Multipolarität

Kurzdefinition

Multipolarität beschreibt eine internationale Ordnung, in der mehrere Machtzentren nebeneinander existieren, ohne dass ein einzelnes dominiert. Der Begriff steht im systematischen Gegensatz zu Unipolarität (eine dominante Macht) und Bipolarität (zwei gegnerische Großmächte). In der politischen Publizistik der vergangenen Jahre hat er Konjunktur — meist mit positivem Beigeschmack, als sei eine multipolare Welt automatisch gerechter, ausgewogener und friedlicher als eine unipolare. Diese Annahme ist historisch nicht belegt. Multipolare Ordnungen können sehr stabil sein oder in Großkriegen enden — entscheidend ist nicht die Zahl der Pole, sondern die Qualität der Spielregeln, auf die sich die Großmächte verständigen.

Historischer Ursprung

Der Begriff stammt aus der politikwissenschaftlichen Systemanalyse des Kalten Krieges. Kenneth Waltz hat in „Theory of International Politics“ (1979) die Strukturanalyse internationaler Systeme nach der Anzahl der Großmächte als zentrales Differenzierungsmerkmal etabliert. Vor ihm hatte bereits Morton Kaplan in „System and Process in International Politics“ (1957) ähnliche Kategorien entwickelt. Die historische Anwendung des Begriffs reicht weiter zurück: John J. Mearsheimer und Stephen Van Evera nutzen ihn, um die europäischen Ordnungen vor 1914 und die Zwischenkriegszeit zu analysieren.
Die Geschichte kennt verschiedene multipolare Ordnungen mit sehr unterschiedlichen Bilanzen. Das europäische Konzert der Großmächte zwischen dem Wiener Kongress 1815 und dem Krimkrieg 1853 war eine multipolare Ordnung — und sie funktionierte beinahe vier Jahrzehnte lang als stabilisierender Mechanismus. Fünf Großmächte — Großbritannien, Russland, Preußen, Österreich und das wieder integrierte Frankreich — verständigten sich auf gemeinsame Verfahren der Krisenbewältigung, periodische Konferenzen und gegenseitige Anerkennung von Einflusssphären. Das System scheiterte erst, als Russland und das wachsende Deutschland des Bismarck-Reichs den Konsens aufkündigten.
Die multipolare Ordnung am Vorabend des Ersten Weltkriegs hingegen führte 1914 in eine Katastrophe. Sechs Großmächte — Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Russland, Österreich-Ungarn und das aufsteigende USA — operierten ohne den verbindenden Mechanismus des Wiener Konzerts. Die Bündnissysteme verfestigten sich; die Krisenbewältigungsverfahren erodierten. Auch die multipolare Ordnung der Zwischenkriegszeit endete im Zweiten Weltkrieg. Was diese Beispiele unterscheidet, ist nicht die Zahl der Pole, sondern die Qualität der Ordnungsmechanismen.

Loreley-Einordnung

Multipolarität ist Diagnose, nicht Programm. In der publizistischen Debatte wird der Begriff oft als ideologische Wunschposition verwendet — meist von Akteuren, die mit der unipolaren amerikanischen Ordnung unzufrieden sind und sich von einer multipolaren Welt mehr Spielraum versprechen. Das ist legitim, aber nicht analytisch. Multipolarität ist eine strukturelle Beschreibung internationaler Systeme, kein normatives Ideal. Sie kann zu mehr Frieden führen oder zu mehr Krieg, zu mehr Wohlstand oder zu mehr Konflikt — abhängig davon, ob die Großmächte gemeinsame Spielregeln entwickeln oder nicht.
Was Multipolarität für mittlere und kleine Staaten bedeutet. Eine multipolare Ordnung gibt mittleren und kleinen Staaten andere Risiken, nicht weniger Risiken. In einer unipolaren Ordnung ist die Hegemonialmacht der einzige verbindliche Bezugspunkt — sie können sich an ihr ausrichten oder gegen sie opponieren. In einer multipolaren Ordnung müssen sie zwischen mehreren Großmächten lavieren, die sie gleichzeitig umwerben und unter Druck setzen. Die Türkei unter Erdoğan, Indien unter Modi, Saudi-Arabien unter Mohammed bin Salman, Brasilien unter Lula — sie alle profitieren von der multipolaren Übergangsphase, weil sie Optionen haben, die ihnen in der unipolaren Phase nicht zur Verfügung standen. Die Ukraine seit 2014 zeigt aber auch die Schattenseite: Mehr Optionen bedeuten mehr Gegner.
Die gegenwärtige Übergangsphase. Was sich derzeit abzeichnet, ist nicht eine fertige multipolare Ordnung, sondern eine Übergangsperiode mit hohem Konfliktpotenzial. Die Vereinigten Staaten sind nicht mehr unangefochten dominant, aber noch immer der mit Abstand mächtigste Akteur — militärisch, technologisch, finanziell. China ist systemischer Hauptkonkurrent, aber wirtschaftlich stark integriert in die Ordnung, die es zugleich umgestaltet. Russland ist Großmacht mit nuklearer Rückversicherung, aber wirtschaftlich auf Asien angewiesen. Indien wächst, zögert aber strategisch. Die Europäische Union ist wirtschaftliche Großmacht, aber strategischer Zwerg. Was wir erleben, ist die Auflösung der unipolaren Ordnung — was an ihre Stelle tritt, ist noch nicht entschieden.

Fazit

Wer Multipolarität als Heilmittel anpreist, hat die Geschichte nicht gelesen. Wer sie als Untergang beschreibt, auch nicht. Sie ist eine andere Form der Ordnung mit eigenen Chancen und eigenen Gefahren. Entscheidend für ihre Bilanz ist nicht die Zahl der Pole, sondern die Qualität der Ordnungsmechanismen, die zwischen ihnen funktionieren. Das europäische Konzert von 1815 hat vier Jahrzehnte stabilen Frieden ermöglicht, weil es solche Mechanismen besaß. Die Großmachtordnung von 1914 hat in den Krieg geführt, weil sie sie verloren hatte. Die multipolare Welt des 21. Jahrhunderts wird sich an dieser Frage entscheiden — nicht an der Zahl ihrer Akteure.

Quellen

– Kenneth N. Waltz: Theory of International Politics, Reading (Mass.) 1979
– Morton A. Kaplan: System and Process in International Politics, New York 1957
– John J. Mearsheimer: The Tragedy of Great Power Politics, New York 2001
– Henry Kissinger: A World Restored. Metternich, Castlereagh and the Problems of Peace 1812–1822, Boston 1957
– Stephen Van Evera: Causes of War. Power and the Roots of Conflict, Ithaca 1999
– Charles A. Kupchan: No One’s World. The West, the Rising Rest, and the Coming Global Turn, New York 2012

Wo dieser Begriff trägt

Schwerpunkt der Anwendung in der Loreley-Hauptanalyse zur Weltordnung:

– Das Ende des Schachbretts — Trumps Neuverhandlung der Brzezinski-Doktrin
– Trumps stille Strategie — die hemisphärische Refokussierung (in Vorbereitung)
– Die monetäre Weltordnung — Petrodollar, Bretton Woods, Saudi-Framework

Auch relevant in:

– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag Hegemonie
– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag Westfälisches System
– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag Heartland-Theorie
– Verbindung zum Enzyklopädie-Eintrag Geopolitischer Pivot

Die Loreley-Hauptanalysen sind Loreley+ vorbehalten.

Zahlen, Daten, Fakten

Begründer (moderne Theorie): Kenneth Waltz (1924–2013)

Hauptwerk: Theory of International Politics, Reading (Mass.) 1979

Wirkungsstätte: University of California Berkeley; Columbia University

Vorgängertext: Morton Kaplan, System and Process in International Politics, 1957

Stabiles historisches Beispiel: Europäisches Konzert 1815–1853 (vier Jahrzehnte Frieden)

Gescheitertes historisches Beispiel: Europäische Großmachtordnung 1871–1914

Aktuelle Pole (im Übergang): Vereinigte Staaten, China, Russland, Indien, Europäische Union

Wichtigste Differenzierung: strukturelle Multipolarität (Anzahl der Pole) versus ordnungspolitische Multipolarität (Existenz gemeinsamer Spielregeln)

Begriffsfeld: Internationale Beziehungen, Systemtheorie, Großmachtkonkurrenz, Ordnungspolitik

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