Nationalismus

Kurzdefinition:

Nationalismus bezeichnet die politische Ideologie, die die Nation zum obersten Bezugspunkt staatlichen Handelns und kollektiver Identität erhebt. Er beansprucht, dass jede Nation einen eigenen Staat haben solle und dass Loyalität zur Nation andere Bindungen — religiöse, dynastische, klassenbezogene — überwiegt. Im deutschsprachigen Diskurs ist der Begriff seit 1945 durchgehend negativ konnotiert und gilt als Gegenbegriff zum Patriotismus. Diese Wertung ist verbreitet, aber nicht universell.

Historischer Ursprung:

Der Nationalismus ist eine Erfindung der Moderne. Der Sozialanthropologe Ernest Gellner und der Historiker Eric Hobsbawm haben gezeigt, dass die Vorstellung, die Welt zerfalle „natürlich“ in Nationen, ein Produkt des 18. und 19. Jahrhunderts ist. Vor der Französischen Revolution kannten die meisten europäischen Untertanen keine Nation, sondern Dynastien, Stände und Konfessionen. Die Französische Revolution macht aus dem Untertanen den Staatsbürger und aus dem Königreich die Nation. Der Philosoph Johann Gottfried Herder liefert die kulturelle Variante: Nation als Sprach- und Kulturgemeinschaft, als gewachsenes Volk mit eigenem Charakter. Die Befreiungskriege gegen Napoleon übersetzen diese Ideen ins Politische — der Publizist Ernst Moritz Arndt, der Turnvater Friedrich Ludwig Jahn und die Burschenschaften prägen einen frühen deutschen Nationalismus, der zunächst eine liberale, antifeudale Bewegung ist.

Kontext:

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verschiebt sich der Begriff. Aus dem emanzipatorischen Nationalismus von 1848 wird nach 1871 ein integraler Staatsnationalismus, der die Reichsgründung absichert. Nach 1890 radikalisiert sich der Diskurs: der Historiker Heinrich von Treitschke, der Alldeutsche Verband und später die völkische Bewegung verbinden Nation mit Rasse, Lebensraum und Geltungsanspruch. Der Historiker Hans Kohn unterscheidet 1944 idealtypisch zwischen einem „westlichen“ staatsbürgerlichen Nationalismus (Frankreich, Großbritannien, USA), der die Nation politisch über Verfassung und Staatsbürgerschaft definiert, und einem „östlichen“ ethnischen Nationalismus (Deutschland, Osteuropa), der sich über Abstammung, Sprache und Kultur konstituiert. Der Soziologe Rogers Brubaker kritisiert diese Dichotomie als zu schematisch: Auch der französische Nationalismus enthalte ethnische Komponenten, der deutsche staatsbürgerliche. Der Politologe Benedict Anderson prägt mit Imagined Communities die These, Nationen seien „vorgestellte Gemeinschaften“ — real in ihrer Wirkung, aber nicht naturwüchsig.

Heutige Verwendung und Loreley-Einordnung:

Die negative Bestimmung des Nationalismus als Gegenbegriff zum Patriotismus etabliert sich nach 1945. Der Schriftsteller George Orwell zieht 1945 in Notes on Nationalism die Trennlinie funktional: Patriotismus sei defensiv — die Verbundenheit mit einer als gut empfundenen Lebensform; Nationalismus sei offensiv — der Wille zur Machtsteigerung der eigenen Gruppe auf Kosten anderer. Diese Unterscheidung wird im Westen kanonisch. Konservative und kommunitaristische Denker — der britische Philosoph Roger Scruton, der französische Politologe Pierre Manent, der israelische Philosoph Yoram Hazony — kritisieren die pauschale Verurteilung: Nationalismus sei historisch die Voraussetzung für demokratische Selbstbestimmung gewesen; die Alternative sei nicht Frieden, sondern imperiale Ordnung. Im französischen Diskurs ist der Begriff weniger belastet: nationalisme kann dort auch eine republikanische Tugend bezeichnen — die Verteidigung der nationalen Souveränität gegen supranationale Strukturen. Charles de Gaulle ist in dieser Tradition Nationalist im positiven Sinn. In Deutschland hat sich nach 1945 eine durchgehend pejorative Verwendung etabliert. „Nationalist“ ist im öffentlichen Sprachgebrauch nahezu deckungsgleich mit „völkisch“ oder „rechtsextrem“. Diese semantische Engführung ist im internationalen Vergleich ungewöhnlich. Polnische, ungarische, israelische oder amerikanische Selbstbeschreibungen als nationalistisch sind alltäglich und politisch nicht stigmatisiert. Die Asymmetrie hat Folgen: Sie erschwert eine differenzierte Analyse. Phänomene, die andernorts als legitime nationalstaatliche Interessenwahrnehmung gelten, werden im deutschen Diskurs oft als Rückfall in den Nationalismus markiert. Die Trennlinie Patriotismus/Nationalismus, die dieser Markierung dient, ist selbst historisches Produkt — wer sie übernimmt, übernimmt eine Wertungstradition mit.

Quellenbasis:

Ernest Gellner: Nations and Nationalism, Blackwell 1983
Eric J. Hobsbawm: Nations and Nationalism since 1780, Cambridge UP 1990
Benedict Anderson: Imagined Communities, Verso 1983
George Orwell: Notes on Nationalism, Polemic 1945
Yoram Hazony: The Virtue of Nationalism, Basic Books 2018

Zahlen, Daten, Fakten

Begriffsherkunft: lateinisch natio — Geburt, Abstammung

Entstehung als politische Ideologie: spätes 18. Jahrhundert

Klassische Typologie: Hans Kohn, 1944 (West vs. Ost)

Kanonische Trennung zu Patriotismus: George Orwell, 1945

Wertungsstand im deutschen Diskurs: durchgehend negativ

Wertungsstand international: uneinheitlich (Frankreich, USA, Israel, Indien teils positiv)

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