Veröffentlicht im August 2026

Die Eroberungskriege des Islams in Europa

Lesezeit: 15 Minuten

Am Nachmittag des 12. September 1683 steht König Johann III. Sobieski von Polen auf dem Kamm des Kahlenbergs und blickt auf ein Heer von mehr als 100.000 osmanischen Soldaten, die seit zwei Monaten die Stadt Wien belagern. Hinter ihm formieren sich rund 18.000 Reiter zur Attacke – die größte geschlossene Kavallerieattacke, die die europäische Militärgeschichte kennt. An ihrer Spitze reiten 3.000 Männer der polnischen Husaria, der „geflügelten Husaren“: schwer gepanzerte Lanzenreiter, an deren Rückenrüstung hölzerne Gestelle mit Adlerfedern befestigt sind, die im Ritt ein durchdringendes Pfeifen erzeugen.

Um 18 Uhr gibt Sobieski das Zeichen. Die Reiter setzen sich in Bewegung, erst im Schritt, dann im Trab, schließlich im Galopp – 18.000 Pferde, die sich in geschlossener Formation den steilen, unwegsamen Hang hinabstürzen. Augenzeugen beider Seiten beschreiben den Anblick mit Worten wie „Donnerschlag“ und „Erdbeben“. Der Boden vibriert unter dem Gewicht von Tausenden Tonnen Pferd und Panzerreiter. Sobieski selbst reitet in der ersten Reihe.

Die osmanischen Linien, seit Stunden von Fußtruppen des Heiligen Römischen Reichs unter dem kaiserlichen Feldherrn Karl von Lothringen gebunden und durch Überläufer geschwächt, halten dem Ansturm nicht stand. Sie brechen binnen Minuten. Die Husaren reiten mitten durch das osmanische Lager, bis zum Zelt des Großwesirs Kara Mustafa Pascha, der die Flucht ergreift. Keine drei Stunden nach Beginn der Attacke ist die Schlacht entschieden. Sobieski schickt dem Papst eine Nachricht, in der er Caesar paraphrasiert: „Venimus, vidimus, Deus vicit“ – „Wir kamen, wir sahen, Gott siegte.“

Es ist der Schlusspunkt einer Belagerung, die Wien an den Rand des Untergangs gebracht hatte, und zugleich der Wendepunkt eines Kriegs, der 300 Jahre zuvor begonnen hatte. Um zu verstehen, wie zwei islamische Großmächte in fast tausend Jahren dreimal an die Kernräume Europas vorstießen und wie unterschiedlich diese Vorstöße endeten, muss man fast 1.000 Jahre zurückgehen.

Die erste Welle: Iberien und der Halt vor Tours

Im Jahr 711 setzte der Feldherr Tariq ibn Ziyad im Auftrag des Umayyaden-Kalifen Al-Walid I. mit einem überwiegend berberischen Heer nach Gibraltar über. Die Schlacht von Guadalete am 19. Juli 711 vernichtete das westgotische Heer unter König Roderich, der in der Schlacht fiel. Innerhalb von acht Jahren war fast die gesamte Iberische Halbinsel unter islamischer Kontrolle – nur die Bergregionen Asturiens und des Baskenlandes blieben unerobert.

Von al-Andalus aus, wie das eroberte Gebiet nun hieß, drangen umayyadische Truppen ab 719 nach Septimanien vor und eroberten Narbonne. Am 10. Oktober 732 traf das Heer des Statthalters Abd ar-Rahman al-Ghafiqi bei Tours auf die fränkischen Truppen unter dem Hausmeier Karl Martell. Al-Ghafiqi fiel in der Schlacht, sein Heer zog sich zurück. Manche Historiker sehen darin den Wendepunkt der islamischen Expansion nach Gallien, andere stufen die Schlacht eher als Vorstoß eines Beutezugs herab, dessen strategisches Gewicht die spätere Geschichtsschreibung überhöht habe.

Al-Andalus selbst bestand nach Tours fast 760 Jahre weiter – bis zur Eroberung Granadas 1492 durch die Katholischen Könige, dem Schlusspunkt der Reconquista.

Konvivenz oder Katastrophe: der Historikerstreit um al-Andalus

Was in diesen Jahrhunderten kulturell entstand, wird in der Forschung gegensätzlich bewertet. Der Historiker Américo Castro prägte den Begriff der „Convivencia“ für ein zeitweise kooperatives Zusammenleben von Muslimen, Christen und Juden, das nach seiner These die spanische Identität mitgeformt habe. Der Romanist Georg Bossong sieht im Ideal von al-Andalus gerade die Überwindung religiöser Gegensätze verwirklicht.

Andere Historiker widersprechen. Sie werten die islamische Herrschaft als „existenzielle Katastrophe“, die durch die Reconquista behoben worden sei. Der französische Historiker Christophe Cailleux bezeichnet die Convivencia in einem Aufsatz von 2013 als teilweise historiografischen Mythos.

„Aber die Idee von al-Andalus als einem Ort des Miteinanders, der Convivencia, ist mehr als ein Mythos; sie war, zumindest zeitweise, konkrete historische Realität.“

haGalil, „Convivencia: Al-Andalus, ein Mythos?“, 2009

Mit der Eroberung Toledos 1085 begannen vier Jahrhunderte Reconquista, in denen sich nach Darstellung mehrerer Historiker islamischer und christlicher Fundamentalismus wechselseitig verstärkten – aus Grenzscharmützeln wurden Dschihad und Kreuzzug. Die endgültige Vertreibung von Juden und Muslimen aus Spanien nach 1492 gilt in der Forschung als schwerer Bruch, dessen wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen lange nachwirkten.

Die zweite Welle: Konstantinopel und der Balkan

Während al-Andalus unterging, begann im Osten ein zweiter, weit größerer Vorstoß. Sultan Mehmed II. eroberte am 29. Mai 1453 nach 53-tägiger Belagerung Konstantinopel und beendete damit das Byzantinische Reich. Er nahm den Titel Kayser-i Rum an (Caesar der Römer) und beanspruchte damit ausdrücklich Kontinuität, nicht bloß Bruch mit dem römischen Erbe.

Von dort dehnte sich die osmanische Herrschaft über den gesamten Balkan aus: 1459 fiel Smederevo, letzter Rest des serbischen Staates, 1463 Bosnien, 1468 nach dem Tod des albanischen Fürsten Skanderbeg auch Albanien. Nach der vernichtenden Niederlage der ungarischen Armee bei Mohács 1526 stand Sultan Süleyman I. vor Wien – 1529 zum ersten Mal, 1532 ein zweites Mal.

Wien: zweimal Endpunkt

1529 zwang der frühe Wintereinbruch Süleyman zum Rückzug, nachdem seine Truppen bei einem letzten Sturmangriff auf die Stadtmauern zurückgeschlagen worden waren. Die Encyclopædia Britannica wertet die Niederlage als Ende der weiteren osmanischen Expansion nach Europa; Süleyman richtete seine Ambitionen fortan nach Asien und ins Mittelmeer.

Anderthalb Jahrhunderte später, 1683, stand Wien ein zweites Mal am Abgrund. Der Wiener Verteidigungskommandant Ernst Rüdiger von Starhemberg hielt die Stadt mit einer ausgehungerten Garnison, während osmanische Belagerungspioniere unablässig Minengänge unter die Bastionen trieben. Am 11. September, einen Tag vor dem Entsatz, war die Lage nach Einschätzung der Verteidiger nahezu aussichtslos – ein Signalfeuer auf dem Kahlenberg brachte in dieser Nacht die erste Gewissheit, dass Hilfe nahte. Die eingangs geschilderte Attacke Sobieskis beendete die Belagerung am folgenden Tag binnen dreier Stunden. Kara Mustafa Pascha wurde für sein Scheitern wenig später von den eigenen Janitscharen mit der Seidenschnur erdrosselt, wie es der Brauch für gefallene Würdenträger vorsah.

Von diesem Zeitpunkt an verlor das Osmanische Reich in Europa kontinuierlich Territorium, bis auf die Reste, aus denen 1922 die moderne Türkei hervorging.

Was bleibt

Zwei Wellen, zwei Ausgänge: Al-Andalus bestand fast acht Jahrhunderte, bevor die Reconquista es beendete. Die osmanische Expansion nach Mitteleuropa scheiterte zweimal an denselben Stadtmauern, während sie auf dem Balkan Jahrhunderte Bestand hatte – die Auflösung osmanischer Herrschaft dort zog sich bis ins 20. Jahrhundert hin. Wer aus diesen Jahrhunderten eine einzige, geradlinige Erzählung von Eroberung und Abwehr macht, unterschlägt die Gegenbewegung, die dieselben Jahrhunderte hervorbrachten: Konvivenz in Córdoba, Gelehrtenaustausch, Übersetzerschulen, ein anhaltender Streit unter Historikern selbst darüber, was am Ende überwog. Die Schlachten sind belegt. Ihre Deutung bleibt bis heute Verhandlungssache.

Die Eroberungswellen im Überblick

Beginn Eroberung Iberiens711 (Tariq ibn Ziyad)


Schlacht von Tours732


Ende al-Andalus1492 (Fall Granadas)


Fall Konstantinopels29. Mai 1453


Belagerung Wien I1529


Schlacht bei Mohács1526


Belagerung Wien II / Kahlenberg12. September 1683


Kavallerieattacke Sobieskisca. 18.000 Reiter, größte geschlossene Attacke der Militärgeschichte


Ende osmanischer Präsenz in Europa1922 (Gründung der Türkei)


Historiker-KontroverseConvivencia (Castro/Bossong) vs. „existenzielle Katastrophe“-These

 Loreley • NEWSLETTER • KOSTENLOS

Analysen und Fakten.
Ohne Mainstream Narrative.

 Kostenlos. Alle zwei Wochen.

Die Loreley Depesche: Fakten & Meinung. Artikel mit fundierter Staats- und Politikkritik, eine exklusive Analyse von Stephan, alle zwei Wochen direkt in Ihr Postfach.

Frisch geschriebene Artikel
Exklusive Analyse von Stephan
Alle zwei Wochen
Jederzeit abbestellbar

Datenschutz

Werbefrei. DSGVO-konform. Kostenlos.