Veröffentlicht im Juni 2026

Deutschland und Patriotismus — die ungelöste Frage

Lesezeit: 10 Minuten

Diesen Sommer wird wieder geflaggt. Zur Weltmeisterschaft in den USA, in Kanada und Mexiko hängen die schwarz-rot-goldenen Fähnchen an den Autospiegeln, und für ein paar Wochen darf der Deutsche sein Land lieben, solange es um Tore geht. Der Patriotismus auf Zeit, abschaltbar mit dem Schlusspfiff, ist die einzige Form, in der das Bekenntnis hierzulande als unverdächtig gilt.

Das ist bezeichnend. Wer in Paris von patrie spricht, erntet ein Schulterzucken. In Warschau bringt ojczyzna ein Nicken, in Rom patria allenfalls eine Debatte über Fußball — die dort allerdings das ganze Jahr läuft, nicht nur im Turniersommer. Fällt im Deutschen das Wort „Patriotismus“, schiebt sich fast unweigerlich ein Vorbehalt dazwischen: Man muss erklären, wie man es meint, sich abgrenzen, eine Fußnote nachreichen.

Diese Asymmetrie hat eine Geschichte. Genauer: Sie ist das Resultat mehrerer Versuche, dieselbe Frage zu beantworten, von denen keiner die anderen erledigt hat. Die Frage ist nicht, ob Deutsche ihr Land lieben dürfen, sondern woran sich diese Bindung festmacht — und ob das, woran sie sich einst festmachte, sie tragfähig oder gefährlich machte.

Nicht ob, sondern woran

In der öffentlichen Debatte schrumpft das Thema meist auf ein Ja oder Nein: Patriotismus erlaubt oder verdächtig, gesund oder rückständig. Damit ist der eigentliche Streitpunkt schon verfehlt. Dass ein Gemeinwesen ohne eine Form von Bürgerloyalität nicht besteht, bestreitet kaum jemand. Strittig ist, woher diese Loyalität ihre Kraft nimmt.

Aus der Verfassung, also aus geschriebenen Regeln und geteilten Verfahren? Aus dem Vorpolitischen — Sprache, Landschaft, Herkunft, all dem, was schon da war, bevor jemand eine Verfassung schrieb? Oder aus einer Treue, die sich gerade im Widerspruch zur eigenen Regierung beweist, womöglich sogar aus dem gemeinsamen Opfer im Krieg? Auf jede dieser Möglichkeiten hat die deutsche Geschichte eine Antwort gegeben — und jede Antwort kam als Korrektur der vorigen.

Eine begriffliche Unterscheidung muss vorausgehen, weil die Öffentlichkeit die Wörter vermengt. Patriotismus meint die Bindung an das eigene Gemeinwesen; Nationalismus dagegen erhebt die eigene Nation über andere und ihre Loyalitätsforderung über alle konkurrierenden Bindungen. Dass beide Begriffe im deutschen Sprachgebrauch seit 1945 fast deckungsgleich verwendet werden, gehört bereits zum Befund, den die folgenden Artikel aufschlüsseln. Diese Gleichsetzung ist historisch jung.

Vier Antworten auf eine Frage

Vier große Antworten hat die deutsche Geschichte auf die Loyalitätsfrage gegeben. Ihnen gehen die Artikel dieser Reihe einzeln nach.

Die erste ist die opferbereite. Sie formiert sich in den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte begründet in seinen Reden an die deutsche Nation, gehalten im französisch besetzten Berlin 1807/08, die Nation aus Sprache und Erziehung. Der Publizist Ernst Moritz Arndt liefert mit „Was ist des Deutschen Vaterland?“ die populäre Hymne der Einigungsbewegung. Und Theodor Körner, der 1813 als Lützower Jäger fällt, gibt dem Ganzen das Gesicht des dichtenden Soldaten. Dieser frühe Patriotismus richtet sich gegen die napoleonische Fremdherrschaft und gegen die Kleinstaaterei der deutschen Fürsten — er ist in seiner Wurzel liberal und antifeudal. Den Keim der späteren Verengung trägt er trotzdem schon: Fichtes Ruf nach einer Nationalerziehung, die den Einzelwillen ganz der Gemeinschaft unterordnet, brachte ihm bei Bertrand Russell später einen Platz unter den geistigen Wegbereitern des Autoritären ein.

Die zweite Antwort ist die gebrochene. Sie erzählt, wie aus dem freiheitlichen Patriotismus der Burschenschaften im Lauf eines Jahrhunderts der völkische wurde — wie eine Bewegung, die als Aufbegehren gegen die Obrigkeit begann, im Kaiserreich domestiziert, nach 1918 durch die Demütigung von Versailles aufgeladen und schließlich vom Nationalsozialismus eingezogen wurde. Dieser Bruch bildet das Scharnier der gesamten Geschichte. Ohne ihn bliebe rätselhaft, weshalb die nächste Antwort mit allem Bisherigen so vollständig brechen wollte.

Die dritte Antwort steht quer zur Hauptlinie: der Patriotismus des Widerspruchs. Heinrich Heine, der im Pariser Exil an Deutschland litt und es darum nicht losließ, und Carl Schurz, der gescheiterte Achtundvierziger, der zum US-Senator für Missouri aufstieg, verkörpern eine Loyalität, die sich im Widerstand gegen die eigene Regierung bewährt. Auf eine Provokation im Senat hin formulierte Schurz 1872 die bis heute zitierte Formel, die Treue gelte dem Land, nicht der jeweiligen Politik seiner Regierung. Bindung und Kritik, so die Lehre dieser Figuren, schließen einander nicht aus.

Die vierte Antwort ist die abstrakte. Nach dem Zivilisationsbruch suchte die Gründungsgeneration der Bundesrepublik einen Begriff von Loyalität, der die alte Falle umging. Der Politikwissenschaftler Dolf Sternberger formulierte den Gedanken schon 1947, zwei Jahre nach dem Untergang; den Begriff „Verfassungspatriotismus“ prägte er öffentlich erst im Leitartikel der FAZ zum dreißigsten Jahrestag des Grundgesetzes 1979. Der Philosoph Jürgen Habermas griff ihn 1986 im Historikerstreit auf und verschärfte ihn zu einer steileren These: Der einzige Patriotismus, der die Deutschen dem Westen nicht entfremde, sei der zur Verfassung. Damit löst sich die Loyalität vom Volk und heftet sich an die Verfassungsordnung — die vorpolitischen Bindungen werden bewusst ausgeklammert. Das macht die Konstruktion offen für jeden, der sich zu ihren Werten bekennt. Es macht sie zugleich blass, sobald gefragt wird, ob ein Verfassungstext dieselbe Bindungskraft entfalten kann wie eine Herkunft.

Eine fünfte Frage durchzieht alle vier Antworten: die nach der Heimat. Gemeint ist die gefühlshafte, vorpolitische Bindung an einen Ort, eine Landschaft, eine vertraute Sprachwelt. Im deutschen Diskurs ist der Begriff eigentümlich belastet, während die Nachbarländer ihre Entsprechungen unbefangen gebrauchen. Was diese Schieflage über die deutsche Erinnerungspolitik verrät, verdient eine eigene Betrachtung.

„Der Begriff des Vaterlandes erfüllt sich erst in seiner freien Verfassung — nicht bloß in seiner geschriebenen, sondern in der Verfassung, in der wir alle uns als Bürger dieses Landes befinden, an der wir täglich teilnehmen und in der wir leben.“

Dolf Sternberger, Begriff des Vaterlands, in: Die Wandlung, 2. Jg. (1947), S. 502 (Beleg)

Warum die Frage offen bleibt

Die vier Antworten teilen weniger einen Inhalt als eine Reihenfolge: Jede reagiert auf das Scheitern der vorigen. Der opferbereite Patriotismus der Befreiungskriege überschlug sich über Generationen ins Völkische. Der Verfassungspatriotismus antwortet auf dessen Katastrophe. Die Skepsis gegen den Heimatbegriff wiederum antwortet auf seine völkische Vereinnahmung. Heine und Schurz halten dagegen die Möglichkeit offen, dass es auch anders hätte kommen können.

Eine Beobachtung wird dabei selten ausgesprochen: Jede dieser Antworten trägt ein Datum und eine Biographie. Der Verfassungspatriotismus entstammt keiner zeitlosen Einsicht, sondern der Erfahrung von Menschen, die den Zusammenbruch durchlebt hatten. Sternberger, geboren 1907, erlebte das Dritte Reich als erwachsener Mann; Habermas, geboren 1929, als Jugendlicher. Ihre Konstruktion war Schutzvorrichtung — die wohlüberlegte Abkehr von einem Patriotismus, der sich als verführbar erwiesen hatte, nachdem ihn erst die Demütigung nach 1918 aufgeladen und dann der Nationalsozialismus ins Rassisch-Völkische gewendet hatte.

Daraus folgt eine Frage, die dieser Rahmen offenlässt, statt sie zu beantworten. Eine Loyalitätsformel, die aus der Erfahrung der Überlebenden erwuchs und von ihr getragen wurde — gilt sie umstandslos weiter für eine Generation, die diese Erfahrung nicht mehr besitzt, sondern nur noch als ererbte Pflicht kennt? Und falls die abstrakte Antwort die gefühlte Bindung auf Dauer nicht ersetzt, woran hält sich dann die Loyalität derer, die nach den Erbauern kommen?

Das Feld, nicht das Urteil

Woran sich Loyalität bindet, müssen alle Gemeinwesen für sich klären; das ist keine deutsche Besonderheit. Besonders ist nur, wie offen die Frage hierzulande liegt — verwoben mit der Geschichte einer Katastrophe, und jede Antwort im Schatten der vorhergehenden.

Die Reihe geht den Antworten chronologisch nach, von den Befreiungskriegen bis in die Gegenwart, und trägt das Material zusammen, aus dem sich ein eigenes Urteil bilden lässt. Wer die Vergangenheit dieses Begriffs versteht, durchschaut, warum die Gegenwart ihn nicht zur Ruhe kommen lässt.