
Veröffentlicht im August 2026
NATO 3.0: Der deutsche General im Maschinenraum der neuen NATO
Europa soll seine konventionelle Verteidigung künftig weitgehend selbst übernehmen. Mitten in den Planungen sitzt General Markus Laubenthal. Seine Karriere zeigt, welche Schlüsselrolle Deutschland in der neuen NATO zugedacht ist.
Der Tag X wird vorbereitet
Es ist der 26. August 2026 im NATO-Hauptquartier SHAPE im belgischen Mons. Schon jetzt ein historischer Tag, denn es geht darum, wie die Verteidigung Europas ohne die USA nur durch die Europäer organisiert wird. Es geht um die Vorbereitung für den Tag X, wenn die Vereinigten Staaten nicht mehr den größten Teil der konventionellen Last tragen werden. Es ist nicht mehr die Frage des Ob, sondern des Wie und des Wann.
Der Mann, der Unterstaatssekretär Elbridge Colby gegenübersitzt, ist der deutsche General Markus Laubenthal. Er ist der wichtigste Mann, wenn es darum geht, die europäischen Armeen für die europäische Verteidigung fit zu machen. General Markus Laubenthal bekleidet einen der einflussreichsten deutschen Militärposten überhaupt. Als Chief of Staff von SHAPE führt er den multinationalen Stab des strategischen Hauptquartiers, von dem aus die militärischen Operationen der NATO geplant und koordiniert werden. Offiziell ist der Chief of Staff der wichtigste Berater des SACEUR für NATO-Operationen, Missionen und militärische Aufgaben.
Neben ihm sitzt General Alexus G. Grynkewich, Supreme Allied Commander Europe – kurz SACEUR – und zugleich Chef des U.S. European Command. Ihnen gegenüber: Elbridge Colby, einer der maßgeblichen Architekten der neuen amerikanischen Verteidigungsstrategie.
Das Thema des Gesprächs trägt einen zunächst unspektakulären Namen: NATO 3.0.
Eine neue Arbeitsteilung
Colby war nicht für einen Höflichkeitsbesuch nach Europa gekommen. Seine Reise führte ihn zunächst zum U.S. European Command nach Stuttgart, anschließend zu SHAPE nach Mons und schließlich zum politischen NATO-Hauptquartier in Brüssel. Das amerikanische Verteidigungsministerium erklärte vorab ausdrücklich, die Reise solle die amerikanische „NATO 3.0 agenda“ vorantreiben.
Einen Tag nach dem Treffen in Mons machte Colby vor dem Nordatlantikrat deutlich, worum es geht. NATO 3.0 sei ein Bündnis, in dem die europäischen Verbündeten die Hauptverantwortung für die konventionelle Verteidigung Europas übernehmen. Gleichzeitig überprüfen die USA derzeit ihre Truppenstationierung und militärische Infrastruktur auf dem Kontinent. Diese Überprüfung soll den Übergang zu einer stärker europäisch geführten Verteidigung ausdrücklich beschleunigen.
Nach seinem Besuch bei SHAPE wurde Colby noch deutlicher: Nach den Gesprächen mit Grynkewich und dessen multinationalem Stab sei er stärker als zuvor von der Machbarkeit einer „Europe-led defense of the Continent“ überzeugt.
Das heißt allerdings nicht, dass die Vereinigten Staaten Europa vollständig verlassen. SACEUR soll amerikanisch bleiben, ebenso zentrale strategische Fähigkeiten. NATO 3.0 bedeutet zunächst: Die konventionelle Last verschiebt sich nach Europa.
Ausgerechnet Laubenthal
Dass auf dem Foto aus Mons ausgerechnet Markus Laubenthal Colby gegenübersitzt, ist deshalb bemerkenswert. Denn seine Karriere liest sich beinahe wie eine Chronik der Veränderungen der NATO.
Laubenthal trat 1982 in die Bundeswehr ein und wurde Panzeroffizier. Er führte später ein Panzerbataillon, die Panzerbrigade 12 und die 1. Panzerdivision.
Der entscheidende Karriereschritt erfolgte jedoch 2014. Im Jahr der russischen Annexion der Krim wurde Laubenthal als erster Nicht-Amerikaner Chief of Staff des Hauptquartiers U.S. Army Europe in Wiesbaden eingesetzt. Dort leitete er nach Angaben von SHAPE die Stabsarbeit für die erneute Verlegung amerikanischer Heereskräfte und die verstärkte militärische Präsenz in Europa. Offizielle Biografie Laubenthals bei SHAPE
2014 half Laubenthal dabei, mehr amerikanische Militärpräsenz in Europa zu organisieren. Zwölf Jahre später sitzt derselbe deutsche General am Tisch, während Washington darüber berät, wie Europa mehr dieser Verantwortung selbst übernehmen kann.

Laubenthal führt den Stab, der die europäische Übernahme der konventionellen Verteidigung planerisch vorbereitet, und verantwortet den Umbau des Hauptquartiers zum Kriegshauptquartier. Beides sind Kernstücke dessen, was Washington NATO 3.0 nennt.
Grafik: Loreley-Blog. Porträtfoto: Mozamaniac / Wikimedia Commons, „Markus Laubenthal (2022)“, CC BY-SA 4.0, creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, zugeschnitten
Nach Wiesbaden folgten die Führung der 1. Panzerdivision, eine Spitzenposition für Streitkräftepolitik im Verteidigungsministerium und vier Jahre als Stellvertreter des Generalinspekteurs. Seit September 2024 ist Laubenthal Chief of Staff von SHAPE.
Vom Hauptquartier zum Kriegshauptquartier
Auch SHAPE selbst verändert sich.
2025 trainierten NATO und U.S. European Command mit STEADFAST DETERRENCE erstmals in großem Maßstab, SHAPE als strategisches Warfighting Headquarters einzusetzen. Geübt wurde eine bündnisweite Krise mit allen 32 NATO-Staaten und die Aktivierung strategischer Verteidigungspläne.
Laubenthal bezeichnete die Übung als erste Gelegenheit, das strategische NATO-Kriegshauptquartier gemeinsam mit EUCOM in einer europaweiten Krise in dieser Größenordnung zu testen. SHAPE zu STEADFAST DETERRENCE 2025
Der deutsche General verwaltet also nicht lediglich einen multinationalen Stab. Er sitzt im Maschinenraum eines Hauptquartiers, das auf die Führung eines möglichen großen europäischen Konflikts vorbereitet wird.
Deutschland rückt ins Zentrum
Laubenthals Position allein wäre noch kein Beleg für eine besondere deutsche Rolle in NATO 3.0. Doch andere Entscheidungen weisen in dieselbe Richtung.
Im Februar 2026 beschloss die NATO, alle drei Joint Force Commands künftig von Europäern führen zu lassen. Großbritannien übernimmt Norfolk im US-Bundesstaat Virginia, Italien das Kommando in Neapel und Deutschland gemeinsam mit Polen Brunssum im Süden der Niederlande, unweit der deutschen Grenze. Brunssum ist für die NATO besonders wichtig, weil von dort aus große Teile der Bündnisverteidigung in Nord- und Osteuropa geplant und geführt werden. Neapel richtet den Blick vor allem auf den Mittelmeerraum und die südliche Flanke, während Norfolk die transatlantischen Verbindungen zwischen Nordamerika und Europa absichert.

Die Kommandokette bleibt zweigeteilt: SACEUR und die drei Komponentenkommandos bleiben amerikanisch. Darunter rücken Europäer nach – in Brunssum ab 2026 Deutschland gemeinsam mit Polen. Der Operationsplan Deutschland sieht binnen sechs Monaten bis zu 800.000 Soldaten und 200.000 Fahrzeuge durch die Bundesrepublik vor.
Grafik: Loreley-Blog
Die USA behalten dagegen SACEUR und die Führung der Komponentenkommandos für Land-, Luft- und Seestreitkräfte.
Schon heute wird Brunssum von einem Deutschen geführt: General Ingo Gerhartz. Als der NATO-Militärausschuss ihn im Mai besuchte, erklärte Gerhartz bemerkenswert offen, man denke und plane inzwischen in Kategorien von NATO 3.0. Dazu gehöre ein stärkeres europäisches Engagement. NATO: Gerhartz über NATO 3.0
Der Befund
Das Muster ist damit erkennbar.
Die Vereinigten Staaten verschwinden nicht aus der europäischen Sicherheitsarchitektur. Der amerikanische Oberbefehlshaber bleibt, ebenso wichtige strategische Fähigkeiten und die nukleare Rückversicherung.
Aber darunter wird die NATO neu austariert.
Europa soll mehr Truppen stellen, mehr konventionelle Kampfkraft bereitstellen und zunehmend selbst die operative Verantwortung für seine Verteidigung übernehmen. Deutschland rückt dabei in eine Schlüsselposition.
Deshalb ist das Foto aus Mons mehr als das Bild einer gewöhnlichen NATO-Besprechung.
Ein amerikanischer Strategiepolitiker, der die militärische Lastenverteilung zwischen Amerika und Europa verändern will, hört einem deutschen General zu, der den Stab des wichtigsten militärischen NATO-Hauptquartiers führt. Dazwischen sitzt der amerikanische Oberbefehlshaber Europas.
Vielleicht lässt sich NATO 3.0 nirgendwo anschaulicher erkennen als an diesem Tisch.
Und an der Karriere von Markus Laubenthal.
Sie begann in einer Bundeswehr, deren Auftrag darin bestand, Deutschland gemeinsam mit einer übermächtigen amerikanischen Militärpräsenz zu verteidigen. Heute sitzt Laubenthal an einer der Schaltstellen einer NATO, die sich auf eine grundlegend andere Zukunft vorbereitet:
Europa soll seine konventionelle Verteidigung zunehmend selbst übernehmen. Und Deutschland soll dabei eine Rolle spielen, wie sie die Bundesrepublik seit ihrer Gründung nicht gekannt hat.




