KI-generierte Illustration: Gerichtssaal des Hanseatischen Oberlandesgerichts Hamburg beim Nord-Stream-Prozess, Richterbank unter Bundesadler, Angeklagter von hinten hinter Glasscheibe zwischen zwei Verteidigern, volle Pressebänke.
OLG Hamburg – Nord-Stream-Prozess

Seit dem 14. Oktober 2026 verhandelt das Hanseatische Oberlandesgericht Hamburg gegen einen ukrainischen Beschuldigten wegen der Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im September 2022. Was 2022 als „Verschwörungstheorie“ abgetan wurde, ist Gegenstand einer Anklage des Generalbundesanwalts. Bild: KI-generierte Illustration (Loreley-Blog), keine Originalaufnahme. Die abgebildeten Personen sind fiktiv.

Veröffentlicht im Oktober 2026

Verschwörungstheorie – Das beliebteste Totschlagargument

Acht Behauptungen, die als Hirngespinst galten – und was aus ihnen wurde

Lesezeit: 7 Minuten

Seit dem 14. Oktober 2026 steht vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg ein 50-jähriger Ukrainer, der nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines angeführt hat – mit sechs Mittätern, von einer gecharterten 15-Meter-Segeljacht aus. Taucher und Marineexperten halten diese Version seit 2023 für technisch nicht machbar. Wer das damals sagte, wurde in deutschen Redaktionen nicht widerlegt, sondern als Verschwörungstheoretiker eingeordnet. Das Wort erspart die Prüfung. Es ist das bequemste Argument, das der deutsche Diskurs kennt.

Deshalb lohnt der Blick auf Behauptungen, die in den vergangenen Jahrzehnten unter diesem Etikett liefen und inzwischen durch Senatsausschüsse, deklassifizierte Akten, Gerichtsurteile oder die ursprünglich spottenden Zeitungen selbst bestätigt sind. Eine Auswahl von acht Fällen.

MKULTRA

Der Vorwurf lautete, die CIA teste Drogen, Hypnose und Folter zur Bewusstseinskontrolle an ahnungslosen Bürgern. Jahrzehntelang galt das als Hirngespinst. 1975 bestätigte das Church-Komitee des US-Senats das Programm: Es lief von 1953 bis 1973, CIA-Direktor Richard Helms hatte 1973 sämtliche Akten vernichten lassen wollen.

COINTELPRO

Das FBI bespitzele, infiltriere und zersetze Bürgerrechtsorganisationen, Antikriegsgruppen und Linke, hieß es. 1971 entwendete Akten und die Senatsuntersuchungen unter Frank Church belegten das Programm seit 1956 – bis hin zu dem anonymen Drohbrief des FBI an Martin Luther King, der ihn zum Selbstmord drängen sollte.

Operation Northwoods

1962 plante das Pentagon, inszenierte Terroranschläge auf amerikanische Bürger Kuba zuzuschreiben, um einen Krieg zu rechtfertigen. Der 1997 freigegebene Plan trug die Unterschrift des Generalstabschefs und wurde Verteidigungsminister Robert McNamara vorgelegt. Die Regierung Kennedy verwarf ihn.

NSA-Massenüberwachung und Merkels Handy

Dass die NSA europäische Bürger und Politiker bis hinauf zur Bundeskanzlerin abhört, galt vor 2013 als paranoid. Dann kamen die Snowden-Dokumente, 2020 erklärte ein US-Berufungsgericht die Telefondatensammlung für rechtswidrig, und 2021 berichtete der dänische Rundfunk, der Militärnachrichtendienst FE habe der NSA von 2012 bis 2014 beim Abhören Merkels und anderer europäischer Politiker geholfen. Merkels Satz „Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht“ war richtig und reichte nicht.

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Hunter Biden Laptop

Drei Wochen vor der US-Wahl 2020 veröffentlichte die New York Post Material vom Laptop des Kandidatensohns. 51 ehemalige Geheimdienstmitarbeiter erklärten in einem offenen Brief, es trage „die klassischen Merkmale russischer Desinformation“; Twitter und Facebook sperrten die Berichterstattung. Im März 2022 bestätigten New York Times und Washington Post die Echtheit. Im Juni 2024 wurde Hunter Biden wegen Waffendelikten verurteilt, im September bekannte er sich in den Steuerverfahren schuldig. Am 1. Dezember 2024 begnadigte ihn sein Vater vollständig, bevor ein Strafmaß verkündet war.

Russia-Collusion

Von 2016 bis 2019 galt als gesichert, Donald Trump habe mit Russland eine kriminelle Verschwörung gegen die US-Wahl betrieben; Zweifler hießen Putin-Versteher. Der Mueller-Bericht vom April 2019 fand keine nachweisbare Verschwörung. Der Durham-Bericht vom Mai 2023 ergab, dass die FBI-Ermittlung auf unhaltbarer Grundlage geführt worden war, dass das Steele-Dossier von der Clinton-Kampagne bezahlt war und dass der FBI-Anwalt Kevin Clinesmith wegen Aktenfälschung verurteilt wurde. Das Etikett traf in diesem Fall nacheinander beide Seiten, und beide Male lag es daneben.

Lab-Leak-Hypothese

2020 galt die Annahme, das Coronavirus stamme aus einem Labor in Wuhan, als rechte Verschwörungstheorie; Facebook und Twitter löschten Beiträge und sperrten Konten. 2023 stuften das US-Energieministerium (mit geringer Sicherheit) und das FBI (mit mittlerer Sicherheit) den Laborursprung als wahrscheinlichste Erklärung ein. Der Bundesnachrichtendienst war nach Medienberichten intern bereits 2020 zu einer ähnlichen Einschätzung gekommen.

Nord Stream

Im Februar 2023 veröffentlichte Seymour Hersh, Pulitzerpreisträger, seine Recherche: Die Sprengung vom 26. September 2022 sei eine Operation der US-Marine im Auftrag der Regierung Biden gewesen. Die taz titelte „Pulitzerpreisträger auf Abwegen“, das Handelsblatt nannte den Bericht konstruiert. Die Bundesanwaltschaft verfolgt seither die Spur einer ukrainischen Gruppe auf der Segeljacht Andromeda und hat sie am 14. Oktober 2026 in Hamburg zur Anklage gebracht; 16 Verhandlungstage sind bis Dezember angesetzt. Die Verteidigung hält dagegen, es gebe weder Fingerabdrücke noch Zeugen, der Angeklagte sei zur Tatzeit in der Ukraine gewesen. Polen hat die Auslieferung eines zweiten Verdächtigen verweigert. Hershs Version ist bis heute nicht widerlegt, die amtliche wird gerade vor Gericht geprüft.

Epstein-Akten

Bis 2024 galt die Behauptung, Jeffrey Epstein habe ein Netzwerk aus Politikern und Wirtschaftsführern unterhalten, als Verschwörungstheorie. Im November 2025 verabschiedete das Repräsentantenhaus den Epstein Files Transparency Act mit 427 zu einer Stimme, der Senat einstimmig. Am 30. Januar 2026 gab das Justizministerium rund drei Millionen Seiten, 2.000 Videos und 180.000 Bilder frei. Larry Summers gab im November 2025 seine Lehrtätigkeit in Harvard auf, im Februar 2026 alle dortigen Ämter. Hyatt-Verwaltungsratschef Thomas Pritzker trat im Februar 2026 zurück. Andrew Mountbatten-Windsor, der seine Titel bereits im Oktober 2025 verloren hatte, wurde am 18. Februar 2026 wegen Verdachts des Amtsmissbrauchs festgenommen. Belegt sind das Netzwerk und die jahrelange Vertuschung. Eine fertige „Klientenliste“ ist bis heute nicht aufgetaucht.

Sechs bestätigt, zwei offen

Sechs dieser acht Fälle sind abgeschlossen und amtlich bestätigt. Zwei – Nord Stream und Russia-Collusion – sind offen oder zweischneidig, und gerade an ihnen lässt sich beobachten, wozu das Etikett dient: Es entscheidet, bevor jemand prüft. Dass dieser Gebrauch kein Zufall ist, steht in einem Dispatch der CIA vom 1. April 1967 mit der Nummer 1035-960. Darin empfahl die Behörde ihren Stationen, Kritiker des Warren-Reports zur Kennedy-Ermordung über Medienkontakte als „conspiracy theorists“ zu bezeichnen und so zu diskreditieren. Das Dokument wurde 1976 freigegeben. Die Methode ist seit 59 Jahren in Gebrauch.

Zahlen, Daten, Fakten
CIA-Dispatch 1035-960
1. April 1967, freigegeben 1976.


MKULTRA
1953–1973; Church-Komitee 1975.


COINTELPRO
1956–1971.


Operation Northwoods
1962, deklassifiziert 1997.


NSA
Snowden-Leaks ab 6. Juni 2013; FE-Enthüllung Mai 2021.


Hunter-Biden-Laptop
NY Post 14.10.2020; Begnadigung 1.12.2024.


Russia-Collusion
Mueller 18.4.2019; Durham 15.5.2023.


Nord Stream
Sprengung 26.9.2022; Prozessbeginn OLG Hamburg 14.10.2026, 16 Termine bis 17.12.2026.


Epstein-Akten
Transparency Act Nov. 2025, 427:1; Freigabe 30.1.2026, ca. 3 Mio. Seiten.

Quellen: Church Committee; EPIC; beck-aktuell; Britannica-Timeline; 22november1963.org.uk.