
Carl von Clausewitz – Vom Kriege

Fokus: Politik, Krieg, Verteidigung
„Vom Kriege“ ist das theoretische Hauptwerk des preußischen Generals Carl von Clausewitz. Es erschien zwischen 1832 und 1834, nach seinem Tod. Das Buch steht in dieser Rubrik, weil es die Grundfrage jeder Kriegs- und Rüstungsentscheidung stellt: Welchem politischen Zweck dient die Gewalt?
Zusammenfassung für Eilige
Clausewitz bestimmt den Krieg als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Der politische Zweck entscheidet, wie viel Gewalt eingesetzt wird. Generäle beider Weltkriege, Lenin und Mao sowie die Nuklearstrategen des Kalten Krieges haben das unvollendete Werk studiert. Für die deutsche Debatte über Kriegstüchtigkeit ist es unmittelbar von Belang.
Ein Preuße in russischen Diensten
Clausewitz (1780–1831) diente seit seinem zwölften Lebensjahr in der preußischen Armee. Er kämpfte in den Napoleonischen Kriegen und leitete später die Allgemeine Kriegsschule in Berlin. 1812 trat er in russische Dienste. In seiner Bekenntnisdenkschrift aus demselben Jahr forderte er, Preußen nach spanischem Vorbild mit einem Volkskrieg gegen Napoleon zu verteidigen.
An „Vom Kriege“ arbeitete er nach Angaben des Frankfurter Politikwissenschaftlers Tobias Wille mehr als zehn Jahre. Bei seinem Tod 1831 war das Manuskript nicht abgeschlossen.
Grammatik ohne eigene Logik
Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln.
Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Erstes Buch, Erstes Kapitel, Abschnitt 24
Nach Clausewitz endet der politische Verkehr zwischen Staaten nicht mit Kriegsbeginn. Der Krieg habe eine „eigene Grammatik“, aber keine „eigene Logik“. Weil die politischen Zwecke verschieden sind, unterscheiden sich auch die Kriege. Sie reichen „von dem Vernichtungskriege hinab bis zur bloßen bewaffneten Beobachtung“.
Zwei weitere Begriffe prägen das Werk. Die „wunderliche Dreifaltigkeit“ setzt sich aus Hass, Zufall und politischem Verstand zusammen. Die Friktion umfasst alles, was den wirklichen Krieg von dem auf dem Papier unterscheidet. Die Verteidigung nennt Clausewitz „die stärkere Form des Krieges“, weil Bewahren weniger Kraft erfordert als Erobern.
Kriegstüchtig – für welchen Zweck?
Ende Oktober 2023 erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius im ZDF, Deutschland müsse kriegstüchtig werden. Im Juni 2024 nannte er 2029 als Zielmarke. Später sagte er in der ARD-Sendung von Caren Miosga, 2029 sei kein Stichtag. Dort ging es vor allem um Personalstärke, Wehrdienst und Infrastruktur der Bundeswehr.
Nach Clausewitz’ Maßstab steht davor die Frage nach dem politischen Zweck. Aus ihm ergibt sich, wie groß die Anstrengung sein muss. Die Verteidigung des eigenen Gebiets erfordert andere Fähigkeiten als ein Einsatz außerhalb davon. Der Maßstab gilt für jede Regierung, die aufrüstet, in Moskau ebenso wie in Berlin.
Schwer zu lesen, oft missverstanden
Das Werk ist unvollendet, umfangreich und in vielen Teilen auf die Kriegführung der Napoleonischen Zeit bezogen. Im frühen 20. Jahrhundert wurde Clausewitz überwiegend als Theoretiker des Angriffs gelesen, entgegen seiner eigenen Aussage zur Verteidigung.
Nach 1990 hielten der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld und die britische Politikwissenschaftlerin Mary Kaldor das Buch für überholt. Es erfasse nur zwischenstaatliche Kriege. Wille widerspricht in der Politischen Vierteljahresschrift: Politik bedeute bei Clausewitz das Gegeneinanderhandeln von Akteuren mit unvereinbarem Willen, Milizen und Netzwerke eingeschlossen. Kaldor korrigierte ihre Lesart 2010.
Für Leser ohne Vorkenntnisse eignen sich zwei Teile: das erste Buch, das Clausewitz vor seinem Tod noch überarbeitet hat, und das achte Buch zum Kriegsplan. Als Einführung empfiehlt sich Beatrice Heusers „Clausewitz lesen!“ (2005). Der Volltext ist frei bei Projekt Gutenberg zugänglich, das Hörbuch liegt ungekürzt vor.
Loreley-Einordnung
„Vom Kriege“ ist der Grundtext der Rubrik Macht & Strategie. Sun Tzu, Machiavelli, Brzezinski und Heydte behandeln einzelne Felder von Macht und Krieg. Clausewitz bestimmt das Verhältnis von politischem Zweck und militärischem Mittel, auf das sich alle diese Texte beziehen lassen. Seine Kritiker nach 1990 haben sich an seinen Begriffen abgearbeitet, eine von ihnen hat ihre Lesart korrigiert.
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