
Söder wirbt, Merz schweigt: CSU-Chef Markus Söder, Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Bundeskanzler Friedrich Merz auf dem CSU-Parteitag in München am 23. und 24. Oktober 2026.Bild: KI-generierte Illustration (Loreley-Blog), keine Originalaufnahme. Collage aus Einzelporträts, kein gemeinsames Treffen.
Zwei Parteichefs, ein Staatsoberhaupt
Söder wirbt für Aigner, Merz sagt kein Wort
München. CSU-Chef Markus Söder hat am Freitagabend auf dem CSU-Parteitag Landtagspräsidentin Ilse Aigner erneut als nächste Bundespräsidentin vorgeschlagen. Bundeskanzler Friedrich Merz begrüßte sie am Samstag in seiner Rede namentlich und sagte zur Kandidatur kein Wort. Die Bundesversammlung wählt am 30. Januar 2027; Union und SPD haben dort zusammen rund 50 Stimmen mehr als die absolute Mehrheit.
Söder sagte am Ende seiner Rede, die Entscheidung werde „woanders gefällt“, Aigner als Bundespräsidentin, „das wäre eine tolle Sache“. Die Delegierten applaudierten, Aigner stand auf und winkte. Sie selbst sagte anschließend: „Der Parteitag wird aber nicht entscheiden über diese Frage. Das ist Aufgabe der Parteivorsitzenden.“ Ins Gespräch gebracht hatte Söder sie Ende April. Aigner war von 2008 bis 2013 Bundeslandwirtschaftsministerin und führt seit 2018 den bayerischen Landtag.
Merz nannte Aigner am Samstag gleich nach Söder beim Namen, noch vor EVP-Chef Manfred Weber; die Delegierten erhoben sich. In den rund 50 Minuten seiner Rede kam die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier nicht vor. Dessen zweite Amtszeit endet am 18. März 2027. Aus CDU-Parteikreisen hieß es laut dpa: „Die CDU hat den Anspruch nicht aufgegeben, einen Kandidaten oder eine Kandidatin aus ihren Reihen zu nominieren.“
Die CSU drängt. Klaus Holetschek, Fraktionschef im bayerischen Landtag, sagte dem Stern: „Das Zeitfenster ist gekommen, um eine Entscheidung herbeizuführen.“ Maximilian Böltl, Vorsitzender der CSU-Programmkommission, ergänzte: „Die CSU ist der stärkste Teil der Union.“ Merz will Medienberichten zufolge Anfang November in der Unionsfraktion einen Vorschlag machen.
Union und SPD haben rund 685 von 1260 Stimmen
Die Bundesversammlung besteht aus den 630 Bundestagsabgeordneten und ebenso vielen Vertretern der Landtage, die in den kommenden Wochen gewählt werden. Nach einer Berechnung von Wahlrecht.de für den Tagesspiegel kommen Union und SPD zusammen auf 685 bis 687 Stimmen; die absolute Mehrheit liegt bei 631. Die AfD stellt mit rund 260 Stimmen die zweitgrößte Gruppe, vor den Grünen; Union und SPD brauchen also niemanden außer sich selbst.
Die Koalitionsspitzen haben sich laut ZDF darauf verständigt, nach zwölf Männern im Amt eine Frau zu nominieren. Für die SPD sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der Fraktion, Dirk Wiese: „Für mich steht fest, dass eine Frau dieses Amt übernehmen sollte.“ Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann sieht es ebenso. Unionsfraktionschef Thorsten Frei warnt vor einer zu frühen Festlegung auf ein Geschlecht.
Als weitere Namen nennt das ZDF Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und Familienministerin Karin Prien, beide CDU, beide mit fraglichen Chancen. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein und der frühere Verfassungsrichter Udo di Fabio gelten als chancenlos. AfD-Chefin Alice Weidel kündigte einen eigenen Kandidaten an. Der letzte Bundespräsident aus der CDU war Christian Wulff; er trat 2012 zurück.
Zwei Parteivorsitzende suchen aus, 1260 Delegierte stimmen ab
Artikel 54 des Grundgesetzes sagt, dass die Bundesversammlung das Staatsoberhaupt ohne Aussprache wählt. Vorschlagen darf jedes ihrer Mitglieder. Eine Vorwahl, eine Anhörung der Kandidaten oder eine Befragung durch die Delegierten kennt das Verfahren nicht. In der Praxis handeln die Vorsitzenden der Koalitionsparteien den Namen aus, bevor die Versammlung zusammentritt; Aigner hat diese Praxis in München selbst benannt. Die Landtage schicken ihre Vertreter nach dem Proporz der Fraktionen.
Söder nennt den Ort der Entscheidung: „woanders“. Gemeint sind der CDU-Vorsitzende Merz, der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil und er selbst. Am 30. Januar stimmen 1260 Menschen ohne Debatte über ein Ergebnis ab, das zuvor in drei Parteizentralen ausgehandelt wurde. Ich gehe davon aus, dass ein Staatsoberhaupt, das seine Wahl drei Parteivorsitzenden verdankt, den Parteien kein Gesetz zurückgibt. Das Amt, das Gesetze prüfen und unterschreiben soll, besetzen die, die die Gesetze einbringen.




