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Beim Treffen der G20-Außenminister in Atlanta am 30. Oktober 2026 fiel das Gruppenfoto aus, weil Johann Wadephul und Radosław Sikorski nicht mit Sergej Lawrow auf ein Bild wollten. Lawrow sprach von einem „angenehmen“ Gespräch mit Marco Rubio.
Bild: KI-generierte Illustration (Loreley-Blog), keine Originalaufnahme. Kein gemeinsames Foto der drei.
Ukraine: Abu Dhabi ohne Europäer
Europa nicht eingeladen
Lesezeit: 8 Minuten
Der Kreml lädt die Europäer nicht zu den Ukraine-Gesprächen in Abu Dhabi ein. Wolodymyr Selenskyj räumt erstmals ein, dass Russland Sicherheitsgarantien verlangen darf. In Atlanta fällt das Gruppenfoto der G20-Außenminister aus, weil die Europäer nicht neben Sergej Lawrow stehen wollen. Und das Pentagon bittet die Balten, leiser über Russland zu sprechen.
Juri Uschakow, außenpolitischer Berater des russischen Präsidenten Wladimir Putin, nannte am 28. Oktober im Staatsfernsehen den Rahmen der nächsten Runde. Russland, die USA und die Ukraine verhandeln zu dritt in Abu Dhabi. Termin ist Mitte November, „um den 10.“ herum. Ein genaues Datum gebe es noch nicht.
Zu den Europäern sagte Uschakow nach Angaben der russischen Nachrichtenagentur TASS:
„Sie könnten hinkommen, wenn sie Tickets kaufen, aber niemand hat vor, sie an den Verhandlungstisch einzuladen.“
„They could get there if they buy tickets, but no one intends to invite them to the negotiating table.“
Juri Uschakow, TASS, 28.10.2026, Übersetzung Loreley-Blog
Kurz zuvor hatten der finnische Präsident Alexander Stubb und der norwegische Ministerpräsident Jonas Gahr Støre mit Putin telefoniert. Eine Beteiligung Europas sei dabei kein Thema gewesen, so Uschakow.
Ich glaube, die Russen haben verstanden, dass die Vertreter der EU bei der Suche nach einem Frieden im Ukraine-Konflikt ein Problem darstellen. Das ist ganz eindeutig der Grund, warum sich zumindest Russland und die USA ganz offensichtlich darauf geeinigt haben, dass die EU erst später an den Verhandlungen teilnehmen darf. Eine andere Lesart lässt dieses Verfahren aus meiner Sicht nicht zu.
Seit dem 27. Oktober gilt um Oleschky im Gebiet Cherson eine örtliche Waffenruhe, beide Seiten tauschten je 270 Gefangene aus. In der Vorwoche hatte Selenskyj erklärt, er sei bereit, den Krieg an der heutigen Frontlinie einzufrieren.
Selenskyj gesteht Russland erstmals Sicherheitsinteressen zu
Einen Tag vor Uschakow verließ Selenskyj in Kiew eine Linie, die er bis dahin gehalten hatte. Russland dürfe Sicherheitsgarantien für sich verlangen, darüber könne der Westen später sprechen. Die Financial Times nannte das eine bedeutende Kehrtwende. Kiew und seine Verbündeten hatten diese Forderung bis dahin als Versuch abgelehnt, eine russische Einflusszone wiederherzustellen.
„Zuerst müssen wir diesen Krieg beenden und erst dann Antworten auf die Fragen suchen, die Russland nach seinen eigenen Vorstellungen von Sicherheit stellt.“
„First, we need to bring this war to an end, and only then seek answers to the questions Russia raises based on its own views and expectations regarding security.“
Wolodymyr Selenskyj, 27.10.2026, nach Financial Times, Übersetzung Loreley-Blog
Im August 2025 hatte Selenskyj auf dieselbe Forderung noch mit einer Gegenfrage geantwortet: Welche Garantien brauche ein Angreifer? Jetzt knüpft er seine Zusage an eine Bedingung. Sollen Garantien Europa einbinden, müsse Europa mitverhandeln. Sicherheitsgarantien für Russland, wie Moskau sie verstehe, bedeuteten eine neue Sicherheitsarchitektur in Europa und der Welt.
Den Anlass liefert die Financial Times gleich mit. Im Oktober kühlte das Verhältnis zwischen Washington und Kiew deutlich ab. US-Präsident Donald Trump drängte die Ukraine, ihre Drohnenangriffe auf russische Raffinerien einzustellen. Zeitweise stockten amerikanische Geheimdienstinformationen und der Satellitendienst Starlink. Selenskyj räumte ein, seine Truppen griffen die Raffinerien inzwischen vorsichtiger an.
Ich lese die Kehrtwende so: Selenskyj bewegt sich, weil Washington Druck macht, nicht weil Berlin oder Brüssel ihn dazu bewegt hätten. Europa kommt in seinen Sätzen nur noch als Bedingung vor.
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Wadephul will keine „falschen optischen Signale“
In Atlanta trafen sich am 30. Oktober die Außenminister der G20, der zwanzig größten Industrie- und Schwellenländer. Gastgeber US-Außenminister Marco Rubio hatte Lawrow eingeladen. Das übliche Gruppenfoto fiel aus. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) und Polens Außenminister Radosław Sikorski wollten nicht mit Lawrow auf ein Bild.
Wadephul begründete das mit den Worten, er wolle keine „falschen optischen Signale aussenden“, es gebe „keine Normalität mit Russland“. Am Vortag hatte t-online noch berichtet, Wadephul werde einem Gruppenfoto nicht fernbleiben, um den amerikanischen Gastgeber nicht vor den Kopf zu stoßen. Lawrow warf ihm „Familienfoto-Diplomatie“ vor und sprach von einem „angenehmen“ Gespräch mit Rubio.
In der Sitzung forderte Wadephul Russland auf, einer Waffenruhe im Schwarzen Meer zuzustimmen. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warf Lawrow Lügen über den Krieg vor. Eine gemeinsame Abschlusserklärung gab es nicht.
Für mich ist der Verzicht auf das Foto Symbolpolitik. Die Bundesregierung verlangt von Moskau eine Waffenruhe und meidet zugleich jedes gemeinsame Bild mit dem Mann, der sie zusagen müsste.
Das Pentagon bittet die Balten um Zurückhaltung
Am selben Tag meldete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf vier Gesprächspartner, das US-Verteidigungsministerium habe Litauen, Lettland und Estland in vertraulichen Treffen gebeten, öffentlich zurückhaltender über die Bedrohung durch Russland zu sprechen. Elbridge Colby, Leiter der Politikabteilung im Pentagon, habe einem baltischen Vertreter geraten, Russland nicht zu reizen.
Als Beispiel unerwünschter Rhetorik nannte Colby demnach die Formulierung, Russland sei „in die Ecke gedrängt wie eine Ratte“. Estlands Ministerpräsident Kristen Michal hatte Putin Ende September so bezeichnet. Einer estnischen Delegation empfahlen US-Vertreter, „maßvoll“ zu kommunizieren. Das Pentagon wollte sich zu vertraulichen Gesprächen nicht äußern.
Colby ist seit 2025 Staatssekretär für Politik im US-Verteidigungsministerium. In seinem Buch „The Strategy of Denial“ von 2021 fordert er, die USA müssten ihre Kräfte auf China konzentrieren und die Verteidigung Europas den Europäern überlassen.
Ich lese das so: Washington verhandelt mit Moskau und bittet seine Verbündeten, dabei nicht zu stören. Die Bundesregierung hat diese Linie nicht übernommen. Sie hält an der Rhetorik fest, die das Pentagon den Balten gerade ausreden will.
Zwei deutsche Tankflugzeuge für das erste Manöver der „Koalition der Willigen“
Parallel zu den Gesprächen in Abu Dhabi übt im November erstmals die „Koalition der Willigen“, ein Bündnis von rund 35 Staaten. Unter Führung Frankreichs und Großbritanniens baut es eine Truppe auf, die einen Waffenstillstand absichern soll. Die Übung „Koalicja 2026“ läuft in Polen, im Luftraum über Rumänien und im westlichen Schwarzen Meer.
Die Bundeswehr stellt rund zehn Stabsoffiziere, bis zu zwei Transportflugzeuge vom Typ A400M zur Luftbetankung und Logistik, so das Verteidigungsministerium. Die Flugzeuge starten von Deutschland aus. Das Ministerium nennt die Teilnahme ein „Zeichen der Geschlossenheit mit unseren Partnern“. Russland lehnt Soldaten aus Nato-Staaten in der Ukraine ab. Für die Übung in Polen braucht die Bundesregierung kein Mandat des Bundestags. Für einen Einsatz bewaffneter deutscher Soldaten in der Ukraine bräuchte sie eines.
Ich halte das für eine Lage, die sich die Bundesregierung selbst zuzuschreiben hat. Sie setzt seit 2022 auf Sanktionen, Waffen und Abgrenzung, und von dieser Linie ist sie in Atlanta nicht abgewichen. Im November schickt sie bis zu zwei Tankflugzeuge an die Grenze der Ukraine. Verhandelt wird zur selben Zeit in Abu Dhabi, nach Uschakows Worten ohne die Europäer.




