
Veröffentlicht im Juni 2026
Klingbeils Steuerreform: 10 Mrd. Euro Entlastung, 39 Mrd. Euro Belastung
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10 Milliarden Euro Entlastung. Mit dieser Zahl wirbt die Bundesregierung seit dem 2. Juli für ihre Steuerreform. Was in der Verlautbarung fehlt: die Gegenrechnung. Rentenversicherung, Pflegeversicherung und Reichensteuer summieren sich bis 2028 auf rund 39 Milliarden Euro zusätzliche Last.
Ein vergiftetes Geschenk
In der Nacht vom 1. auf den 2. Juli einigten sich CDU, CSU und SPD im Koalitionsausschuss auf 34 Reformen unter dem Titel „Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung“. Darin: eine Einkommensteuerreform mit einem Volumen von rund 10 Milliarden Euro pro Jahr, ab 1. Januar 2027 in Kraft, volle Wirkung ab 2028. Grundfreibetrag, Kinderfreibetrag, Kindergeld und Arbeitnehmerpauschbetrag steigen. Der Spitzensteuersatz greift künftig erst ab 70.600 statt bisher früher, wie das Bundesfinanzministerium mitteilt. Bundeskanzler Friedrich Merz bezifferte den Effekt für einen Durchschnittshaushalt:
„Wir rechnen mit bis zu 600 Euro pro Jahr für einen Durchschnittshaushalt.“
Für eine Familie mit zwei Kindern und einem zu versteuernden Einkommen von 60.000 Euro nennt die Bundesregierungdenselben Betrag: gut 600 Euro jährlich, ab 2028.
Gerüchte dementiert und ein Entwurf, der durchkam
Zwei Wochen zuvor kursierten andere Zahlen. Laut einem Spiegel-Bericht vom 15. Juni hatte Klingbeil zwei interne Modelle mit zehn und 20 Milliarden Euro Volumen vorgelegt – das Ministerium nannte den Bericht damals „nicht korrekt“. Am 30. Juni berichtete der Stern über dieselbe Struktur, jetzt beziffert mit 28 und 17 Milliarden, samt einer Entlastung von bis zu 900 Euro für 35 Millionen Menschen. Beschlossen wurde am Ende keines der beiden Modelle. Beschlossen wurde ein drittes, kleineres: 10 Milliarden statt 17 bis 28, rund 600 statt 800 bis 900 Euro für die Beispielfamilie. Was als Spekulation dementiert und zwei Wochen später als Exklusivmeldung gefeiert wurde, fiel am Ende hinter beide Versionen zurück.
Die Gegenfinanzierung
Finanziert wird die Reform über eine verschärfte Reichensteuer. Sie liegt künftig bei 45 Prozent ab 250.000 Euro zu versteuerndem Einkommen, ab 280.000 Euro bei 47 Prozent, wie beck-aktuell dokumentiert. Die Pauschalsteuer auf Minijobs steigt von zwei auf fünf Prozent. Getroffen wird damit wieder das einkommensteuerpflichtige Personenunternehmen – der Betrieb, der über die Einkommensteuer veranlagt wird und in diesen Einkommensbereichen liegt.
Die Rechnung zahlen alle – auch die Entlasteten
Apollo News stellt der Entlastung von 10 Milliarden Euro eine Gesamtbelastung von 38,7 Milliarden Euro für 2028 gegenüber, aus vier Quellen: rund 2 Milliarden aus der Reichensteuer-Anhebung, 2,7 Milliarden aus einem höheren Pflegeversicherungsbeitrag für Kinderlose ab 2027, 10 Milliarden aus dem Einstieg in die Kapitalrente mit einem um 0,5 Punkte höheren Rentenbeitrag ab 2028 sowie rund 24 Milliarden aus einem allgemeinen Anstieg des Rentenversicherungsbeitrags von 18,6 auf 19,8 Prozent bis 2028. An der Beispielfamilie zeigt sich die Wirkung: Der steigende Rentenbeitrag allein – von 7.161 auf 7.854 Euro – übersteigt die gesamte Steuerentlastung von 600 Euro. Unter dem Strich bleibt ein Minus von knapp 100 Euro.
Zwei der vier Belastungsposten stammen nicht von der Regierung, sondern von interessierten Akteuren: Arbeitgeberpräsident Dulger schätzt die 10 Milliarden aus der Kapitalrente, DRV-Vorstandschef Gunkel die 24 Milliarden aus dem allgemeinen Beitragssprung. Ob sich beide Prognosen überschneiden, bleibt in der Rechnung offen. Sollte der von Gunkel genannte Sprung auf 19,8 Prozent den Kapitalrenten-Effekt bereits einschließen, zählt Apollo denselben Beitragsanstieg zweimal. Die 10 Milliarden Entlastung sind eine Regierungszahl, die 34,7 Milliarden Belastung aus Rente und Pflege sind zwei Lobby-Schätzungen. Diese Asymmetrie gehört in jede Übernahme der Zahl hinein.
Entlastung hinausposaunt, Belastung kleingeredet
2028 zahlt eine Familie mit 60.000 Euro Einkommen mehr, nicht weniger. Der Rentenbeitrag allein frisst die gesamte Entlastung auf, bevor Pflegeversicherung und Reichensteuer überhaupt gegengerechnet sind. Die Regierung nennt das eine Reform für kleine und mittlere Einkommen.
Die Reichensteuer trifft eine kleine Gruppe. Die Rentenversicherung trifft fast jeden Erwerbstätigen im Land – und genau dieser Posten fehlt in der Verlautbarung vom 2. Juli vollständig. Kein Wort dazu, dass der Rentenversicherungsbeitrag bis 2028 von 18,6 auf 19,8 Prozent steigen soll, kein Wort zum Einstieg in die Kapitalrente, der diesen Anstieg mit vorantreibt. Nur die 10 Milliarden Entlastung – ein vergiftetes Geschenk.

