
Hamed Abdel-Samad, Ahmad Mansour und Seyran Ateş warnen seit Jahren vor dem politischen Islam und leben deshalb unter Polizeischutz. Das einzige universitäre Forschungszentrum zum Islamismus in Deutschland wurde am 30. September 2025 geschlossen; in Frankreich brannte am 17. Oktober 2026 das Rathaus von Limoges. Bild: KI-generierte Illustration (Loreley-Blog), keine Originalaufnahme. Einzelporträts, kein gemeinsames Treffen; Personenschützer, Gebäude und Schild sind fiktiv nachempfunden.
Veröffentlicht im Oktober 2026
Wer vor dem Islamismus warnt, bekommt Polizeischutz – wer ihn erforscht, verliert sein Institut
Lesezeit: 8 Minuten
Seit dem 19. Oktober gelten in Paris, Lille, Nizza und Bordeaux nächtliche Ausgangssperren. Am Samstag davor hatten in Frankreich Hunderttausende gegen hohe Lebenshaltungskosten und den Zustand der Schulen demonstriert; am Rand der Züge brannte das Rathaus von Limoges, Dach und Glockenturm stürzten ein, Geschäfte wurden ausgeräumt, knapp tausend Polizisten und Feuerwehrleute verletzt, an einem einzigen Tag 2.400 Menschen festgenommen. Seit Beginn der Proteste im September zählt Le Monde rund 8.000 Festnahmen, 6.700 davon Minderjährige. Die Ermittler nennen zwei Gruppen als Urheber der Eskalation: Linksradikale und „Jugendliche aus den Vorstädten“. Wer diese Jugendlichen sind, sagt die Regierung nicht. Das hat sie 2005 nicht gesagt, 2023 nicht, und sie sagt es 2026 nicht.
In derselben Woche kursierte auf X ein Text, dessen Verfasser sich als in Deutschland geborener Sohn eines Ägypters und einer Deutschen vorstellt. Er ist nicht identifiziert, sein Name nicht bekannt – was er schreibt, ist deshalb die Aussage eines Unbekannten, keine Zeugenaussage. Aber sie ist der Anlass für das, was folgt.
„Ihr habt keine Ahnung, was unter der Oberfläche brodelt“
Der Mann schreibt, er sehe aus wie die, die vor dem Terror geflohen sind, und wie die, die ihn mitgebracht haben – und die zweite Gruppe sei die Mehrheit. Er habe ein Jahr in Ägypten gelebt und wisse, wie diese Menschen seien. Die Europäer würden in einem Albtraum aufwachen, sobald eine kritische Masse erreicht sei, durch Geburtenraten und Demografie, und dann könnten sie sich nicht mehr verteidigen. Der weiße Mann habe sich einreden lassen, Männlichkeit sei etwas Schlechtes; gleichzeitig kämen Menschen, die weder Kultur noch Religion noch Frauenrechte des Westens akzeptierten. Sein Schluss: „Sie wollen euch auslöschen.“
Belege nennt der Text nicht. Die Behauptung, die Mehrheit der Zugewanderten mit seinem Aussehen habe den Terror mitgebracht, ist durch nichts gedeckt und bleibt die Meinung dessen, der sie ausspricht. Unter dem Text antwortete eine Nutzerin, die sich Annette nennt, und ihre Antwort ist aus einem anderen Holz. Sie sei als Christin zehn Jahre mit einem Muslim verheiratet gewesen, respektvoll und liebevoll, aufgewachsen in Alexandria, französische Privatschulen, Universität. Und doch: Fragte man ihn, was wichtiger sei, würde er sich noch heute für die Regeln der Scharia entscheiden. Wenn das bei einem Gebildeten so sei, schreibt sie, habe sie Angst davor, wie sich die Ungebildeten aus einem gewalttätigen Milieu verhalten würden. Ihre Arabischlehrerin aus dem Libanon habe sie vor fünfzehn Jahren gewarnt, Europa könne es gehen wie den einst christlichen Ländern des Nahen Ostens.
Zehn Jahre Ehe sind eine Beobachtung. Ob sie über den Einzelfall hinausreicht, lässt sich an einer Erhebung prüfen.
67,8 Prozent
Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen hat 2022 in seiner Dunkelfeldstudie 8.539 Neuntklässler befragt, darunter rund 300 muslimische. Von diesen 300 stimmten 67,8 Prozent dem Satz zu: „Die Regeln des Korans sind mir wichtiger als die Gesetze in Deutschland.“ 45,8 Prozent hielten einen islamischen Gottesstaat für die beste Staatsform. 35,3 Prozent äußerten Verständnis für Gewalt gegen Menschen, die Allah oder Mohammed beleidigen. 21,2 Prozent fanden, die Bedrohung des Islam durch die westliche Welt rechtfertige, dass Muslime sich mit Gewalt verteidigen. Die Studie ist nicht repräsentativ, die Stichprobe klein, der Befund liegt zwei Jahre zurück. Er betrifft Fünfzehnjährige, die in Niedersachsen zur Schule gehen.
Annettes Mann aus Alexandria hatte eine französische Privatschule. Die Niedersachsensurvey-Schüler haben eine deutsche Gesamtschule. Die Antwort auf die Frage, was wichtiger ist, fällt in beiden Fällen gleich aus.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz beziffert das islamistische Personenpotenzial in Deutschland im Bericht für 2025 auf 28.645 Personen, davon rund 9.110 gewaltorientiert. Das Bundeskriminalamt führt zuletzt zwischen 450 und 458 islamistische Gefährder, Personen also, denen die Polizei Anschläge zutraut. Als Bundesinnenminister Alexander Dobrindt den Bericht am 30. Juni 2026 vorstellte, sprach er vom Rechtsextremismus als der größten Gefahr für die Demokratie – 58.700 Personen – und vom Linksextremismus als wachsender Bedrohung. Die 28.645 Islamisten kamen in seiner Vorstellung nicht vor.
Loreley • NEWSLETTER • KOSTENLOS
Analysen und Fakten. Ohne Mainstream Narrative.
Kostenlos. Alle zwei Wochen.
Die Loreley Depesche: Fakten & Meinung. Artikel mit fundierter Staats- und Politikkritik,
eine exklusive Analyse von Stephan, alle zwei Wochen direkt in Ihr Postfach.
- Frisch geschriebene Artikel
- Alle zwei Wochen
- Exklusive Analyse von Stephan
- Jederzeit abbestellbar
Werbefrei. DSGVO-konform. Kostenlos.
Frankreich, 8. Januar 2015
Am 7. Januar 2015 erschien in Paris Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“, eine Dystopie über ein Frankreich, das 2022 einen muslimischen Präsidenten wählt. Am selben Vormittag ermordeten zwei Attentäter in der Redaktion von Charlie Hebdo zwölf Menschen; auf dem Titel der Ausgabe war Houellebecq karikiert. Der Autor kam auf die Schutzliste der Polizei und verließ Paris. Am Tag darauf sagte der sozialistische Premierminister Manuel Valls:
„Frankreich ist nicht Michel Houellebecq, es ist nicht Intoleranz, Hass und Angst.“
« La France, ce n’est pas Michel Houellebecq, ce n’est pas l’intolérance, la haine, la peur. »
– Manuel Valls, französischer Premierminister, 8. Januar 2015, zitiert nach The Guardian, 6. September 2015. Übersetzung Loreley-Blog
Intellektuelle nannten Houellebecq unverantwortlich, Zeitungen verlangten eine Entschuldigung. Verteidigt haben ihn Emmanuel Carrère in Le Monde und Alain Finkielkraut; die Bibliothèque nationale zeichnete ihn im selben Monat als bedeutendsten Gegenwartsautor aus, der Roman verkaufte sich in fünf Tagen 120.000-mal. Valls hat Houellebecq an diesem Tag zwei Dinge gegeben: Leibwächter und eine öffentliche Distanzierung. Elf Jahre später steht die Regierung vor dem abgebrannten Rathaus von Limoges und spricht von Jugendlichen aus den Vorstädten.
US-Präsident Donald Trump schrieb am Montag auf Truth Social, Migranten hätten Frankreich übernommen, man müsse die Grenzen schließen. Bundesinnenminister Dobrindt nannte Linksextremisten und Migranten als Urheber der Gewalt. Präsident Emmanuel Macron sprach am Freitag von „politischen und aufrührerischen Akten“ ultralinker Gruppen mit dem Ziel, die Republik zu stürzen, und will Proteste von Gruppen „ohne legitime Autorität“ verbieten lassen. Drei Regierungen, drei Täter: Migranten, Linksextremisten und Migranten, Ultralinke. Belegt ist keine der drei Zuschreibungen, und die französischen Ermittler legen sich auf keine fest. Belegt ist, dass 86 Prozent der Festgenommenen minderjährig sind und dass das UN-Menschenrechtsbüro die Härte der französischen Polizei kritisiert hat. Beides gehört in den Befund. Für den Samstag darauf hat die Regierung 70.000 Polizisten und Gendarmen aufgeboten, Soldaten der Anti-Terror-Operation Sentinelle zum Objektschutz abgestellt, Panzerfahrzeuge und Wasserwerfer in die Innenstadt geholt, die angemeldete Route Bastille–Nation verboten und den Gewerkschaftszug an den Stadtrand verlegt. Ergebnis des 24. Oktober nach Angaben des Innenministeriums: 410.000 Demonstranten, fast 1.000 Festnahmen, Wasserwerfer in Paris, Nantes und Nizza – und, so Innenminister Laurent Nuñez am Abend, „kein größerer Zwischenfall“. Wer die Rathäuser angezündet hat, hat sie nicht gesagt. Solange sie das nicht sagt, bleibt jede Maßnahme eine gegen Unbekannt.
Polizeischutz für die, die es aussprechen
In Deutschland gibt es Menschen, die seit Jahren sagen, was Annette aus ihrer Ehe berichtet. Die Rechtsanwältin und Imamin Seyran Ateş, der Politologe Hamed Abdel-Samad und der Psychologe Ahmad Mansour leben unter Polizeischutz. Alle drei sind Muslime oder waren es; keiner von ihnen hat je behauptet, der Islam wolle Europa auslöschen. Was sie sagen, ist, dass der politische Islam in Deutschland verharmlost wird und dass der Staat mit Verbänden kooperiert, deren Rechtsverständnis er nie geprüft hat.
Die Ethnologin Susanne Schröter hat 2014 an der Frankfurter Goethe-Universität das Forschungszentrum Globaler Islam gegründet, die einzige Einrichtung an einer deutschen Hochschule, die sich mit Islamismus befasste, ohne ihn zu exotisieren. Am 30. September 2025 wurde das Zentrum geschlossen. Eine Nachfolgeregelung lag seit Jahren vor; sie wurde nicht umgesetzt. Schröter sieht die Schließung im Zusammenhang mit der an den Hochschulen dominanten postkolonialen Theorie, in der ihre eigene Disziplin den Islamismus positiv exotisiere. Seither gibt es in Deutschland keine kritische Islamismusforschung an einer Universität.
Was es seit September 2026 gibt, ist ein Verein. In Frankfurt wurde das Indemis – Institut für Demokratie und Islam gegründet, Vorstandsvorsitzende Schröter, Gründungsmitglieder unter anderem Mansour und Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde Deutschlands. Das Institut will liberale muslimische Stimmen hörbar machen und sich mit allen Formen des Islamismus befassen, auch dem legalistischen, der ohne Gewalt auskommt. Die Forschung, die der Staat nicht wollte, wird jetzt von privaten Islamkritikern weitergeführt, die dafür von der Polizei geschützt werden müssen.
Am 26. März 2026 hat der Bundestag in erster Lesung einen Antrag der Grünen beraten, der eine unabhängige Kommission für einen nationalen Aktionsplan zur staatlich-religiösen Zusammenarbeit mit muslimischen Gemeinden fordert, einschließlich institutioneller Formen wie des Stiftungsmodells. Die Vorlage liegt im Innenausschuss. Sechs Monate nach der Schließung des einzigen Forschungszentrums, das hätte sagen können, mit wem da zusammengearbeitet werden soll.
Was der Staat nicht mehr benennen kann
Es geht mir in diesem Text um die Naivität des Westens im Umgang mit dem Islam. Nicht um die Frage, ob der Mann auf X recht hat. Sondern um die Frage, warum ein Staat, der 28.645 Islamisten zählt, die Forschung darüber schließt; warum eine Regierung einen Schriftsteller bewachen lässt und sich am selben Tag von ihm lossagt; warum Rathäuser brennen und der Täter ein Jugendlicher aus der Vorstadt bleibt.
Ernst-Wolfgang Böckenförde, später Richter am Bundesverfassungsgericht, hat 1964 den Satz geschrieben, der diese Fragen beantwortet: Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Er kann die Werte, auf denen er ruht, nicht erzwingen, ohne aufzuhören, freiheitlich zu sein. Er kann sie aber benennen. Das ist das Mindeste, und es ist das, was er nicht mehr tut.
Eine Gesellschaft hält auf Dauer nur zusammen, wenn sie zumindest ein Mindestmaß an Werten hat, die alle akzeptieren. Und so verhält es sich auch mit der Demokratie. Wer das Mindestmaß nicht einfordert, muss sich auch nicht wundern, wenn sich niemand daran hält – nicht die Fünfzehnjährigen in Niedersachsen, nicht die, die in Limoges das Rathaus angezündet haben.
Annettes Lehrerin aus dem Libanon hat die Frage vor fünfzehn Jahren gestellt. Der Libanon war bei der letzten Volkszählung 1932 zur Hälfte christlich. Heute sind es nach Schätzungen rund ein Drittel.
Die Naivität des Westens beginnt bei einem Missverständnis: dass der Islam eine Religion sei wie das Christentum, eine Sache zwischen dem Menschen und seinem Gott. 1990 haben 45 islamische Außenminister in Kairo eine Erklärung unterschrieben, die alle Menschenrechte unter den Vorbehalt der Scharia stellt – ein Rechtstext, kein Glaubensbekenntnis. Der Islam ist mehr als eine Religion. Er ist ein politisches Konzept, das den Anspruch hat zu herrschen.




