder will. Die russische Praxis seit Februar 2022 hat diese Annahme empirisch herausgefordert. Die russische Sprengkopfauswahl seit 2017 hat sie konzeptionell herausgefordert.
Was die deutsche Bundeswehr-Reform 2025 unter Verteidigungsminister Pistorius gerade beschließt, ist ein deutlicher Schritt in Richtung Digitalisierung — vernetzte Aufklärung, KI-gestützte Lagebildgenerierung, Anbindung an NATO-Mehrebenen-Kommandosysteme. Das ist die richtige Antwort auf die Hedgehog-Lehre. Es ist nicht die richtige Antwort auf die Iskander-EMP-Lehre. Die offene Frage, die in der deutschen Sicherheitspolitik-Debatte noch nicht gestellt wird, lautet: Wie sieht die analog-redundante Schicht aus, ohne die das digitale Operationsmodell einer einzigen erfolgreichen russischen Großstörung nicht standhält?
Helmut Schmidt formulierte 1977 in seiner Londoner Rede vor dem International Institute for Strategic Studies eine ähnliche Logik in Bezug auf die nukleare Eskalation: Wer den nächsten Eskalationsschritt ausschließen muss, weil er ihn nicht beherrscht, ist erpressbar. Auf die heutige Lage übertragen heißt das: Wer Streitkräfte aufbaut, die nur unter digitaler Vollverfügbarkeit funktionieren, ist erpressbar von einem Gegner, der die digitale Schicht abschalten kann. Russland kann das, in Teilen schon heute, und es investiert kontinuierlich in den Ausbau dieser Fähigkeit.
EDIP, SAFE und die Integration der Ukraine
Die dritte Bewegung der letzten anderthalb Jahre ist die strukturpolitisch folgenreichste. Sie betrifft nicht eine militärtechnische Frage, sondern eine industrielle. Und sie ist, anders als die Hedgehog-Übung oder die Iskander-EMP-Doktrin, in offiziellen EU-Dokumenten umfassend dokumentiert.
Am 8. Dezember 2025 verabschiedete der Rat der Europäischen Union die Verordnung über das European Defence Industry Programme (EDIP) — das Europäische Verteidigungsindustrieprogramm. Das Budget für 2026 und 2027: 1,5 Milliarden Euro Zuschüsse. Vorgesehen sind 700 Millionen Euro für die Produktionssteigerung kritischer Verteidigungskomponenten, 325 Millionen Euro für europäische Verteidigungsprojekte von gemeinsamem Interesse, 100 Millionen Euro für Verteidigungs-Startups und kleine und mittelständische Unternehmen. Und 300 Millionen Euro für eine eigene Komponente, die in der bisherigen EU-Architektur ohne Vorgänger ist: das Ukraine Support Instrument (USI). Dessen Aufgabe ist nach dem Wortlaut der Verordnung „der Wiederaufbau und die Modernisierung der ukrainischen Defence Technological and Industrial Base mit dem Ziel ihrer möglichen künftigen Integration in die europäische Defence Technological and Industrial Base“.
Das ist mehr, als der Wortlaut auf den ersten Blick zugibt. Was die EU hier formal beschließt, ist die strukturelle Aufnahme eines Nicht-EU-Landes in den industriellen Kern der eigenen Verteidigungsarchitektur. Die EDIP-Verordnung schafft mit dem European Military Sales Catalogue — geregelt in den Artikeln 36 und 37 — einen zentralen, von der Europäischen Kommission gepflegten Katalog europäischer Verteidigungsprodukte. Listed werden Produkte der EU-Defence-Technological-and-Industrial-Base und der ukrainischen Defence-Technological-and-Industrial-Base. Die Ukraine wird damit erstmals in einen formalen EU-Beschaffungskatalog aufgenommen.
Parallel dazu, im Frühjahr 2025, hatte die EU das Programm Security Action for Europe (SAFE) aufgelegt. Volumen: bis zu 150 Milliarden Euro für Investitionen in die Verteidigungsindustrien der Mitgliedstaaten. Die Ukraine ist im SAFE-Programm offiziell als Partnerland anerkannt — ukrainische Rüstungsunternehmen können an gemeinsamer europäischer Beschaffung teilnehmen, in EU-Lieferketten eingebunden werden und Aufträge über den SAFE-Loans-Mechanismus finanzieren lassen. Koordiniert wird das Ganze über die EU-Ukraine Task Force on Defence Industrial Cooperation, deren erste Sitzung am 12. Mai 2025 in Brüssel stattfand. Ihre Aufgabe wird im offiziellen Mandat so beschrieben: die Vertiefung der Integration der ukrainischen Verteidigungsindustrie in das europäische Verteidigungs-Ökosystem, die Förderung gemeinsamer Produktion und innovativer Projekte, die Nutzung ukrainischer Kampferfahrung zur Gestaltung europäischer Technologie-Roadmaps.
Hinzu kommen drei kleinere, aber strukturell aufschlussreiche Programme. BraveTech EU, eine gemeinsame Förderlinie mit 35,3 Millionen Euro für ukrainische und europäische Verteidigungs-Startups, koordiniert durch das ukrainische Brave1-Cluster. Joint Ammunition Qualification (JAQ), ein 50-Millionen-Euro-Programm zur Harmonisierung europäischer 155-mm-Munitionsqualifikation, geleitet von der European Defence Agency. Und die Industrial Reinforcement Actions (IRA) als zentrale 700-Millionen-Euro-Komponente von EDIP, mit zwei Ausschreibungsrunden, deren erste im Oktober 2026 schließt — zwei davon sind explizit für die Steigerung der Verteidigungsproduktionskapazität in der Ukraine vorgesehen.
Der politische Rahmen dieser Bewegung wurde auf der Tagung des Europäischen Rates vom 19. und 20. März 2026 von Ratspräsident Antonio Costa formuliert. Costa rief zur Schaffung „einer echten Europäischen Verteidigungsunion“ auf, die „auch das Vereinigte Königreich, Norwegen und die Ukraine einschließen“ solle, gegebenenfalls über einen zusätzlichen zwischenstaatlichen Vertrag. Das ist eine Vision, die noch nicht beschlossene Politik ist. Aber sie zeigt, in welche Richtung die Brüsseler Architektur sich bewegt.
Was sich aus dieser Verkettung von Programmen ergibt, ist eine industrielle Tatsache, die unabhängig vom Kriegsausgang Bestand haben wird. Drei Jahre nach Beginn der russischen Invasion vollzieht die EU vor offener Tür einen Schritt, der bis 2024 als undenkbar galt: die strukturelle Aufnahme eines Nicht-EU-Landes im laufenden Krieg in den industriellen Kern der Union. Ukrainische Hersteller werden zu Lieferanten europäischer Streitkräfte. Ihre Innovationskraft prägt europäische Technologie-Roadmaps. Das Brave1-Cluster wird zum Knoten in einem EU-weiten Innovationsnetz. Wer einmal im European Military Sales Catalogue gelistet ist, bleibt drin — auch wenn der Krieg in der Ukraine endet, auch wenn die ukrainische Defence Technological and Industrial Base anders aussieht als heute, auch wenn die politische Großwetterlage sich ändert.
Die ungestellte Frage betrifft die Folgewirkung. Die ukrainische Rüstungsindustrie ist heute eine vergleichsweise kleine, aber technologisch außerordentlich agile Branche. Die ukrainische Drohnenproduktion liegt nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums bei zwei Millionen Stück pro Jahr — eine Größenordnung, die kein einzelnes EU-Land erreicht. Die ukrainischen FPV-Drohnenhersteller — Skyfall, Ukrjet, Athlon Avia, eine Reihe weiterer — produzieren in einer Geschwindigkeit, die in westeuropäischen Standortstrukturen kaum reproduzierbar wäre. Was geschieht, wenn diese Industrie strukturell mit Rheinmetall, KMW, Diehl, MBDA, Thales, Leonardo, Saab verschmilzt? Die Antwort ist offen. Sie wird in den kommenden Jahren in den Brüsseler Programmstrukturen, in den nationalen Beschaffungsverwaltungen und in den Vorstandsetagen der europäischen Rüstungskonzerne verhandelt werden — nicht im Bundestag, nicht im Europaparlament, nicht in der öffentlichen Debatte.
Wer profitiert
Vier Profiteure dieser Entwicklung sind klar identifizierbar.
Die US-amerikanischen Konzerne und KI-Startups, die ihre Plattformen in der Ukraine unter Realbedingungen testen, sammeln Daten und Marketingreferenzen, die ihre Marktposition für die nächsten zwei Jahrzehnte sichern. Lockheed Martin, Raytheon, Northrop Grumman, dazu die neuen Spieler Palantir Technologies, Anduril Industries, das deutsch-amerikanische Unternehmen Helsing AI. Was sie in der Ukraine testen, wird in saudische, südkoreanische, japanische und australische Beschaffungsverträge eingespeist.
Die türkische und israelische Verteidigungsindustrie hat ihren Marktanteil seit 2022 erheblich vergrößert. Baykar mit dem Bayraktar TB2, Israel Aerospace Industries mit dem Heron-Drohnensystem, Rafael Advanced Defense Systems mit Iron Dome und SPYDER, Elbit Systems mit Aufklärungssystemen — die Auftragsbücher dieser Hersteller sind nach Angaben von Branchenanalysten zusammengenommen auf über 80 Milliarden Dollar gewachsen. Dass die Bayraktar TB2-Erfolgsgeschichte 2022 sich 2024 als marketingseitig stark überzeichnet erwiesen hat, ändert daran nichts — die Folgeaufträge waren zu diesem Zeitpunkt längst unterzeichnet.
Die russische Verteidigungsindustrie hat den Krieg genutzt, um ihre eigene Produktionsbasis radikal umzubauen. Was in der Sonderwirtschaftszone Alabuga an Geran-2-Drohnen entsteht, in der Tactical Missiles Corporation an Gleitbombenmodulen, in den Iskander-Produktionsstätten an EMP-Sprengköpfen, ist eine zivilmilitärische Industriebasis, die für den Krieg gegen die NATO über Jahrzehnte ausreicht. Sanktionen haben diesen Aufbau verlangsamt, nicht verhindert.
Der vierte Profiteur ist abstrakter. Wer aus diesem Krieg die folgerichtigste Doktrin zieht, wer Beschaffung und Ausbildung am ehrlichsten an die neuen Bedingungen anpasst, prägt die NATO-Strategie der kommenden zwei Jahrzehnte. Das ist nicht ausschließlich, aber überwiegend, die Ukraine. Die ukrainischen Streitkräfte sind heute der Lehrmeister, an dem sich Brüsseler Doktrindebatten orientieren — auch wenn diese Umkehrung in den offiziellen NATO-Dokumenten nicht in dieser Klarheit ausgesprochen wird. Sie geschieht in Hedgehog 2025. Sie geschieht in REPMUS 2025. Sie geschieht in der EDIP-Verordnung vom 8. Dezember 2025.
Was bleibt: Achin, Hedgehog, Iskander, EDIP
Vier Punkte stehen am Ende dieser Bestandsaufnahme über zwei Teile hinweg.
Erstens: Achin im April 2017. Eine Waffe, vierzehn Jahre vorher entwickelt, wartet auf ihren Erstkampfeinsatz. Dieser Einsatz ist nicht militärisch notwendig. Er ist Test und politische Botschaft in einem. Was er nicht ist, ist Beitrag zum Kriegsausgang. Vier Jahre später war der afghanische Krieg verloren.
Zweitens: Hedgehog im Mai 2025. Zehn ukrainische Drohnenoperateure besiegen mit einem Battlefield-Management-System, das 2,2 Sekunden Erkennungszeit hat, zwei NATO-Bataillone an einem Tag. Die NATO-Reaktion auf diese Lehre ist im Mai 2026 noch nicht entschieden. Die ukrainische Lehrmeisterschaft ist faktisch.
Drittens: Iskander mit EMP-Sprengkopf, seit 2008 kampferprobt in seinen anderen Sprengkopfvarianten, mit mindestens sieben dokumentierten Varianten — darunter eine, die in einer einzigen Zündung über einer westlichen Kommandostelle alle ungeschützten elektronischen Systeme zerstören würde. Russland kann das. Die NATO hat keine entsprechende analoge Redundanz aufgebaut. Die deutsche Bundeswehr-Reform 2025 verlängert diese Lücke.
Viertens: EDIP und SAFE seit Dezember 2025. Die Ukraine ist strukturell in die europäische Verteidigungsindustrie integriert worden, in einer Form, die unabhängig vom Kriegsausgang Bestand haben wird. Das ist die strukturpolitische Tatsache, die alle anderen militärtechnischen Fragen überlebt.
Hiram Johnson sagte 1917 im US-Senat: Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Was er meinte, war der nationalistische Konsens in Kriegszeiten, die Anfälligkeit der Berichterstattung für Übertreibung und Verschweigen, die Verwandlung der Presse in ein Hilfsorgan der Kriegsanstrengung. Was in der Ukraine in den letzten vier Jahren passiert ist, hat dieses Muster bestätigt — aber es hat auch gezeigt, dass die wirklich folgenreichen Bewegungen unterhalb der Marketing-Schicht stattfinden. Hedgehog 2025 ist keine Marketing-Geschichte. Die Iskander mit EMP-Sprengkopf ist keine Marketing-Geschichte. Die EDIP-Verordnung ist keine Marketing-Geschichte. Sie sind die strukturellen Tatsachen, die die nächsten zwei Jahrzehnte europäischer Sicherheitspolitik prägen werden. Sie verdienen mehr Aufmerksamkeit, als sie in der öffentlichen Debatte bisher erhalten haben.
Die Beobachtung über die strukturelle Mitte Europas, die sich aus dieser Bestandsaufnahme ergibt, wird im abschließenden Leitartikel der Sicherheitspolitik-Serie aufgegriffen: „Wenn die Mitte verschwindet“ (Verlinkung folgt nach Veröffentlichung).


