Veröffentlicht im August 2026

Faucis Handy, Karl Lauterbach und die STIKO

Lesezeit: 11 Minuten

Kein Impf-Warnhinweis für Schwangere

Anthony Fauci entschied sich als Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) keinen Warnhinweis für die Impfung von Schwangeren herauszugeben, denn es gab nur einen Verdacht und für dessen Bestätigung fehlte die Datengrundlage. Dies ergibt die Rekonstruktion der Ereignisse zu Anfang des Jahres 2021.

Am 25. Januar 2021 fragte Vivek Murthy, damals Mitglied des Corona-Beraterstabs von Joe Biden, ob es Daten oder theoretische Gründe gebe, die für eine Impfung früher oder später in der Schwangerschaft sprächen. Anthony Fauci antwortete, solche Gründe gebe es nicht. Dann setzte er hinzu: Da viele Menschen nach der zweiten Dosis einen erheblichen Zytokinsturm und Fieber entwickelten, könne dies theoretisch mit einer Fehlgeburt im ersten Trimester zusammenhängen. Rochelle Walensky, Direktorin der Seuchenschutzbehörde CDC, antwortete, das sei ein wichtiger Punkt, besonders nach der zweiten Dosis.

Am Tag darauf schrieb Fauci in dieselbe Nachrichtenkette, bei mehr als 10.000 bereits geimpften Schwangeren hätten sich keine Auffälligkeiten gezeigt; auch die Tierversuchs-Toxikologie habe keine Warnsignale ergeben.

Am 3. Februar 2021 erklärte Fauci bei einer Veranstaltung des Journal of the American Medical Association, die Arzneimittelbehörde FDA habe bislang keine Warnsignale bei Schwangeren festgestellt.

Elf von 34.000 Textnachrichten

Am 10. August 2026 veröffentlichten die Senatoren Ron Johnson und Rand Paul Textnachrichten aus Faucis Diensthandy. Das Gerät enthält über 34.000 Nachrichten und 522 Sprachnachrichten. Veröffentlicht wurden elf Screenshots. Über die richtige Auswahl dieser wird diskutiert. Kritiker merkten an, dass beide Senatoren seit Jahren eine Aufklärungskampagne gegen Fauci betrieben.

Was in Deutschland im Bulletin stand

Die Entscheidung der obersten US-amerikanischen Gesundheitsbehörde blieb nicht ohne Folgen. Im Frühjahr 2021 war die Ständige Impfkommission bei der Impfempfehlung für Schwangere noch zurückhaltend. Am 17. September 2021 empfahl sie im Epidemiologischen Bulletin 38/2021 allen ungeimpften Schwangeren erst im zweiten Schwangerschaftsdrittel die Impfung mit einem mRNA-Präparat. Der damalige Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach unterstützte die Entscheidung öffentlich mit dem Argument, eine Infektion sei für Mutter und Kind gefährlicher als die Impfung.

Die STIKO ging dabei vorsichtiger vor als Fauci. Sie beschränkte die Empfehlung ausdrücklich auf das zweite Schwangerschaftsdrittel und ordnete an, eine Zweitimpfung zu verschieben, wenn die Schwangerschaft erst nach der Erstimpfung festgestellt worden war. In der Begründung heißt es, die vorliegenden Sicherheitsdaten zeigten kein gehäuftes Auftreten schwerer unerwünschter Wirkungen, insbesondere nicht von Fehlgeburten bis zur 19. Schwangerschaftswoche. Die Fußnote zur zugehörigen Tabelle vermerkt, dass keine der ausgewerteten Frauen im ersten Schwangerschaftsdrittel oder um die Empfängnis herum geimpft worden war. Die Entwarnung zu Fehlgeburten stützte sich damit auf einen Datensatz, aus dem der fragliche Zeitraum ausgeschlossen war. Es ist derselbe Konstruktionsfehler wie bei den umstrittenen 82-Prozent-Zahlen aus den USA: Die Sicherheitsaussage stützt sich auf Daten, in denen der kritische Zeitraum des ersten Schwangerschaftsdrittels fehlt – hier im Bulletin des Robert-Koch-Instituts.

Die Achse Fauci-Lauterbach

Die Bild-Zeitung wertete Faucis Tagebücher aus: Am 30. Juni 2022 notierte er eine Videokonferenz mit Lauterbach, BioNTech-Chef Uğur Şahin und dem US-Corona-Koordinator Ashish Jha über die Impfstrategie für den Herbst. Am 20. Juli 2022 hielt Fauci fest, Lauterbach habe sich bei der Impfstrategie stark auf seinen Rat gestützt. Im Dezember 2022 nannte Fauci ihn eine Art Freund. Das Bundesgesundheitsministerium bestätigte gegenüber Bild Treffen und Gespräche über Corona und Impfungen.

Lauterbach erklärte auf Anfrage, Fauci sei ein extrem angesehener Wissenschaftler, mit dem er sich in der Pandemie gelegentlich ausgetauscht habe; maßgeblich für seine Entscheidungsfindung sei der Corona-Expertenrat der Bundesregierung gewesen. Die konkrete Frage, ob und in welchen Fällen er Faucis Rat eingeholt und als Minister umgesetzt habe, beantwortete er nicht.

Zur Schwangerschaftsfrage gilt: In den bislang veröffentlichten Tagebüchern findet sich kein Beleg dafür, dass Fauci seine internen Bedenken nach Berlin weitergab. Lauterbach erklärte gegenüber Bild, dass Fauci angeblich Bedenken zur Impfung bei Schwangeren gehabt habe, sei ihm neu; darüber habe man seines Wissens nie gesprochen. Es gab keine Kette, an deren Ende ein deutscher Minister ein amerikanisches Geheimnis mittrug. Es gab zwei Gremien auf zwei Kontinenten, deren Sicherheitsbeleg denselben Konstruktionsfehler enthielt – unabhängig voneinander, ohne Absprache.

Fauci vor dem Senat: Über 100 mal Berufung auf den fünften Verfassungszusatz

Am 29. Juli 2026 erschien Fauci vor dem Senatsausschuss für Innere Sicherheit. Nach einer kurzen Eingangserklärung berief er sich mehr als hundertmal auf den fünften Verfassungszusatz und verweigerte die Antwort. Die Anhörung dauerte rund drei Stunden. Fauci war zuvor über 250 Mal vor dem Kongress erschienen. Nie zuvor hatte er sich auf den fünften Verfassungszusatz berufen.

Joe Biden hatte Fauci in seinen letzten Amtstagen präventiv begnadigt, für seine Amtshandlungen der Jahre 2014 bis 2025. Paul hielt die Berufung auf das Aussageverweigerungsrecht deshalb für unbegründet: Wer vor Strafverfolgung geschützt ist, kann sich nicht mehr selbst belasten. Fauci und seine Anwälte hielten dagegen, die Begnadigung decke Vergangenes, nicht die Anhörung selbst. Der Rechtsprofessor Stanley Brand bestätigte diese Lesart. Beide Seiten haben damit eine Falle gebaut. Die Öffentlichkeit hat kein Protokoll bekommen.

Vier Klagen für ein Formular

Nach den Finanzoffenlegungen, die die Rechercheorganisation OpenTheBooks von den National Institutes of Health erstritt, stieg das Haushaltsvermögen von Fauci und seiner Frau Christine Grady von 7,6 Millionen Dollar Anfang 2019 auf über 12,6 Millionen Dollar Ende 2021. Die Zusammensetzung ist unspektakulärer, als die Summe klingt: Kursgewinne, der Dan-David-Preis und kleinere Beträge. Von Impfstoffherstellern stammt nach diesen Unterlagen nichts.

Der Befund liegt nicht in der Summe. Er liegt im Weg dorthin. OpenTheBooks führte vier Bundesklagen gegen die NIH, um an die gesetzlich vorgeschriebenen Formulare zu kommen. Dieselbe Figur findet sich bei Pfizer wieder: Das Unternehmen beantragte, die Zulassungsunterlagen für 75 Jahre unter Verschluss zu halten. Erst ein Bundesrichter erzwang 2022 auf Klage der Organisation Public Health and Medical Professionals for Transparency die schrittweise Freigabe. Zweimal derselbe Vorgang: Nicht der Inhalt der Akten ist das Skandalöse, sondern der Aufwand, sie zu öffnen.

Mehrere Bundesstaaten eröffnen zivilrechtliche Ermittlungen

Am 5. August 2026 stellten die Generalstaatsanwälte von Florida, West Virginia und Louisiana gemeinsam eine Ermittlungsvorladung an Fauci zu. Oklahoma und Alabama beteiligen sich. Gefragt wird nach Auszeichnungen, beruflichen Gelegenheiten, finanziellen Anreizen und Buchverträgen. Die geprüften Tatbestände stammen aus dem Verbraucherschutzrecht.

Es handelt sich um zivilrechtliche Ermittlungen. Anklage hat bis zur Veröffentlichung dieses Textes kein Bundesstaat erhoben. Die Begnadigung deckt Bundesrecht. Sie deckt die Gliedstaaten nicht. Genau in diese Lücke stoßen jetzt mehrere Bundesstaaten hinein. Föderalismus als Rest-Rechenschaft.

Änderung der Impfpolitik in den USA unter Kennedy und Trump

Am 10. August 2026 unterzeichnete Donald Trump den Erlass „Delivering Gold Standard Childhood Vaccine Recommendations“. Die Zahl der Krankheiten, gegen die alle Kinder geimpft werden sollen, sinkt darin von 18 auf 11. Hepatitis A und B, Rotaviren, Meningokokken, Influenza und COVID-19 wandern in Risikogruppen oder in die gemeinsame Entscheidung zwischen Eltern und Arzt. Die MMR-Kombination soll in drei Einzelimpfungen aufgeteilt werden – solche Einzelimpfstoffe sind zwar aktuell weder zugelassen noch verfügbar. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Impfstoffproduzenten sich auf den präsidialen Erlass einstellen werden. Zur Begründung stellte Trump einen Zusammenhang zwischen Mehrfachimpfungen und steigenden Autismuszahlen bei Kindern her. Man kann diesen Erlass für überfällig halten oder für unverantwortlich.

Signal statt Beweis
25. Januar 2021
Fauci nennt den theoretischen Zusammenhang zwischen Zytokinsturm/Fieber nach der zweiten Dosis und Fehlgeburt im ersten Schwangerschaftsdrittel. Walensky bestätigt den Punkt ausdrücklich.


Sicherheitssignal
Ein unbestätigter Hinweis – gemeldet wird er, sobald er auftritt, nicht erst nach seinem Beweis.


3. Februar 2021
Neun Tage später die öffentliche Aussage: keine Warnsignale.


Zulassungsstudien
Schwangere waren ausgeschlossen. Eine Datenbasis für eine Entwarnung existierte nicht.


Spätere Studien
Kein erhöhtes Risiko gefunden. An der unterlassenen Mitteilung zum Zeitpunkt der Entscheidung ändert das nichts.

Die abgebrochene Schwangerschaftsstudie
Studiennummer
NCT04754594, Start 16. Februar 2021.


Geplant und erreicht
Rund 4.000 Teilnehmerinnen waren vorgesehen. Randomisiert wurden 348.


Rekrutierungsende
25. Oktober 2021.


Impfzeitfenster
24. bis 34. Schwangerschaftswoche. Die zentrale Frage zum ersten Schwangerschaftsdrittel blieb damit unbeantwortet.


Individualdaten
Die Zusage, anonymisierte Einzeldaten bereitzustellen, wurde im Februar 2022 zurückgenommen.

Der Streit um den Nenner
Quelle
Shimabukuro u. a., New England Journal of Medicine, April 2021. Ausgewertet wurden 827 abgeschlossene Schwangerschaften, davon rund 700 im dritten Schwangerschaftsdrittel geimpft – außerhalb des Fehlgeburtsfensters.


Gerechnet gegen alle 827
12,6 Prozent. Kritik: verwässert den Befund durch Frauen, die dem Risiko nie ausgesetzt waren.


Gerechnet gegen das erste und zweite Drittel
Rund 82 Prozent. Kritik: sehr kleiner Nenner, zum Stichtag offene Schwangerschaften nicht mitgezählt.


Einordnung
Die Zeitschrift räumte die Nennerproblematik später selbst ein. Am 10. August 2026 stellte Senator Ron Johnson die 82 Prozent als belegte Rate dar – methodisch angreifbar.