
Veröffentlicht im Juni 2026
Der unerklärte Krieg der Eliten gegen die Weltbevölkerung
Lesezeit: 10 Minuten
Vor zwei Jahren kam Julian Assange frei. Am 24. Juni 2024 verließ er das Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh – 1.901 Tage hatte er dort verbracht, davor sieben Jahre in der ecuadorianischen Botschaft, davor Hausarrest. Zwei Tage später, in einem Gerichtssaal auf der pazifischen Insel Saipan, sprach ihn eine US-Richterin frei – gegen ein Schuldbekenntnis. Assange bekannte sich einer einzigen Anklage schuldig: der Verschwörung zur Beschaffung und Verbreitung von Verschlusssachen. Er war der erste Publizist der Geschichte, gegen den der amerikanische Espionage Act von 1917 angewandt wurde. Nicht für Spionage. Für Veröffentlichung.
Es lohnt, an diesem Jahrestag nicht nur an den Verfolgten und Freiheitskämpfer zu erinnern, sondern an das, was er sagte. Denn das eigentlich Bemerkenswerte an Assange ist nicht nur sein Schicksal. Es sind zwei Sätze, die er Jahre vor seiner Verhaftung aussprach – Sätze, die Aussagen enthalten, die so scharf und damit so gefährlich sind wie ein Schwert.
Die Rede, die jeden Tag gehalten werden könnte
Am 8. Oktober 2011 stand Assange auf dem Trafalgar Square. Die Stop the War Coalition hatte zum zehnten Jahrestag ihrer Gründung geladen, neben ihm sprachen George Galloway, Jemima Khan, John Pilger. Assange redete sieben Minuten. Er begann mit einer Anleihe bei Margaret Thatcher und drehte sie um.
Thatcher hatte einst gesagt, es gebe keine Gesellschaft, nur Individuen. Assange griff den Satz auf und gab ihm eine andere Stoßrichtung:
„Die Realität ist – Margaret Thatcher hatte recht: Es gibt keine Gesellschaft mehr. Was es gibt, ist eine transnationale Sicherheitselite, die damit beschäftigt ist, die Welt mit eurem Steuergeld unter sich aufzuteilen. Um diese Elite zu bekämpfen, dürfen wir nicht petitionieren – wir müssen sie übernehmen. Wir müssen eigene Netzwerke der Stärke und des gemeinsamen Werts bilden, die jenen Stärken und eigennützigen Werten der Kriegstreiber entgegentreten können – in diesem Land und in anderen, die Hand in Hand ein Bündnis geschlossen haben, um Geld aus den USA, aus jedem NATO-Staat, aus Australien herauszuziehen und durch Afghanistan, Irak, Somalia, Jemen, Pakistan zu schleusen – und dieses Geld im Blut der Menschen zu waschen.“
Julian Assange, Trafalgar Square, London, 8. Oktober 2011 (Transkript · Video).
Lesen Sie diese Sätze noch einmal und versuchen Sie zu bestimmen, aus welchem Jahr sie stammen. Sie könnten von gestern oder heute sein. Genau das ist der Punkt. Sie beschreiben kein Ereignis, sie beschreiben ein Muster.
Drei Wörter für dieselbe Sache
Wer verstehen will, was Assange benannte, muss drei Begriffe auseinanderhalten, die übereinanderliegen wie Schichten.
An der Oberfläche liegt das Etikett. Die Kriege, von denen Assange sprach, wurden nie als das geführt, was sie waren. Sie hießen Verteidigung westlicher Werte, humanitäre Intervention, Schutz der Demokratie, Kampf gegen den Terror. Das ist die moderne Form der Kriegserklärung: eine, die keine sein will. 1914 benötigte der Erste Weltkrieg noch Mobilmachung und erklärte Gegner. Der Krieg, den Assange beschreibt, kommt ohne all das aus. Er findet überall auf der Welt statt und wird nirgends erklärt.
Man nennt diese Kriege heute gern Ressourcenkriege – und das stimmt, soweit es reicht. Öl, Pipelines, geostrategische Kontrolle, Einflusszonen: All das ist real und gut belegt. Aber der Begriff führt in die Irre, weil er suggeriert, es gehe um knappe Güter im fremden Land, um die man kämpft.
Erst in der untersten Schicht liegt das, was Assange tatsächlich sagte. Das Geld kommt nicht aus dem Zielland. Es kommt aus den USA, aus jedem NATO-Staat, aus Australien – aus den eigenen Bevölkerungen der kriegsführenden Nationen. Das angegriffene Land ist nicht die Beute. Es ist die Waschanlage. Afghanistan, der Irak, der Jemen das sind die Orte, an denen das Steuergeld der zahlenden Völker im Blut der Menschen gewaschen wird, bevor es bei den Finanz-, Tech-, Politik- und Rüstungseliten ankommt. Der Krieg führt nicht zu einer Umverteilung. Er ist die Umverteilung – von unten nach oben, getarnt als Außenpolitik.
Das ist der Umverteilungskrieg. Und seine schärfste Pointe ist nicht, dass Steuergeld in Waffen fließt. Es ist, dass der Feind erschaffen oder erfunden werden muss, damit der Transfer eine Begründung hat. Ohne Bedrohung kein Verteidigungshaushalt. Ohne Gegner keine Rechtfertigung für die Schleuse. Der „Feind“ ist keine Voraussetzung des Krieges, er ist sein Produkt.
Ein Sieg wäre das Ende des Geschäftsmodells
Es gibt eine zweite Aussage von Assange, ebenfalls aus dem Jahr 2011, die den Mechanismus vollendet. Er sagte sie über Afghanistan, und sie klingt zunächst wie ein Paradox:
„Das Ziel ist nicht, Afghanistan vollständig zu unterwerfen. Das Ziel ist, Afghanistan zu benutzen, um Geld aus den Steuergeldern der USA und Europas herauszuwaschen – durch Afghanistan hindurch und zurück in die Hände einer transnationalen Sicherheitselite. Das Ziel ist ein endloser Krieg, kein erfolgreicher Krieg.“
Damit fällt der letzte Schleier. Wer den Krieg als Umverteilung versteht, muss seinen Zeithorizont betrachten. Zwanzig Jahre Afghanistan waren kein militärisches Versagen, kein Sumpf, aus dem man nicht herausfand. Aus der Logik der Umverteilung betrachtet war er ein Erfolg – denn solange der Krieg lief, lief der Geld- und Vermögens-Transfer. Ein gewonnener Krieg wäre ein beendeter Krieg, und ein abgeschlossener Krieg generiert keinen Profit mehr. Der Sieg ist nicht das Ziel. Der Sieg wäre das Ende des Geschäfts.
Das erklärt, warum diese Kriege sich allen Erfolgskriterien entziehen, an denen man sie zu messen vorgibt. Sie sollen nicht gewonnen werden. Sie sollen dauern. Und als der Abzug aus Kabul 2021 in Bildern endete, die an Saigon erinnerten, floss das Geld längst anderswohin – das Umverteilungs- und Transfermodell pausiert nie, es wechselt nur den Ort, die Verkleidung und die politische Argumentation.
Der Krieg, der in einer anderen Form über die Menschheit kam
Es gibt die Versuchung, vom „dritten Weltkrieg“ zu sprechen, und es gibt die spekulative Variante dieser Rede, in der Weltkriege als langfristig geplante Inszenierungen erscheinen. Diese Variante ist hier nicht gemeint und sie würde Assanges Aussagen schwächen, denn Assange war kein Prophet. Er war Empiriker. Er sprach über 130.000 dokumentierte Tote im Irak, über Geldflüsse, über belegbare Ereignisse.
Im nüchternen Sinn aber lässt sich von einem unerklärten Weltkrieg sprechen – nicht als Voraussage, sondern als Beschreibung der Gegenwart. Der erste und der zweite Weltkrieg waren Kriege zwischen Mächten: sichtbar, erklärt, datierbar. Die im 21. Jahrhundert geführten Kriege verlaufen anders. Die Frontlinie liegt nicht mehr zwischen Ländern, sondern zwischen oben und unten – zwischen einer transnationalen Elite und den Bevölkerungen, deren Steuergeld sie verbrauchen und in deren Namen sie zu handeln vorgeben. Es ist ein Weltkrieg, dem Umfang nach: fünf Länder allein in Assanges Aufzählung, finanziert aus jedem NATO-Staat. Aber es ist kein Weltkrieg der Form nach. Keine Staaten als Gegner, keine offizielle Kriegserklärung.
Wer diese Kriege als das benennt, was sie sind, so wie es Assange getan hat, stört nicht den Kriegsverlauf. Er lässt die Tarnung auffliegen.
Bestrafe einen, erziehe tausende
Hier schließt sich der Kreis zur Verfolgung. Assanges Geschichte beginnt nicht mit seiner Verhaftung 2019, auch nicht mit der schwedischen Affäre 2010. Sie beginnt mit dem, was WikiLeaks weltweit sichtbar machte.
Am 5. April 2010 veröffentlichte WikiLeaks ein Video mit dem Titel „Collateral Murder“. Es zeigt, wie die Besatzung eines US-Apache-Kampfhubschraubers am 12. Juli 2007 im Bagdader Vorort New Baghdad mindestens zwölf Menschen erschießt, darunter zwei Reuters-Journalisten und, beim Beschuss eines zu Hilfe eilenden Kleinbusses, zwei schwer verletzte Kinder. Es war der zweite Irakkrieg, die laufende Besatzung nach der Invasion von 2003. Nicht der Hubschrauber tötete. Es waren zwei Soldaten, die in ihm saßen, die die Ziele anvisierten, um Feuererlaubnis erbaten und abdrückten. Und die danach in den eigenen Funkspruch hineinlachten.
— „Hahaha. Ich hab’ sie getroffen.“
— „Oh ja. Schaut euch diese toten Bastarde an.“
— „Nice.“
— „Nice.“
— „Guter Schuss.“
— „Danke.“Funkverkehr der Apache-Besatzung „Crazyhorse One-Eight“, New Baghdad, 12. Juli 2007 (Originaltranskript · Video).
In diesem Wortwechsel ist nicht das Töten das eigentlich Unfassbare – Krieg tötet. Es ist das Wort Nice (schön). Ein Mensch tötet einen anderen Menschen, sieht ihn über seine Videooptik sterben, und sein Wort dafür ist dasselbe, mit dem man einen gelungenen Wurf quittiert, einen guten Kaffee lobt, schöne Kleidung lobt. Darauf folgen „guter Schuss“ und ein „Danke“, als sei eine Arbeit erledigt worden, für die man Anerkennung verdient. Hier ist der Krieg nicht mehr Ausnahmezustand, sondern entmenschlichte Routine – ein blutiges Handwerk, mit Lob und Dank unter Kameraden. Genau diese kriegerische Normalität und die Verachtung für den Gegner sichtbar zu machen, dafür wurde WikiLeaks bestraft. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“, wie schon der römische Dichter Plautus wusste.
Als der Vater von zwei unter Feuer geratenen Kindern diese und weitere Verwundete mit seinem Kleinbus evakuieren wollte, bat dieselbe Helikopterbesatzung erneut um Feuererlaubnis. Sie wurde erteilt. Über die Kinder im Wagen fiel später der Satz, es sei selbst schuld, wer Kinder in eine Schlacht bringe.
Dieses Video, geliefert von der Whistleblowerin Chelsea Manning, war der Punkt, an dem die Verfolgung nicht nur Assanges begann. Nicht weil er ein Geheimnis preisgegeben hatte, das angeblich die nationale Sicherheit der USA gefährdete. Sondern weil der Mechanismus für einen Moment sichtbar wurde – die alltägliche, regelkonforme, durch „Rules of Engagement“ gedeckte Tötung, die den Krieg ausmacht, den niemand so nennen darf. Manning wurde verurteilt. Daniel Hale, der später Dokumente über den Drohnenkrieg weitergab, ebenfalls. Edward Snowden, der die NSA-Massenüberwachung offenlegte, floh außer Landes; sein Fall gehört in einen eigenen Zusammenhang und soll hier nur als Name stehen. Das Muster aber ist dasselbe: Bestraft wurde nicht das Verbrechen. Bestraft wurde dessen Sichtbarmachung.
Assange selbst sprach den entscheidenden Satz vor der Richterin in Saipan aus. Er habe als Journalist gearbeitet, sagte er, und seine Quelle ermutigt, ihm Material zu liefern; er glaube, der Erste Verfassungszusatz der US-Verfassung habe das geschützt. Er akzeptiere, dass ein solcher Fall unter den gegebenen Umständen schwer zu gewinnen sei. Das ist das Eingeständnis eines Mannes, der weiß, dass nicht seine Tat das Problem war, sondern die von ihm veröffentlichten Informationen.
Wer den Umverteilungskrieg benennt, wird verfolgt. Die Elite handelt nach einem Mao Zedong zugeschriebenen Wort: „Bestrafe einen, erziehe tausende.“ Und das ist, genau besehen, die Bestätigung von Assanges These. Eine Elite, die wertebasiert handelte, müsste solche Offenlegung nicht fürchten. Eine, die Umverteilungskriege führt, muss, um sie führen zu können, diejenigen bestrafen, die die Wahrheit sprechen. Assange ist seit zwei Jahren frei. Seine veröffentlichten geheimen militärischen und weiteren Informationen haben die Welt verändert.

