Veröffentlicht im Juni 2026

Die ungute Rolle der Frau Buyx

Lesezeit: 13 Minuten

Es gibt Personen, an denen sich der Charakter einer Epoche ablesen lässt. Alena Buyx, von 2020 bis April 2024 Vorsitzende des Deutschen Ethikrats und Professorin für Ethik in der Medizin an der Technischen Universität München, ist eine solche Person für die deutschen Pandemiejahre. Sie war nicht Ministerin, nicht Behördenchefin, nicht weisungsbefugt. Und doch gehörte sie zu den Stimmen, die der Corona-Politik das lieferten, was ihr sonst gefehlt hätte: eine moralische Begründung. Wer die Mechanik der damaligen Zustimmung verstehen will, kommt an dieser Figur nicht vorbei.

Das Gremium ohne Macht und seine eigentümliche Wirkung

Der Deutsche Ethikrat verfügt über keinerlei Entscheidungsgewalt. Er beschließt nichts, verordnet nichts, kann niemanden zu etwas verpflichten. Seine Stellungnahmen sind Empfehlungen, mehr nicht. Gerade darin lag in der Pandemie seine eigentümliche Funktion: Was der Rat formulierte, wurde in politischen Debatten regelmäßig als moralischer Maßstab herangezogen und trug so dazu bei, die Richtung der Corona-Politik mitzubestimmen — bei Impfstrategien, Kontaktbeschränkungen und Priorisierungsfragen im Gesundheitswesen.

Buyx war zugleich Mitglied des Corona-Expertenrats der Bundesregierung, der von Dezember 2021 bis April 2023 tagte, sowie des Wissenschaftlichen Beirats des Robert-Koch-Instituts. Drei Funktionen, die sich überlagerten: Sie beriet als Ethikerin, sie beriet als Regierungsexpertin, und sie trat zugleich als öffentliche Erklärerin auf. Kritiker warfen ihr vor, zu regierungsnah zu agieren und keine hinreichend unabhängigen Positionen zu vertreten. Die Grenze zwischen unabhängiger ethischer Reflexion und der nachträglichen Legitimierung bereits getroffener politischer Entscheidungen verschwamm.

Die Impfpflicht-Empfehlung vom Dezember 2021

Am deutlichsten zeigte sich das an der Stellungnahme des Ethikrats vom Dezember 2021. Von den damals 24 Mitgliedern sprachen sich 20 für eine Ausweitung der gerade beschlossenen Impfpflicht für Personal in sensiblen Einrichtungen auf „wesentliche Teile der Bevölkerung“ aus. Das war kein Randvotum, sondern eine klare Mehrheitsposition jenes Gremiums, das in der öffentlichen Wahrnehmung für die moralische Vermessung der Lage zuständig war.

Buyx selbst rahmte dieses Votum später defensiv. Es sei dem Rat weniger um eine Positionierung gegangen als um eine Analyse relevanter Fragen, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Man habe der Politik sagen wollen: Ihr müsst das am Ende entscheiden, das nehmen wir euch nicht ab. Diese Selbstdarstellung als bloßer Lieferant von Argumenten steht in einer Spannung zum tatsächlichen Vorgang: Eine Mehrheitsempfehlung für die Ausweitung einer Impfpflicht ist eine Positionierung, ganz gleich, wie sorgsam sie als bloße Analyse präsentiert wird.

Bemerkenswert ist, was folgte. Bereits Mitte Januar 2022, keine vier Wochen nach der Empfehlung, relativierte Buyx diese gegenüber dem Spiegel. Die Stellungnahme sei im Kern unter den Bedingungen der Delta-Variante geschrieben worden; bei einer geänderten Faktenlage durch die Omikron-Variante müsse man die getroffenen Einschätzungen neu betrachten. Sie verwies auf zahlreiche Bedingungen, die vor einer allgemeinen Impfpflicht erst noch erfüllt sein müssten — flächendeckende niedrigschwellige Impfangebote, eine dauerhafte Impf-Infrastruktur, zielgruppenspezifische Strategien.

Das ist die Bewegung, die das Muster offenlegt: Erst die mehrheitliche Empfehlung zu einem Zeitpunkt, als der gesellschaftliche und politische Druck auf Ungeimpfte seinen Höhepunkt erreichte, dann die Relativierung, sobald sich die Lage entspannte. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki, ein Kritiker der allgemeinen Impfpflicht, sah sich durch Buyx’ Januar-Aussagen bestätigt. Auch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, äußerte sich wiederholt skeptisch und warnte, eine Pflicht spalte die Gesellschaft und baue zu viel Druck auf. Die allgemeine Impfpflicht ab 60 scheiterte am 7. April 2022 im Bundestag: 378 Abgeordnete stimmten dagegen, 296 dafür.

Vom Argument zum sozialen Druck

Entscheidend für die Bewertung von Buyx’ Rolle ist nicht allein, was der Ethikrat in seinen formellen Stellungnahmen beschloss, sondern wie sie selbst öffentlich auftrat. Hier wird das Bild der nüchternen Reflexion brüchig.

In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ sprach Buyx offen darüber, wie unterschiedliche Bevölkerungsgruppen zur Impfung bewegt werden könnten. Es gebe Menschen, so ihre damalige Darstellung, die man über Solidarität erreiche, andere über rationales Kalkül — und manche eben über eine Bratwurst, in Anspielung auf niedrigschwellige Impfaktionen mit Anreizen. Sie selbst formulierte, sie sei monatelang mit dem Narrativ Solidarität hausieren gegangen, müsse aber konstatieren, dass bestimmte Gruppen sich damit nicht erreichen ließen.

Diese Sprache verdient Aufmerksamkeit. Wer über Bevölkerungsgruppen spricht, die man „noch kriegt“ oder „nicht mehr kriegt“, und wer das Solidaritätsargument als Instrument zur Verhaltenssteuerung beschreibt, verlässt damit erkennbar die Position der rein reflektierenden Ethikerin. Man kann darin die Rolle einer strategischen Kommunikatorin sehen, die auf eine möglichst hohe Impfquote hinwirkt.

Zur Frage des Drucks auf Ungeimpfte äußerte sich Buyx in einem späteren Interview mit Zeit Online bemerkenswert ambivalent. Sie wollte nicht abstreiten, dass ein sozialer Druck entstanden sei, und führte ihn auch auf die moralische Intuition vieler zurück, wonach unsolidarisch handle, wer sich nicht impfen lasse. Zur 2G-Regelung, die Ungeimpfte vom öffentlichen Leben weitgehend ausschloss, hatte sie bereits im Sommer 2021 erklärt, sie sei ethisch vertretbar, wenn die Lage sich verschlechtere und maßvoll mit ihr umgegangen werde. Die Frage, ob ein Gremium, das die moralische Intuition gegen Ungeimpfte teilte und 2G für vertretbar hielt, später glaubwürdig als unbeteiligter Beobachter dieses Drucks auftreten kann, beantwortet sich von selbst.

Die Vorgeschichte: Solidaritätskonzepte als Blaupause

Ein Detail aus der Zeit vor der Pandemie wirft ein zusätzliches Licht auf die Kontinuität von Buyx’ Denken. Bereits Jahre vor Corona befasste sie sich gemeinsam mit einer österreichischen Co-Autorin mit „neuen Praktiken der Solidarität“ im Pandemiefall — einschließlich Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Impfungen, Triage und Überwachung. Der Ethikrat publizierte dann bereits Ende März 2020, in der Frühphase der Pandemie, seine Ad-hoc-Empfehlung „Solidarität und Verantwortung in der Corona-Krise“ vom 27. März 2020.

Das ist kein Beleg für eine Verschwörung, und so soll es auch nicht gelesen werden. Es zeigt aber, dass die argumentativen Bausteine der späteren Pandemiepolitik — Solidarität als Verpflichtungsbegriff, die Akzeptanz weitreichender Grundrechtseingriffe im Krisenfall — bei Buyx schon vorgeformt waren, bevor das konkrete Virus auftauchte. Die Ethikerin brachte ein fertiges begriffliches Instrumentarium mit, das sich nahtlos in die Bedürfnisse der Krisenpolitik fügte.

Der Auftritt im Münchner Presseclub

Wie Buyx sich eine Aufarbeitung vorstellt, wurde am 22. November 2023 sichtbar. Bei einer Veranstaltung des Presseclubs München unter dem Titel „Zerbricht unsere Gesellschaft an Hass und Hetze?“ äußerte sie sich ausführlich zur Frage, wie mit den Pandemiejahren umzugehen sei. Ein Mitschnitt der entscheidenden Passage verbreitete sich Monate später, im März 2024, viral.

Buyx betonte zunächst, sie sei grundsätzlich für eine Aufarbeitung — sie sei rumgerannt und habe gesagt, man müsse aufarbeiten, lernen, heilen. Im selben Atemzug aber verschob sie die Bedingungen, unter denen diese Aufarbeitung stattfinden dürfe. Die einzige derzeit laut geführte Debatte über die Pandemie sei eine Umdeutung, in der sehr viel Quatsch erzählt werde — „zu viel Quatsch“. Sie wolle zwar nicht behaupten, dass alles gut gewesen sei, sehe die Debatte aber in eine falsche Richtung laufen.

Dann wurde sie deutlicher. An die anwesenden Journalisten gerichtet sagte Buyx:

„Sie wären da ja nicht außen vor, das wissen Sie ganz genau. Also, das würde ja die Medienschaffenden ganz genauso betreffen, der öffentlich-rechtliche Rundfunk und was weiß ich. […] Da soll Zweifel gesät werden, das ist meine Sorge, dass das genutzt würde, dass Zweifel gesät wird an diesen demokratischen Institutionen, an der Politik insgesamt: Es war alles falsch, war alles böse, Sie haben alle falsch berichtet, Sie hatten alle den Maulkorb, Sie waren gleichgeschaltet und so.“

PresseClub München, 22. November 2023, „Zerbricht unsere Gesellschaft an Hass und Hetze?“ (Aufzeichnung, 1:06:26–1:07:07)

Bemerkenswert ist die direkte Adressierung. Buyx spricht nicht abstrakt über „die Medien“, sondern wendet sich unmittelbar an die Anwesenden: Sie wären nicht außen vor, Sie hätten genauso falsch berichtet, Sie hätten den Maulkorb gehabt. Im Saal saßen genau jene Journalisten, die während der Pandemie Buyx und anderen Experten dauerhaft eine Bühne geboten und die Maßnahmen weithin getragen hatten. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass eine ungebremste Aufarbeitung auch sie treffen würde.

Hier liegt die eigentliche Brisanz des Auftritts. Was als Mahnung zur Behutsamkeit auftrat, wirkte zugleich als Hinweis an die Mitwirkenden von gestern, dass eine ungebremste Aufarbeitung auch sie treffen könnte. Die Aussage operiert mit einer doppelten Bewegung: Die kritische Aufarbeitung wird als Gefahr für das Vertrauen in demokratische Institutionen dargestellt — nicht das mögliche Fehlverhalten gefährdet die Demokratie, sondern dessen Aufdeckung. Dann wird den Journalisten in Erinnerung gerufen, dass sie selbst Teil der damaligen Debatte waren. Aus der Verantwortlichen für die moralische Vermessung der Lage wird so eine Sachwalterin der gemeinsamen Reputation der damaligen Akteure.

Eine Ethikerin, die ergebnisoffene Aufklärung fordern müsste, scheint hier das zulässige Ergebnis der Debatte vorab einzugrenzen und erinnert die anwesende Presse zugleich an deren Eigeninteresse am Schweigen. Bezeichnend ist auch ihr Umgang mit Kritik an der eigenen Person: Wer in „die Tiefen des Internets“ gehe, zu Plattformen wie Tichys Einblick oder zu Boris Reitschuster, finde dort wirklich schlimmes Zeug über sie — angeblich Gesagtes, angeblich Getanes. Zumindest eine der von ihr relativierten Aussagen ist allerdings dokumentiert: Im Spiegel bejahte sie im Februar 2021 ausdrücklich die Frage nach einer moralischen Pflicht zur Impfung.

Die Aufarbeitung, die nicht stattfand

Nach dem Auslaufen der Maßnahmen schlug Buyx versöhnliche Töne an. Sie sprach von der Pandemie als der tiefgreifendsten gesellschaftlichen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg und bedauerte, dass es schwierig geworden sei, die Pandemiejahre aufzuarbeiten. Der Philosoph und Wissenschaftsjournalist Alexander Grau warf ihr daraufhin im Cicero vor, dieses Bedauern lenke vom eigenen Versagen ab.

Hier liegt der Kern der Kritik. Eine ernsthafte Aufarbeitung müsste fragen, wie es kommen konnte, dass das für moralische Reflexion zuständige Gremium die schärfsten Eingriffe nicht bremste, sondern mehrheitlich befürwortete — und ob die enge personelle Verflechtung zwischen Ethikrat, Regierungsexpertenrat und RKI-Beirat eine unabhängige Bewertung überhaupt zuließ. Die Aufarbeitung, die Buyx einforderte, hätte bei ihr selbst beginnen müssen. Dass parallel die Daten zur Sicherheit der Maßnahmen oft gar nicht erst erhoben wurden, wie im Artikel „Im Zweifel nicht hinsehen“ beschrieben, fügt sich in dasselbe Bild: Wo nicht hingesehen wird, muss auch nichts verantwortet werden.

Wenn die Stimme der Ethik unter Verdacht gerät

Eine Wendung, die niemand erfinden könnte, kam im Februar 2026. Der österreichische Plagiatsforscher Stefan Weber veröffentlichte am 24. Februar 2026 ein Gutachten, das Buyx’ medizinische Dissertation aus dem Jahr 2005, eingereicht an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, schwer belastet. Nach Webers Darstellung enthält die Arbeit mindestens 73 Text- und Quellenplagiatsfragmente, die etwa die Hälfte der 83 Fließtextseiten betreffen. Weber stützt sich nach eigenen Angaben auf softwaregestützte Prüfungen mit den Programmen „Turnitin Similarity“ und „WCopyfind“ sowie auf einen zitationsbasierten Analyseansatz, der identische Zitierfehler und übereinstimmende Literaturangaben berücksichtigt.

Der Kernvorwurf lautet, Buyx habe Literaturarbeit vorgetäuscht: Sie habe Passagen und Referenzen aus älteren Dissertationen übernommen — darunter eine zwei Jahre ältere Arbeit einer Studienkollegin —, ohne die Originalquellen zu prüfen oder als Sekundärzitate zu kennzeichnen. Im Gutachten ist von einer „Täuschung über die Eigenständigkeit der Literaturarbeit“ die Rede.

An dieser Stelle ist methodische Strenge geboten, gerade weil das Thema sich zur Polemik anbietet. Es handelt sich um die Einschätzung eines einzelnen Gutachters. Die Universität Münster hat eine Vorprüfung eingeleitet, eine abschließende Bewertung steht aus. In wissenschaftlichen Verfahren gilt die Unschuldsvermutung; Plagiatsvorwürfe werden üblicherweise erst nach Abschluss eines formalen Prüfverfahrens abschließend bewertet. Buyx hat die Vorwürfe als haltlos zurückgewiesen, die Angelegenheit ihren Anwälten übergeben und angekündigt, im Fall einer Überprüfung vollumfänglich zur Verfügung zu stehen. Auch der vom Gutachten selbst eingeräumte Umstand gehört zur Faktenlage: Die beanstandeten Stellen finden sich nach Webers eigener Einschätzung fast ausschließlich in „Wissen reproduzierenden Passagen“, nicht in den originären Forschungsteilen.

Was bleibt, ist die Symbolik — und sie ist erheblich. Die Person, die jahrelang als moralische Instanz auftrat und der Bevölkerung ethisch korrektes Verhalten nahelegte, sieht sich nun selbst dem Vorwurf wissenschaftlicher Unredlichkeit ausgesetzt. Der Maßstab, den sie an andere anlegte — Sorgfalt, Redlichkeit, das Einstehen für die eigene Leistung —, wird nun an sie selbst angelegt. Ob er standhält, wird die Universität Münster entscheiden, nicht ein Blog und nicht ein Gutachter.

Was der Fall lehrt

Die ungute Rolle der Alena Buyx liegt nicht in einzelnen Aussagen, die man ihr zum Vorwurf machen könnte. Sie liegt in einer Struktur. Ein Gremium ohne demokratische Legitimation und ohne Entscheidungsgewalt erlangte über die Personalunion seiner Vorsitzenden mit Regierungsgremien und über deren mediale Dauerpräsenz eine Wirkmacht, die ihm formal nicht zukam. Die Ethik wurde vom kritischen Korrektiv zum Verstärker. Statt die Verhältnismäßigkeit der Eingriffe zu prüfen, lieferte sie deren moralische Untermalung.

Wer die Vergangenheit versteht, durchschaut die Gegenwart. Die Lehre aus dem Fall Buyx ist nicht, dass eine einzelne Person versagt hätte. Sie ist, dass eine Gesellschaft wachsam sein muss, wenn die Instanzen, die zur Kontrolle der Macht bestimmt sind, sich an deren Seite stellen — und dies im Gewand der Moral tun. Eine Ethik, die nicht bremst, sondern beschleunigt, hat ihren Zweck verfehlt. Und ein Auftritt wie der im Münchner Presseclub zeigt, dass die Sorge mancher Akteure heute weniger der Wahrheit gilt als der Frage, wer am Ende mit ihr in Verbindung gebracht wird.

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