Das Ende der Geschichte. F. Fukuyama

Francis Fukuyama – Das Ende der Geschichte

Fokus: Liberale Demokratie als Endpunkt, Hegel und Kojève, Kampf um Anerkennung, Weltordnung nach 1989

Im Sommer 1989, wenige Monate vor dem Fall der Mauer, erschien in der Washingtoner Zeitschrift The National Interest ein Aufsatz unter dem Titel „The End of History?“. Drei Jahre später folgte das Buch, auf Deutsch 1992 bei Kindler unter dem Titel „Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir?“, übersetzt von Helmut Dierlamm, Ute Mihr und Karlheinz Dürr. Seit 2022 liegt es bei Hoffmann & Campe neu vor, erstmals mit einem bis dahin unübersetzten Nachwort des Autors. In die Rubrik Macht & Strategie gehört es, weil es nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zum Leitmotiv für das Selbstverständnis des freien Westens wurde.

Zusammenfassung für Eilige

Francis Fukuyama sieht in der liberalen Demokratie den Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit. Nach dem Scheitern von Faschismus und Kommunismus gebe es keine ernsthafte Alternative mehr, auch wenn viele Staaten diesen Punkt noch nicht erreicht haben. Zugleich ist das Buch skeptisch: Fukuyama fragt, ob ein Leben am Ende der Geschichte den Menschen überhaupt genügen kann.

Ein Mitarbeiter des Außenministeriums liest Hegel

Fukuyama, geboren 1952 in Chicago, promovierte in Harvard und arbeitete bei der RAND Corporation sowie im Planungsstab des US-Außenministeriums. Als der Aufsatz erschien, brach ein Sturm der Empörung los. Philosophisch stützt sich Fukuyama auf den russisch-französischen Philosophen Alexandre Kojève, der Hegels „Phänomenologie des Geistes“ als Setzung eines Endpunkts der Geschichte gedeutet und die amerikanische Lebensart als die Lebensform nach diesem Ende bezeichnet hatte. Kritiker stempelten Fukuyama sofort als „Neocon“ ab – ein Etikett, das ihn bis heute begleitet, wie der Historiker Stefan Jordan in Docupedia-Zeitgeschichte nachzeichnet.

Was treibt die Geschichte voran?

Fukuyama nennt zwei Motoren. Der erste ist die moderne Naturwissenschaft, die über Technik und Wirtschaft alle Gesellschaften in dieselbe Richtung zwingt. Der zweite ist der Kampf um Anerkennung, den er mit Platon als „Thymos“ (Selbstwertgefühl, Stolz) bezeichnet. Allein die liberale Demokratie gewähre allen Bürgern gleiche Anerkennung und befriede damit diesen Kampf.

Was wir erleben, ist womöglich nicht nur das Ende des Kalten Krieges, sondern das Ende der Geschichte als solcher: der Endpunkt der ideologischen Entwicklung der Menschheit.

„… the end point of mankind’s ideological evolution …“

Francis Fukuyama, The End of History?, The National Interest, Sommer 1989. Übersetzung Loreley-Blog

Vom Seminar in die Außenpolitik

Die These wurde in den Neunzigerjahren zur Hintergrundmusik des Demokratieexports. Das Buch beschreibt einen Prozess, den es für zwangsläufig hält. Die Befürworter militärischer Demokratisierung beriefen sich später auf Fukuyama, obwohl er sich ausdrücklich vom Krieg als Mittel der Befriedung distanziert hatte.

Der letzte Mensch langweilt sich

Die zweite Buchhälfte ist die interessantere. Mit Nietzsches „letztem Menschen“ fragt Fukuyama, ob eine Welt ohne große Kämpfe die Menschen satt und leer zurücklässt. Schon der Aufsatz endete mit der Vermutung, die Aussicht auf Jahrhunderte der Langeweile könne die Geschichte wieder in Gang setzen. Die Grenzen liegen im Umfang – über 500 Seiten, viel Hegel – und in der Vorhersage selbst, die China, Russland und der politische Islam seither in Frage stellen. Geeignet ist das Buch für Leser, die die Weltordnungsdebatte an ihrer Quelle verstehen wollen und Geduld für Ideengeschichte mitbringen.

Loreley-Einordnung

„Das Ende der Geschichte“ ist der Gründungstext der unipolaren Epoche und das Gegenstück zu Samuel P. Huntingtons „Kampf der Kulturen“. Fukuyama selbst hat seine Erben später scharf kritisiert – nachzulesen in „Scheitert Amerika?“. Seine Frage, ob der Mensch am Ende der Geschichte zufrieden sein kann, ist bis heute offen.

Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links. Wenn Sie über diese Links kaufen oder hören, erhält Loreley unter Umständen eine Provision. Für Sie ändert sich am Preis nichts.