Veröffentlicht im Juli 2026

Merz warnt vor Social Media – die Nachrichtenrealität zeigt: noch hat er recht

Lesezeit: 7 Minuten

Berlin, 15. Juli 2026, Bundespressekonferenz, kurz vor der Sommerpause. Bundeskanzler Friedrich Merz tritt vor die Hauptstadtpresse, gut gelaunt, wie mehrere anwesende Journalisten festhalten – der letzte große Auftritt vor Wochen ohne Termine. Die Umfragewerte seiner Partei liegen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern deutlich hinter denen der AfD, die Landtagswahlen im September rücken näher. Merz räumt ein, die Reformen dauerten länger als geplant. Dann wendet er sich direkt an eine Wählergruppe, die er sonst selten in dieser Form adressiert:

„Schaut genau hin, lasst euch nicht von Social-Media-Aktivitäten, egal wo sie stattfinden, allein informieren, sondern guckt hin, was die Bundesregierung versucht, auf den Weg zu bringen.“

Friedrich Merz, Sommerpressekonferenz, 15. Juli 2026

Ein Bundeskanzler, der sich in einer Pressekonferenz gezielt an die Wählerschaft der stärksten Oppositionspartei wendet und ihr empfiehlt, welchen Informationsquellen sie vertrauen sollte – und welchen nicht allein. Die Frage, die sich daraus stellt, ist keine rhetorische: Wie informieren sich Menschen in Deutschland tatsächlich, und was verrät der Umstand, dass ein Regierungschef diese Frage selbst zum Wahlkampfthema macht?

Der Reuters Institute Digital News Report 2026, verantwortet für Deutschland vom Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut, liefert die Antwort – und sie fällt komplizierter aus, als Merz‘ Appell nahelegt. 59 Prozent der erwachsenen Onliner sehen mindestens einmal wöchentlich eine lineare Fernsehnachrichtensendung. Social Media als Nachrichtenquelle nutzen 36 Prozent, als wichtigste Quelle überhaupt nur 18 Prozent – ein neuer Höchstwert, aber weit von einer Mehrheit entfernt. Global haben Social Media und Videoplattformen die Nachrichten-Websites 2026 erstmals überholt (54 zu 51 Prozent); Deutschland hinkt diesem Trend deutlich hinterher.

Die ARD/ZDF-Medienstudie 2025 bestätigt den Befund aus einer zweiten, methodisch unabhängigen Quelle: 74 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren sehen wöchentlich lineares Fernsehen, das Radio erreicht mit 78 Prozent sogar noch mehr. Merz‘ Appell trifft also, gemessen an der Gesamtbevölkerung, keine Mehrheit, die sich bereits überwiegend über Social Media informiert – er trifft eine Minderheit, die aber wächst.

Die Jugendlichen von  18 bis 24 Jahre wenden sich Social Media zu

Der eigentliche Befund liegt nicht in der Gesamtbevölkerung, sondern in der jüngsten befragten Altersgruppe. Bei den 18- bis 24-Jährigen ist Social Media laut Reuters-Report mit 60 Prozent Nutzung bereits die meistgenutzte Nachrichtenquelle überhaupt – vor Fernsehen und Nachrichtenseiten. 17 Prozent dieser Gruppe nutzen Social Media als einzige Nachrichtenquelle. Allerdings weist das Hans-Bredow-Institut selbst darauf hin, dass dieser Wert aus einer separat gezogenen Stichprobe stammt und methodisch weniger belastbar ist als die übrigen Ergebnisse der Studie – ein Hinweis, den Merz‘ Appell an „die AfD-Wähler“ pauschal überspringt, da er keine Altersgruppe benennt.

Diese Bruchstelle ist kein neues Phänomen, sondern seit Jahren dokumentiert. Bereits eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zur Legitimation des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stellte fest, dass Menschen unter 25 Jahren durch das lineare Programm von ARD und ZDF kaum noch erreicht werden – obwohl sie den Rundfunkbeitrag zahlen und ebenso ein Recht auf die Inhalte haben wie jede andere Altersgruppe. Die Studie zieht daraus eine bemerkenswerte Konsequenz für die Legitimationsfrage: Der Rundfunkbeitrag rechtfertigt sich demnach allein durch die Qualität des Angebots, nicht durch die Quote. Genau diese Trennung von Legitimation und tatsächlicher Reichweite gerät unter Druck, sobald – wie der Reuters-Report zeigt – eine ganze Generation ihre Hauptquelle strukturell woanders findet.

Wissenschaftlich lässt sich diese Aufspaltung als das beschreiben, was Jürgen Habermas den Strukturwandel der Öffentlichkeit nennt: Die Legitimation politischer Kommunikation verschiebt sich mit jeder Generation weiter von der linearen, redaktionell kuratierten Öffentlichkeit hin zu algorithmisch sortierten, plattformgebundenen Räumen. Ein Appell, der sich an „die Wählerinnen und Wähler der AfD“ richtet, ohne diese demografische Bruchlinie zu benennen, adressiert damit ein Problem, das in Wahrheit ein Generationenproblem ist.

Die Reichweite der Altparteien sinkt

Der Kanzler bittet AfD-Wähler, sich nicht allein von Social Media, sondern auch von dem informieren zu lassen, „was die Bundesregierung versucht, auf den Weg zu bringen“. Der Satz setzt voraus, dass Regierungskommunikation und öffentlich-rechtliche Berichterstattung eine neutrale, alternative Informationsquelle darstellen – eine Prämisse, die selbst zur Disposition steht, wenn Vertrauen in Nachrichten insgesamt bei nur 46 Prozent liegt, wie der Reuters-Report für Deutschland ausweist.

Eine Regierung führt aus, was der Parteienstaat an Kommunikationsbedarf erzeugt; wechselt die Regierung, bleibt die strukturelle Abhängigkeit öffentlich-rechtlicher Legitimation von linearen Einschaltquoten bestehen. Diese Abhängigkeit gerät ins Wanken, sobald eine wachsende Wählergruppe ihre Informationen woanders bezieht – unabhängig davon, welche Partei sie wählt. Der Appell des Kanzlers an die AfD-Wählerschaft ist insofern auch ein Symptom: das eines Systems, das um die schwindende Reichweite seiner eigenen Kommunikationskanäle weiß.

Die Mehrheit informiert sich in Deutschland noch klassisch – aber die Generation, die das ändert, ist bereits am Wählen.

Nachrichtennutzung Deutschland 2026
TV wöchentlich
74 % (ARD/ZDF) · 59 % Nachrichtensendung (Reuters)


Radio wöchentlich
78 % (ARD/ZDF)


Social Media als Nachrichtenquelle
36 % gesamt, 60 % bei 18–24-Jährigen


Social Media als wichtigste Quelle
18 % (neuer Höchstwert)


Allgemeines Nachrichtenvertrauen
46 %


Quellen
Reuters Institute Digital News Report 2026 (Hans-Bredow-Institut); ARD/ZDF-Medienstudie 2025; KAS-Studie „Legitimation in digitalen Zeiten“

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