
Hans Fenske: Der Anfang vom Ende des alten Europa. Die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen 1914–1919. Bild: Olzog / Lau Verlag
Hans Fenske – Der Anfang vom Ende des alten Europa. Die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen 1914–1919

Fokus: Friedensangebot 1916, Wilson, Versailles, Artikel 231
Im Dezember 1916 boten die Mittelmächte der Entente Friedensverhandlungen an. Die Antwort kam binnen Tagen und lautete Nein – der Krieg ging zwei weitere Jahre, kostete Millionen Tote, brachte Russland den Bolschewismus und Deutschland Versailles. Hans Fenske, von 1977 bis 2001 Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Freiburg, hat aus diesem Nein ein Buch gemacht: über die Alliierten, die nicht verhandeln wollten, und über den amerikanischen Präsidenten, der es gekonnt hätte.
Zusammenfassung für Eilige
Hans Fenske zeigt, dass zwischen 1914 und 1918 allein die Mittelmächte einen Verhandlungsfrieden suchten, während die Entente auf den Sieg ohne Kompromiss setzte. Das Friedensangebot vom Dezember 1916 und Wilsons Vermittlungsangebot hätten nach Fenske einen besseren Frieden ermöglicht als den von 1919; die Sieger hätten die Besiegten in Paris anhören müssen. Das Buch folgt der Spur von der Julikrise bis zum Young-Plan und erklärt, warum die Weimarer Republik mit einer Hypothek begann, die sie nicht tragen konnte.
Von der Kriegsschuld zur Friedensverweigerung
Fenske beginnt mit der Kriegsschuldfrage und schließt sich der Lesart an, die Clark für das Jahr 1914 geliefert hat. Dann verschiebt er die Frage: Nicht wer den Krieg begann, sondern wer ihn nicht beendete, entscheide über die Verantwortung für das, was folgte. Kapitel für Kapitel legt er die Kriegsziele der Westmächte neben die Friedensbestrebungen Berlins und Wiens, verfolgt den Eintritt der USA und die neuen Initiativen von 1917, die Verträge im Osten und den Zerfall der Donaumonarchie. Die Pariser Konferenz erzählt er aus der Sicht der Delegation, die nicht am Tisch saß, und stellt die Frage, die Weimar zerriss: annehmen oder ablehnen?
Wilson, der nicht unterschrieben hätte
Das Kapitel über die USA im Krieg ist das Herzstück. Wilson war 1916 als Friedenspräsident wiedergewählt worden und bot sich als Vermittler an; ein Jahr später führte er sein Land in den Krieg und 1918 Europa mit den Vierzehn Punkten in einen Waffenstillstand, dessen Bedingungen er in Paris nicht halten konnte. Fenske zitiert Wilsons Bemerkung gegenüber einem Delegationskollegen, er würde den Vertrag nicht unterschreiben, wenn er Deutscher wäre – und zeigt, dass der Präsident ihn trotzdem durchsetzte. Artikel 231, die Kriegsschuldklausel, und die Reparationen liest Fenske als die Konstruktion, an der nicht nur Weimar scheiterte: Die Grenzziehung um Danzig und Polen führt er bis 1939.
Zweierlei Frieden
Ein eigenes Kapitel stellt Brest-Litowsk neben Versailles – den Frieden, den Deutschland Russland 1918 auferlegte, und den, den die Sieger Deutschland 1919 auferlegten. Fenske verschweigt die Härte des ersten nicht; er fragt, warum nur der zweite als Modell einer Friedensordnung galt. Das Buch endet mit dem Young-Plan von 1929, also mit dem Moment, in dem die Reparationsfrage die Republik in die Krise trieb. Grenzen: Fenske argumentiert kontrafaktisch – was ein Frieden 1916 gebracht hätte, lässt sich nicht beweisen, nur begründen. Die Zunft hat das Buch 2014 in der FAZ, der Historischen Zeitschrift und bei sehepunkte besprochen, zurückhaltend bis ablehnend; eine Gegendarstellung auf Buchlänge gibt es bis heute nicht. Für Leser, die Weimar nicht aus Berlin, sondern aus Paris und Washington erklärt haben wollen, ist es das Buch.
Loreley-Einordnung
Der Titel steht in der Rubrik „Deutsche Geschichte“, weil er die drei Erzählungen, die ich in „Drei Lügen, ein Geburtsdrama“ beschrieben habe, an ihrer Wurzel fasst: Wilsons Versprechen, Versailles‘ Bruch und die Dolchstoßlegende waren Folgen einer Entscheidung, die 1916 in London und Paris fiel. Fenske benennt sie. Für mich ist sein Buch die Fortsetzung von Clark mit anderen Mitteln – die Kriegsschuld von 1914 ist widerlegt, die Friedensschuld von 1916 bis 1919 ist es noch nicht, und solange sie nicht benannt wird, bleibt die Weimarer Republik das, was sie in den Schulbüchern ist: ein deutsches Versagen statt eines alliierten Diktats.
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