Großbritannien ist die vergessene Macht im deutschen Geschichtsbewusstsein. Während die Schuldlasten gegenüber Russland, Polen, Frankreich oder der jüdischen Bevölkerung Europas zum festen Bestandteil der deutschen Erinnerungspolitik gehören, bleibt die britische Rolle vor 1914, zwischen den Weltkriegen, im Bombenkrieg und in der Nachkriegsordnung ein weißer Fleck. Diese Serie schließt die Lücke — entlang von Quellen, ohne Lagerdenken, ohne Revanche-Bedürfnis, ohne Entschuldigung deutscher Kriegspolitik.
Der Bogen reicht vom verpassten deutsch-britischen Bündnis 1898 über das Scheitern der Haldane-Mission 1912, das Empire mit seinen Konzentrationslagern (Burenkrieg), Hungersnöten (Bengalen 1943) und Massakern (Amritsar 1919, Mau-Mau), die britische Rolle in Versailles und beim Appeasement, Churchills zwei Gesichter, Suez 1956 als Ende des Empire und Beginn des amerikanischen Vasallen, bis zu MI6, GCHQ und Five Eyes als institutionellen Trägern einer Außenpolitik, die ihr Empire verloren, aber nicht ihre Doktrin abgelegt hat.
Die Two-Power-Standard-Doktrin von 1889 wirkt fort in der heutigen Sorge vor einem eurasischen Block. Die Kontinentalbalance-Doktrin von 1815 wirkt fort in der Sorge vor einer deutsch-russischen Verständigung. Die Empire-Verwaltungsroutine wirkt fort in der Geheimdienstkultur — von der Skripal-Inszenierung bis zur Russophobie als Staatsdoktrin von Boris Johnson über Liz Truss bis Keir Starmer.
Die Serie fragt nicht, ob das englische Volk schuldig ist. Sie fragt, welche Strukturen — Westminster, Whitehall, City of London, Foreign Office, MI6 — im Namen Englands gehandelt haben und im Namen Großbritanniens bis heute handeln. Wer das Heute verstehen will, muss das Gestern lesen können.