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Veröffentlicht im Mai 2026
Die Mechanik der Massenmanipulation
Wie Gesellschaft im 21. Jahrhundert gesteuert wird — und warum die Kontrolle gerade durchlässig wird
Im April 2026 sitzen sich der AfD-Landeschef Björn Höcke und der Influencer Ben in einem ungeskripteten Interview gegenüber. Innerhalb von drei Tagen sammelt das Video vier Millionen Aufrufe. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken ruft am 7. Mai 2026 zum Werbeboykott der Plattform auf, auf der das Gespräch erschienen ist. Was als publizistische Routine erscheint, ist es nicht. Es ist ein Bruchpunkt, an dem die Mechanik der Zustimmung sichtbar wird, in der westliche Demokratien heute operieren.
Wer verstehen will, warum eine etablierte Sozialdemokratin meint, ein Boykottaufruf gegen ein einzelnes Interview sei eine angemessene politische Reaktion, muss tiefer ansetzen als bei der tagesaktuellen Empörung. Es geht nicht um Höcke. Es geht nicht um Ben. Es geht um die Frage, wer in einer offenen Gesellschaft die Bedingungen dafür kontrolliert, was diskursiv überhaupt möglich ist. Diese Beobachtung führt zurück in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts — zu zwei Amerikanern, die das, was wir heute als professionelle Mediensteuerung erleben, theoretisch begründet und praktisch durchgesetzt haben.
Lippmann und das Phantompublikum
Walter Lippmann veröffentlichte 1922 in New York ein Buch, das bis heute zur Pflichtlektüre an amerikanischen Journalistenfakultäten gehört: Public Opinion. Lippmann hatte als Kriegspropagandist für die US-Regierung gearbeitet, im Committee on Public Information unter George Creel, und wusste aus erster Hand, mit welcher Effizienz öffentliche Meinung herstellbar ist, wenn man die richtigen Hebel kennt. Sein Buch ist die nüchterne Bilanz dieser Erfahrung.

Walter Lippmann, dessen 1922 erschienenes Werk „Public Opinion“ bis heute Pflichtlektüre an Journalistenfakultäten ist. Foto: Harris & Ewing / Library of Congress, Public Domain.
Lippmanns zentrale Beobachtung lautet: Bürger können die politische Wirklichkeit nicht aus eigener Anschauung kennen. Sie ist zu groß, zu komplex, zu weit entfernt. Was sie kennen, ist eine Vorstellung von dieser Wirklichkeit — Lippmann nennt sie das pseudo-environment, die Pseudo-Umwelt. In dieser Pseudo-Umwelt operieren Stereotype, weil das menschliche Gehirn ohne Vereinfachung nicht handlungsfähig wäre. Politik findet daher nicht im Reich der Tatsachen statt, sondern im Reich der Bilder, die sich Bürger von Tatsachen machen.
Aus dieser Beobachtung leitet Lippmann eine Konsequenz ab, die für die Demokratietheorie verstörend bleibt: Wenn die öffentliche Meinung zwangsläufig auf vereinfachten Bildern beruht, dann ist die Frage, wer diese Bilder herstellt, zur eigentlichen Machtfrage geworden. Lippmann sah die Antwort in einer Klasse spezialisierter Wissensarbeiter — Journalisten, Experten, Berater —, die zwischen der Wirklichkeit und dem Bürger vermitteln. Er nannte diesen Vorgang manufacture of consent, die Herstellung von Zustimmung.
Das war 1922 keine Verschwörungstheorie. Es war die Selbstbeschreibung einer Profession, die sich gerade als professionell zu begreifen begann. Lippmann beschrieb nicht, wie es sein sollte. Er beschrieb, wie es war.
Bernays und die unsichtbare Regierung
Sechs Jahre später, 1928, veröffentlichte Edward Bernays — Neffe von Sigmund Freud, ebenfalls ehemaliger Mitarbeiter des Committee on Public Information — ein Buch mit dem unverblümten Titel Propaganda. Während Lippmann analytisch beobachtet hatte, formulierte Bernays praktisch. Sein Buch ist ein Handbuch.

Edward Bernays, Neffe Sigmund Freuds, prägte 1928 in seinem Buch „Propaganda“ den Begriff der „engineering of consent“ — der Steuerung von Zustimmung. Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons.
„Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in einer demokratischen Gesellschaft. Diejenigen, die diesen unsichtbaren Mechanismus der Gesellschaft bedienen, bilden eine unsichtbare Regierung, welche die wahre herrschende Macht unseres Landes ist.“
— Edward Bernays, Propaganda, 1928, S. 9 (Übersetzung)
Diese Sätze sind keine Anklage. Sie sind eine Geschäftsbeschreibung. Bernays hat in seiner Karriere demonstriert, was sein Konzept der engineering of consent in der Praxis bedeutet. Er machte 1929 in der Kampagne „Torches of Freedom“ für die American Tobacco Company Zigaretten zum Symbol weiblicher Emanzipation und verdoppelte den Markt für Frauen-Zigaretten in einem einzigen Jahr. Er organisierte 1954 für den US-amerikanischen Konzern United Fruit eine Pressekampagne gegen die guatemaltekische Regierung Árbenz, an deren Ende ein CIA-gestützter Putsch stand. Was Bernays beherrschte, war nicht das Lügen — es war die Kunst, eine Wirklichkeit so zu inszenieren, dass das gewünschte Ergebnis als spontane Volksmeinung erschien.
Bernays nannte das, was er tat, ausdrücklich Propaganda. Er empfand den Begriff zunächst als neutral. Erst die nachfolgende Verwendung dieses Werkzeugkastens durch Joseph Goebbels machte das Wort untauglich für die Selbstbeschreibung. Was als „Public Relations“ weiterlief, war methodisch unverändert.
Was Lippmann und Bernays uns lehren
Wer Lippmann und Bernays liest, kann die deutsche Mediendebatte von 2026 nicht mehr in derselben Naivität führen. Es geht in einer modernen Massengesellschaft nicht um die Frage, ob Steuerung stattfindet — sie findet immer statt, sie muss stattfinden, weil unvermittelte Wirklichkeit nicht kommuniziert werden kann. Es geht um die Frage, wer die Steuernden sind, in welchem Auftrag sie steuern, und welche Mechanismen es gibt, ihre Steuerung selbst kritisierbar zu machen.
Genau hier setzt die journalistische Norm an, die in Deutschland mit einem Namen verbunden ist: Hanns Joachim Friedrichs.
Die konstruierte Norm
Es gibt einen Satz, den jeder Journalismus-Volontär in Deutschland kennt: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.“ Der Satz wird Hanns Joachim Friedrichs zugeschrieben, dem langjährigen Tagesthemen-Moderator. Er gilt als Maxime des seriösen deutschen Journalismus.

Hanns Joachim Friedrichs, dem die berühmte Maxime „Sich nicht gemein machen mit einer Sache“ zugeschrieben wird — eine Kategorisierung, die so von ihm nie wörtlich formuliert wurde. Foto: Udo Grimberg, CC BY-SA 3.0 DE (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/), via Wikimedia Commons.
Nur: Friedrichs hat ihn so nie gesagt. Eine genauere Recherche zeigt, dass die kategorische Formulierung — der gute Journalist mache sich grundsätzlich mit keiner Sache gemein — auf einem Falschzitat beruht. Das oft zitierte Spiegel-Interview vom 27. März 1995 enthält die kategorische Form nicht. Friedrichs sprach dort über Stilfragen der Moderation. Die später kanonisierte Form, die einen ganzen Berufsstand normieren soll, steht zwar auf dem Buchrücken seiner Autobiografie Journalistenleben von 1994 — aber als Maxime seines BBC-Mentors Charles Wheeler. Cordt Schnibben, der Spiegel-Interviewer, räumte 2018 auf Twitter ein, „Transporteur“ der Verallgemeinerung gewesen zu sein. Friedrichs selbst hat sich, nebenbei bemerkt, sehr wohl mit einer Sache gemein gemacht: dem Umweltschutz. Was als ehernes Berufsethos gilt, ist eine nachträglich konstruierte Norm.
Diese Beobachtung ist wichtig, weil sie eine Frage aufwirft, die in der deutschen Mediendebatte selten gestellt wird: Wenn die Friedrichs-Norm in ihrer kategorischen Form ein Zitat-Konstrukt ist, was bedeutet das für die zwei Lager, die sich ihr gegenwärtig entzogen haben?
Restle, Reichelt, Röpcke — die programmatische Aufgabe der Norm
Im Jahr 2018 veröffentlichte Georg Restle, Leiter des WDR-Magazins Monitor, im hauseigenen WDR-Print ein Plädoyer für werteorientierten Journalismus. Restle argumentierte, der „Neutralitätswahn“ des klassischen Berichtens werde der demokratischen Verantwortung von Journalismus nicht gerecht. Wer in Zeiten, in denen die Demokratie unter Druck stehe, vorgeblich neutral berichte, mache sich faktisch zum Komplizen ihrer Gegner. Restles Text ist nicht polemisch. Er ist programmatisch. Er fordert die ausdrückliche Aufgabe der Friedrichs-Norm.
Restle steht damit nicht allein. Anja Reschke hatte 2016 in den Tagesthemen einen vielbeachteten Kommentar zur Flüchtlingspolitik gehalten, der ausdrücklich Stellung bezog. Die ARD-Doku-Reihe „Hass im Netz“ wurde unter Reschkes Leitung zum bundesweit bekannten Format. Auch der Fall Claas Relotius, dessen erfundene Reportagen 2018 im Spiegel aufflogen, gehört in diesen Kontext: Relotius verfasste keine Lügenreportagen aus Faulheit, sondern weil seine erfundenen Geschichten exakt die ideologischen Erwartungen seiner Redaktion bedienten — und seine Redaktion sah diese Erwartung nicht als Verzerrung, sondern als Haltung. Eine Studie der Hamburg Media School unter Leitung von Michael Haller hat 2015 anhand der Flüchtlingsberichterstattung empirisch gezeigt, dass deutscher Journalismus in dieser Phase die Bandbreite öffentlicher Meinung systematisch verfehlte.
Auf der anderen Seite des Spektrums hat Julian Reichelt, ehemaliger Chefredakteur der BILD, nach seiner Entlassung 2021 das Online-Format NIUS aufgebaut, finanziert vom Milliardär Frank Gotthardt mit ausdrücklich „staatsbürgerlicher“ Mission. Reichelt diagnostiziert eine Wahrnehmungslücke zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung. Diese Diagnose trifft etwas. Die Reaktion — ein Lager-Medium, das die fehlende Bandbreite mit der entgegengesetzten Schlagseite ausgleicht — reproduziert das Problem aber, statt es zu lösen.
Julian Röpcke, Leitender Redakteur Sicherheitspolitik bei BILD, führt sein X-Profil öffentlich mit einer ukrainischen Flagge im Namen. Das ist keine private Meinung — es ist die ostentative Inversion der Friedrichs-Norm im Hauptamt. Wer mit der Flagge einer kriegführenden Partei publizistisch auftritt, hat sich mit einer Sache gemein gemacht. Es ist die exakt symmetrische Bewegung zu Restles werteorientiertem Journalismus, nur aus dem entgegengesetzten Lager.
Friedrichs ist auf beiden Seiten verloren. Er wurde nicht aus Unkenntnis aufgegeben, sondern programmatisch — von Restle aus dem öffentlich-rechtlichen System heraus, von Reichelt und Röpcke aus dem privaten Lager-Journalismus. Beide Lager halten ihre Aufgabe der Norm für legitim. Beide haben recht damit, dass die alte Norm löchrig war. Beide irren in der Annahme, dass die Lösung in der Ersetzung der Norm durch die jeweils eigene Haltung besteht.
Lügenpresse — ein Begriff mit Geschichte
Wer die Mechanik der Diskurssteuerung versteht, kann auch das Wort einordnen, das die Pegida-Demonstrationen 2014/15 in den deutschen Sprachraum zurückholten: Lügenpresse. Der Begriff wurde 2014 zum Unwort des Jahres erklärt, was seine antisemitische Verwendungsgeschichte im Nationalsozialismus und seine Nutzung in der DDR-Propaganda mit Recht hervorhebt. Was die Unwort-Begründung verschwieg: Der Begriff ist älter. Er taucht 1835 in Karl Gutzkows polemischen Schriften auf, durchläuft das 19. Jahrhundert und wird im Kaiserreich von katholischen ebenso wie von sozialdemokratischen Kritikern gegen jeweils andere Lager verwendet.
Empirisch trifft der Vorwurf, der mit dem Wort transportiert wird, etwas, das auch durch seriöse Studien gestützt ist. Die genannte Hamburg-Media-School-Studie hat für die Flüchtlingsberichterstattung 2015 eine signifikante Schieflage zugunsten der Regierungsposition dokumentiert. Demoskopische Untersuchungen zur politischen Selbsteinordnung deutscher Journalisten — etwa die Studien Siegfried Weischenbergs (2005), die FU-Berlin-Studie 2010 und die TU-Dortmund-Erhebung 2024 — zeigen konsistent eine politische Verteilung deutlich links der Bevölkerungsmitte. Eine 2020 von Gabor Steingart zitierte Befragung unter ÖRR-Volontären ergab Parteienpräferenzen von 57 Prozent Grüne, 23 Prozent Linke, 12 Prozent SPD, 3 Prozent Union, 1 Prozent FDP. Die Frage ist nicht, ob Journalisten politische Präferenzen haben dürfen — sie haben sie immer. Die Frage ist, ob die professionelle Norm, sich mit der eigenen Präferenz nicht gemein zu machen, in einer demoskopisch derart einseitigen Berufsgruppe noch operativ ist.
Die Beantwortung dieser Frage entscheidet, ob das Wort Lügenpresse als reiner Kampfbegriff zurückgewiesen werden kann oder ob es einen empirischen Kern hat, den seriöse Medienforschung anerkennen muss.
Corona — wenn die Akten reden
Der schärfste Test für die Mechanik der Zustimmung in den letzten Jahren war die Corona-Pandemie. Wer die Akten heute liest — und sie sind heute lesbar, durch Informationsfreiheitsgesetze, durch FragDenStaat-Anfragen, durch parlamentarische Aufarbeitung —, findet eine Konstellation, die Lippmann und Bernays nicht überrascht hätte.
Im Vereinigten Königreich beriet ab März 2020 das SPI-B-Gremium (Scientific Pandemic Influenza Group on Behaviours) die Regierung zu Verhaltensänderungen. Im Protokoll vom 22. März 2020 heißt es ausdrücklich, das Bedrohungsempfinden der Bevölkerung sei zu erhöhen, weil eine erhebliche Zahl an Bürgern sich nicht hinreichend bedroht fühle. Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist ein veröffentlichtes britisches Regierungsdokument.
In Deutschland verfasste das Bundesinnenministerium am 22. März 2020 ein internes Strategiepapier mit dem Titel „Wie wir COVID-19 unter Kontrolle bekommen“. Das Papier wurde durch eine FragDenStaat-Anfrage öffentlich und in der Bundestags-Drucksache 19/28063 verhandelt. Es empfiehlt ausdrücklich eine kommunikative „Schockwirkung“ und nennt als Mittel die Darstellung des „qualvollen Erstickens“ als Krankheitsverlauf. Auch dies ist kein Spekulationspapier, sondern eine offizielle Aktenlage.
Der Bundestag hat am 10. Juli 2025 eine Enquete-Kommission „Aufarbeitung Corona-Pandemie“ eingesetzt — getragen von CDU/CSU, SPD, Grünen und Linken. Allein die Existenz dieser Kommission ist ein Eingeständnis: Was während der Pandemie als „Wissenschaft“ und „Konsens“ verhandelt wurde, war in Teilen eine politisch-administrative Steuerungsoperation, die heute der parlamentarischen Aufarbeitung bedarf.
Das Wort, mit dem Kritik an dieser Operation während der Pandemie zurückgewiesen wurde, war „Verschwörungstheorie“. Der Begriff ist methodisch interessant. Er stammt in seiner heutigen pejorativen Verwendung aus einem CIA-Memorandum mit der Nummer 1035-960 vom 4. April 1967, das nach dem Freedom of Information Act 1976 deklassifiziert wurde. Das Memo empfahl, Kritiker des Warren-Reports zur Ermordung Kennedys mit dem Begriff conspiracy theorists zu diskreditieren. Was als nachrichtendienstliche Sprachregelung begann, wurde im westlichen Mediendiskurs zum allgemein verfügbaren Werkzeug der Diskurssuppression. Die Lab-Leak-Hypothese zur Herkunft von SARS-CoV-2, 2020 als Verschwörungstheorie markiert, gilt seit den FBI- und Energieministerium-Einschätzungen 2023 als plausibel. Die Hunter-Biden-Laptop-Geschichte, 2020 als russische Desinformation eingestuft, wurde 2022 von der New York Times als authentisch bestätigt. Diese Beobachtung diskreditiert nicht jede Markierung als Verschwörungstheorie. Sie zeigt aber, dass das Etikett nicht selbst Wahrheit produziert.
Die soziale Mechanik: Schweigespirale und 30/40/30
Warum funktioniert Steuerung dieser Art? Warum widersprechen Menschen nicht, auch wenn sie zweifeln? Hier setzt die zweite große Forschungsspur an: die Sozialpsychologie der Konformität.
Solomon Asch demonstrierte 1951 in seinen klassischen Linien-Experimenten, dass Menschen offensichtlich falschen Mehrheitsurteilen zustimmen, wenn die Gruppe es tut. Stanley Milgram zeigte 1963 in seinen Gehorsamsstudien, dass Versuchspersonen unter Anweisung einer Autoritätsperson bereit sind, anderen scheinbar lebensgefährliche Stromstöße zu verabreichen. Beide Befunde sind methodologisch diskutiert, in ihrer Grundaussage aber stabil: Konformitätsdruck wirkt auch dann, wenn die eigene Wahrnehmung anders sagt.
Elisabeth Noelle-Neumann formulierte 1980 daraus das Konzept der Schweigespirale. Ihre These: Menschen sondieren permanent, welche Meinungen mehrheitsfähig erscheinen. Wer zur vermeintlichen Minderheit gehört, schweigt — aus Furcht vor sozialer Isolation. Das Schweigen verstärkt die Wahrnehmung der Mehrheit. Diese Wahrnehmung verstärkt das Schweigen. Es entsteht eine Spirale, in der die tatsächliche Verteilung der Meinungen von der wahrgenommenen Verteilung deutlich abweichen kann. Noelle-Neumann sprach von „Ketzern und Avantgardisten“ — der kleinen widerständigen Gruppe, die sich der Spirale entzieht und gerade dadurch zum Träger gesellschaftlicher Veränderung wird.
Mattias Desmet, Professor für klinische Psychologie an der Universität Gent und Autor von rund hundert begutachteten Fachartikeln, hat 2022 in seinem Buch The Psychology of Totalitarianism diese Tradition aufgenommen und um eine eigene These erweitert. Desmet beschreibt vier Vorbedingungen, unter denen Gesellschaften kollektiv anfällig für totalitäre Steuerung werden: weit verbreitete soziale Vereinzelung, ein generelles Empfinden von Sinnverlust, frei flottierende Angst und frei flottierende Frustration. Wenn diese vier Bedingungen erfüllt sind, kann eine Gesellschaft in einen Zustand fallen, den Desmet — in Aufnahme älterer sozialpsychologischer Begriffe — als mass formation bezeichnet. Im Berliner Corona-Untersuchungsausschuss schätzte Desmet im Hearing 63 2021, etwa 30 Prozent einer Bevölkerung seien voll erfasst, 40 Prozent mitläuferisch, 30 Prozent widerständig. Diese Schätzung ist nicht empirisch in derselben Weise gehärtet wie Aschs Linienexperimente. Sie ist eine plausible Heuristik, kein quantitatives Ergebnis. Desmet wurde akademisch dafür kritisiert, dass er den populären Ausdruck mass formation psychosis ablehnt, auf den er gleichwohl rezipiert wurde. Die wissenschaftliche Substanz seiner Beobachtung — die Verbindung von Vereinzelung, Sinnverlust und Konformitätsbereitschaft — bleibt davon unberührt.
Der Bruchpunkt 2026
Damit ist die Klammer geschlossen, in die der Höcke-Ben-Vorgang zu setzen ist. Vier Millionen Aufrufe in drei Tagen für ein ungeskriptetes Interview mit einem politischen Akteur, dessen Wahrnehmung in den etablierten Medienformaten ausschließlich über vermittelnde Anchorpersonen stattfindet — das ist nicht Höckes Erfolg. Es ist der Beleg dafür, dass die zwischengeschaltete Steuerungsschicht Bernays‘ und Lippmanns die Bedingungen der Mediennutzung verloren hat, unter denen sie operieren konnte.
Die Reaktion Eskens ist aufschlussreich. Sie ist nicht: dieses Interview kritisch besprechen, gegenargumentieren, einordnen. Sie ist: die Plattform boykottieren. Das ist die Logik des klassischen Steuerungsdispositivs, angewandt auf ein Medium, das die Bedingungen dieses Dispositivs nicht mehr erfüllt. Wenn Lippmanns Klasse spezialisierter Vermittler zwischen Bürger und Wirklichkeit nicht mehr exklusiv ist, weil jeder Bürger zu jedem Bürger jederzeit Zugang hat, dann wird das alte Modell der Zustimmungssteuerung nicht etwa erweitert, sondern angegriffen. Der Boykottaufruf ist das Eingeständnis, dass das alte Modell mit den Mitteln des alten Modells nicht mehr durchsetzbar ist.
Hier liegt die Pointe, die in der publizistischen Empörung der letzten Tage untergeht: Es ist nicht das Interview, das skandalös ist. Skandalös ist, dass jemand, der für eine demokratische Partei im Parlament sitzt, glaubt, eine demokratische Reaktion auf ein Interview sei der Boykott seiner Plattform.
Was Moscovici anders sah
Es gibt eine sozialpsychologische Tradition, die der Konformitätsforschung von Asch und Milgram eine Gegenthese entgegensetzt: die Forschung des französisch-rumänischen Sozialpsychologen Serge Moscovici zur aktiven Minderheit. Moscovici zeigte ab 1969 in einer Serie von Experimenten, dass kleine, aber konsistente Minderheiten Mehrheiten verändern können — nicht durch lautere Stimmen, sondern durch Beharrlichkeit, Konsistenz und das, was Moscovici „Konversion“ nannte: die langsame, oft unbewusste Übernahme von Positionen durch Personen, die offen erklären, sie nicht zu teilen.
Diese Forschung ist nicht bloß methodisch. Sie ist demokratietheoretisch wesentlich. Wenn Veränderung in Gesellschaften nicht primär von der Mehrheit ausgeht, sondern von konsistenten Minderheiten, dann ist die Frage, welche Minderheiten überhaupt Sichtbarkeit erhalten, die eigentliche Machtfrage moderner Demokratien. Genau diese Sichtbarkeit ist es, die der Steuerungsapparat Lippmanns reguliert — und die er gerade verliert.
Václav Havel beschrieb in seinem 1978 verfassten Essay Die Macht der Machtlosen den Fall des Gemüsehändlers, der das Schild „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ nicht mehr ins Schaufenster hängt. Havel zeigte: In post-totalitären Systemen genügt die Ausführung des Rituals. Wer das Ritual verweigert, schreibt nicht Geschichte. Er erinnert die Gesellschaft daran, dass das Ritual ein Ritual ist. Genau diese Erinnerung ist heute, in den westlichen Demokratien des Jahres 2026, die produktivste Form der Diskursarbeit.
Was bleibt
Die Mechanik der Zustimmung, die Lippmann 1922 beschrieb und die Bernays 1928 als Werkzeug formulierte, war keine Erfindung. Sie war die Beschreibung einer Bedingung moderner Massengesellschaften: dass Vermittlung notwendig ist, weil unvermittelte Wirklichkeit nicht kommuniziert werden kann. Was Lippmann und Bernays nicht voraussahen, war der Tag, an dem die Werkzeuge der Vermittlung — Fernsehen, Tagespresse, Rundfunk — ihre Exklusivität verlieren würden.
Dieser Tag ist da. Er ist nicht der Untergang der seriösen Berichterstattung, sondern die Auflösung ihrer Exklusivität. Wer im Jahr 2026 noch glaubt, die Friedrichs-Norm sei eine Kategorisierung des deutschen Journalismus gewesen, hat das Falschzitat noch nicht gelesen. Wer glaubt, das alte Modell sei durch programmatische Haltung verbessert worden, sieht in Restle, Reichelt und Röpcke nicht die symmetrische Selbstaufgabe, sondern die jeweils andere Seite der eigenen Position. Wer glaubt, durch den Boykott einer Plattform sei demokratische Diskurskultur verteidigt, hat Lippmann nicht ernst genommen. Wer glaubt, die alte Steuerung könne weiterlaufen, weil sie immer gelaufen ist, hat Moscovici nicht gelesen.
Was bleibt, ist die Aufgabe, die Lippmann selbst formulierte und die Bernays in eine Methode überführte: die Frage, wer in einer offenen Gesellschaft die Bedingungen dafür kontrolliert, was diskursiv möglich ist. Diese Frage hat keine endgültige Antwort. Sie hat nur unterschiedliche Bearbeitungen. Eine davon ist die einer Öffentlichkeit, die bereit ist, sich den Werkzeugkasten der Steuerung anzuschauen, statt ihn als Verschwörungstheorie wegzuschieben. Eine andere ist die einer Öffentlichkeit, die ihre eigene Steuerung weiterlaufen lässt, weil das Eingeständnis ihrer Existenz unbequem wäre.
Die Wahl zwischen diesen beiden Bearbeitungen wird gerade getroffen. Sie wird nicht von Esken getroffen und nicht von Ben. Sie wird von der Gesellschaft getroffen, die diese Auseinandersetzung beobachtet — und die entscheidet, was sie davon hält.


