
Buchcover der deutschen Ausgabe von H. G. Wells „Die neue Weltordnung“ (libell, Übersetzung Konrad Schwarzschildt). Bild: Verlag
H. G. Wells – Die neue Weltordnung

Fokus: Weltstaat, Kollektivismus, Menschenrechtserklärung
Zusammenfassung für Eilige
Im Januar 1940, vier Monate nach Kriegsbeginn, legt der britische Schriftsteller H. G. Wells ein schmales Buch vor, dessen Titel heute als Kampfbegriff dient: „The New World Order“. Wells fordert darin das Ende des Nationalstaats, eine weltweit geplante Wirtschaft und einen Weltstaat, der beides verwaltet – offen, in zwölf Kapiteln, ohne Geheimnis. Als Gegengewicht gegen die Macht dieses Staates setzt er eine Erklärung der Menschenrechte, die acht Jahre später in die Allgemeine Erklärung der Vereinten Nationen einfließt. Wer wissen will, was der Begriff „Neue Weltordnung“ bei einem seiner Urheber bedeutete, liest hier die Quelle.
Ein Buch aus den ersten Kriegswochen
Herbert George Wells, geboren 1866 als Sohn eines Ladenbesitzers in Kent, Biologiestudent bei Thomas Henry Huxley und mit „Der Krieg der Welten“ und „Die Zeitmaschine“ einer der Begründer der Science-Fiction, schreibt seit 1901 an einem einzigen Gedanken: Die Technik hebt die Entfernungen auf, und damit verliert der Nationalstaat seine Grundlage. In „Anticipations“ (1901), „A Modern Utopia“ (1905), „The Open Conspiracy“ (1928, „Die offene Verschwörung“) und „The Shape of Things to Come“ (1933, „Die Gestalt der kommenden Dinge“) spielt er dieselbe Idee in immer neuen Formen durch. 1934 lässt er sich von Stalin und von Roosevelt empfangen, um sie für seine Sache zu gewinnen.
„The New World Order“ entsteht im Herbst 1939, zuerst in vier Folgen für die Zeitschrift Fortnightly Review, im Januar 1940 dann als Buch bei Secker & Warburg in London. Die Times Literary Supplement widmet ihm in ihrer ersten Ausgabe des Jahres eine ganze Seite und den Leitartikel. Wells ist 73 Jahre alt und schreibt, wie er im ersten Kapitel sagt, keine Friedenspropaganda, sondern das Kondensat dessen, was er über Krieg und Frieden in seinem Leben gelernt habe. Der Ton ist der eines Mannes, der die Zeit drängen sieht.
Der Nationalstaat kann die Welt nicht mehr regieren
Die Diagnose des Buches lautet: Die Welt vor 1900 lebte ohne Telefon, ohne Flugzeug, ohne Funk, und die Staaten dieser Welt waren so groß, wie Kutsche und Eisenbahn es erlaubten. Diese Welt existiert nicht mehr. Wirtschaft, Verkehr und Waffen sind längst global, die politischen Einheiten sind es nicht – und aus dieser Lücke entsteht der totale Krieg. Der Völkerbund von 1920 habe daran nichts geändert, weil er Souveränität nur verwaltete, statt sie zu überwinden. Für Wells war der Vertrag von Versailles kein Frieden, sondern eine Atempause.
Aus der Diagnose folgt die Forderung: Die Verfügung über Rohstoffe, Produktion und Verkehr gehört in eine weltweite Verwaltung. Das sechste Kapitel trägt den Titel „Socialism Unavoidable“ („Sozialismus unvermeidlich“), und Wells meint es wörtlich. Er sieht, dass alle kriegführenden Regierungen 1939 ihre Wirtschaft unter staatliche Lenkung stellen, und hält das für den Anfang eines Prozesses, der nach dem Krieg nicht mehr umkehrbar sein werde. Mit dem sowjetischen Kommunismus geht er zugleich hart ins Gericht: Die Diktatur Stalins sei kein Sozialismus, sondern dessen Karikatur.
Die Alternative, die 1939 in London und Washington Konjunktur hat – der Vorschlag des amerikanischen Journalisten Clarence Streit in „Union Now“ („Union jetzt“), die Demokratien zu einem Bundesstaat nach amerikanischem Muster zusammenzuschließen –, verwirft Wells als vage und hoffnungslos optimistisch. Ein Bund der Sieger sei keine Weltordnung, sondern nur ein größeres Lager.
Zehn Rechte gegen den eigenen Weltstaat
Das zehnte Kapitel ist der Grund, warum das Buch in der Rechtsgeschichte fortlebt. Wells weiß, dass ein Staat, der die Weltwirtschaft verwaltet, mehr Macht hätte als jede Regierung zuvor. Als Gegengewicht entwirft er eine „Declaration of the Rights of Man“ („Erklärung der Rechte des Menschen“) in zehn Punkten: Recht auf Leben und Ernährung, Schutz der Minderjährigen, Recht auf Wissen und Bildung, Gedanken- und Religionsfreiheit, Recht auf Arbeit, Recht auf persönliches Eigentum, Freizügigkeit, Schutz vor Gewalt und Folter, persönliche Freiheit vor willkürlicher Haft, Mitwirkung an der Gesetzgebung. Dazu ein Satz, der im Buch mehrfach wiederkehrt: Keine Kollektivierung ohne verbriefte Freiheit des Einzelnen, ohne freie Presse und ohne das Recht auf Kritik – sonst werde aus der Weltordnung eine Tyrannei.
Parallel zum Buch betreibt Wells in der Tageszeitung Daily Herald eine öffentliche Kampagne für diese Erklärung. Unter Vorsitz des früheren Lordkanzlers John Sankey wird daraus 1940 die Sankey Declaration, die Wells in alle Welt verschickt. Der Menschenrechtsanwalt Geoffrey Robertson rechnet sie in „Crimes Against Humanity“ (2000) zu den Vorläufern der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen von 1948. Im Buch selbst fordert Wells seine Leser auf, dem National Council for Civil Liberties (NCCL, Nationaler Rat für bürgerliche Freiheiten) beizutreten – als Pflicht des Weltbürgers.
„Sie werden sterben und dagegen protestieren“
Wells verschweigt nicht, wen seine Ordnung treffen soll. Im Kapitel über die neue Art der Revolution steht der Satz, der das Buch am besten beschreibt:
Unzählige Menschen, vom Maharadscha bis zum Millionär und vom Kolonialoffizier bis zur hübschen Dame, werden die neue Weltordnung hassen, werden durch die Vereitelung ihrer Leidenschaften und Ehrgeize unglücklich sein und werden protestierend gegen sie sterben.
Countless people, from maharajas to millionaires and from pukkha sahibs to pretty ladies, will hate the new world order, be rendered unhappy by the frustration of their passions and ambitions through its advent and will die protesting against it.
H. G. Wells, The New World Order, London 1940, Kapitel 8. Übersetzung Loreley-Blog
Die Revolution, die Wells meint, ist keine Klassenrevolution. Sie wird von einer Minderheit kompetenter, informierter Menschen getragen, die in Verwaltungen, Wissenschaft und Wirtschaft sitzen und die neue Ordnung schlicht einrichten, während die Politik noch über Grenzen streitet – die „offene Verschwörung“ aus dem Buch von 1928. Der Leser erfährt, wer entscheiden soll: nicht die Wähler, sondern die Sachkundigen.
Orwells Einwand: Die Vernünftigen haben keine Macht
Die schärfste zeitgenössische Antwort schreibt George Orwell im August 1941 in der Zeitschrift Horizon unter dem Titel „Wells, Hitler and the World State“ („Wells, Hitler und der Weltstaat“). Orwell, der Wells als den Erzieher seiner ganzen Generation anerkennt, hält ihm vor, Hitler für einen Betriebsunfall der Geschichte zu halten, den vernünftige Männer bald korrigieren würden. Die vernünftigen Männer, schreibt Orwell, hätten aber keine Macht, und Nationalismus, religiöser Fanatismus und Stammesloyalität seien im 20. Jahrhundert stärker als jede wissenschaftliche Weltverwaltung. Wells habe die Kraft des Irrationalen aus seinem Weltbild gestrichen.
Der Dekan der St Paul’s Cathedral, William Inge, spottete in der Zeitschrift Nature im Januar 1940 über den Autor, der sich wundere, dass Menschen über 35 ihre Grundideen nicht mehr änderten – und selbst seit vierzig Jahren dasselbe Heilmittel verschreibe. Beide Kritiken sind bis heute lesbar, weil Wells den Einwand selbst liefert: Er beschreibt, wer verlieren wird, und erwartet trotzdem Zustimmung.
Wer dieses Buch lesen sollte
Das Buch ist kurz, 190 Seiten im Original, und in einem klaren, oft ungeduldigen Englisch geschrieben. Auf Deutsch liegt es seit 2018 im Verlag libell in der Übersetzung von Konrad Schwarzschildt vor, mit achtzig erläuternden Fußnoten; derselbe Verlag hat 2023 ein ungekürztes Hörbuch produziert, gelesen von Oliver Rohloff, knapp fünf Stunden. Der Klappentext der deutschen Ausgabe lädt den Leser ein, selbst zu beurteilen, wie viel von Wells‘ Entwurf bereits umgesetzt oder politisch geplant sei – ein Deutungsangebot des Verlags, das der Text selbst nicht macht.
Es eignet sich für Leser, die den Begriff „Neue Weltordnung“ aus Reden und Kommentaren kennen und ihn an der Quelle prüfen wollen; für alle, die wissen möchten, woher die Idee stammt, dass Krieg nur durch die Abschaffung nationaler Souveränität zu beenden sei; und für jeden, der sich für die Vorgeschichte der UN-Menschenrechtserklärung interessiert. Wer eine verdeckte Verschwörung sucht, findet sie nicht. Wells hat sein Programm gedruckt und unterschrieben.
Loreley-Einordnung
Der Titel steht in der Rubrik „Globalisten und Weltregierung“, weil er zeigt, wie eine Ordnungsidee gebaut wird, bevor sie Politik wird. Wells formuliert 1940 drei Bausteine, die nach 1945 in Institutionen gegossen werden: die Überzeugung, dass Technik und Weltwirtschaft nationale Souveränität überholt hätten; die Planung von Rohstoffen und Produktion über Grenzen hinweg; und eine Menschenrechtserklärung als Legitimation des Ganzen. Vereinte Nationen, Bretton Woods und die Erklärung von 1948 setzen diese Bausteine um – ohne den Weltstaat, den Wells für unverzichtbar hielt.
Für den Umgang mit dem Schlagwort, wie es im Enzyklopädie-Eintrag „Neue Weltordnung“ beschrieben ist, liefert das Buch den Maßstab: Bei Wells ist die neue Weltordnung ein öffentliches, benanntes Programm mit benannten Verlierern. Wer den Begriff heute verwendet, ob George Bush 1990 vor dem Kongress oder Kritiker der Weltwirtschaftsforen, sollte wissen, dass sein Erfinder nichts verborgen hat. Die Frage, die bleibt, ist die, die Orwell 1941 stellte: ob die Sachkundigen, die Wells regieren lassen wollte, jemals die Macht hatten – oder ob sie die Macht nur verwalten, die andere ausüben.
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