
Veröffentlicht im Mai 2026
Endspiel — drei Symptome eines Krieges, der politisch entschieden ist
Aus der Sendung Geht’s los? vom 27. Mai 2026 · SC 360 Media
Lesezeit: 7 Minuten
Wenn die Bittbriefe den Verhandlungen vorausgehen, ist der Verlauf bereits geschrieben
Drei Vorgänge des vergangenen Wochenendes ergeben, nebeneinander gelegt, ein klares Bild. Sie spielen auf drei Ebenen — militärisch, diplomatisch, politisch — und sie zeigen denselben Befund: Der Krieg in der Ukraine ist in eine Phase eingetreten, in der das eigentliche Geschehen nicht mehr auf dem Schlachtfeld stattfindet, sondern in den Sprachregelungen darüber.
Der Bittbrief
Am 25. Mai 2026, dem amerikanischen Memorial Day, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einen fünfseitigen Brief an US-Präsident Donald Trump und den Kongress gerichtet. Inhaltlich geht es um eine Bitte: dringende Lieferung von PAC-3-Abfangraketen für die Patriot-Systeme der Ukraine. Den Brief hat CBS News im Wortlaut erhalten und veröffentlicht; das Datum war nach Selenskyjs eigener Angabe bewusst gewählt — der Memorial Day sei für ukrainische Präsidenten zur Tradition geworden, der amerikanischen Öffentlichkeit für ihre Unterstützung zu danken.
„Wenn es um die Abwehr ballistischer Raketen geht, verlassen wir uns fast ausschließlich auf die Vereinigten Staaten.“
And when it comes to defending against ballistic missiles, we rely almost exclusively on the United States.
Wolodymyr Selenskyj, Brief an Donald Trump, 25. Mai 2026 (CBS News-Mitschrift). Übersetzung Loreley-Blog.
Die Geste ist bemerkenswert. Ein Präsident, der zu einem nationalen Feiertag eines fremden Landes einen offenen Brief an dessen Präsidenten richtet und um militärisches Gerät bittet, ist kein Verhandlungspartner mehr — er ist Bittsteller. Die Sprache des Briefes übersetzt die strategische Lage in ein moralisches Register, weil das politische Register sich verschlossen hat. Eine Begleitformel im Brief — Selenskyj versichert, die Verantwortung der USA „für ihre eigene Verteidigung und für den Schutz ihrer Verbündeten und Partner“ anzuerkennen — illustriert die Lage: Wer dem Adressaten erst dessen eigene Souveränität bestätigen muss, bevor er um Material bittet, ist im Bittsteller-Modus.
Hannah Arendt hat in Macht und Gewalt (1970) zwischen Macht und Gewalt eine Unterscheidung eingeführt, die hier präzise greift. Macht entsteht, wo Menschen handelnd und sprechend zusammenkommen; Gewalt wird benötigt, wo die Macht schwindet. Wer Gewaltmittel erbitten muss, hat den Punkt überschritten, an dem politische Macht noch verfügbar wäre. Der Selenskyj-Brief ist insofern keine Anomalie, sondern Diagnose.
Die Sprache des Sicherheitsrats
Am 22. Mai 2026 hatte der UN-Sicherheitsrat eine Sondersitzung zum Angriff auf das Internat einer pädagogischen Hochschule in Starobelsk (Lugansker Volksrepublik) einberufen, einberufen auf russischen Antrag. Drei Drohnenwellen hatten dasselbe Gebäude getroffen; nach russischen Angaben befanden sich 86 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren im Internat. Die Faktenlage des Vorgangs ist nicht eindeutig: Die UN erklärte, sie sei alarmiert über die Berichte, habe aber keinen Zugang zum russisch besetzten Gebiet und könne die Details nicht verifizieren; Reuters, Großbritannien und Lettland konnten die Angaben unabhängig nicht bestätigen, der ukrainische UN-Botschafter Andrij Melnyk wies die russischen Anschuldigungen als Propaganda zurück, Meduza dokumentierte Hinweise auf einen möglichen Zielerfassungsfehler.
Was diese ambigue Faktenlage nicht ändert, ist die diskursive Verschiebung im Sitzungsverlauf. Der russische UN-Botschafter Wassili Nebenzja warf den europäischen Vertretern vor, kein einziger habe die getöteten Kinder auch nur erwähnt; die Vertreterin Lettlands habe den Angriff als Falschmeldung des Kremls und Provokation bezeichnet.
„In ihrer politischen Weltanschauung werden Kinder in akzeptable und nicht-akzeptable Opfer eingeteilt.“
In their political worldview, children are divided into acceptable and unacceptable victims.
Wassili Nebenzja vor dem UN-Sicherheitsrat, 26. Mai 2026 (TASS-Mitschrift). Übersetzung Loreley-Blog.
Diplomatiegeschichtlich auffällig an dieser Episode ist nicht der gegenseitige Vorwurf — der ist seit Jahren Routine in beide Richtungen. Auffällig ist, dass die Faktizität des Vorgangs als solche zur Verhandlungsmasse wird. Nicht: Wer hat geschossen? Wer trägt Verantwortung? Sondern: Hat es überhaupt stattgefunden, und falls ja, in welcher Form?
Arendt hat dieses Muster in ihrem Essay Wahrheit und Politik (1967) beschrieben. Politische Macht widerlegt unbequeme Tatsachen nicht — sie erklärt sie für irrelevant oder für strittig. Tatsachenwahrheit, schreibt Arendt, ist insofern strukturell schwächer als Meinung, als sie sich gegen die Politik nicht aus eigener Kraft durchsetzen kann. Im Sicherheitsrat ist genau dies zu beobachten: Der Vorgang wird nicht aufgeklärt, sondern als kontaminiert behandelt. Beide Seiten beanspruchen dabei das gleiche Verfahren — der jeweils gegnerischen Behauptung wird die Tatsächlichkeit entzogen.
Die zweite Arendt-Linie kommt aus Eichmann in Jerusalem — der Befund, dass Sprachregelungen der Verrohung vorausgehen. Bevor Handlungen entgleisen, entgleist das Sprechen über sie. Wenn getötete Kinder, in welcher konkreten Zahl auch immer, zu einer Variable im diplomatischen Kalkül werden — akzeptabel oder nicht-akzeptabel, je nach Lager —, ist diese Schwelle überschritten. Das ist kein Vorwurf an einzelne Akteure, sondern eine strukturelle Beobachtung über den Zustand des internationalen Diskurses.
Die Drohnen über Kaliningrad
Am 27. Mai 2026 berichteten mehrere Quellen, darunter Mario Nawfal auf X unter Berufung auf ukrainische Nationalnachrichten, dass ein Drohnenschwarm die russische Exklave Kaliningrad erreicht habe. Geografisch ist diese Information sicherheitspolitisch hochgradig brisant: Kaliningrad ist von NATO-Territorium umschlossen. Eine Drohne, die aus der Ukraine kommend Kaliningrad erreichen will, muss polnischen oder litauischen Luftraum durchqueren.
Die analytische Kernfrage, die Nawfal zuspitzt: Entweder die NATO hat durchgelassen — oder es kam nicht aus der Ukraine. Beide Möglichkeiten sind politisch schwerwiegend. Im ersten Fall wäre die Allianz operativ an einer Aktion gegen russisches Territorium beteiligt. Im zweiten Fall agiert ein dritter Akteur unter ukrainischer Flagge — was die Frage aufwirft, wessen Krieg hier eigentlich noch geführt wird.
Bemerkenswert ist nicht der militärische Vorgang selbst, sondern dass seine Urheberschaft nicht mehr eindeutig zugeschrieben werden kann. Klassische Kriegführung kennt einen Krieg führenden Souverän. Wenn die Frage Wer schießt? an dieser Linie nicht mehr trennscharf zu beantworten ist, ist die Kategorie des Souveräns brüchig geworden — und mit ihr die Aussicht auf eine Beendigung durch souveräne Verhandlung.
Was die drei Vorgänge verbindet
Selenskyjs Bittbrief, die Sprachverrohung im Sicherheitsrat und die ungeklärte Urheberschaft der Kaliningrad-Drohnen verweisen nicht zufällig aufeinander. Sie sind Symptome derselben Lage: Der Krieg verlässt den Rahmen, in dem er begonnen wurde. Aus dem zwischenstaatlichen Konflikt wird ein Diskurs- und Stellvertretergeschehen, in dem die ukrainische Seite politisch nicht mehr selbstständig handlungsfähig ist, die diplomatischen Foren ihre Funktion als Faktenklärungsorte verlieren, und militärische Vorfälle ihre Urheber verlieren.
Was zu beobachten ist, ist nicht der Fortgang eines Krieges. Es ist die Phase, in der ein Krieg sein eigenes Ende vorbereitet — entweder durch militärische Niederlage, durch politische Übernahme der Verhandlungsmacht durch Dritte oder durch das vollständige Versacken der Sprachfähigkeit zwischen den Beteiligten. Welcher dieser drei Wege beschritten wird, entscheidet nicht mehr die ukrainische Regierung. Sie schreibt Briefe.
Dieser Kurzbefund entstand auf Grundlage der Sendung Geht’s los? von SC 360 Media. Die Sendung läuft werktags täglich außer Samstags um 18 Uhr live auf YouTube und weiteren Plattformen. Zur Sendungsaufzeichnung vom 27. Mai 2026: https://www.youtube.com/live/FS9tgQr2PCc?si=UhNhDz3D9RgpbFt1

