
Arthur Ponsonby (1871–1946) sammelte 1928 in „Falsehood in War-Time“ die Lügen des Ersten Weltkriegs auf allen Seiten; aus seinem Buch leitete Anne Morelli 2001 die zehn Prinzipien der Kriegspropaganda ab. Ponsonby hatte am 3. August 1914 als einer von fünf Abgeordneten gegen den Kriegseintritt Großbritanniens gesprochen.
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Zehn Prinzipien der Kriegspropaganda
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Die zehn Prinzipien der Kriegspropaganda sind ein Prüfraster, mit dem sich die Kriegsrhetorik einer Regierung auf wiederkehrende Behauptungen hin untersuchen lässt. Die belgische Historikerin Anne Morelli hat es 2001 aus dem Buch „Falsehood in War-Time“ (Lügen in Kriegszeiten) des britischen Politikers Arthur Ponsonby von 1928 abgeleitet. Die zehn Sätze lauten in der deutschen Ausgabe von Morellis Buch: Wir wollen keinen Krieg. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg. Der Feind hat dämonische Züge. Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele. Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten, wenn uns Fehler unterlaufen, dann nur versehentlich. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm. Unsere Sache wird von Künstlern und Intellektuellen unterstützt. Unsere Mission ist heilig. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter.
Das Raster beschreibt keine Lügen im Einzelfall, sondern die Form, in der eine Regierung im Krieg zu ihrer Bevölkerung spricht. Morelli beansprucht ausdrücklich, dass es für alle Kriegsparteien gilt, für Sieger wie für Besiegte und für die eigene Seite. Ob eine Behauptung wahr ist, prüft das Raster nicht. Es zeigt an, dass sie dem Muster folgt.
Historischer Ursprung
Arthur Ponsonby (1871–1946) wurde auf Windsor Castle geboren, als Sohn des Privatsekretärs von Königin Victoria. Er diente acht Jahre im diplomatischen Dienst, zog 1908 als Liberaler ins Unterhaus ein und sprach am 3. August 1914 als einer von fünf Abgeordneten gegen den Kriegseintritt Großbritanniens. Mit Ramsay MacDonald, Edmund Dene Morel, Charles Trevelyan und Norman Angell gründete er im selben Jahr die Union of Democratic Control (Vereinigung für demokratische Kontrolle), die eine parlamentarische Kontrolle der Außenpolitik forderte. Die Presse des Verlegers Max Aitken nannte die Vereinigung „pro-deutsch“; im Juli 1915 wurde Ponsonby in London und Leicester tätlich angegriffen, die Polizei durchsuchte die Büros. Bei der Wahl im Dezember 1918 verloren alle Abgeordneten der Vereinigung ihre Mandate.
1922 kehrte Ponsonby für Labour ins Unterhaus zurück. Als Staatssekretär im Foreign Office setzte er 1924 die nach ihm benannte „Ponsonby Rule“ durch: Jeder völkerrechtliche Vertrag muss dem Parlament 21 Tage vor der Ratifizierung vorgelegt werden. 1930 wurde er zum Baron Ponsonby of Shulbrede erhoben und führte von 1931 bis 1935 die Labour-Opposition im Oberhaus. Von diesem Amt trat er im September 1935 zurück, weil seine Partei Sanktionen gegen Italien wegen des Überfalls auf Abessinien unterstützte. Er leitete 1935 bis 1937 die War Resisters’ International (Internationale der Kriegsdienstgegner), gründete mit dem Pfarrer Dick Sheppard die Peace Pledge Union (Friedensgelöbnis-Vereinigung) und trat im Mai 1940 aus der Labour Party aus, als diese in die Kriegskoalition Winston Churchills eintrat.
Das Buch „Falsehood in War-Time“ erschien im Mai 1928 bei George Allen & Unwin in London und erlebte bis Juni 1940 zehn Auflagen. Es trägt als Motto einen Satz des Sophokles, dass eine Lüge nie alt werde. Der Satz „Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer“, mit dem der Westend Verlag die Neuausgabe von 2022 bewirbt, stammt nicht von Ponsonby; er wird dem US-Senator Hiram Johnson zugeschrieben, der ihn 1918 geprägt haben soll. Die Neuausgabe nennt als Verlag der Erstausgabe die „Garland Publishing Company, London“. Das ist ein Fehler, den auch die englische Wikipedia führt: Garland in New York druckte das Buch 1971 nach. Die erste deutsche Übersetzung erschien 1930; das Auswärtige Amt der Weimarer Republik förderte sie und eine französische Ausgabe, weil das Buch der deutschen Position in der Kriegsschuldfrage nützte.
Ponsonby untersucht in 30 Kapiteln einzelne Lügen des Ersten Weltkriegs. Die bekanntesten: das belgische Kind, dem deutsche Soldaten die Hände abgehackt hätten (kein einziger Fall war nachweisbar, auch nicht für den italienischen Ministerpräsidenten Francesco Nitti, der danach suchen ließ); die „Kadaververwertungsanstalt“, aus der die britische Presse 1917 eine Fabrik machte, in der Deutschland gefallene Soldaten zu Fett verarbeite, bis Außenminister Austen Chamberlain am 2. Dezember 1925 im Unterhaus einräumte, dass die Geschichte keine Grundlage hatte; die Lusitania, deren Munitionsladung verschwiegen wurde; der angeblich gekreuzigte kanadische Soldat, der nie identifiziert werden konnte. Das längste Kapitel behandelt die Lügen der anderen Seite. Für Deutschland führt Ponsonby die Meldung vom 3. August 1914 an, französische Flieger hätten Nürnberg bombardiert, die der preußische Gesandte in München als unbelegt zurückmeldete, nachdem Außenminister Gottlieb von Jagow sie bereits als Völkerrechtsbruch nach Brüssel und Den Haag weitergeleitet hatte. Ferner die Geschichte von den ausgestochenen Augen deutscher Verwundeter, die von einem Lazarett in Aachen über Bonn und Sigmaringen wanderte, bis ein zehnjähriger Junge einen ganzen Eimer voll Soldatenaugen gesehen haben wollte und die Ärzte dementierten. Ponsonby urteilt, die deutsche Zensur sei strenger gewesen als die britische, und sie habe die Lage so rosig gemalt, dass die Niederlage das Land überraschte.
Seine Erklärung für das Muster steht in der Einleitung: Eine Regierung, die Freiwillige für den Krieg gewinnen will, muss den Feind als Verbrecher darstellen und sich selbst als Opfer. Sie darf dem Gegner kein Recht lassen. Aus dieser Pflicht folgt die Lüge, und aus dem Patriotismus der Bevölkerung folgt die Bereitschaft, sie zu glauben. Ponsonby hält die Leichtgläubigkeit für die größere Gefahr, weil sie die Lüge erst wirksam macht.
Kontext: Morellis Verdichtung und die Kritik an beiden
Anne Morelli, geboren 1948, lehrte an der Freien Universität Brüssel Quellenkritik und Religionsgeschichte und wurde 2010 emeritiert. Ihr Buch „Principes élémentaires de propagande de guerre“ (Grundprinzipien der Kriegspropaganda) erschien 2001 bei Labor in Brüssel, die deutsche Übersetzung von Marianne Schönbach 2004 bei zu Klampen, inzwischen in siebter Auflage. Morelli verdichtet Ponsonbys Einzelfälle zu zehn Kapiteln und belegt jedes Prinzip mit Beispielen aus beiden Weltkriegen, dem Golfkrieg 1991, dem Kosovo-Krieg 1999 und dem Afghanistan-Krieg 2001. Das Vorwort trägt die Überschrift „Danke, Lord Ponsonby!“. Neben Ponsonby stützt sie sich auf den Franzosen Georges Demartial, der 1922 mit „Comment on mobilisa les consciences“ (Wie man die Gewissen mobilisierte) die französische Seite untersucht hatte.
Beide Bücher haben Kritik erfahren, die in der Neuausgabe des Westend Verlags nicht vorkommt. Die Historiker John Horne und Alan Kramer haben 2001 in „German Atrocities 1914“ (Deutsche Gräueltaten 1914) nachgewiesen, dass deutsche Truppen im Herbst 1914 rund 6.500 belgische und französische Zivilisten töteten, in Dinant, Löwen, Andenne und Tamines. Ponsonby hatte einzelne Erfindungen entlarvt und daraus geschlossen, die Gräuelberichte insgesamt seien Propaganda. Horne und Kramer ordnen sein Buch deshalb als Teil der Nachkriegsleugnung ein. Der Historiker Adrian Gregory wirft Ponsonby 2009 vor, deutsche Quellen als wahr und britische als Lüge behandelt zu haben; das Buch sei selbst Propaganda. Die schwerste Folge zeigte sich 1942: Als über die Schweiz das Telegramm des Rabbiners Isaac Sternbuch nach London gelangte, in dem von Seife aus den Leichen ermordeter Juden die Rede war, verglich Victor Cavendish-Bentinck, Vorsitzender des britischen Joint Intelligence Committee (Gemeinsamer Nachrichtendienst-Ausschuss), die Nachricht mit der „grotesken Lüge“ von der Leichenfabrik 1917 und hielt sie für unglaubwürdig. Der Historiker Joachim Neander führt die verzögerte Reaktion auf die Nachrichten vom Holocaust unter anderem auf diese Erinnerung zurück. Die entlarvte Lüge von 1917 hatte 1942 die Wahrheit unglaubwürdig gemacht.
Auch Ponsonbys politische Praxis ist Teil der Rezeptionsgeschichte. Am 4. Oktober 1938 begrüßte er im Oberhaus das Münchner Abkommen als mutigen Schritt, der den Krieg verhindert habe, und erklärte, Diktatoren seien im persönlichen Gespräch keine Ungeheuer, wenn auch schwierige Partner. Er lehnte die britische Aufrüstung und 1939 die Garantie für Polen ab. Innerhalb der Labour Party warf man ihm vor, sein Pazifismus ermutige die Diktatoren.
Morelli trifft eine andere Kritik. Jochen Stöckmann schrieb 2004 im Deutschlandfunk, sie arbeite fast nur mit Zitaten, untersuche keine Medienmechanismen und unterscheide nicht zwischen Angreifer und Angegriffenem. Lars Klein bemängelte 2005 bei H-Soz-Kult die Redundanz der Beispiele und die Oberflächlichkeit in der Frage, ob Medien eigenständig handeln oder Interessen folgen. Rudolf Walther lobte in der Zeit das „intellektuelle Instrumentarium“, merkte aber an, dass Morelli den Wahrheitsgehalt der zitierten Aussagen nicht prüft. Morelli selbst ordnet sich der äußersten Linken zu, trat 2023 auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz der Tageszeitung junge Welt auf und erklärte im Februar 2023 bei einer Friedensdemonstration in Brüssel, die NATO sei ein Kriegsfaktor. Wer das Raster benutzt, benutzt ein Werkzeug, dessen Autorin im Streit um den Ukraine-Krieg Partei ist.
Heutige Verwendung und Loreley-Einordnung
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 wird das Raster auf beiden Seiten angewandt. Das brasilianische Heeresjournal Revista do Exército Brasileiro prüfte 2022 die russische und die ukrainische Kriegskommunikation an allen zehn Prinzipien. Die Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer wandte es im Dezember 2023 bei der Informationsstelle Militarisierung auf die westliche Berichterstattung an. Der Westend Verlag druckte die zehn Sätze auf den Umschlag der Ponsonby-Neuausgabe vom Juli 2022; der zu-Klampen-Verlag verweist im Klappentext der Morelli-Nachauflage auf die Propaganda des Kreml.
Dass beide Seiten dasselbe Raster für sich in Anspruch nehmen, ist kein Mangel des Rasters. Es zeigt, was Ponsonby 1928 behauptete: Die Form der Kriegsrede hängt nicht davon ab, wer recht hat. Wladimir Putin nannte den Angriff am 24. Februar 2022 eine „militärische Spezialoperation“ und versprach am 8. März 2022, keine Wehrpflichtigen und keine Reservisten einzusetzen; am 21. September 2022 ordnete er die Teilmobilmachung an. Bundeskanzler Olaf Scholz erklärte am 23. März 2022 und erneut am 2. März 2023, die NATO werde nicht Kriegspartei, während Außenministerin Annalena Baerbock am 24. Januar 2023 vor der Parlamentarischen Versammlung des Europarats sagte, man führe einen Krieg gegen Russland. Das russische Verteidigungsministerium meldete am 21. September 2022 5.937 eigene Gefallene gegen 61.207 ukrainische; der ukrainische Generalstab meldete im September 2026 über 1,5 Millionen russische „Verluste“, während die Zählung von Mediazona und BBC zum selben Zeitpunkt 258.989 russische Gefallene namentlich bestätigte. Das zehnte Prinzip erfüllt Russland mit Artikel 207.3 seines Strafgesetzbuchs, der seit März 2022 „Falschmeldungen“ über die Armee mit bis zu 15 Jahren Haft bedroht; in Deutschland erfüllte es der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk, der die Unterzeichner des „Manifests für Frieden“ am 10. Februar 2023 „Putinsche Handlanger“ nannte, und die Europäische Union mit dem Sendeverbot für RT und Sputnik vom 2. März 2022.
Das Raster misst die Form, nicht den Sachverhalt. Dass eine Regierung behauptet, der Gegner begehe absichtlich Grausamkeiten, sagt nichts darüber, ob er sie begeht. In Butscha hatte die russische Regierung die Bilder vom April 2022 als „Fakes“ bezeichnet; die Toten waren real. Der Mord an 6.500 belgischen Zivilisten 1914 war real, obwohl die abgehackten Kinderhände erfunden waren. Ponsonbys eigene Geschichte lehrt, dass die Entlarvung einer Lüge die nächste Wahrheit entwerten kann. Wer das Raster anwendet, hat damit noch nichts geprüft. Er hat eine Frage gestellt: Welche der zehn Behauptungen hält der Beleg, welche nicht?
Für eine Publizistik, die Staats- und Machtkritik betreibt, liegt der Wert des Rasters darin, dass es die eigene Regierung nicht ausnimmt. Ponsonby schrieb es gegen die britische Regierung, Morelli gegen die NATO im Kosovo-Krieg, und beide wurden dafür als Verräter oder Komplizen des Feindes bezeichnet, was ihr zehntes Prinzip bestätigt. Eine Regierung, die das Raster nur auf den Gegner anwendet, erfüllt mit dieser Anwendung das zweite.
Quellenbasis
- Arthur Ponsonby: Falsehood in War-Time. George Allen & Unwin, London 1928 (Volltext)
- Arthur Ponsonby: Lügen in Kriegszeiten. Kritische Betrachtungen. Westend, Frankfurt am Main 2022 (Leseprobe)
- Anne Morelli: Die Prinzipien der Kriegspropaganda. zu Klampen, Springe 2004, 2. Aufl. 2014 (Leseprobe)
- John Horne, Alan Kramer: German Atrocities 1914. A History of Denial. Yale University Press, New Haven 2001 (Verlag)
- Adrian Gregory: The Last Great War. British Society and the First World War. Cambridge University Press 2008
- Joachim Neander: The Danzig Soap Case. German Studies Review 29 (2006), vgl. German Corpse Factory
- Hansard, House of Lords, 4. Oktober 1938, Bd. 110, Sp. 1394–1400 (Hansard)
- UK Parliament: Arthur Ponsonby (1871–1946), Living Heritage (PDF)
- Lars Klein: Rezension zu Morelli, H-Soz-Kult, 29. Juni 2005 (Link); Rudolf Walther, Die Zeit, 18. November 2004 (Perlentaucher)
- Sabine Schiffer: Erkenntnisse aus der Propagandaforschung. IMI, 18. Dezember 2023 (Link)
- Bundesregierung: Rede Scholz, 23. März 2022 (Link); Deutscher Bundestag, hib, 21. März 2023 (Link); Kremlin.ru, 24. Februar 2022 (Link); Meduza, 21. September 2022 (Link); Kyiv Independent zu Mediazona/BBC, September 2026 (Link)

