Veröffentlicht im Juni 2026

Für etwas zu sein, ist wirksamer als dagegen zu sein

Das Projekt M1llion organisierte einen bundesweiten Protest gegen die Politik der Bundesregierung. Rund 5.000 Menschen kamen nach Berlin.

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Am Morgen des 8. Juni 2026 rollten Autokonvois aus dem ganzen Bundesgebiet nach Berlin. Aus der Uckermark brachen die ersten gegen vier Uhr auf, Sammelpunkte waren eine Tankstelle in Pasewalk und ein Schnellrestaurant-Parkplatz in Prenzlau. Ziel war das Brandenburger Tor, die Veranstaltung lief unter dem Motto „Der Schlussstrich in Berlin“, auf den Schildern und in den Sprechchören aber stand der kürzere Satz: „Merz muss weg“. Aufgerufen hatte das nach eigener Darstellung parteiunabhängige Projekt M1llion des Schuhmachermeisters Marcel Baldauf aus Schwarzenberg im Erzgebirge. Der Name benennt das Ziel: eine Million Menschen sollten sich bewegen, damit, wie es im Aufruf hieß, „das System den Atem anhält“.

Die Million kam nicht. Die Berliner Polizei zählte je nach Tageszeit zwischen 2.000 und 4.000 Teilnehmer, die Veranstalter sprachen von bis zu 5.000. Selbst die wohlwollende Berichterstattung im eigenen Umfeld titelte am Folgetag mit 4.000. Zwischen dem Anspruch des Namens und der Zahl auf dem Pflaster lag also ein Faktor von mindestens zweihundert. Diese Lücke ist der eigentliche Gegenstand, der über den Tag hinausweist — nicht als Spott über eine verfehlte Mobilisierung, sondern als Anlass für eine Frage, die jede Protestbewegung betrifft: Woran entscheidet sich, ob ein Aufzug wirkt?

Der Elf-Punkte-Plan und seine Grammatik

Das Projekt M1llion hatte seinen Forderungen einen Elf-Punkte-Plan vorangestellt, der vor dem Kanzleramt übergeben werden sollte. Er beginnt mit dem Rücktritt der Bundesregierung und sofortigen Neuwahlen und verlangt weiter die Abschaffung der „CO2-Steuer“, die Senkung von Energiesteuern und Netzentgelten, den Stopp der Gesundheitsreform, ein bundesweites 29-Euro-Ticket, die Abschaffung des Rundfunkbeitrags, die Verschlankung des Staatsapparats, einen Migrationsstopp samt Ausweisung straffälliger und illegaler Migranten — und, an zwei Stellen aus dem Muster fallend, eine direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild sowie eine „Politikerhaftung“ durch Verschärfung des Untreue-Tatbestands.

Wer diesen Katalog auf seine grammatische Form hin liest, bemerkt rasch ein Übergewicht: Die meisten Punkte sind Negationen. Abschaffen, stoppen, senken, verschlanken, ausweisen. Sie definieren sich über das, was sie beseitigen wollen. Nur zwei der elf Forderungen — die Volksentscheide und die Politikerhaftung — verlangen den Aufbau von etwas Neuem statt den Abbau von etwas Bestehendem. Inhaltlich mischt der Plan dabei Positionen, die sich der üblichen Einordnung in ein politisches Lager entziehen: Das 29-Euro-Ticket und die Forderung, im Gesundheitswesen Patient und Pflege vor Profit zu stellen, stammen aus einem Vokabular, das man gewöhnlich links verortet; der Migrationsstopp und die Abschaffung des Rundfunkbeitrags aus einem, das man rechts verortet. Diese Querständigkeit ist bemerkenswert. Sie ist aber nicht das, was über das Schicksal des Protests entscheidet. Darüber entscheidet die Form.

Die Empörungsbewegung trägt auf Dauer nicht und nutzt sich erfolglos ab

Die Sozialwissenschaft hat für Bewegungen dieses Typs einen Begriff. Die Dresdner Politikwissenschaftler Hans Vorländer, Maik Herold und Steven Schäller untersuchten die größte deutsche Protestbewegung der vergangenen Jahre, Pegida, und nannten sie im Titel ihrer Studie eine „rechtspopulistische Empörungsbewegung“ — eine Bewegung, die Ressentiments und Vorbehalte gegenüber den politischen und medialen Eliten mobilisiert. Empörung ist ein außerordentlich wirksamer Treibstoff. Sie braucht keine Programmschrift, keinen Aushandlungsprozess, keine Kompromissfähigkeit; sie braucht nur einen Adressaten, gegen den sie sich richtet. Genau das macht sie zugleich anfällig.

Der Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber hat den Mechanismus beschrieben, der solchen Formen innewohnt: Handlungsformen, die der Artikulation von Ressentiments und dem Ausleben von Stimmungen dienten, seien mit der Zeit ausgereizt und verlören ihre Attraktivität. Die Teilnehmerzahlen von Pegida belegen den Befund mit nüchterner Deutlichkeit. Auf dem Höhepunkt im Januar 2015 versammelten sich in Dresden zeitweilig bis zu 25.000 Menschen; bis zum Dezember desselben Jahres sank die Zahl auf 6.000. Der Ruf „Merkel muss weg“ hat die Kanzlerin nicht aus dem Amt getragen — sie blieb weitere Jahre, und die Bewegung, die ihren Abgang forderte, zerfiel lange vor ihr.

Hier liegt die strukturelle Eigenschaft, die ein rein negativ definierter Protest mit sich trägt: Sein Ziel ist an die Niederlage eines Gegners gebunden. Tritt der Gegner nicht ab — und Regierungen treten auf solchen Druck hin fast nie ab —, dann hat der Protest sein selbstgesetztes Ziel verfehlt, gleichgültig wie viele Menschen er auf die Straße brachte. Und tritt der Gegner doch einmal ab, steht die Bewegung vor einer zweiten, oft tödlichen Frage: Wofür war man eigentlich da? Das gemeinsame Dagegen, das die unterschiedlichsten Milieus zusammenhielt, verliert in dem Moment seinen Kitt, in dem es sein Objekt verliert. Der Erfolg, sollte er eintreten, ist zugleich der Beginn des Zerfalls.

Was mit der freigesetzten Energie geschieht, hat Vorländer früh benannt: Er sah die Partei, die am rechten Rand des Parteienspektrums steht, als den „parlamentarischen Arm“ der Straßenbewegung — diese werde ihr bei Wahlen Stimmen sichern, die sich aus dem Protestmilieu rekrutierten. Pfahl-Traughber bestätigte diese Prognose ein Jahrzehnt später: Der Niedergang von Pegida ging mit der Abwanderung ihrer Anhänger zur AfD einher. Der reaktive Straßenprotest verschwindet also nicht spurlos; er wird parteipolitisch aufgesogen. Das ist die zweite, weniger sichtbare Bewegung, die unter der ersten verläuft.

Der Gegenfall von 1989

Man könnte einwenden, dass auch die berühmtesten deutschen Montagsdemonstrationen ein Dagegen waren — gegen die SED, gegen die Mauer, gegen ein Regime. Der Einwand trifft einen wahren Kern und führt doch zur entscheidenden Unterscheidung. Der Leipziger Ruf war seiner Form nach keine Negation. Er beseitigte nicht, er behauptete.

Er sprach einen Anspruch aus — den Anspruch des Volkes, Träger der Souveränität zu sein — und machte das Gelingen des Protests nicht allein vom Rücktritt einer Regierung abhängig, sondern vom Vollzug einer Selbstermächtigung, die sich in jeder einzelnen Versammlung bereits erfüllte.

Wer sich versammelte und „Wir sind das Volk“ sprach, hatte in diesem Sprechen schon getan, worum es ging. Die Wirkung nach außen kam hinzu; sie war nicht die einzige Bedingung des Sinns.

Das ist der Unterschied zwischen zwei Grammatiken. Die eine richtet sich gegen einen Gegner und steht und fällt mit dessen Verhalten. Die andere setzt etwas Eigenes und trägt ihren Zweck in sich. Gewiss war 1989 auch ein brüchiges Regime im Spiel, eine weltpolitische Lage, ein Kräfteverhältnis, das es 2026 so nicht gibt — die Form allein erklärt den Ausgang nicht. Aber die Form entscheidet darüber, ob ein Protest auf das Nachgeben des Gegners angewiesen ist oder nicht. Und sie entscheidet darüber, was übrig bleibt, wenn der Gegner nicht nachgibt.

Ein anderes Modell, gedanklich durchgespielt

Man kann sich fragen, wie ein Aufzug aussähe, der die zweite Grammatik wählt. Nicht ein Protest gegen einen Kanzler, dessen Erfolg an dessen Rücktritt hinge, sondern eine Versammlung, deren Sinn sich im Vollzug selbst einlöst. Ein solcher Aufzug würde nicht die Beseitigung von etwas fordern, sondern an etwas erinnern — an die Einheit, an die historische Erfahrung, dass ein Volk seine Stimme erheben kann, an die verfassungsrechtlich verbürgte Stellung dieses Volkes als Souverän. Seine Banner trügen keine Rücktrittsforderung, sondern Verfassungssätze. Seine Teilnehmer kämen nicht, um einen Gegner zu stürzen, sondern um sich einer gemeinsamen Grundlage zu vergewissern und konkrete, positiv formulierte Forderungen zu erheben: dass das deutsche Volk von dem Recht Gebrauch macht, das ihm das Grundgesetz in Artikel 146 selbst offenhält — sich in freier Entscheidung eine Verfassung zu geben —, gestützt auf den Grundsatz des Artikels 20 Absatz 2, wonach alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Ein solcher Zug verlöre nichts an dem Tag, an dem keine Regierung zurücktritt, weil er den Rücktritt nie zur Bedingung seines Gelingens gemacht hat.

Es wäre unredlich, dieses Modell als überlegen zu verkaufen, ohne seinen Preis zu nennen. Empörung mobilisiert stärker als Vergewisserung. Der Zorn auf einen Kanzler bringt mehr Menschen auf die Straße als die Erinnerung an einen Verfassungsgrundsatz, und eine affirmative Versammlung läuft Gefahr, würdig und folgenlos zu bleiben, ein Ritual ohne Druck. Wer das eine gegen das andere abwägt, wägt nicht zwischen wirksam und unwirksam, sondern zwischen zwei verschiedenen Arten von Wirkung: der lauten, schnellen, an den Gegner gebundenen — und der leiseren, dauerhafteren, an sich selbst gebundenen.

Es kommt darauf an, sich nicht gegen jemanden oder gegen die Politik einer Regierung zu stellen — das trägt nur bedingt. Es kommt darauf an, sich für seine Rechte einzusetzen. Wer das als Souverän tut, hat dafür ohnehin die stärkste Legitimität.

Die historische Erfahrung spricht dafür, dass die erste Form ihr Pulver rasch verschießt und die zweite, wo sie gelingt, länger trägt. Ob das im Einzelfall den Ausschlag gibt, hängt von mehr ab als der Form — vom Kräfteverhältnis, vom Zustand der Bundespolitik, vom Augenblick. Aber wer am 8. Juni nach Berlin fuhr und am Abend mit dem Gefühl heimkehrte, die Million sei ausgeblieben und der Kanzler sitze noch, könnte aus der Lücke zwischen Anspruch und Wirkung eine Lehre ziehen, die älter ist als jede Tagespolitik.