Veröffentlicht im Mai 2026

Die Lieferliste – Was die Ukraine 2026 braucht und was Europa nicht hat

Im März 2026 hat die russische Luftwaffe 6.462 Geran-2-Drohnen gegen die Ukraine eingesetzt. Das sind im Durchschnitt 208 pro Tag. In der Nacht vom 23. auf den 24. März waren es 948 Drohnen in vierundzwanzig Stunden, dazu 35 Marschflugkörper — der höchste Tageswert seit Kriegsbeginn. Zum Vergleich: Im März 2025 lag der Tagesschnitt bei 140 Drohnen. Im Zeitraum August 2024 bis Januar 2025 waren es 60. Russland hat seine Tagesproduktion in achtzehn Monaten mehr als verdreifacht.

Die Zahlen stammen vom Institute for Science and International Security in Washington, dokumentiert über das europäische Sendernetz Euronews. Sie werden in Brüssel nicht bestritten. Sie werden auch nicht in den Mittelpunkt der Debatte gestellt, denn sie führen zu einer Frage, die unbequem ist: Kann Europa der Ukraine das liefern, was sie braucht, um diesen Krieg militärisch zu bestehen?

Die nüchterne Antwort ist nein.

Was die Front frisst

Die Ukraine verbraucht nach Angaben ihres früheren Verteidigungsministers Rustem Umerov rund 200.000 Schuss 155-mm-Artilleriemunition pro Monat. Das entspricht einem Jahresbedarf von etwa 2,4 Millionen Schuss — mehr, als die EU und die USA zusammen liefern können. Russland verschießt nach übereinstimmenden westlichen Schätzungen täglich rund 10.000 Granaten. Die Ukraine kommt auf etwa 2.000. Die Asymmetrie liegt bei eins zu fünf, in besonders intensiven Phasen bei eins zu zehn.

Hinzu kommt der Drohnenkrieg. Außenminister Andrij Sybiha hat im Januar 2026 angekündigt, dass die Ukraine 2026 bis zu 20 Millionen Drohnen herstellen wolle. Präsident Selenskyj hatte zuvor den Bedarf an Abfangdrohnen allein auf 500 bis 1.000 pro Tag beziffert. 96 Prozent dieses Bedarfs werden mittlerweile aus eigener Produktion gedeckt — aber nur 40 Prozent der Komponenten kommen aus eigener Fertigung. Motoren, Batterien und Flugsteuerungen stammen überwiegend aus China.

Die Luftverteidigung verschlingt das teuerste Material. Ein einzelner Patriot-Abfangkörper PAC-3 MSE kostet rund vier Millionen Dollar. Ein Geran-2 kostet zwischen 20.000 und 50.000 Dollar. Die ökonomische Logik dieser Asymmetrie wird im militärischen Sprachgebrauch „cost-per-kill ratio“ genannt. Sie spricht gegen den Verteidiger.

Der Mann, der die deutschen Lieferungen koordiniert

Im Berliner Bendlerblock und am Bonner Hardthöhe-Standort des Bundesverteidigungsministeriums existiert seit dem 24. Februar 2022 eine eigene Organisationseinheit: der Sonderstab Ukraine. Er erscheint im Organisationsplan des BMVg vom 1. April 2026 als eigenständige Einheit innerhalb des Steuerungsstabs der Leitung, neben dem Zentralen Auftragsmanagement und dem Stab Informationsarbeit.

Geleitet wird der Sonderstab von Generalmajor Dr. Christian Freuding. Freuding, Jahrgang 1972, ist Panzeroffizier mit Generalstabsausbildung — er schloss den Lehrgang als Jahrgangsbester ab — und promovierte 1999 in Politikwissenschaft in Hamburg. Auslandseinsätze führten ihn nach Afghanistan und in den Balkan, er war Adjutant einer Verteidigungsministerin, kommandierte von 2019 bis 2022 die Panzerlehrbrigade 9 in Munster und übernahm den Sonderstab bei dessen Aufstellung. Inzwischen leitet er zugleich den 2023 wiederbelebten Planungs- und Führungsstab des Verteidigungsministers — die zentrale Stabsstelle für ministerielle Entscheidungsvorbereitung. Damit konzentriert sich an einer Stelle, was in der deutschen Ukraine-Politik militärisch operativ wird.

Der Sonderstab arbeitet nach Freudings eigener Auskunft „an sieben Tagen der Woche“ mit „zwischen 20 und 25 Soldatinnen und Soldaten und zivilen Kolleginnen und Kollegen“. Die Aufgabenbeschreibung, die Freuding in einem Interview mit der Bundeswehr-Verbandszeitschrift gibt, ist umfassend: „Der Sonderstab Ukraine befasst sich im Prinzip mit allen Fragen im Verteidigungsministerium, die mit der Ukraine zusammenhängen. Und das beginnt mit A wie Amtshilfe, die die Bundeswehr zu Beginn des Krieges geleistet hat, oder Ausbildung. Das geht über W wie Waffenlieferungen und endet bei Z wie Zusatzbekleidung für die ukrainischen Streitkräfte.“ Der Stab vertritt das BMVg im Ressortkreis, koordiniert mit der Rüstungsindustrie, bereitet die Sitzungen der Ramstein-Gruppe vor und führt die internationale Abstimmung. Er ist die deutsche Schnittstelle für ein milliardenschweres Lieferprogramm — mit weniger Personal als eine Bonner Mittelstadtsparkasse.

Im Sommer 2024 hat der Sonderstab gemeinsam mit Lettland eine Drohneninitiative ins Leben gerufen und im November des Jahres einen „Drone Demonstration Day“ auf dem Flugplatz der Wehrtechnischen Dienststelle 61 in Manching ausgerichtet. Eingeladen waren ausschließlich Mitglieder der Ukraine Defence Contact Group und Hersteller, die „sehr schnell in der Lage sind zu liefern“ — also Firmen, deren Produkte in der Ukraine bereits getestet und durch die ukrainischen Streitkräfte zertifiziert worden waren. Freuding nannte das Format eine „Crowdfunding-Veranstaltung“. Die Wortwahl ist instruktiv. Sie sagt etwas über den Zustand eines Lieferregimes, das in der Praxis weniger einer staatlichen Beschaffungsbürokratie als einer ad-hoc-Allianz von Drittstaaten gleicht, die sich um knappe Kapazitäten bewerben.

Deutsche Hauptwaffenlieferungen an die Ukraine im Überblick

Stand: Anfang 2026. Cumulierte Stückzahlen aus Bundeswehr-Beständen und industrieller Beschaffung über die Ertüchtigungsinitiative.

Nicht enthalten: TAURUS-Marschflugkörper (politisch blockiert seit Oktober 2023). F-16-Kampfjets liefern Niederlande und Dänemark (bis zu 61), nicht Deutschland.

Gesamtvolumen deutscher Hilfe seit Februar 2022: ca. 55 Mrd. Euro. Für 2026 eingeplant: 11,5 Mrd. Euro. Ertüchtigungsinitiative: über 1 Mrd. Euro für Direktkäufe der Ukraine aus deutscher Industrieproduktion.

Quellen: BMVg, ESuT, defence-network.com, Bundesregierung. Einzelstückzahlen werden teilweise aus militärtaktischen Gründen nicht öffentlich präzisiert; Angaben basieren auf veröffentlichten Übergabeprotokollen und Berichten der Fachpresse.

Was Europa tatsächlich liefert

Deutschland ist mit Abstand der größte europäische Geber. Das Bundesverteidigungsministerium beziffert das Gesamtvolumen der deutschen Hilfe seit 2022 auf rund 55 Milliarden Euro. Für 2026 sind weitere 11,5 Milliarden Euro eingeplant. Die übrigen europäischen Geber summieren sich. Großbritannien stellte 800 Millionen Dollar aus eingefrorenen russischen Vermögen und eigenem Haushalt zur Verfügung. Die Niederlande zahlen 700 Millionen Euro für Drohnen. Dänemark gibt 250 Millionen Euro, Litauen 220 Millionen, Norwegen rund 7 Milliarden Dollar Gesamthilfe — im Mai 2026 ergänzt um ein neues PURL-Paket von 302 Millionen Dollar. Die Tschechische Republik organisiert über ihre eigene Munitionsinitiative die weltweite Beschaffung von 760.000 Artilleriegranaten — nicht aus europäischer Produktion, sondern aus Indien, Südkorea, Südafrika. Die Europäische Union hat ein Unterstützungsdarlehen von 90 Milliarden Euro für 2026 und 2027 beschlossen, von dem etwa zwei Drittel militärisch verwendet werden sollen.

Das sind reale Zahlen, real geflossene Mittel, real gelieferte Systeme. Die Lieferungen sind nicht symbolisch. Sie sind substantiell.

Sie reichen nicht.

Wo die Versprechen scheitern

Im März 2023 hat die EU der Ukraine binnen zwölf Monaten eine Million Artilleriegranaten zugesagt. Ende März 2024 musste die Europäische Kommission einräumen, dass nur 52 Prozent geliefert worden waren. Das neue Ziel für 2026 lautet zwei Millionen Granaten pro Jahr. Branchenquellen aus der europäischen Rüstungsindustrie, die der US-Auslandssender Radio Free Europe befragt hat, schätzen die tatsächliche Jahreskapazität auf knapp ein Drittel davon — etwa 580.000 Stück. Das estnische Verteidigungsministerium und die interne Schätzung von Rheinmetall vom Januar 2024 bestätigen diese Zahl. Die offiziellen Brüsseler Angaben von 1,4 bis 1,7 Millionen sind Kapazitätsangaben „auf dem Papier“ — Linien, die theoretisch existieren, deren Vorprodukte aber nicht beschafft sind.

Rheinmetall, der mit Abstand größte europäische Munitionsproduzent, hat seine 155-mm-Produktion von 70.000 Granaten im Jahr 2022 auf eine Zielmarke von 1,1 Millionen für 2027 und 1,5 Millionen für 2030 hochgefahren. Das ist eine Steigerung um über zweitausend Prozent in acht Jahren — industriell beachtlich. Es bleibt unter dem ukrainischen Monatsbedarf.

Bei den Patriot-Abfangkörpern ist die Lage noch enger. Lockheed Martin produziert nach eigenen Angaben aktuell 620 PAC-3 MSE pro Jahr für sämtliche Abnehmer weltweit. Die Zielmarke von 2.000 jährlich wird erst 2033 erreicht. Auf der Warteliste für komplette Patriot-Systeme stehen neben der Ukraine auch Rumänien, Spanien, Griechenland, Polen und die Schweiz, deren 2026-Lieferungen Raytheon bereits offiziell verschoben hat. Im Februar 2026 berichtete Politico, das PURL-Programm sei ins Stocken geraten, weil die amerikanischen Bestände erschöpft seien und der Nachschub aus der Produktion nicht reicht.

Die französisch-italienische Alternative SAMP/T mit dem Aster-30-Lenkflugkörper produziert 220 bis 250 Raketen pro Jahr. Kiew hat westlichen Diplomaten gegenüber erklärt, dass es das System nicht als vollständigen Ersatz für Patriot betrachtet.

Der industrielle Grund

Hinter den Lieferzahlen liegt ein industrieller Befund, den die Bundesregierung selbst dokumentiert. In ihrer Antwort auf eine Anfrage des Bundestags vom 20. Januar 2025 (Drucksache 20/14611) schreibt das Bundesverteidigungsministerium: Militärische Hochleistungssprengstoffe wie TNT, Hexogen, Oktogen und Nitrotriazolon „stellen beim Aufbau von Produktionskapazitäten für Munition, Artilleriegeschosse und Lenkflugkörper einen Engpass insbesondere für europäische Hersteller dar.“ In Europa gebe es „nur noch sehr wenige spezialisierte Unternehmen, weil nach dem Ende des Kalten Krieges viele Unternehmen ihre Sprengstoffproduktion einstellten, fusionierten oder zumindest zurückfuhren.“ Der Kapazitätsaufbau dauere „im Regelfall rund drei bis sieben Jahre.“ Hinzu kämen „Lieferkettenabhängigkeiten bei den notwendigen chemischen Vorprodukten wie Baumwolllinters-Fasern, die überwiegend aus China importiert werden.“

Das Dokument bestätigt aus Regierungssicht, was die Wirtschaftsprüfung Strategy& im Auftrag von PwC und die Beratungsfirma Kearney in einer Studie vom März 2025 unabhängig festgestellt haben. Der Bundeswehr fehlt Munition im Wert von 20 bis 30 Milliarden Euro. Sie ist nach NATO-Vorgabe eines 30-Tage-Vorrats „sehr weit entfernt“. Der europäische Rüstungssektor benötigt zur Erfüllung des Zwei-Prozent-BIP-Ziels zusätzlich 163.000 Fachkräfte. Aktuell sind 30.000 Stellen unbesetzt. Demografischer Wandel, Konkurrenz zur zivilen Industrie und mangelnde Ausbildungskapazitäten verschärfen die Lage.

Auch in der Lieferkette sitzt das Problem tiefer als die öffentliche Debatte um Großkonzerne. Nicht Rheinmetall oder Airbus bremsen den Hochlauf, sondern hochspezialisierte Mittelständler, die Dichtungen, präzisionsoptische Komponenten oder Halterungen liefern und die nach dreißig Jahren Friedensdividende ihre Kapazitäten und Belegschaften nicht mehr haben.

Was die Ukraine selbst aufgebaut hat

In dieser Lage hat die Ukraine binnen vier Kriegsjahren einen eigenen Industriezweig aus dem Boden gestampft. Die Verteidigungsausgaben haben sich seit Februar 2022 verzwanzigfacht. Die Umsätze der Rüstungsbranche stiegen um das Zehnfache. 96 Prozent des nationalen Drohnenbedarfs werden lokal gedeckt. Im September 2025 hat Selenskyj das seit Kriegsbeginn geltende Exportverbot teilweise aufgehoben. Im Februar 2026 kündigte er den Aufbau ukrainischer Drohnen-Exportzentren in Europa und potenzielle Verkäufe in die USA im Wert von 10 bis 30 Milliarden Dollar an. Ukrainische Spezialisten — rund zweihundert — wurden 2026 nach Katar, Saudi-Arabien und in die Vereinigten Arabischen Emirate entsandt, um die dortige Luftverteidigung zu koordinieren. Was als Improvisation begann, ist eine Industrie.

Sie reicht trotzdem nicht. Russland produziert in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan, etwa 1.100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, monatlich rund 5.100 Geran-2-Drohnen. Die Tagesproduktion liegt nach Schätzungen ukrainischer und westlicher Geheimdienste bei 170, in Spitzenphasen bei 190. Mindestens 41 zentrale Komponenten — Motoren, Batterien, Funkgeräte, Vergaser — stammen nach Recherchen der ukrainischen Analysegruppe Frontelligence Insight aus chinesischer Produktion. Das Institute for the Study of War kommt zu dem Schluss: „Russland wäre ohne diese Komponenten nicht in der Lage, das Tempo oder das Volumen seiner Produktion von Shahed-Drohnen aufrechtzuerhalten.“ In den Trümmern abgeschossener Drohnen finden ukrainische Ermittler regelmäßig auch europäische Bauteile — Sensoren der österreichischen ams-OSRAM aus dem Jahr 2024, deutsche Bosch-Komponenten — die trotz EU-Sanktionen über Drittländer in die russische Produktion fließen.

Beide Seiten dieses Krieges hängen, in unterschiedlicher Intensität, am chinesischen Komponentenmarkt. Drone Industry Insights schätzt, dass 70 bis 80 Prozent der weltweiten Drohnenproduktion aus China stammen. Catarina Buchatskyj vom Snake Island Institute hat in der Financial Times den entscheidenden Satz formuliert: „China könnte jederzeit entscheiden, die Ukraine nicht mehr zu beliefern.“

Eine ältere Bemerkung, neu gelesen

Julian Assange, der Gründer von Wikileaks, sagte 2011 in einer Diskussion an der Cambridge Union über Afghanistan einen Satz, der lange als provokante Übertreibung galt. Das Video erreichte erst 2021 ein größeres Publikum, als der überstürzte amerikanische Abzug aus Kabul den damaligen Befund nachträglich plausibel machte. Wörtlich sagte Assange:

„Weil das Ziel nicht darin besteht, Afghanistan vollständig zu unterwerfen. Das Ziel ist es, Afghanistan zu nutzen, um Geld aus den Steuerbasen der Vereinigten Staaten und aus den Steuerbasen europäischer Länder durch Afghanistan und zurück in die Hände einer transnationalen Sicherheitselite zu waschen. Das ist das Ziel — das Ziel ist, einen endlosen Krieg zu haben, keinen erfolgreichen Krieg.“

Die Originalpassage wurde 2021 vom WikiLeaks-Konto verbreitet und ist seither millionenfach geteilt worden. Newsweek schrieb im September 2021, als Assange noch in britischer Auslieferungshaft saß, einen Satz, der in der amerikanischen Auseinandersetzung mit dem Afghanistan-Krieg seither Schule gemacht hat: „Assange’s warning in 2011 is conventional wisdom in 2021“ — Assanges Warnung von 2011 ist die landläufige Einsicht von 2021.

Übertragen auf 2026 ist die Beobachtung eine andere, ohne dass sie eine geringere wäre. Niemand muss behaupten, dass irgendjemand den Krieg in der Ukraine bewusst in die Länge zieht, um eine Hypothese zu prüfen, deren Beobachtungsmaterial sich aus dieser Lieferliste ergibt. Die Ukraine erhält genug, um zu bestehen. Sie erhält nicht genug, um zu gewinnen. Die europäische Rüstungsindustrie expandiert auf Auftragsbücher, die ihre Kapazitäten überschreiten. Rheinmetall meldete im ersten Quartal 2025 einen Auftragsbestand von 63 Milliarden Euro gegenüber 24 Milliarden vor dem Krieg. Der Konzern strebt für 2030 einen Umsatz von 50 Milliarden Euro bei einer operativen Marge von über 20 Prozent an. Der Vorstandsvorsitzende hat angekündigt, das Autoteilgeschäft bis Mitte 2026 vollständig zu verkaufen, um sich auf Rüstung zu fokussieren. In den Vereinigten Staaten verzeichnen Lockheed Martin und Raytheon ähnliche Effekte. In Israel haben die drei großen Rüstungskonzerne IAI, Elbit und Rafael einen Auftragsbestand von rund 80 Milliarden Dollar. In der Türkei wuchs der Verteidigungshaushalt 2026 um 34 Prozent.

Wer sich diese Zahlen ansieht und sie mit den ungelieferten 48 Prozent der EU-Granaten von 2024, mit den auf 2033 verschobenen Patriot-Produktionszielen, mit der wartenden Schweiz und der wartenden Ukraine zusammenliest, stellt fest: Die Industrie, die nicht liefern kann, was die Front braucht, wächst dennoch. Die Diskrepanz zwischen Bedarf und Kapazität ist nicht ein Hindernis ihres Wachstums, sondern dessen Voraussetzung. Knappheit treibt Preise. Verträge laufen über Jahrzehnte. Eine Marge über zwanzig Prozent setzt voraus, dass die Nachfrage das Angebot nachhaltig übersteigt.

Was Assange 2011 über Afghanistan sagte, war eine Behauptung über Absichten. Was hier beschrieben wird, ist eine Beobachtung über Strukturen. Die beiden Sätze gehören nicht in dieselbe logische Klasse. Aber sie treffen sich an einem Punkt: dass die ökonomische Funktion eines Krieges nicht zwingend mit seinem strategischen Ziel zusammenfällt, und dass derjenige, der die Frage nach dieser Diskrepanz stellt, in der öffentlichen Debatte schnell als Quertreiber gilt.

Was bleibt

Die Lieferliste lässt sich auf einen Satz bringen: Europa liefert, was es geben kann, und es ist nicht genug. Die Ukraine improvisiert, was sie aufbauen kann, und es ist nicht genug. Russland produziert, was es braucht, mit chinesischen Komponenten. Die Ukraine produziert, was sie kann, mit chinesischen Komponenten. China steht hinter beiden Industrien und über ihnen.

Im Jahr 2026 wird die strategische Frage, wer in diesem Krieg auf welcher Seite welche Industrie aufbaut, wichtiger als die taktischen Lagemeldungen. Eine Industrie entscheidet Kriege über einen Zeitraum von Jahren. Eine Lieferung entscheidet Gefechte über einen Zeitraum von Wochen.

Die Ukraine hat seit Februar 2022 zugesehen, wie Europa eine Industrie aufbauen will, die es noch nicht hat. Sie wird in den nächsten Jahren weiter zusehen müssen. Die Frage, ob das Aufbauwerk in einer Zeit gelingt, in der es militärisch noch von Bedeutung ist, war im Mai 2026 nicht entschieden. Wer auf die Daten sieht, sieht ein Aufbauwerk, das die Lücke, die es schließen soll, nicht in den 2020er Jahren schließen wird.

Im BMVg sitzen zwanzig bis fünfundzwanzig Menschen unter der Leitung eines Generalmajors, die diesen Krieg aus deutscher Sicht koordinieren. Sie arbeiten sieben Tage die Woche. Sie führen, wie Freuding selbst gesagt hat, „Crowdfunding-Veranstaltungen“ für Drohnen durch, weil das normale Beschaffungssystem nicht liefert, was die Front braucht. Das ist die Bundesrepublik im vierten Jahr der Zeitenwende.