KI-generierte Illustration: Karl Popper 1944 an seinem Schreibtisch im neuseeländischen Exil, vor ihm das Manuskript „The Open Society and Its Enemies“, Historiengemälde-Stil.
Karl Popper – The Open Society and Its Enemies (1944)

Karl Popper prägte in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945) die „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“ als erkenntnistheoretischen Fehlschluss – lange bevor der Begriff zum Diskursetikett wurde. Das Buch entstand ab 1938 im neuseeländischen Exil. Bild: KI-generierte Illustration (Loreley-Blog), keine Originalaufnahme.

Verschwörungstheorie (Diskursbegriff)

Lesezeit: ca. 9 Minuten

Kurzdefinition:

„Verschwörungstheorie“ bezeichnet im Wortsinn die Annahme, ein Ereignis sei durch das verdeckte, koordinierte Handeln einer Gruppe verursacht worden. Im öffentlichen Sprachgebrauch fungiert das Wort jedoch längst nicht mehr als Beschreibung, sondern als Disqualifikation: Wer es zugesprochen bekommt, ist aus dem Kreis der ernstzunehmenden Sprecher ausgeschlossen, bevor seine Argumente geprüft wurden. Diese Doppelnatur – analytische Kategorie und Stigma-Label – macht den Begriff zum Machtinstrument im Kampf um Deutungshoheit. Dabei ist unstrittig, dass es sowohl irrationale Verschwörungsmythen gibt als auch reale, später dokumentierte Verschwörungen staatlicher Stellen. Ein Diskursbegriff, der beides unter demselben Pathologie-Verdacht verbucht, schützt nicht die Wahrheit, sondern diejenigen, über die nicht spekuliert werden soll.

Historischer Ursprung:

Der Ausdruck „conspiracy theory“ ist seit dem 19. Jahrhundert belegt, seine philosophische Karriere beginnt aber mit Karl Popper. In „The Open Society and Its Enemies“ (1945) und Vorträgen Ende der 1940er Jahre kritisierte Popper die „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“: die irrige Annahme, gesellschaftliche Phänomene wie Krieg, Arbeitslosigkeit oder Armut seien stets das direkte Werk planender Mächtiger – für ihn eine „säkularisierte Form religiösen Aberglaubens“. Wichtig ist Poppers Einschränkung, die in der heutigen Verwendung regelmäßig unterschlagen wird: Er bestritt nicht, dass Verschwörungen existieren – nur, dass sie die Geschichte als Ganze erklären. Der Philosoph Charles Pigden hat seit 1995 gezeigt, dass Poppers Argument allein eine extreme Totalvariante trifft, nicht die rationale Prüfung konkreter Verschwörungshypothesen.

Ein Schlüsseldokument der Begriffsgeschichte ist das CIA-Dispatch Nr. 1035-960 vom 1. April 1967, Betreff „Countering Criticism of the Warren Report“, als geheim eingestuft und mit dem Vermerk „PSYCH“ (psychologische Operationen) versehen; freigegeben wurde es 1976 nach einer FOIA-Anfrage der New York Times. Das Dokument reagiert auf die wachsende öffentliche Kritik am Warren-Report zur Kennedy-Ermordung – Umfragen sahen damals eine Mehrheit der Amerikaner skeptisch – und weist die CIA-Stationen an, über „Propaganda-Assets“, befreundete Politiker und Redakteure sowie lancierte Buchbesprechungen „das Material zu liefern, um die Behauptungen der conspiracy theorists zu kontern und zu diskreditieren“. Empfohlen werden Argumentationsmuster, die bis heute vertraut klingen: Kritiker seien finanziell oder politisch motiviert, in ihre Thesen „verliebt“, eine große Verschwörung sei in den USA nicht geheimzuhalten. Die These des Politikwissenschaftlers Lance deHaven-Smith (2013), die CIA habe den Begriff damit „erfunden“, ist nicht haltbar – das Wort ist älter. Belegt ist aber: Eine Regierungsbehörde hat 1967 verdeckt Sprachregelungen zur Diskreditierung von Regierungskritikern an Medienkontakte verteilt.

In Deutschland prägen heute der Philosoph Karl Hepfer („Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik“, 2015) und der Amerikanist Michael Butter („‚Nichts ist, wie es scheint‘. Über Verschwörungstheorien“, 2018) die Mainstream-Forschung; Butter leitete zudem das EU-geförderte Forschungsnetzwerk COMPACT. Beide behandeln Verschwörungstheorien primär als defizitäres Denken – erkenntnistheoretisch fehlerhaft, demokratiegefährdend, therapiebedürftig.

In den deutschen Behördengebrauch ging der Begriff 2021 ein: Das Bundesamt für Verfassungsschutz richtete am 29. April 2021 den Phänomenbereich „verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“ ein, in dessen Beschreibung die Verbreitung von Verschwörungserzählungen als Merkmal galt; zuletzt wurden ihm rund 1.500 Personen zugerechnet. Im Frühjahr 2026 schaffte das Amt die Kategorie ohne öffentliche Bilanz wieder ab. Fünf Jahre lang konnte damit eine Meinungsäußerung unterhalb der Strafbarkeit allein über ihre Etikettierung nachrichtendienstlich relevant werden.

Loreley-Einordnung:

Ein Begriff, der Prüfung durch Etikettierung ersetzt, dient der Macht, nicht der Wahrheit. Die seriöse Position lautet: Verschwörungsannahmen sind Hypothesen wie andere auch – manche sind absurd, manche plausibel, einige bestätigen sich. Philosophen wie Pigden und Kurtis Hagen weisen seit Jahren darauf hin, dass die pauschale Pathologisierung („Verschwörungsmentalität“, „Schwurbler“) wissenschaftlich nicht gedeckt ist, weil sie die Wahrheitsfrage durch eine Persönlichkeitsdiagnose ersetzt. Wer profitiert? Stets der jeweils Verdächtigte: Das Label immunisiert Regierungen, Behörden und Konzerne gegen genau die Art von Misstrauen, die Gewaltenteilung und Pressefreiheit begründet. Die Mainstream-Forschung à la Hepfer und Butter benennt reale Phänomene – antisemitische Welterklärungsmythen existieren und sind gefährlich –, aber ihre Kategorien werden im politischen Betrieb als Allzweckwaffe gegen jede Elitenkritik ausgerollt.

Die Liste der bestätigten „Verschwörungstheorien“ ist lang genug, um Demut zu erzwingen. Die NSA-Massenüberwachung galt vor Edward Snowdens Enthüllungen im Juni 2013 als Paranoia – dann lagen PRISM-Folien vor, und 2020 stufte ein US-Bundesberufungsgericht die massenhafte Telefondatensammlung als rechtswidrig ein. Die Existenz geheimer NATO-naher Stay-behind-Strukturen („Gladio“) bestätigte Italiens Ministerpräsident Andreotti am 24. Oktober 1990; das Europäische Parlament verabschiedete am 22. November 1990 eine Entschließung dazu. Das CIA-Programm MK-Ultra – Bewusstseinskontrollversuche an ahnungslosen Personen – wurde 1975 vom Church Committee und 1977 in Senatsanhörungen dokumentiert, nachdem CIA-Direktor Helms 1973 die Akten hatte vernichten lassen. Und die RKI-Krisenstabsprotokolle mussten vom Magazin Multipolar erst freigeklagt werden (Veröffentlichung 20. März 2024, über 1.000 geschwärzte Passagen; weitgehende Entschwärzung durch das RKI am 30. Mai 2024): Sie belegen interne Zweifel an der Evidenz einzelner Maßnahmen – etwa an FFP2-Masken im Alltag –, während öffentlich Alternativlosigkeit verkündet wurde. Zur Redlichkeit gehört auch die Gegenprobe: Multipolars Verdacht, die Risiko-Hochstufung vom März 2020 sei von außen angewiesen worden, bestätigte sich nicht – hinter der Schwärzung stand RKI-Vizepräsident Lars Schaade. So sieht Prüfung statt Etikettierung aus: Behauptung, Beleg, Korrektur.

Die Machtwirkung des Labels liegt in seiner Asymmetrie. Regierungsnahe Falschbehauptungen – Massenvernichtungswaffen im Irak 2003, „sichere und wirksame“ Pauschalkommunikation in der Pandemie – werden nachträglich als „Fehleinschätzung“ verbucht; regierungskritische Hypothesen werden vorab als „Verschwörungstheorie“ aussortiert, selbst wenn sie sich später als diskussionswürdig erweisen (die Laborursprungsthese zu SARS-CoV-2 wanderte binnen drei Jahren vom Verbotsbereich der Plattformmoderation in die offizielle Prüfung westlicher Dienste und Behörden). Das offizielle Narrativ verschweigt diese Asymmetrie, weil sie das eigentliche Thema ist: Nicht ob Menschen irren, sondern wer das Privileg hat, folgenlos zu irren (siehe „Die Erleuchteten und die Unwissenden“).

Fazit:

Gegen Verschwörungsmythen hilft kein Etikett, sondern nur Beleg und Widerlegung. Der heutige Gebrauch von „Verschwörungstheorie“ leistet das Gegenteil: Er sortiert Sprecher statt Argumente, und er tut es systematisch zugunsten derer, die ohnehin über Apparate, Reichweite und Definitionsmacht verfügen. Das CIA-Dispatch 1035-960 hat den Begriff nicht erfunden – aber es dokumentiert schwarz auf weiß, dass seine strategische Verwendung zur Diskreditierung von Kritikern eine erprobte Regierungstechnik ist. Wer aus NSA-Überwachung, Gladio, MK-Ultra und freigeklagten RKI-Protokollen nichts lernt, hat sich gegen Erfahrung immunisiert – und genau das wirft er den „Verschwörungstheoretikern“ vor.

Quellenbasis:

CIA Dispatch Nr. 1035-960, „Countering Criticism of the Warren Report“, 1. April 1967 (NARA RIF 104-10009-10022; Volltext: 22november1963.org.uk)
Karl R. Popper: „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, Bd. 2 (zuerst engl. 1945)
Charles Pigden: „Popper Revisited, or What Is Wrong With Conspiracy Theories?“, Philosophy of the Social Sciences 25 (1995)
Karl Hepfer: „Verschwörungstheorien. Eine philosophische Kritik“, transcript, 2015
Michael Butter: „‚Nichts ist, wie es scheint‘. Über Verschwörungstheorien“, Suhrkamp, 2018
Lance deHaven-Smith: „Conspiracy Theory in America“, University of Texas Press, 2013
Entschließung des Europäischen Parlaments zur Gladio-Affäre, 22. November 1990 (ABl. C 324/201)
U.S. Senate, Church Committee: Final Report (1976); Joint Hearing „Project MKULTRA“, 3. August 1977
The Guardian / The Washington Post: PRISM-Enthüllungen, 6./7. Juni 2013; U.S. Court of Appeals (9th Cir.), United States v. Moalin, 2. September 2020
Multipolar: „Mehr als tausend Passagen geschwärzt: Multipolar veröffentlicht freigeklagte RKI-Protokolle“, 20. März 2024
Deutsches Ärzteblatt: RKI-Protokolle weitgehend ungeschwärzt veröffentlicht, 30. Mai 2024
Konrad-Adenauer-Stiftung: Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates; Berliner Zeitung, 14. April 2026

Zahlen, Daten, Fakten

Begriffsprägung (philosophisch): Karl Popper, „conspiracy theory of society“, ab 1945


CIA-Dokument: Dispatch 1035-960, 1. April 1967, Vermerk „PSYCH“, freigegeben 1976


Anlass des Dispatch: mehrheitliche öffentliche Zweifel am Warren-Report zur Kennedy-Ermordung


Empfohlene Technik: Einsatz von „propaganda assets“, Elitekontakten und Buchbesprechungen gegen Kritiker


Deutscher Behördengebrauch: BfV-Phänomenbereich „Delegitimierung des Staates“, 29. April 2021 bis Frühjahr 2026, zuletzt ca. 1.500 Personen


Gladio bestätigt: 24. Oktober 1990 (Andreotti); EP-Entschließung 22. November 1990


MK-Ultra dokumentiert: Church Committee 1975/76, Senatsanhörung 1977; Aktenvernichtung 1973


NSA-Überwachung belegt: Snowden-Leaks ab 6. Juni 2013; Gerichtsentscheid zur Rechtswidrigkeit 2020


RKI-Protokolle: freigeklagt durch Multipolar, Veröffentlichung 20. März 2024, über 1.000 Schwärzungen; Entschwärzung 30. Mai 2024


Deutsche Standardwerke der Mainstream-Forschung: Hepfer 2015, Butter 2018

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