KI-generierte Illustration: Collage unter der Schlagzeile „Wo sind die SED-Milliarden?“. Links der SED-PDS-Parteitag 1989, rechts das Karl-Liebknecht-Haus, davor DDR-Geldscheine und eine Mappe „Zürich“. Zu sehen sind Einzelporträts von Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht, Oskar Lafontaine und Elif Eralp, jeweils mit Namensschild.
SED Millarden

Von der SED zur Linken: Gregor Gysi verhinderte im Dezember 1989 die Auflösung der Staatspartei, Oskar Lafontaine öffnete ihr 2005 den Westen, Sahra Wagenknecht spaltete sie 2023, Elif Eralp soll 2026 Berlin regieren. Rund 1,6 Milliarden Euro Parteivermögen hat die Unabhängige Kommission sichergestellt, über weitere Summen ist nichts bekannt. Bild: KI-generierte Illustration (Loreley-Blog), keine Originalaufnahme. Einzelporträts, kein gemeinsames Treffen.

Die Linke

Lesezeit: ca. 15 Minuten

Kurzdefinition:

Die Linke ist eine deutsche Partei mit Sitz im Karl-Liebknecht-Haus in Berlin. Rechtlich ist sie keine Neugründung. Sie ist dieselbe Partei, die 1946 als Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) entstand und die DDR vier Jahrzehnte lang beherrschte. Seit Dezember 1989 hat sie sich mehrfach umbenannt: in SED-PDS, in Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS), in Die Linkspartei.PDS und 2007 in Die Linke. Ihr eigener Bundesschatzmeister Karl Holluba hat das am 28. April 2009 vor dem Berliner Landgericht an Eides statt versichert. Der Historiker Hubertus Knabe, langjähriger Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, dokumentiert die Erklärung:

„‚DIE LINKE‘ ist rechtsidentisch mit der ‚Die Linkspartei.PDS‘, die es seit 2005 gab, und der PDS, die es vorher gab, und der SED, die es vorher gab.“

Karl Holluba, Bundesschatzmeister Die Linke, eidesstattliche Versicherung vor dem Landgericht Berlin, 28.04.2009, wiedergegeben bei Hubertus Knabe, „Die Fortsetzungspartei“, 05.09.2020

Im Herbst 2026 steht dieselbe Partei vor dem größten Machtgewinn ihrer gesamtdeutschen Geschichte. Bei der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 wurde sie mit 25,7 Prozent der Zweitstimmen erstmals stärkste Kraft in Berlin. Am 17. Oktober schlossen Linke, Grüne und SPD ihre Sondierungen ab. Spitzenkandidatin Elif Eralp soll die erste Regierende Bürgermeisterin der Linken werden. Ein Landesparteitag am 31. Oktober entscheidet über die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen.

Historischer Ursprung:

Die SED entstand im April 1946 in der Sowjetischen Besatzungszone aus dem Zusammenschluss von SPD und KPD (Kommunistische Partei Deutschlands). Der Schlussbericht der Unabhängigen Kommission Parteivermögen nennt das einen Zusammenschluss „von oben“, durchgesetzt vor allem auf Druck der Besatzungsmacht. In den drei Westsektoren Berlins stimmten 82 Prozent der SPD-Mitglieder in einer Urabstimmung dagegen. Dort fand die Vereinigung nie statt.

Mit der Gründung ging das Vermögen beider Parteien auf die SED über, zunächst vor allem Verlage und Druckereien. Sie waren die Grundlage des späteren Informationsmonopols. Danach wuchs das Parteivermögen weiter:

  • aus Beschlagnahmen der sowjetischen Besatzungsmacht,
  • aus Enteignungen durch die Länder bis 1952,
  • aus Zwangsverkäufen,
  • aus steuerfreien Gewinnen der Parteibetriebe.

Die SED verankerte ihre „führende Rolle“ in Artikel 1 der DDR-Verfassung. Zuletzt zählte sie mehr als 2,3 Millionen Mitglieder und beschäftigte im eigenen Apparat rund 44.000 hauptamtliche Mitarbeiter.

Vier Namen in achtzehn Jahren:

Im Oktober 1989 wurde Erich Honecker gestürzt, am 3. Dezember traten Politbüro und Zentralkomitee zurück. Danach erzwang die Parteibasis einen außerordentlichen Parteitag. Am 9. Dezember 1989 wählte er den Ost-Berliner Rechtsanwalt Gregor Gysi zum Vorsitzenden. Viele Delegierte forderten die Auflösung der Partei. Gysi hielt dagegen, wie die Bundesregierung dokumentiert:

„Die Auflösung der Partei und ihre Neugründung wäre meines Erachtens eine Katastrophe für die Partei.“

Gregor Gysi, Vorsitzender der SED-PDS, außerordentlicher Parteitag, Dezember 1989

Am 16. Dezember 1989 nannte sich die Partei SED-PDS. Am 4. Februar 1990 strich der Parteivorstand den belastenden Namensteil ganz. In der parteinahen Geschichtsschreibung der Rosa-Luxemburg-Stiftung gilt der Parteitag als Geburtsstunde der PDS. Der Referent Michael Schumann forderte dort den Bruch mit dem Stalinismus als System. Juristisch blieb es ein Namenswechsel derselben Partei. Von mehr als 2,3 Millionen Mitgliedern blieben bis zum 1. Juni 1990 noch 350.491.

Der Politikwissenschaftler Kai Arzheimer (Universität Mainz) beschreibt die PDS der Neunzigerjahre so: Organisatorisch suchte sie sich vom „demokratischen Zentralismus“ der SED abzugrenzen, zugleich ließ sie Zusammenschlüsse wie die Kommunistische Plattform zu. Die PDS blieb eine Regionalpartei des Ostens. 2002 scheiterte sie bei der Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde.

Die Rettung kam aus dem Westen. 2004 gründete sich aus Protest gegen die Agenda 2010 der Regierung Schröder die Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG). Mit dem früheren SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine an ihrer Seite nannte sich die PDS am 17. Juli 2005 in Die Linkspartei.PDS um und öffnete ihre Listen für WASG-Kandidaten. Am 16. Juni 2007 wurde die WASG auf die Linkspartei.PDS verschmolzen, seither heißt die Partei Die Linke. Die WASG trat also der älteren Partei bei, nicht umgekehrt. Das steht in derselben eidesstattlichen Versicherung Hollubas: Vermögen und Mitglieder der WASG gingen auf die PDS über.

Wo sind die SED-Milliarden?

Zum 31. Dezember 1989 meldete die SED-PDS nach eigenen Angaben Geldbestände von 6,133 Milliarden Mark der DDR und D-Mark. Darin enthalten waren Sonderfonds von 3,242 Milliarden Mark. Hinzu kamen:

  • 1.896 Grundstücke,
  • ein Netz von Parteibetrieben wie dem Geschenkdienst Genex und der Werbeagentur DEWAG,
  • die Vereinigung Organisationseigener Betriebe Zentrag mit Zeitungsverlagen, Großdruckereien und rund 35.000 Beschäftigten.

Das Auslandsvermögen hatte die Partei verschwiegen. Allein auf Schweizer Konten lagen Anfang 1989 rund 11,5 Millionen D-Mark, die in keinem Bericht auftauchten.

Was danach geschah, hat die Unabhängige Kommission zur Überprüfung des Vermögens der Parteien und Massenorganisationen der DDR (UKPV) von 1990 bis 2006 rekonstruiert. Im ersten Halbjahr 1990 schrumpfte der Bestand durch gezielte Ausgaben:

  • Kurz vor der Volkskammerwahl im März 1990 überführte die Partei 3,041 Milliarden Mark in den Staatshaushalt.
  • Rund 453 Millionen Mark waren als Spenden und Stiftungen vorgesehen.
  • Rund 366 Millionen flossen als Darlehen in neu gegründete Firmen.

Mehr als 160 solcher Gesellschaften stellte die Kommission später als PDS-Firmen fest. Sie waren mit Darlehen von zusammen rund 240 Millionen D-Mark ausgestattet. Ihre Gesellschafter mussten notarielle Treuhanderklärungen zugunsten der Partei unterschreiben. So blieb die PDS wirtschaftliche Eigentümerin, ohne nach außen in Erscheinung zu treten. Das Urteil der Kommission fällt deutlich aus:

„Die SED/PDS verfolgte eine Strategie der Vermögensverschleierung.“

Unabhängige Kommission Parteivermögen, Schlussbericht, Bundestagsdrucksache 16/2466, 24.08.2006

Drei Fälle sind belegt.

Der erste Fall ist der Putnik-Deal. Im Herbst 1990 versuchte die PDS, mit fingierten Belegen 107 Millionen D-Mark über die Tarnfirma Putnik von ihren Konten abzuziehen. Das Geld sollte vor allem in Norwegen als schwarze Kasse angelegt werden. Am 18. Oktober 1990 durchsuchten rund 70 Polizisten die Parteizentrale. Der frühere Parteivize Wolfgang Langnitschke, Schatzmeister Wolfgang Pohl und der Funktionär Karl-Heinz Kaufmann standen deshalb vor dem Berliner Landgericht. Nach dem Bericht der taz räumten sie die Transfers ein. Sie begründeten sie damit, Parteivermögen vor der drohenden Enteignung in Sicherheit bringen zu wollen.

Der zweite Fall ist die Ost-Berliner Handelsfirma Novum. Ihre Gesellschafterin war die Wiener Geschäftsfrau Rudolfine Steindling, in Wien „rote Fini“ genannt. Zwischen Ende 1989 und Anfang 1992 leerte sie die Schweizer Konten der Firma:

  • Rund 109 Millionen Euro gingen an etwa sechzig Banken in Asien, Israel und der Karibik.
  • Weitere rund 128 Millionen Euro hob sie in 62 Tranchen ab und legte sie anonym wieder an.

Steindling behauptete, Novum gehöre der Kommunistischen Partei Österreichs. Das Berliner Oberverwaltungsgericht stellte 2003 Prozessbetrug und Manipulationen von Notariatsakten fest. Seit Oktober 2004 steht rechtskräftig fest, dass Novum eine SED-Firma war. Die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS) verklagte daraufhin in der Schweiz die beteiligten Banken. Das Schweizer Bundesgericht verpflichtete die Bank Austria zu Schadenersatz, nach Angaben von finews.ch samt Zinsen 254 Millionen Euro. Gegen die Bank Julius Bär als Nachfolgerin der Bank Cantrade folgte ein weiteres Verfahren. Steindling starb 2012.

Der dritte Fall blieb ungeklärt. Ein nachrichtendienstlicher Hinweis aus den Neunzigerjahren besagte, ein Fonds des DDR-Devisenbeschaffers Günther Forgber sei über Prag nach Budapest geflossen. Der Fonds umfasste 148 Millionen Schweizer Franken. Eine eigens eingesetzte deutsch-ungarische Kommission scheiterte. Schon am 14. Mai 1992 hatte die PDS vertraglich auf jedes Auslandsvermögen verzichtet und sich verpflichtet, bei der Suche umfassend mitzuwirken. Nach dem Befund der Kommission ist sie dieser Pflicht „kaum“ nachgekommen.

Die Bilanz: Die UKPV ermittelte insgesamt rund 1,6 Milliarden Euro Parteivermögen, davon 1.169,7 Millionen Euro aus dem Bestand der SED/PDS. Am 18. Juli 1995 schloss die PDS vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin einen Vergleich:

  • Die PDS nahm alle Klagen zurück und verzichtete unwiderruflich auf ihr Altvermögen.
  • Im Gegenzug verzichtete der Staat darauf, das 1990 verbrauchte Geld zurückzufordern.
  • Die Partei erhielt vier Grundstücke zurück, darunter zwei frühere KPD-Immobilien, dazu Kunstwerke und Wertgegenstände.

Ihre Zentrale, das Karl-Liebknecht-Haus, war vor 1933 Sitz der KPD.

Wie viel fehlt, beantwortet der Schlussbericht nicht. Er spricht von einer „Dunkelziffer an unentdecktem Parteivermögen“. Er hält es für wahrscheinlich, dass Staats- und Parteivermögen in nicht unerheblichem Umfang ins Ausland verschoben wurde, über komplizierte, teils fiktive Warengeschäfte. Gerichtsfest ermitteln lasse sich das nicht mehr.

Arnold Vaatz, damals stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und früherer DDR-Bürgerrechtler, nannte die Kommission bei ihrer Auflösung überwiegend gescheitert. Im Gespräch mit der Mitteldeutschen Zeitung sagte er, die SED habe „drei bis vier Runden Vorsprung“ gehabt. Nach demselben Bericht schätzten Experten die nicht aufgespürte Summe auf zehn Milliarden Euro. Einen Beleg für diese Zahl gibt es nicht. Sie steht als Schätzung neben den gerichtsfest ermittelten 1,6 Milliarden. Der Historiker Malte Fischer zog 2010 in der Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat eine „Bilanz mit Fragezeichen“. Die Chancengleichheit unter den Parteien sei hergestellt, die Geldabflüsse der SED/PDS seien dagegen nicht geklärt.

Zur Bilanz gehört auch, wer das Geld bekam. 1997 bestimmte der Bundestag, dass 375,8 Millionen Euro aus dem Parteivermögen in den Erblastentilgungsfonds fließen und Altschulden der neuen Länder tilgen. Die Kommission hatte sich ausdrücklich dagegen ausgesprochen. Die Blockparteien wiederum, deren Haushalte die SED über das Zentralkomitee finanziert hatte, brachten ihr Geld in westdeutsche Parteien ein:

  • Die CDU übernahm die Geldmittel von Ost-CDU und Bauernpartei, zusammen rund 22,8 Millionen D-Mark.
  • Die FDP übernahm rund 25,7 Millionen D-Mark aus dem Altvermögen von LDPD und NDPD.
Die Protagonisten:

Gregor Gysi, geboren 1948, ist der Sohn des DDR-Kulturministers Klaus Gysi. In der DDR war er Anwalt prominenter Regimekritiker wie Robert Havemann und Rudolf Bahro. Er führte die Partei als Vorsitzender bis 1993, später die Bundestagsfraktion, und wurde zum bekanntesten Gesicht der PDS.

Seit 1992 begleitet ihn der Vorwurf, als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) „Notar“ dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zugearbeitet zu haben. Der Immunitätsausschuss des Bundestages stellte im Mai 1998 fest, Gysi habe nach der Aktenlage für das MfS gearbeitet und Informationen weitergegeben. Die damalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, bekräftigte das 2005 laut Berliner Zeitung. Gysi bestreitet jede Zusammenarbeit bis heute und wehrt sich wiederholt gerichtlich, 1995 erfolgreich vor dem Hamburger Landgericht gegen die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley. Kontakte zum MfS als Anwalt räumt er ein. Er bestreitet aber, wissentlich Informationen über Mandanten weitergegeben zu haben. Ein Strafurteil gegen ihn gibt es nicht.

2025 zog Gysi mit 41,8 Prozent der Erststimmen in Treptow-Köpenick erneut in den Bundestag ein und eröffnete ihn als Alterspräsident. Dem Bundestagsmagazin „Das Parlament“ sagte er, frühere SED-Mitglieder seien in seiner Partei inzwischen eine Seltenheit.

Sahra Wagenknecht, geboren 1969 in Jena, trat der SED Anfang 1989 bei. In der PDS wurde sie zur Leitfigur der Kommunistischen Plattform. Von 2015 bis 2019 führte sie mit Dietmar Bartsch die Bundestagsfraktion. Nach jahrelangem Streit über Migration, Russland und den Kurs der Partei trat sie im Oktober 2023 aus. Im Januar 2024 gründete sie das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW).

Der Politikwissenschaftler Jan Philipp Thomeczek wies in der Politischen Vierteljahresschrift nach, dass Wagenknecht unter den Linken-Abgeordneten mit Abstand am häufigsten populistisch kommunizierte. Gerade die populistischsten Kollegen bewog sie zum Übertritt. Die Abspaltung kostete die Linke den Fraktionsstatus im Bundestag.

Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte das BSW mit 4,97 Prozent knapp. Im Dezember 2025 gab Wagenknecht den Vorsitz an Fabio De Masi ab und übernahm eine Grundwertekommission. Seit dem 1. Oktober 2026 steht das Kürzel BSW für „Bündnis Soziale Gerechtigkeit und Wirtschaftliche Vernunft“. Ihr Name ist aus der Parteibezeichnung verschwunden.

Oskar Lafontaine, bis 1999 SPD-Vorsitzender und Bundesfinanzminister, war der Türöffner in den Westen. Von 2007 bis 2010 führte er die Linke gemeinsam mit Lothar Bisky, dem PDS-Vorsitzenden der Neunzigerjahre. 2014 heiratete er Wagenknecht, 2022 trat er aus der Linken aus.

Die neue Generation verkörpern Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende im Bundestag, und die Parteivorsitzenden Ines Schwerdtner und Jan van Aken. Mit 8,8 Prozent und sechs Direktmandaten kehrte die Linke 2025 in Fraktionsstärke in den Bundestag zurück. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung nannte das das „Comeback des Jahres“. In Berlin führt Elif Eralp, Juristin und frühere Referentin der Bundestagsfraktion, die Partei in die Regierungsverhandlungen. In Mecklenburg-Vorpommern dagegen fiel die Linke am selben Wahltag auf 6,5 Prozent, nach 9,9 Prozent im Jahr 2021. In dem Land, in dem sie bis zuletzt mitregierte, liegt sie heute hinter AfD und SPD.

Loreley-Einordnung:

Über die Linke wird in zwei Lesarten gestritten. Für die einen ist sie die SED mit neuem Etikett, für die anderen eine demokratische Partei, die mit ihrer Herkunft gebrochen hat. Die Bundeszentrale für politische Bildung hält schon die Bezeichnung „SED-Nachfolgepartei“ für zu vordergründig. Beide Lesarten glätten.

Juristisch ist die Linke die SED. Programmatisch hat sie mit zentralen SED-Dogmen gebrochen. Bei der Bundestagswahl 2025 wurde sie mit 27 Prozent stärkste Kraft bei den 18- bis 24-Jährigen, die die DDR nie erlebt haben. Beide Befunde gelten gleichzeitig.

Die Rechtsidentität folgt aus einer Entscheidung vom Dezember 1989. Eine aufgelöste SED hätte ihr Vermögen, ihre Firmen und ihre Mitarbeiter verloren. Eine umbenannte SED behielt den Zugriff, bis der Staat ihn ihr zwischen 1990 und 1995 Stück für Stück entzog. Knabe zufolge bezeichnete Gysi die Rettung des Vermögens auf dem Parteitag im Dezember 1989 als Überlebensfrage der Partei. Öffentlich überliefert ist vor allem seine Warnung vor einer Katastrophe im Fall der Auflösung. Was die Partei 1990 an Altvermögen ausgab, hat sie nie zurückgezahlt. Der Vergleich von 1995 hat ihr das erlassen.

Die Frage nach den verschwundenen Milliarden führt auch zum Parteienstaat der Bundesrepublik:

  • Die Kommission bekam staatsanwaltliche Befugnisse und ließ an mehr als 50 Orten durchsuchen, 1992 auch die Räume der PDS.
  • Die Gelder, die sie fand, setzte der Bundestag gegen ihren Rat zur Tilgung von Altschulden ein.
  • Die Gelder der Blockparteien landeten bei CDU und FDP.
  • Die Auslandsermittlungen begannen erst 1998, als die Aufbewahrungsfristen vieler Banken bereits abgelaufen waren.
  • Den Vergleich mit der PDS schloss der Staat 1995. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Verwaltungsgerichte seine Rechtsauffassung grundsätzlich bestätigt, nur der Instanzenweg war noch offen.
Fazit:

Die Linke ist die einzige frühere Staatspartei einer deutschen Diktatur, die bis heute als dieselbe juristische Person fortbesteht und in freien Wahlen stärkste Kraft wird. Sie verdankt das drei Faktoren: einem Anwalt, der 1989 die Auflösung verhinderte, einem Sozialdemokraten, der ihr 2005 den Westen öffnete, und einer Generation, die die DDR nur aus Geschichtsbüchern kennt. Aus dem SED-Vermögen sind rund 1,17 Milliarden Euro ermittelt und eingezogen. Was darüber hinaus ins Ausland floss, erklärte die Kommission 2006 für nicht mehr gerichtsfest ermittelbar. Am 31. Oktober 2026 entscheidet ein Parteitag dieser Partei darüber, ob sie in Berlin die Regierung führt.

Quellenbasis:

Unabhängige Kommission Parteivermögen: Schlussbericht, Drucksache 16/2466, 24.08.2006
Unabhängige Kommission Parteivermögen: Bericht über das Vermögen der SED, Drucksache 13/11353, 24.08.1998
Immunitätsausschuss des Bundestages: Überprüfungsverfahren Dr. Gregor Gysi, Drucksache 13/10893, 29.05.1998
Malte Fischer: Bilanz mit Fragezeichen, Zeitschrift des Forschungsverbundes SED-Staat 27/2010
Kai Arzheimer: PDS, Universität Mainz
Jan Philipp Thomeczek: Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW): Left-Wing Authoritarian – and Populist?, Politische Vierteljahresschrift 2024
Hubertus Knabe: Die Fortsetzungspartei, 05.09.2020
Bundesregierung: Von der SED zur PDS
Bundeszentrale für politische Bildung: Die Linke, Handwörterbuch des politischen Systems
Landeswahlleitung Berlin: Wahl zum Abgeordnetenhaus, 20.09.2026

Zahlen, Daten, Fakten

SED gegründet: April 1946, Zwangsvereinigung von SPD und KPD


Umbenennungen: SED-PDS 16.12.1989 · PDS 04.02.1990 · Linkspartei.PDS 17.07.2005 · Die Linke 16.06.2007


Geldbestand SED 31.12.1989: 6,133 Mrd. Mark (eigene Angabe)


Ermitteltes Parteivermögen: rund 1,6 Mrd. €, davon SED/PDS 1.169,7 Mio. €


Putnik-Deal: 107 Mio. DM, Herbst 1990


Novum-Abflüsse: rund 237 Mio. €


Vergleich PDS – Treuhand: 18.07.1995


Bundestagswahl 2025: 8,8 %


Berlin 20.09.2026: 25,7 %, erstmals stärkste Kraft


Mecklenburg-Vorpommern 20.09.2026: 6,5 %

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