Kampf der Kulturen S.P. Huntington

Samuel P. Huntington – Kampf der Kulturen

Fokus: Weltordnung nach dem Kalten Krieg, Kulturkreise, Bruchlinienkriege, Grenzen westlicher Universalität

Im Sommer 1993 erschien in der amerikanischen Zeitschrift Foreign Affairs ein Aufsatz mit einem Fragezeichen im Titel: „The Clash of Civilizations?“ Drei Jahre später ließ Samuel P. Huntington, Politikwissenschaftler an der Harvard University, das Fragezeichen weg und legte das Buch nach. Die deutsche Ausgabe erschien 1996 im Europa-Verlag unter dem Titel „Der Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert“. Der Titel ist zum geflügelten Wort geworden, gelesen wird das Buch weit seltener, als es zitiert wird. In die Rubrik Macht & Strategie gehört es, weil es die Machtverschiebungen nach 1990 über kulturelle Zugehörigkeit erklärt.

Zusammenfassung für Eilige

Nach dem Ende des Kalten Krieges ordnen sich die großen Konflikte, so Huntingtons These, nach Kulturkreisen statt nach Ideologien. Der Westen verliert relativ an Macht, der chinesische und der islamische Kulturkreis treten selbstbewusst auf, und Kriege brechen entlang der Bruchlinien zwischen ihnen aus. Huntingtons Rezept ist Zurückhaltung: Der Westen soll seine eigene Kultur bewahren und darauf verzichten, sie der übrigen Welt aufzuzwingen.

Vom Vortrag in Washington zum Weltbestseller

Huntington (1927–2008) war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Autorität seines Fachs, Autor von Standardwerken über das Verhältnis von Militär und Staat und über politische Ordnung in sich wandelnden Gesellschaften. Die These trug er zunächst in einem Vortrag am American Enterprise Institute vor, machte daraus ein Arbeitspapier für das Olin-Institut für strategische Studien in Harvard, das er leitete, und von dort gelangte sie als Leitartikel in die Sommerausgabe 1993 von Foreign Affairs. Die Zeitschrift druckte noch im selben Jahr eine ganze Serie von Erwiderungen, unter anderem von Fouad Ajami und Kishore Mahbubani, und Huntingtons eigene Antwort darauf. Übersetzungen mit ähnlich griffigen Titeln standen rasch in mehreren Ländern auf den Bestsellerlisten. Lieferbar ist heute die vollständige Taschenbuchausgabe bei Goldmann in der Übersetzung von Holger Fliessbach, rund 580 Seiten.

Kultur schlägt Ideologie

Huntington teilt die Welt in sieben bis acht Kulturkreise: den westlichen, den chinesischen, den japanischen, den islamischen, den hinduistischen, den orthodoxen, den lateinamerikanischen und, mit Vorbehalt, den afrikanischen. Jeder Kreis gruppiert sich um einen Kernstaat. Modernisierung bedeutet für ihn ausdrücklich nicht Verwestlichung – Gesellschaften übernehmen Technik und Wohlstand, besinnen sich aber umso stärker auf Religion und Herkunft. Besonders gefährdet sind gespaltene Länder, durch die eine Kulturgrenze mitten hindurchläuft. Huntington nennt hier unter anderem die Türkei, Mexiko und die Ukraine, deren katholisch-unierter Westen und orthodoxer Osten er als mögliche Sollbruchstelle beschreibt – fast zwei Jahrzehnte vor 2014.

Was Huntington dem Westen rät

Die schärfste Passage des Buches richtet sich gegen den eigenen Anspruch des Westens.

Der westliche Glaube an die Universalität der westlichen Kultur ist falsch, er ist unmoralisch, und er ist gefährlich.

„… it is false; it is immoral; and it is dangerous.“

Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, 1996, Kapitel 12. Übersetzung Loreley-Blog

Daraus leitet er eine Enthaltungsregel ab: Kernstaaten sollen sich aus Konflikten in fremden Kulturkreisen heraushalten und Kriege an den Bruchlinien gemeinsam eindämmen. Dass der Zusammenprall ein Risiko und keine Gewissheit ist und durch eine bescheidene, umsichtige amerikanische Außenpolitik klein gehalten werden kann, ging in der späteren Debatte weitgehend verloren.

Grenzen: ein grobes Raster

Der gewichtigste Einwand kam von Edward W. Said, Literaturwissenschaftler an der Columbia University, in seinem Aufsatz „The Clash of Ignorance“ vom Oktober 2001. Huntington, so Said, lasse kaum Raum für die innere Vielfalt jeder Kultur und dafür, dass in den meisten modernen Gesellschaften gerade um die Deutung der eigenen Kultur gestritten wird. Der Historiker Christopher Schmidt-Ott ordnet das Buch in den Zeithistorischen Forschungen in ein Genre ein, das den großen Wurf meist eher ankündigte als erreichte. Eine präzise Länderanalyse bietet das Buch nicht. Es ist die Quelle eines Weltbilds, nach dem ein Teil der amerikanischen Strategiedebatte seit dreißig Jahren denkt – geeignet für Leser, die geopolitische Deutungen an ihrem Ursprung prüfen wollen.

Loreley-Einordnung

„Kampf der Kulturen“ ist im deutschen Diskurs zur Chiffre für Konfrontation geworden. Im Original ist es das Gegenteil: eine Warnung vor dem Werteexport, mit dem westliche Regierungen ihre Interventionen begründen. Zusammen mit Zbigniew Brzezinski – Die einzige Weltmacht ergibt sich das Spannungsfeld amerikanischer Strategie nach 1990: Brzezinski plant die Vorherrschaft auf dem eurasischen Schachbrett, Huntington mahnt die Grenzen jeder Vorherrschaft an. Seine Landkarte der Bruchlinien hat sich in der Ukraine, im Nahen Osten und im Aufstieg Chinas als erstaunlich belastbar erwiesen.

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