
Veröffentlicht im Juli 2026
111 Milliarden an Rüstungsaufträgen vergeben — und niemand weiß, was ankam
In der größten Aufrüstungsphase seit 1990 verliert das Verteidigungsministerium den Überblick.
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Das Bundesverteidigungsministerium hat seit der „Zeitenwende“ im Jahr 2022 Rüstungs- und Beschaffungsaufträge in Höhe von 111 Milliarden Euro vergeben – und weiß nicht, welche davon erfüllt sind.
Der Befund ist symptomatisch für das Missmanagement in einer der größten Bundesbehörden, die dem Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) untersteht: dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, kurz BAAINBw, im Volksmund Beschaffungsamt genannt. Mitten in der größten Aufrüstungsphase der Bundesrepublik seit 1990 verliert diese Behörde offenbar den Überblick – ausgerechnet unter jenem Minister, der wiederholt gefordert hat, die Bundeswehr müsse bis 2029 kriegstüchtig sein, mit der Begründung, Russland stelle von da an eine wachsende Bedrohung auch für Westeuropa dar.
Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein. Wir müssen Abschreckung leisten, um zu verhindern, dass es zum Äußersten kommt.
Boris Pistorius, Regierungsbefragung im Bundestag, 5. Juni 2024
Weiß man es, oder weiß man es nicht?
Der Ausgangspunkt ist eine schriftliche Anfrage des Linken-Abgeordneten Dietmar Bartsch. Aus der Antwort des Ministeriums, die der dpa vorlag, geht hervor: Seit 2022 hat der Bund nach eigenen Angaben rund 47.000 Beschaffungsverträge im Gesamtwert von 111 Milliarden Euro abgeschlossen – rechnerisch über dreißig Vertragsabschlüsse pro Tag. Bartsch fragte nicht nach dem Volumen, sondern nach dem Ergebnis: Wie viele dieser Vorhaben waren bis zum 1. März 2026 abgeschlossen und einsatzbereit bei der Truppe angekommen? Genau diese Antwort blieb das Ministerium schuldig. Eine automatisierte, zentrale Auswertung aller Beschaffungsprojekte sei nicht möglich; mehrere tausend Seiten müssten händisch ausgewertet werden, der Personalaufwand sei nicht absehbar.
Hier beginnt der eigentlich unhaltbare Teil des Vorgangs. Das Ministerium argumentiert in zwei Richtungen zugleich, und beide können nicht gleichzeitig stimmen:
Man wisse selbstverständlich, was auf den Hof komme.
Entsprechende Übersichten zu führen mache bürokratisch im Zweifel gar keinen Sinn.
Natalie Jenning, Bundesministerium der Verteidigung, Bundespressekonferenz, 27. April 2026
Beide Sätze lassen sich nicht in Übereinstimmung bringen. Entweder existiert eine belastbare Übersicht zum Erfüllungsstand – dann wäre Bartschs Frage in wenigen Tagen beantwortbar gewesen. Oder es gibt sie nicht – dann verwaltet das Ressort einen dreistelligen Milliardenbetrag ohne konsolidierten Überblick, und der Satz man wisse, was ankomme, ist eine Behauptung ohne Unterlage.
Vertrag ist nicht gleich Lieferung
Der Fairness halber gehört die Präzisierung dazu, die in der Empörung meist untergeht. Wer die 111 Milliarden als verschollen liest, verwechselt drei verschiedene Ebenen. Zwischen dem Wert eines unterschriebenen Vertrags, der tatsächlich ausgezahlten Summe und der einsatzbereiten Lieferung an die Bundeswehr liegen Welten. Ein Schützenpanzer wird nicht am Tag der Unterschrift übergeben, ein Großteil der Vertragssumme steckt naturgemäß in Vorhaben, die noch gar nicht ausgeliefert sind. Das Geld ist nicht weg. Was fehlt, ist die Bilanz darüber, was von den Bestellungen tatsächlich Verteidigungsfähigkeit erzeugt hat – und genau diese Bilanz zu verweigern, ist etwas anderes als bloße Unwissenheit.
Zwei Milliardenprojekte, sechs Wochen
Wer wissen will, wie berechtigt die Sorge um die 111 Milliarden ist, muss nicht spekulieren. Er kann zusehen, was in genau diesem Frühsommer passiert ist. Anfang Juni 2026 erklärte die Bundesregierung das deutsch-französische Luftkampfsystem FCAS für gescheitert, nachdem sich die beteiligten Rüstungskonzerne nicht auf die industrielle Arbeitsteilung einigen konnten. Am 24. Juni 2026 folgte der nächste Rückschlag: Pistorius beendete offiziell den Bau der sechs Fregatten des Typs F126. 2020 mit einem Zielpreis von rund zehn Milliarden Euro beauftragt, waren zum Zeitpunkt des Ausstiegs bereits rund 2,3 Milliarden Euro verbaut – größtenteils abgeschrieben, weil der niederländische Generalunternehmer Damen Schelde Naval Shipbuilding Fristen und Kosten nicht einhalten konnte. Ersatz sollen nun acht Fregatten des Typs Meko A 200 für rund 11,6 Milliarden Euro werden, das erste Schiff frühestens Ende 2029.
Zwei der teuersten Rüstungsvorhaben Deutschlands, gescheitert binnen sechs Wochen. Beide reihen sich in eine Liste, die niemand im Ministerium bestreitet: das Sturmgewehr G36, dessen Präzisionsprobleme vier Untersuchungskommissionen beschäftigten, der Transporthubschrauber NH90 mit chronisch niedrigen Einsatzbereitschaftsquoten, der Transporter A400M mit jahrelangem Entwicklungsverzug, der Eurofighter mit explodierten Kosten. Wer diese Liste kennt, liest die 111-Milliarden-Antwort nicht mehr als Ausrutscher, sondern als Fortsetzung.
Eine Behörde, die skaliert, aber nicht kontrolliert
Das BAAINBw beschäftigt zusammen mit seinen nachgeordneten Dienststellen rund 12.900 Menschen – 11.000 zivile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, 1.900 Soldatinnen und Soldaten, verteilt auf 117 Dienstorte. Allein 2025 schloss die Behörde 11.682 Beschaffungsverträge ab, eine Größenordnung, die sich sauber mit der Bartsch-Antwort deckt: rund 47.000 Verträge seit 2022, also knapp 12.000 pro Jahr. Eine Behörde dieser Größe verwaltet Verträge routiniert millionenfach – und kann trotzdem keine konsolidierte Aussage darüber treffen, was von alldem einsatzbereit bei der Truppe ankam. Das ist kein Kapazitätsproblem im engen Sinn. Es ist die Funktionsweise der Behörde selbst: Sie ist auf das Verwalten wachsender Vertragsvolumina ausgelegt, nicht auf die laufende Kurskorrektur einzelner Vorhaben. Wenn ein Projekt aus dem Ruder läuft, wird es Jahre später beendet, abgeschrieben und ersetzt – nicht frühzeitig erkannt und nachgesteuert. Ein Rechnungshof, der dieses Risiko dokumentiert, ändert daran ebenso wenig wie eine Kleine Anfrage der Opposition. Die Behörde antwortet korrekt und bleibt, wie sie ist.
Bartsch nennt das fehlende Controlling ein Alarmsignal und warnt, das Risiko wachse, dass Milliarden in verspäteten oder untauglichen Projekten versickerten. Der Verteidigungsausschussvorsitzende Thomas Röwekamp (CDU) begrüßte umgekehrt den F126-Ausstieg als überfällige Konsequenz – beide Bewertungen widersprechen sich nicht, sie beschreiben dieselbe Behörde von zwei Seiten derselben Münze.
Einordnung
Der reguläre Wehretat ist für 2026 auf 82,69 Milliarden Euro veranschlagt, dazu kommen 25,51 Milliarden aus dem Sondervermögen – zusammen über 108 Milliarden allein in diesem Haushaltsjahr, Tendenz weiter steigend. Historisch hohe Investitionen erfolgen unter dem Druck einer als bedrohlich beschriebenen Sicherheitslage – also in genau jenem Moment, in dem maximale Transparenz über den Mittelabfluss geboten wäre, schon um die öffentliche Akzeptanz der Aufrüstung zu sichern. Stattdessen wird die parlamentarische Kontrolle mit dem Verweis auf Rechercheaufwand ins Leere geführt, während zwei weitere Milliardenprojekte binnen sechs Wochen scheitern.
Das eigentliche Problem liegt nicht bei einem Minister oder einer Sprecherin. Es liegt bei einer Beschaffungsbehörde, deren Fehlschläge sich über Jahrzehnte und über jede Regierungskoalition hinweg wiederholen, ohne dass sich an ihrer Funktionsweise etwas ändert. Wer die Vergangenheit der deutschen Rüstungsbeschaffung kennt, durchschaut die Logik der Gegenwart: Nicht das Bestellen ist das Problem, sondern die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, das Bestellte zu verbuchen. Die Frage Wofür? wird nicht beantwortet. Sie wird zur Zumutung erklärt.

