
Bundeskanzler Friedrich Merz fragte Nvidia-Chef Jensen Huang am 20. Oktober 2026 beim „Invest in Germany Summit“ in Berlin, wie man KI am besten reguliere – und räumte im selben Gespräch ein, Deutschland spiele bei der Entwicklung keine große Rolle. Huangs Antwort: Es gebe nichts zu regulieren, wenn die Branche nicht gedeihe. Dreizehn Jahre zuvor hatte Angela Merkel das Internet „Neuland“ genannt.
Bild: KI-generierte Illustration (Loreley-Blog), keine Originalaufnahme.
Veröffentlicht im Oktober 2026
Merkel: „Das Internet ist Neuland.“ Merz: Wie kann man KI regulieren?
Lesezeit: 13 Minuten
13 Jahre, zwei Kanzler, eine Haltung: Wie Deutschland seine KI-Hoffnung an Kanada verlor, während Paris mit staatlichem Kapital einen 21-Milliarden-Konzern baute.
Die Bundesregierung hat seit 2018 drei Strategiepapiere zur Künstlichen Intelligenz verabschiedet, ein Digitalministerium erst 2025 eingerichtet und bis heute keinen Staatsfonds, der in Technologie investiert. Im selben Zeitraum ist die einzige deutsche Firma, die ein eigenes Sprachmodell gebaut hat, an einen kanadischen Konzern verkauft worden. Für mich ist das das Ergebnis einer Haltung, die seit mindestens zwei Kanzlerschaften unverändert gilt: Neues ist zuerst ein Risiko, das eingehegt gehört – und erst danach, wenn überhaupt, eine Chance, die man ergreift.
Die Liste der Versäumnisse ist lang und dokumentiert
Die KI-Strategie der Bundesregierung vom November 2018 versprach drei Milliarden Euro bis 2025, aufgestockt 2020 auf fünf Milliarden. Das Geld ging in Professuren, Kompetenzzentren und Projektförderung – in Strukturen, die Anträge bearbeiten. Firmen, die Produkte bauen, kamen darin kaum vor. Gaia-X, 2019 von Wirtschaftsminister Peter Altmaier als europäische Dateninfrastruktur angekündigt, ist sieben Jahre später ein Verein mit Arbeitsgruppen. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), 2019 gegründet, musste bis 2023 auf ein eigenes Gesetz warten, das ihr erlaubte, so zu arbeiten, wie eine Innovationsagentur arbeiten muss – mit Risiko und ohne Vergaberecht für jede Entscheidung.
Beim Wagniskapital ist die Lücke mit Zahlen belegt. Die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), die die Bundesregierung jährlich berät, schreibt seit Jahren dasselbe: Deutschland hat gute Grundlagenforschung und kein Kapital für die Phase, in der aus Forschung ein Unternehmen wird. Der Zukunftsfonds von 2021 brachte zehn Milliarden Euro über zehn Jahre, die WIN-Initiative von 2024 noch einmal zwölf Milliarden bis 2030 – zusammen weniger, als Mistral allein in den letzten dreizehn Monaten an Eigen- und Fremdkapital eingesammelt hat.
Dazu kommt, was die Politik an Infrastruktur nicht geliefert hat: Rechenzentren brauchen Strom, und der ist in Deutschland so teuer wie in kaum einem anderen Industrieland. Wer ein Sprachmodell trainiert, geht dorthin, wo die Kilowattstunde die Hälfte kostet.
„Das Internet ist für uns alle Neuland“
Der Satz fiel am 19. Juni 2013 im Kanzleramt, auf einer Pressekonferenz von Angela Merkel mit Barack Obama, mitten in der NSA-Affäre. Das Internet war damals rund 20 Jahre alt, Google 15, Facebook 9. Meist wird der Satz als Beleg für Ahnungslosigkeit zitiert. Merkel sprach aber weiter: Das Internet ermögliche auch Feinden und Gegnern der demokratischen Grundordnung völlig neue Möglichkeiten, unsere Art zu leben in Gefahr zu bringen. Der Satz war ein Sicherheitsargument. Die erste Reaktion der mächtigsten Frau Europas auf eine Technologie, die zu diesem Zeitpunkt bereits die Weltwirtschaft umgebaut hatte, galt der Gefahr.
Dreizehn Jahre später sitzt ihr Nachfolger neben dem Chef des wertvollsten Unternehmens der Welt.
Berlin, 20. Oktober 2026: Die eine Frage des Kanzlers
Friedrich Merz hatte zum „Invest in Germany Summit“ (Gipfel „Investiert in Deutschland“) ins Kraftwerk Berlin geladen, um ausländisches Kapital ins Land zu holen. Stargast der Eröffnung war Jensen Huang, Gründer und Chef von Nvidia, dem Hersteller der Chips, auf denen praktisch jedes Sprachmodell der Welt rechnet. Das Wirtschaftsministerium übertrug das Gespräch als Livestream. Huang sprach über physische KI, über Roboter und Industriedaten, und sagte den anwesenden Unternehmern, dass Deutschlands Stärke in der Industrie liege.
Dann stellte Merz seine Frage. Er wolle wissen, so berichtet es Apollo News aus dem Stream, was der beste Ansatz sei, diese Technologie zu regulieren. Keine Regulierung sei nicht die richtige Antwort, zu starke auch nicht – aber was sei die richtige Antwort auf die potenziellen Risiken? Im selben Atemzug räumte der Kanzler ein, Deutschland spiele bei der Entwicklung von KI derzeit keine große Rolle.
Huangs Antwort, wie sie Der Aktionär dokumentiert: Man könne nichts regulieren, wenn es die Technologie gar nicht gebe. Es gebe nichts zu regulieren, wenn die Branche nicht gedeihe. Das Internet selbst zu regulieren sei schwer, Anwendungen zu regulieren dagegen möglich – und dort solle man ansetzen, später, als dritte Säule nach Technik und Standards.
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Merz stimmte zu und verwies darauf, dass Maschinen bereits aus der KI-Verordnung der EU herausgenommen worden seien. heise merkt dazu an, dass Merz diese Ausnahme als eigenen Erfolg reklamierte, obwohl er bei den Verhandlungen 2023 Oppositionsführer im Bundestag war. Kurz vor dem Auftritt hatte Huang laut demselben Bericht des Aktionärs gesagt, es sei schmerzhaft zu sehen, wie ein technologisch fortschrittliches Land abgehängt werde.
Ich fasse zusammen, was an diesem Abend passiert ist: Der deutsche Regierungschef bittet den wichtigsten Zulieferer der KI-Industrie um Kapital – und die eine inhaltliche Frage, die er ihm stellt, lautet, wie man das Ergebnis am besten beschränkt. Das ist Merkels Neuland-Satz in der nächsten Generation: erst die Gefahr, dann die Sache. Am selben Abend unterzeichneten Wirtschafts- und Forschungsministerium mit Nvidia eine Absichtserklärung über industrielle KI. Deutschland kauft also Chips und Know-how von der Firma, deren Chef ihm gerade erklärt hat, dass es nichts zu regulieren gibt.
Was dagegen spricht
Huang ist Partei. Nvidia verdient an jedem Rechenzentrum, das gebaut wird, und verliert an jeder Regel, die Rechenlast begrenzt. Sein Rat, erst zu bauen und später zu regulieren, ist das Geschäftsmodell seiner Firma in einen Satz gefasst. Die Frage nach den Risiken einer Technologie, die Wahlen beeinflussen, Stimmen klonen und Lebensläufe aussortieren kann, ist zudem berechtigt. Die EU-Verordnung über Künstliche Intelligenz (AI Act) ist risikobasiert; sie verbietet wenig und stuft das meiste nach Anwendung. Dass sie für Anbieter von Basismodellen Transparenzpflichten vorsieht, ist umstritten, ein Entwicklungsverbot ist es nicht.
Auch der Befund „Deutschland spielt keine Rolle“ verdient eine Einschränkung. SAP ist das wertvollste Unternehmen Europas, DeepL aus Köln ist in der Übersetzung weltweit konkurrenzfähig, Celonis aus München ist in seiner Nische Marktführer. Deutschland hat keine Modellfirma, aber es hat Anwender und Industriedaten, und genau dort sieht Huang die nächste Welle. Branchenkenner, mit denen die NZZ am Sonntag sprach, sehen im Schwarz-Modell – eine eigene Cloud namens Stackit, Rechenzentren, ein Handelskonzern als Großkunde – eine Chance für Europa.
Warum die eine Firma scheiterte und die andere nicht, erklärt das alles nicht.
Heidelberg 2019, Paris 2023
Aleph Alpha wurde 2019 von Jonas Andrulis, zuvor bei Apple, und Samuel Weinbach in Heidelberg gegründet – mit der Ambition, Europas Antwort auf OpenAI zu werden. Mistral AI entstand im April 2023 in Paris, gegründet von drei Forschern, die bei Meta und Googles DeepMind an den Modellen gearbeitet hatten, die heute den Markt definieren. Heidelberg hatte vier Jahre Vorsprung.
Im September 2024 zog Andrulis die Reißleine. Gegenüber Bloomberg sagte er, ein europäisches Sprachmodell allein reiche als Geschäftsmodell nicht, es rechtfertige die Investition nicht – The Decoder dokumentiert den Rückzug aus dem Modellrennen. Das Handelsblatt hatte zuvor den Kern des Problems benannt: Die Mittel blieben begrenzt, solange die Firma unabhängig von amerikanischem Kapital bleiben wollte, und die Konkurrenz gab für ein einziges neues Modell mehr aus, als Andrulis pro Jahr für Forschung und Entwicklung hatte. Das Modell Luminous galt 2024 als veraltet, ein versprochenes Update kam nicht. Rund 200 Mitarbeiter, etwa 20 Millionen Euro wiederkehrender Jahresumsatz, dazu Berichte über verfehlte Umsatzziele.
Die Schwarz-Gruppe, Mutter von Lidl und Kaufland, war Ende 2023 eingestiegen, stellte Rechenleistung und vergab über ihre Stiftung Forschungsgelder – sie war der finanzielle Anker der Firma. Im Oktober 2025 wurde Andrulis als Geschäftsführer abgelöst, ersetzt durch Reto Spörri, zuvor Chef des Lidl-Onlinegeschäfts, und den Berater Ilhan Scheer. Im Januar 2026 entließ die Firma jeden sechsten Mitarbeiter, Andrulis ging ganz – „Ich bin raus“, sagte er der NZZ. Im April 2026 übernahm das kanadische Unternehmen Cohere Aleph Alpha; die Schwarz-Gruppe steuerte 600 Millionen Dollar bei, die nach Toronto flossen. Im September wurde der Fusionsvertrag unterzeichnet. Heidelberg bleibt Forschungsstandort einer kanadischen Firma.
Mistral derweil: 385 Millionen Euro im Dezember 2023, 600 Millionen im Juni 2024, 1,7 Milliarden im September 2025 unter Führung des niederländischen Chipausrüsters ASML, der mit 1,3 Milliarden Euro größter Einzelaktionär wurde. Im März 2026 kamen rund 830 Millionen Dollar Fremdkapital von BNP Paribas und HSBC hinzu – für eigene Rechenzentren bei Paris. Im September 2026 folgte eine Runde über drei Milliarden Euro, angeführt von Samsung, bei einer Bewertung von über 21 Milliarden Euro. Der annualisierte Umsatz stieg von rund 20 Millionen Dollar Anfang 2025 auf über 400 Millionen Anfang 2026. Mistral hat insgesamt mehr als fünf Milliarden Dollar eingesammelt, Aleph Alpha in seiner gesamten Geschichte rund 500 Millionen Euro.
Talent, Kapital, Reihenfolge: Was Paris anders machte
Erstens die Leute. Mistrals Gründer kamen aus den Labors, die Llama und Chinchilla gebaut hatten, und zogen weitere Spitzenforscher nach. Aleph Alpha, so die Analyse der Datenfirma Zeki, konnte den Kampf um Talente nicht gewinnen und stellte zu wenige Spezialisten ein, als es darauf ankam; wo Heidelberg Senior-Techniker verlor, hält Paris seine Leute. Deutschland bildet an seinen Universitäten hervorragend aus – und exportiert die Absolventen nach Paris, London, Zürich und Kalifornien.
Zweitens das Geld und wer es gibt. Hinter Mistral stehen die staatliche Förderbank Bpifrance, ASML, Nvidia, Samsung und amerikanische Wagniskapitalgeber. Der französische Staat tritt als Investor und als Fürsprecher auf: Emmanuel Macron hat Mistral zum nationalen Projekt erklärt und auf dem Pariser KI-Gipfel im Februar 2025 Investitionszusagen von über 100 Milliarden Euro eingesammelt. Hinter Aleph Alpha stand am Ende eine Discounter-Stiftung. Die Ökonomin Mariana Mazzucato hat in „Das Kapital des Staates“ gezeigt, dass die großen Technologiesprünge der USA – Internet, GPS, Touchscreen – auf staatlichem Risikokapital beruhen. Frankreich hat das verstanden. Deutschland nicht.
Drittens die Reihenfolge. Mistral baute erst ein Modell, das jemand wollte, dann den Vertrieb darum herum. Aleph Alpha setzte, so Zeki, eine Verkaufsorganisation auf eine technische Basis, die sie nicht trug. Mistral stellte seine Modelle als Open Weights (offene Modellgewichte, die jeder herunterladen und einsetzen kann) ins Netz und gewann damit Entwickler weltweit; Aleph Alpha hielt Luminous proprietär und wollte mit Forschungsinnovation überzeugen. Mistral verkaufte über Microsofts Azure-Cloud an jeden und über die App Le Chat an Endkunden; Aleph Alpha verkaufte an Behörden und Konzerne, die lange prüfen und selten kaufen.
Mit Microsoft, Nvidia und Samsung als Investoren ist Mistral weniger souverän, als Paris behauptet. Es existiert aber als eigenständige Firma mit Sitz in Paris, Rechenzentren in Frankreich und einer Bewertung, die Europas Technologiegeschichte neu schreibt. Aleph Alpha existiert als Abteilung von Cohere.
Drei Regierungen, dieselbe Innovationsfeindlichkeit
Zwischen Neuland und der Regulierungsfrage liegen drei Regierungen, vier Wirtschaftsminister und zwei Koalitionen unterschiedlicher Farbe, und keine hat die Reihenfolge geändert. Die Ursache liegt im System. Ein Parteienstaat, dessen Akteure alle vier Jahre gewählt werden wollen, belohnt die Verhinderung von Innovation, sobald sie bestehende Geschäftsmodelle beschädigen könnte. Wer eine Technologie ermöglicht, die Branchen umbaut, macht sich bei denen unbeliebt, die von den alten Branchen leben – bei Verbänden, Belegschaften, Kammern und Landesregierungen. Diese Unbeliebtheit schlägt sich im nächsten Wahlergebnis nieder, der Nutzen der neuen Technologie erst Jahre später, und dann unter einer anderen Regierung. Also schützt die Politik, was ist, und reguliert, was kommt. Regulieren kann man im laufenden Haushalt. Risikokapital in eine Firma stecken, die scheitern kann, kostet im Zweifel das Amt. Joseph Schumpeter hat den Vorgang, bei dem Neues das Alte verdrängt, schöpferische Zerstörung genannt. Der deutsche Staat organisiert die Zerstörung lieber vorab, per Verordnung, damit nichts Neues entsteht, das stören könnte.
Für mich ist die Frage des Kanzlers an Jensen Huang deshalb die ehrlichste Aussage dieser Bundesregierung zur Technologiepolitik: Wir wollen das Geld, wir fürchten das Ergebnis, und wir hoffen, beides gleichzeitig haben zu können.
Am 20. Oktober 2026 hat Deutschland mit Nvidia einen Vertrag über Industrie-KI unterschrieben. Am 24. April 2026 hatte Kanada die einzige deutsche Firma übernommen, die ein eigenes Sprachmodell gebaut hat. Zwischen den beiden Daten liegen sechs Monate und keine einzige Entscheidung der Bundesregierung, die die Übernahme verhindert hätte.




