Veröffentlicht im Juni 2026

85. Todestag Wilhelm II.: Der Deutsche Kaiser, der den Nationalsozialismus ablehnte

Lesezeit: 17 Minuten

Am 4. Juni 1941, gegen Mittag, starb in einem Landhaus bei Utrecht ein 82-jähriger Mann an einer Lungenembolie. Es war der letzte deutsche Kaiser. Sein Sterbeort lag in einem von der Wehrmacht besetzten Land, sein Begräbnis fand unter den Augen eines Regimes statt, das er verachtete und das ihn verachtete — und um keinen seiner letzten Wünsche wurde so erbittert gerungen wie um die Frage, wer diesen Toten für sich beanspruchen dürfe.

Das ist die Spannung, in der das nachstehende Dokument zu lesen ist. Es handelt sich um die Abschrift eines Privatbriefs aus dem Jahr 1941, verfasst von einem bis heute namentlich nicht bekannten Autor, der die Beisetzung nicht selbst miterlebte, sondern nach Berichten von Teilnehmern rekonstruierte. Der Brief ist kein neutrales Protokoll. Er ist ein monarchistisch grundiertes Zeugnis von tiefer persönlicher Ergriffenheit — und gerade darin doppelt aufschlussreich: in dem, was er erzählt, und in dem, was er ausspart.

Die testamentarische Absage an Hitler

Wilhelm II. hatte seinen Begräbnisritus nicht 1941 festgelegt, sondern bereits Weihnachten 1933 — wenige Monate nach Hitlers Machtübernahme. Die zeitliche Nähe ist kein Zufall. In seinem letzten Willen bestimmte er, im niederländischen Exil bestattet zu werden, falls in Deutschland die Monarchie bis zu seinem Tod nicht wiederhergestellt sei. Die Anweisung war unmissverständlich: militärische Feier, Gesang, Gebet — aber keine Hakenkreuzfahnen, keine Trauerrede, keine Kränze. Die Bibelstellen für die Aussegnung wählte er selbst aus.

Das war eine bewusste Verweigerung. Der entthronte Monarch wollte sein Begräbnis dem Zugriff der neuen Machthaber entziehen. Er, der das Reich verkörpert hatte, weigerte sich, von Berliner Boden bedeckt zu werden, solange Hitler dort herrschte. Der fromme Protestant, der sich zeitlebens als Bewahrer einer dynastisch-christlichen Ordnung verstand, sah im Nationalsozialismus keinen Erben, sondern einen Usurpator.

Seine Distanz war nicht erst nachträgliche Stilisierung. Als das Regime im Zuge der Nacht der langen Messer Ende Juni 1934 den letzten Reichskanzler vor Hitler, Kurt von Schleicher, und dessen Frau Elisabeth ermorden ließ, reagierte Wilhelm im Exil mit einer Bemerkung, die der Biograf John Röhl überliefert. In der englischen Übersetzung, in der sie zirkuliert, heißt es sinngemäß: Man lebe nicht mehr im Rechtsstaat, und jeder müsse darauf gefasst sein, dass die Nationalsozialisten eindringen und einen an die Wand stellen. Ein deutscher Originalwortlaut der Äußerung ist nicht gesichert überliefert; die Aussage ist über die englischsprachige Rezeption, insbesondere die englische Wikipedia nach Röhl, dokumentiert. Auch nach der Pogromnacht im November 1938 äußerte sich Wilhelm mit Abscheu über das Regime und distanzierte sich von seinem nationalsozialistisch gesinnten Sohn August Wilhelm.

Hitler wiederum hatte eigene Pläne mit dem toten Kaiser. Trotz persönlicher Abneigung wollte er den Leichnam nach Berlin holen und mit einem Staatsbegräbnis inszenieren — Wilhelm als Symbol des deutschen Weltkriegseinsatzes, eingespannt in die eigene Kriegspropaganda, wenige Wochen vor dem Überfall auf die Sowjetunion. Überliefert ist, dass Hitler verärgert darüber gewesen sei, dass dem Kaiser am Torhaus von Haus Doorn deutsche Soldaten eine Ehrenwache stellten, und beinahe den verantwortlichen General abgesetzt hätte — eine Anekdote, die sich bis heute in der englischsprachigen Wikipedia findet, ohne dass ein Einzelnachweis sie stützt oder den General benennt. Der dokumentierte Kern dahinter ist härter: Der Streit um den Sarg war ein Streit um die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte.

Was der Brief verschweigt — und warum man es ihm nachsehen darf

Hier wird das nachstehende Dokument als historische Quelle interessant. Es schildert eine Feier von preußischer Schlichtheit und hoher Würde, militärisch knapp, von Trauer durchdrungen. Diese Darstellung deckt sich in einem entscheidenden Punkt nicht mit dem, was andere Quellen über die Beisetzung berichten.

Erstens die Kränze. Der Brief beschreibt einen Trauerzug voller Kränze — einen Führerkranz an der Spitze, dahinter die Kränze der Kaiserin, des Kronprinzen, der Wehrmacht-Oberbefehlshaber. Wilhelms Testament hatte Kränze ausdrücklich untersagt. Wo der Brief Würde beschreibt, dokumentiert andere Quellen den Bruch des kaiserlichen Wunsches durch das Regime, das sich zeremoniell hineindrängte.

Zweitens den prominentesten Trauergast, den der Brief nicht nennt: Arthur Seyß-Inquart, Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete, später in Nürnberg zum Tode verurteilt. Seine Anwesenheit markiert, was der Brief ungesagt lässt — dass dieses Begräbnis kein privates Familienereignis war, sondern unter der Aufsicht des Besatzungsregimes stattfand.

Drittens, und am gravierendsten: die Hakenkreuzfahnen. Wilhelm hatte sie in seinem Testament wörtlich untersagt. Das Regime ignorierte auch diesen Wunsch. Auf den Aufnahmen, die ein niederländischer Fotograf von der Beisetzung machte, sind die verbotenen NS-Insignien zu sehen; nach mehreren Darstellungen sorgte Hitler eigens dafür, dass sie in Erscheinung traten.

Diese Vereinnahmung in Doorn hatte ihr Gegenstück im Reich — und zwar Schweigen. Während das Regime sich an den Sarg drängte, untersagte es zugleich jede öffentliche Trauer in Deutschland. Es gab keinen Staatsakt, keine Gedenkfeier; selbst die Soldaten- und Kriegervereine, in denen das monarchische Andenken am lebendigsten war, durften nach allem, was überliefert ist, nicht des toten Kaisers gedenken. Die Nationalsozialisten fürchteten, ein öffentliches Trauern könne monarchistische Sympathien wecken, die sich gegen ihren eigenen Alleinvertretungsanspruch richten ließen. So zeigt sich dieselbe Hand in zwei entgegengesetzten Gesten: Im Reich wurde der Kaiser totgeschwiegen, in Doorn mit Kranz und Hakenkreuz vereinnahmt. Beides diente demselben Zweck — der Kontrolle darüber, was dieser Tote bedeuten durfte.

In allen drei Punkten zeigt sich dasselbe Muster: Die Nationalsozialisten drängten sich in eine Feier, an der teilzunehmen ihnen der Tote ausdrücklich verboten hatte. Wilhelm II. hatte testamentarisch eine Beisetzung ohne ihre Symbole, ohne ihre Kränze, ohne ihre Vertreter verfügt. Sie kamen ungefragt, mit Fahnen und Reichskommissar, und machten aus dem Begräbnis eines Mannes, der sich ihrer Vereinnahmung bis zuletzt entzogen hatte, eine halb okkupierte Bühne.

Daraus dem Briefschreiber einen Vorwurf zu machen, hieße ihn misszuverstehen. Sein Text ist, aus welchen Gründen auch immer, keine lückenlose Wiedergabe der Ereignisse. Aber er ist erkennbar von dem Wunsch getragen, das Begräbnis so zu überliefern, wie Wilhelm es sich gewünscht hätte — schlicht, preußisch, christlich, frei von den Insignien des Regimes. Der mutmaßlich kaisertreue Verfasser schreibt nicht die Beisetzung auf, die stattfand, sondern die, die dem letzten Willen des Kaisers entsprochen hätte. Das ist kein Fälschen, sondern eine Form der Pietät: die Treue zum Toten, ausgedrückt als Treue zu seinem Wunsch. Man kann ihm daraus schwerlich einen Strick drehen.

Was bleibt, ist ein doppeltes Zeugnis. Der Brief überliefert die Beisetzung, wie das monarchistisches Milieu sie sehen wollte. Der historische Befund überliefert, was tatsächlich geschah. Beide nebeneinander gelesen, ergeben das genauere Bild — und machen die Spannung sichtbar, in der dieser Tote lag: zwischen einem Regime, das ihn einverleiben wollte, und einem letzten Willen, der genau das verweigerte.

Der nachstehende Text ist überliefert als anonymer Essay „Der Tod Kaiser Wilhelms II.“, Abschrift eines Privatbriefs aus dem Todesjahr 1941. Dokumentiert ist er in der Essay-Sammlung des Portals wilhelm-der-zweite.de sowie als Digitalisat in der Deutschen Digitalen Bibliothek. Die folgende Wiedergabe ist wortgetreu; korrigiert wurden ausschließlich offensichtliche Übertragungsfehler in Eigennamen, Daten und Orthografie.

Tod und Beisetzung Kaiser Wilhelms II.

Der folgende Bericht stammt von einem bisher unbekannten Autor und ist eine Abschrift aus einem Privatbrief aus dem Jahr 1941.

Nun komme ich endlich dazu, Ihnen einmal im Zusammenhang etwas zu schreiben über das Ende und die Beisetzung unseres so schnell heimgegangenen Kaisers — allerdings nicht als Augen- oder Ohrenzeuge, wohl aber nach Erzählung von Zeugen und Teilnehmern, die nun aus Doorn zurückgekehrt sind. Es wird Ihnen wohltun, dass ich zwei Tatsachen an die Spitze stellen kann, über die auch ich herzlich Genugtuung empfinde. Der Kaiser ist, wie sich die Kaiserin Hermine ausdrückte, als wahrer Christ und Soldat — tapfer und ergeben, liebevoll bis zuletzt — in die Ewigkeit gegangen.

Die zweite Tatsache betrifft seine Beisetzung. Alles, was ich von den verschiedensten Seiten darüber hörte, stimmt darin überein, dass diese Feier von höchster Würde war. Die Teilnehmer waren von ihr geradezu erfüllt.

Über die letzte Zeit des Kaisers hatte ich Ihnen bereits persönlich einiges mitgeteilt. Was ich weiter erfuhr, ist eine Ergänzung in manchen Punkten. Jener plötzliche Schwächeanfall vom 1. März war also wirklich der Anfang vom Ende. Dieser Anfall war nur kurz gewesen. Man meint, dass vielleicht der Witterungsumschlag dabei einen ungünstigen Einfluss geübt hätte. Besorgniserregende Anzeichen konnte der Leibarzt Dr. Saar jedoch nicht feststellen. Als sich Dr. Saar verabschiedete, brach er plötzlich vor den Augen des Kaisers zusammen, von einem Schlaganfall betroffen. Man brachte ihn sofort in das Krankenhaus nach Utrecht, wo er noch heute liegt und die Sprache nicht wiedergefunden hat. Auf den Kaiser machte dieser Vorfall einen sehr starken Eindruck. Indessen besserte sich aber sein Zustand wieder. Da trat in der zweiten Hälfte des Mai eine Wendung ein. Der Kaiser konnte nicht mehr in seinem geliebten Park gehen und die wundervolle Blütenpracht draußen nicht mehr genießen. Wahrscheinlich begünstigt durch den Mangel an Bewegung, nahm ein Darmleiden, das sich eingestellt hatte, seinen Verlauf. Endlich rief die Kaiserin Hermine die Familie herbei. Die Kinder kamen, um bei dem Kranken nicht aufzufallen, einzeln als Pfingstbesuch. Am 27. Mai trat eine überraschende, deutliche Besserung ein, so dass die Seinigen beruhigt wieder abreisen konnten. Nur die Herzogin Viktoria Luise, die so lange nicht in Doorn war, wollte bei ihrem Vater bleiben.

Am 3. Juni vormittags konnte von weiteren Fortschritten berichtet werden. Natürlicher Schlaf und Nahrungsaufnahme hoben sich. Alle glaubten, dass der Kaiser nunmehr langsam seiner Genesung entgegengehe. Aber an diesem selben Tage abends meldeten sich ganz unvermittelt überaus bedrohliche Anzeichen. Sehr schmerzhafte Atembeschwerden stellten sich plötzlich ein, die Temperatur stieg. Kaiser Wilhelm musste nun damit rechnen, dass sein Ende nah sei. Er ließ durch die Krankenschwester die Kaiserin ans Bett rufen, und nun nahm der Kaiser ganz in der alten, feinen, ritterlichen Weise, mit der er im Leben immer den Frauen gegenübertrat, Abschied von seiner Gemahlin und dankte ihr für alles, was sie ihm in den nunmehr 18 Jahren seiner zweiten Ehe gegeben habe. Als dann seine Tochter, die Herzogin Viktoria Luise, ans Bett trat, war der Kaiser schon in Bewusstlosigkeit verfallen. 17 Stunden lebte er noch, ohne jedoch noch einmal zum Bewusstsein zu kommen. In diesen bangen Stunden blieb Herzogin Viktoria Luise dauernd bei ihm und ließ die Hand nicht mehr von seinem Pulse. Am Mittwoch, dem 4. Juni vormittags, verschied der Kaiser infolge einer Lungenembolie. Er starb, so erzählte sein Flügeladjutant Graf von Moltke, im festen Glauben an den Erlöser. Sein letzter Gedanke galt dem heißgeliebten Vaterland.

Über die Beisetzung konnte ich mit verschiedenen Teilnehmern an der Feier sprechen. Der Kaiser hatte selbst darüber verfügt, dass er zunächst in der kleinen Kapelle im Park beizusetzen sei. Zugleich hatte er einen Platz bestimmt, auf dem später eine kleine Gruftkapelle errichtet werden soll. Es ist dies ein schön gelegenes Plätzchen, denn unter seinen Bäumen, inmitten seiner Blumenanlage wollte er einmal liegen. Für die nächsten Angehörigen und die Nächstbeteiligten stand auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin am Sonntag, dem 8. Juni, ein Sonderzug bereit, dem — von Stettin kommend — ein dem Generalfeldmarschall von Mackensen gestellter Salonwagen angehängt war. Unterwegs hatte der Zug wegen Fliegeralarms bei Hagen eine Stunde unfreiwilligen Aufenthalt. Früh morgens kam der Zug in Utrecht an.

Im bereitstehenden Kraftwagen wurden die Herrschaften sofort nach Doorn gebracht. Eine große Menschenmenge säumte dort die Straße. Es war ein trauriger Einzug in Haus Doorn. Im Esszimmer stand der Sarg, bedeckt mit der Kaiserstandarte, inmitten einer Fülle kostbarster Kränze und Blumen aufgebahrt. Die Söhne und Enkel des Kaisers bildeten eine Ehrenwache um den Sarg.

Allmählich fanden sich die anderen Damen und Herren der Familie zusammen. Rechts vom Sarge saßen die Kaiserin Hermine und die Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hauses, auf der anderen Seite unter anderem Feldmarschall von Mackensen, Offiziere als Vertreter des Königs von Bulgarien und des ungarischen Reichsverwesers von Horthy. Punkt 11 Uhr begann die Trauerfeier, die sehr kurz und schlicht war.

Hofprediger Dr. Döhring sagte nach einer kurzen Einleitung, dass der Kaiser bestimmt habe, dass über ihn selbst nichts gesagt werden dürfe, dass allein Gottes Wort zu der Trauergemeinde sprechen solle, und zwar durch eine Reihe von Bibelstellen, die Seine Majestät selber festgelegt habe. Diese Schriftvorlesung nahm Dr. Döhring nunmehr vor.

Nunmehr wurde der Sarg hinausgetragen. Der Kaiser verließ für immer das Haus, das ihm so viele Jahre Heim gewesen war — Heim in der Fremde. Über die bekannte Freitreppe hinunter ging es. Man hob den Sarg auf den Kraftwagen des Kaisers; das unter dem Befehl des Obersten von Gersdorff aufmarschierte Ehrenbataillon aus allen drei Wehrmachtteilen präsentierte, und die Musik stimmte den alten Choral an „Jesus, meine Zuversicht, und mein Heiland ist im Leben“. Dann bildete sich der Trauerzug, und der Wagen, begleitet von einer großen Schar, fuhr den alten Herrn die letzte Fahrt zur ewigen Ruhe. Die Spitze des Zuges bildete Admiral Eschenburg. Dann folgten vier Soldaten mit dem riesigen Kranz aus Maiglöckchen und weißem Rhododendron, dann die Kränze der Kaiserin und des Kronprinzen, der übrigen Familienmitglieder, ferner die Kränze der Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtteile, des Chefs des Oberkommandos der Wehrmacht, der verschiedenen Abordnungen der Dienerschaft. Hierauf folgte Generalgraf von der Goltz, der den Marschallstab des Kaisers trug, dann der langjährige Flügeladjutant, der dem Kaiser bis zum Tode zur Seite gestanden hat, Graf Moltke mit dem großen Ordenskissen, dahinter Hofprediger Dr. Döhring, dann der Wagen mit dem Sarge, neben dem der alte Leibdiener schritt. Den Zipfel des Bahrtuches hielten der Generalbevollmächtigte des königlichen Hauses, General von Dommes, der Flügeladjutant Major Freiherr von Sell, der frühere Flügeladjutant Oberstleutnant Hoeness und der Flügeladjutant Hauptmann von Ilsemann.

Unmittelbar hinter dem Sarg schritten der Kronprinz mit der Kaiserin, denen sich der engere Familienkreis anschloss. Die Gemeinde hatte als letzten Gruß die Grabenbrücke im Haus Doorn, die der Trauerzug passierte, mit Blumen schmücken lassen. Während des Trauerzuges spielte die Musik „Wenn ich einmal soll scheiden, so harre meine Seele“. An der Kapelle empfing den Zug das Ehrenbataillon, und die Musik ließ das alte Lutherlied „Eine feste Burg ist unser Gott“ erklingen, in das die ganze Versammlung einstimmte. Wiederum traten die Söhne und Enkel in die Kapelle und bildeten die Ehrenwache. Der Kronprinz trat mit Ihrer Majestät und dem Generalfeldmarschall von Mackensen ebenfalls ein, und dann nahm Hofprediger Dr. Döhring die Aussegnung vor.

Danach ergriff er eine goldene Schale, mit deutscher Erde gefüllt, und schüttete sie über den Sarg des in der Fremde gestorbenen deutschen Kaisers. Es war Potsdamer Erde, und Dr. Döhring brachte sie als einen Gruß der im Tode vorangegangenen Kaiserin Auguste Viktoria.

Mein Freund, der mir diese Szene erzählte, fügte hinzu, es sei dies für ihn und alle, die es sahen, der ergreifendste Vorgang gewesen, und in vieler Männer Augen blitzten Tränen. Auch als im Hause der alte Mackensen vortrat, den Sarg seines alten Preußenkönigs und kaiserlichen Herrn zärtlich streichelte, war alles auf das Tiefste ergriffen. Der Marschall blieb in stillem Gebet vor dem Sarge, und damit war die Feier für Kaiser Wilhelm II. beendet — schlicht, militärisch kurz, preußisch, sachlich und doch von hoher Würde. Die Truppe marschierte ab mit dem Yorckschen Marsch. Dann begaben sich die Trauergäste ins Haus zurück, wo die kaiserliche Familie die Beileidsbekundungen entgegennahm. Der Sonderzug verließ am Abend wieder Utrecht und traf nach einer zweiten Reisenacht pünktlich wieder in Berlin ein. Park und Gärten von Haus Doorn lagen in unbeschreiblicher Frühlingsherrlichkeit. Über der ernsten Feier strahlten ungetrübte Schöne, der blaueste Himmel — Hohenzollernwetter. Kaiser Wilhelm ruht aus.

Wilhelm II. — Tod und Beisetzung

Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen
Letzter Deutscher Kaiser und König von Preußen
* 27. Januar 1859 in Berlin
† 4. Juni 1941 in Doorn, Niederlande

Regierungszeit
15. Juni 1888 bis zur Abdankung am 9. November 1918

Tod
4. Juni 1941, gegen Mittag, im Exil auf Haus Doorn — Lungenembolie, im 83. Lebensjahr.

Beisetzung
9. Juni 1941, im engsten Kreis, in einer Kapelle im Park von Haus Doorn; später Überführung in das nach eigenen Zeichnungen errichtete Mausoleum.

Testamentarische Verfügung (1933)
Bestattung im Exil, solange in Deutschland die Monarchie nicht wiederhergestellt ist. Ausdrücklich verfügt: keine Hakenkreuzfahnen, keine Trauerrede, keine Kränze; selbst gewählte Bibelstellen.

Quellen zum Brief
→ Essay-Edition, wilhelm-der-zweite.de
→ Digitalisat, Deutsche Digitale Bibliothek
→ Letzter Wille im Wortlaut