
KI-generierte Illustration von Marco Rubio bei seiner Rede auf der Pnyx in Athen am 7. Oktober 2026. Keine Originalaufnahme. Bild: KI-generiert (Loreley-Blog)
Veröffentlicht im Oktober 2026
Rubio-Rede in Athen: Europa muss sich entscheiden
Lesezeit: 12 Minuten
Die selbstgewählte Isolation der EU ist eine Sackgasse
Am Abend des 7. Oktober stand US-Außenminister Marco Rubio auf der Pnyx in Athen, dem Hügel, auf dem sich einst die Volksversammlung der antiken Demokratie traf. Hinter ihm lag die Akropolis im Abendlicht. Rubio sprach rund eine halbe Stunde über das Erbe Athens, Roms und des christlichen Europas, über den Niedergang des Westens und über das, was die Regierung von Donald Trump dagegen setzen will. Die Rede war die zweite Station einer Reise zu drei NATO-Verbündeten, die in Island begann und in Portugal endete.
An Europa richtete Rubio eine Aufforderung, die über die Diplomatie hinausreicht:
„Wir glauben, dass Europa aus seinem langen Schlaf erwachen kann.“
„We believe that Europe can awaken from its long slumber“
Marco Rubio, Rede auf der Pnyx, Athen, 7. Oktober 2026, Volltext bei Greek City Times – Übersetzung Loreley-Blog
Das Video der Rede wurde in den sozialen Netzwerken tausendfach geteilt, Elon Musk reichte es nach Angaben von Tichys Einblick an seine 241 Millionen Follower weiter. In Deutschland nahmen die großen Häuser die Rede vor allem als Inszenierung wahr. Die Deutsche Presse-Agentur meldete sie als Werben für den Zusammenhalt des Westens und verwies auf Rubios mögliche Präsidentschaftskandidatur. Der Tagesspiegel nannte sie einen „skurrilen Auftritt“, der womöglich eher amerikanische Wähler beeindrucken sollte als Europäer. t-online las darin die Erwartung, die Verbündeten sollten sich der Weltanschauung der Trump-Regierung unterordnen. Mit dem Inhalt der Rede setzten sich diese Berichte kaum auseinander.
Wer wissen wollte, was Rubio tatsächlich gesagt hatte, musste anderswo suchen. Den vollständigen Wortlaut auf Deutsch veröffentlichten Cicero und Apollo News, ausführlich besprochen wurde die Rede bei Tichys Einblick, Nius und Epoch Times. In Cicero schrieb der Publizist Alexander Grau, Rubio habe Worte gewählt, die man von deutschen Amtsträgern „nicht einmal mehr erwartet“. Die Bundesregierung schwieg. Im Februar hatte Außenminister Johann Wadephul nach Rubios Münchner Rede noch öffentlich dafür geworben, das amerikanische Angebot zur Zusammenarbeit anzunehmen. Diesmal war aus Berlin nichts zu hören.
Die Rede verdient Aufmerksamkeit, aber aus einem anderen Grund, als der Beifall vermuten lässt. Sie fiel in eine Woche, in der Washington vorführte, was Rubios Worte praktisch bedeuten – und in der Europa nur zusehen konnte.
Rubio rechnet mit der „Weltgemeinschaft“ ab
Der Kern der Rede ist eine Absage an den Globalismus. Rubio hielt es für eine Modeerscheinung, dass aufgeklärte Außenpolitik die „Weltgemeinschaft“ über das eigene Volk stellen solle. Die alten Griechen hätten an der Loyalität zur eigenen Nation nichts Selbstsüchtiges gefunden. Der Westen habe sich dagegen seiner Größe geschämt, das Wort Nationalismus zum Schimpfwort gemacht, Denkmäler gestürzt, Grenzen geöffnet, Industrie ausgelagert und Souveränität an globale Bürokratien abgegeben.
Internationale Institutionen, so Rubio, hätten nationale Interessen, Krieg und Machtstreben nicht beseitigt. Er will sie wiederbeleben und nutzen: Bündnisse sollen die Souveränität ihrer Mitglieder schützen, statt sie aufzuheben. Damit beschreibt Rubio eine Welt souveräner Nationen, die sich zu regionalen Blöcken zusammenschließen, wo gemeinsame Interessen es verlangen. Das Leitbild der Weltgemeinschaft, das seit 1990 die europäische Außenpolitik prägte, kommt darin nicht mehr vor.
Eine Passage der Rede verdient Widerspruch. Rubio stellte Hernán Cortés, den Eroberer des Aztekenreichs, in eine Ahnenreihe mit Alexander dem Großen, Caesar und Karl dem Großen. Die Eroberung Mexikos war brutal, und sie war kirchlich gedeckt. Papst Alexander VI. hatte den spanischen Königen 1493 mit der Bulle Inter caetera („Unter anderem“, nach den Anfangsworten der Bulle) die entdeckten und noch zu entdeckenden Länder zugesprochen. Auf diese Schenkung berief sich das Requerimiento von 1513, eine Aufforderung, die den Einheimischen verlesen wurde: Unterwerfung unter Kirche und Krone oder Krieg. Widerspruch kam schon damals aus der Kirche selbst. Der Dominikaner Bartolomé de Las Casas wusste nach eigenen Worten nicht, ob er über das Requerimiento lachen oder weinen sollte, und der Theologe Francisco de Vitoria bestritt die Gültigkeit der päpstlichen Schenkung.
Mittwoch Athen, Donnerstag Nord Stream, Freitag Diesel
Was die Absage an die Weltgemeinschaft praktisch heißt, zeigte sich in den drei Tagen nach der Rede. Den Rahmen dafür hat die Trump-Regierung selbst gesetzt. Ihre Nationale Sicherheitsstrategie vom November 2025 kündigte einen „Trump-Zusatz“ zur Monroe-Doktrin von 1823 an. Nach der Festnahme des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro im Januar 2026 griff Trump die Wortschöpfung „Donroe-Doktrin“ auf und erklärte, die amerikanische Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre werde nie wieder infrage gestellt.
Am Donnerstag, einen Tag nach Rubios Rede, meldete Reuters, dass Trumps Sondergesandter Jared Kushner und Kirill Dmitrijew, Berater des russischen Präsidenten Wladimir Putin, über den Einstieg eines amerikanischen Investors bei den Nord-Stream-Pipelines gesprochen haben. Nach Angaben der Kyiv Post würde ein solches Abkommen amerikanische Investoren an Gasflüssen nach Europa verdienen lassen, sobald eine bedingungslose Waffenruhe erreicht ist. Auch ein Verkauf von Lukoil-Vermögen in Europa war Thema. Das Weiße Haus dementierte nur halb: Es habe in jüngster Zeit keine Nord-Stream-Gespräche gegeben, jeder Abschluss müsse aber amerikanischen Steuerzahlern und Unternehmen nützen.
Am Freitag folgte das Telefonat zwischen Trump und Putin. Danach kündigte Trump russische Diesellieferungen von mehr als vier Millionen Tonnen an, und das US-Finanzministerium erlaubte Kauf und Einfuhr russischen Diesels bis zum 7. April 2027. Erst im September hatte Trump ein Gesetz unterzeichnet, das ihm weitreichende Befugnisse gegen russische Öl- und Gasexporte gibt. Den Ausschlag für die Kehrtwende gaben die Rekordpreise an amerikanischen Zapfsäulen, drei Wochen vor der Kongresswahl am 3. November.
Washington handelt damit genau nach der Maxime, die Rubio in Athen verkündete. Interessen gehen vor Prinzipien, und Sanktionen sind ein Werkzeug, das man ansetzt und wieder ablegt.
Kein Wort über den Krieg in Europa
Auffällig ist, was in der Rede fehlt. Rubio erwähnte Russland und die Ukraine mit keinem Wort. Er sprach allgemein davon, dass es wieder Krieg und wieder Großmachtkonkurrenz gebe. Den einzigen Gegner, den er beim Namen nannte, fand er im Iran: die Mullahs, deren Märtyrerkult er dem westlichen Heldenbegriff gegenüberstellte.
Über den Krieg auf dem europäischen Kontinent wird ohnehin anderswo verhandelt. Vertreter Russlands, der Ukraine und der USA trafen sich im Februar 2026 in Genf, zuvor in Abu Dhabi. Nach einer Reise von Kushner und dem Sondergesandten Steve Witkoff nach Moskau und Kiew Anfang September bereitet sich die Ukraine auf eine neue Runde im Oktober vor. Das Format ist trilateral. Die Europäische Union sitzt nicht am Tisch.
Warum Brüssel nicht so schnell umsteuern kann wie Washington
In Washington hebt eine Lizenz des Finanzministeriums Sanktionen auf. In der Europäischen Union braucht es dafür einen einstimmigen Beschluss aller 27 Mitgliedstaaten. Die USA können ihre Russlandpolitik binnen eines Wochenendes drehen. Die EU hat sich institutionell so gebunden, dass sie es nicht kann, selbst wenn sie es wollte.
Berlin will es nicht. Regierungssprecher Stefan Kornelius erklärte nach dem Diesel-Abkommen, die Bundesregierung halte an den Sanktionen fest und arbeite mit den europäischen Partnern an weiteren. Eine Sprecherin von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche ergänzte, Deutschland sei unabhängig von russischem Öl; zu Nord Stream verwies das Ministerium darauf, dass Deutschland Alternativen gefunden habe. An deutschen Tankstellen kostet Diesel seit dem Tankrabatt vom 1. Oktober im Bundesschnitt 2,233 Euro je Liter und damit mehr als Super E10. Russischer Diesel bleibt in der EU verboten, seit dem 5. Februar 2023.
Rubio lobte in Athen die rasant steigenden europäischen Verteidigungsausgaben als Zeichen des Erwachens. Reuters vermerkt dazu, dass Deutschland und andere europäische Staaten Milliarden in den Wiederaufbau ihrer Streitkräfte stecken, um sich gegen Russland zu verteidigen, und eine Wiederinbetriebnahme von Nord Stream deshalb entschieden ablehnen würden. Das Ergebnis ist eine Arbeitsteilung, die Europa wenig Spielraum lässt: Europa rüstet gegen Russland und hält die Sanktionen, während Washington mit Moskau über Gas, Öl und Diesel verhandelt.
Was Adenauer 1955 in Moskau wagte
Europas Gründergeneration hat das anders gehandhabt. Konrad Adenauer reiste im September 1955 nach Moskau, vier Monate nach dem Beitritt der Bundesrepublik zur NATO und mitten im Kalten Krieg. An den Westverträgen ließ er nicht rütteln. Trotzdem vereinbarte er die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der Sowjetunion und erreichte die Zusage zur Freilassung der letzten rund 10.000 deutschen Kriegsgefangenen. Der frühere Diplomat Werner Kilian hat diese Reise als konsequente Vertretung deutscher Interessen im Kreml beschrieben, die Bundeszentrale für politische Bildung als großen politischen Erfolg, der sich den Deutschen eingeprägt hat. Westbindung und Gesprächskanal nach Moskau waren für Adenauer kein Widerspruch.
Charles de Gaulle, französischer Staatspräsident von 1958 bis 1969, träumte von einem Europa „vom Atlantik bis zum Ural“. Der Historiker Wilfried Loth schreibt ihm wichtige Weichenstellungen für eine unabhängige Rolle Europas in der Weltpolitik zu. Alcide De Gasperi, italienischer Ministerpräsident von 1945 bis 1953 und einer der Gründerväter Europas, verband die europäische Einigung mit dem Versprechen, dass dabei nichts vom Glück jeder Nation verloren gehen werde. Alle drei verstanden Europa als Gemeinschaft souveräner Nationen, die ihre Interessen selbst vertreten. Die heutige EU hat ihre Optionen selbst verschlossen und muss zusehen, wie Washington sie nutzt.
Für Deutschland kommt eine Selbstfesselung hinzu. Nach der Reuters-Recherche lehnt die Bundesregierung Gaslieferungen über Nord Stream ab, die AfD befürwortet sie. Unter der Brandmauer von Bundeskanzler Friedrich Merz und der Union gilt eine Position, die die AfD vertritt, damit als besetzt. Die Union kann sie nicht einmal als Verhandlungsmasse prüfen, ohne sich dem Vorwurf auszusetzen, die Brandmauer einzureißen. Die Brandmauer sollte der Union Handlungsfreiheit sichern. In der Energie- und Russlandpolitik nimmt sie ihr diese Freiheit.
Ohne Ausgleich mit Russland bleibt Europa Zuschauer
Der Versuch, Russland über die Ukraine in die Knie zu zwingen, ist gescheitert. Mehr als vier Jahre nach dem russischen Angriff verhandeln die USA über das Ende des Krieges, Moskau verkauft wieder Diesel an Amerika, und über Nord Stream wird gesprochen – nur nicht mit Europa.
Die Gegenstimmen sind ernst zu nehmen. Die Chefs von fünf europäischen Geheimdiensten erklärten gegenüber Reuters in diesem Jahr, Russland wolle den Krieg nicht schnell beenden und nutze die Gespräche mit den USA, um Geschäfte durchzusetzen. Bei den Gesprächen in Abu Dhabi im Januar blieb nach Medienberichten die Frage der besetzten Gebiete ungelöst. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nannte die amerikanische Diesel-Erlaubnis eine Investition in den Krieg. Doch wenn Moskau verhandelt, um Geschäfte zu machen, folgt daraus, dass Europa am Tisch sitzen sollte, wenn diese Geschäfte verteilt werden.
Rubio hat Europa in Athen zum Erwachen aufgerufen. Ein Europa, das als eigener Pol bestehen will, braucht dafür mehr als höhere Verteidigungsausgaben: einen eigenen Kanal nach Moskau, eine eigene Verhandlungsposition und eine friedliche Lösung für die Ukraine, an der es mitwirkt, statt sie hinzunehmen. Die Lage ist verfahren, aber nicht ausweglos. Adenauer flog 1955 nach Moskau, ohne einen einzigen Westvertrag preiszugeben, und kam mit der Zusage für rund 10.000 Heimkehrer zurück.




