
Veröffentlicht im August 2026
Patt statt Propaganda: Die Front, die schweigt
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Die ukrainische OSINT-Plattform Deep State UA, die den Frontverlauf auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen kartiert, kommt für den Zeitraum seit Februar 2025 auf einen russischen Geländegewinn von 4.188 Quadratkilometern – bei einer Front, die sich im letzten Jahr kaum verschoben hat.
Die Stille in den Massenmedien ist kein Verschweigen ukrainischer Erfolge. Sie ist der Reflex eines Kriegs, der seine Form gewechselt hat: von der Frontverschiebung zur Zermürbung.
Viel Blut, wenig Boden
Der Fall von Pokrowsk im Dezember 2025 markiert den bislang schwersten Verlust für Kyjiw. Die Stadt ist ein zentraler Verkehrsknotenpunkt im westlichen Donbass, über den Nachschub, Truppenbewegungen und Evakuierungen liefen – wer sie kontrolliert, kontrolliert einen Gutteil der Logistik der Region. Russland erreicht diesen Erfolg nicht durch einen einzelnen Durchbruch, sondern durch monatelange Konzentration von vier bis fünf Armeekorps und massiven Lenkbombeneinsatz entlang der Achse Pokrowsk–Kostjantyniwka. Erklärtes Ziel für 2026 ist der Vorstoß auf Saporischschja, das noch rund 75 Kilometer von der Frontlinie entfernt liegt.
Die Ukraine ihrerseits startet im Februar 2026 eine Gegenoffensive in der Oblast Dnipropetrowsk mit dem Ziel, russische Kräfte zurückzudrängen und die geplante russische Frühjahrsoffensive zu stören. Einzelne Ortschaften wie Vidradne werden zurückerobert, eine strategische Wende bleibt aus. Beide Seiten kämpfen inzwischen überwiegend mit Drohnen und geringem Personalansatz um einzelne Dörfer – ein Krieg der Zentimeter, nicht der Kilometer.
„Wir haben jetzt einen Krieg in Europa in einer Größenordnung, wie wir ihn nur aus der Geschichte kennen.“
Jens Stoltenberg, NATO-Generalsekretär
Wo die Ukraine tatsächlich noch zuschlägt
Die eigentlichen ukrainischen Erfolge liegen derzeit nicht im Landgewinn, sondern in der Tiefenwirkung gegen die russische Kriegswirtschaft. Am 5. August 2026 steht nach einem ukrainischen Drohnenangriff die Ölraffinerie in der russischen Region Jaroslawl in Flammen, in der Nacht zuvor brennt ein Logistikzentrum in der Stadt Oleksyn. Die Benzinkrise auf der Krim spitzt sich seit dem Frühjahr 2026 zu, während ukrainische Drohnen zunehmend auch Raffinerien tief im russischen Hinterland treffen und damit die Versorgung der russischen Streitkräfte schwächen. Zugleich bleibt die Ukraine gegen russische ballistische Raketen nahezu schutzlos: Ein eigenes Abwehrsystem namens „Freyja“ befindet sich noch in der Entwicklung, wirksame Patriot-Abfangraketen fehlen weiterhin in ausreichender Zahl.
Istanbul 2022 – der vergessene Vorläufer
Die aktuellen Verhandlungen sind nicht der erste Anlauf. Bereits im März 2022, wenige Wochen nach Kriegsbeginn, treffen sich der russische und der ukrainische Außenminister in Antalya, vermittelt durch die Türkei; tags darauf folgt in Istanbul ein Zehn-Punkte-Entwurf, der eine dauerhafte ukrainische Neutralität gegen internationale Sicherheitsgarantien vorsieht. Der damalige israelische Ministerpräsident Naftali Bennett erklärt später, westliche Staaten hätten sich Anfang April 2022 gegen eine Fortsetzung dieser Gespräche und für eine Strategie der militärischen Schwächung Russlands entschieden – eine Einordnung, die als seine persönliche Darstellung des Verhandlungsabbruchs zu lesen ist, nicht als unabhängig verifizierter Tatbestand. Die heutige Rückkehr zu Verhandlungen über Gebietsfragen und Sicherheitsgarantien führt in der Substanz zu genau den Fragen zurück, die 2022 schon einmal auf dem Tisch lagen – nur nach dreieinhalb weiteren Kriegsjahren und einem ungleich höheren Blutzoll.
Der 20-Punkte-Plan und die rote Linie
Im November 2025 wird ein von den USA und Russland erarbeiteter 28-Punkte-Friedensplan öffentlich, der eine ukrainische Gebietsabtretung sowie eine Begrenzung der Truppenstärke vorsieht. Nach Gesprächen in Genf und Berlin wird er auf einen 20-Punkte-Plan reduziert; angeblich offen ukraine-feindliche Passagen werden laut Selenskyj gestrichen. An der zentralen Frage ändert das nichts: Kyjiw lehnt Gebietsabtretungen weiterhin kategorisch ab – Selenskyj verweist darauf, dass weder die ukrainische Verfassung noch das Völkerrecht dafür eine Grundlage böten. Moskau beharrt seinerseits auf der Abtretung der noch nicht eroberten Teile der ostukrainischen Gebiete. Eine Umfrage des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie zeigt, dass nur 38 Prozent der Ukrainer bereit wären, für einen schnellen Frieden Territorium aufzugeben – eine Zahl, die den Verhandlungsspielraum jeder ukrainischen Regierung eng begrenzt, unabhängig von Zugeständnissen der USA. Beim G7-Gipfel im Juni 2026 fordert Donald Trump Russland erneut zu einem Abkommen auf; ein Durchbruch bleibt aus.
Ein Präsident unter Druck
Selenskyjs innenpolitischer Rückhalt nutzt sich parallel zum diplomatischen Stillstand ab. In einer zwischen dem 28. Juli und 2. August 2026 durchgeführten repräsentativen Umfrage des Instituts „Sozis“ landet er beim Vertrauen der Ukrainer nur auf Platz sechs – hinter dem Ex-Armeechef Walerij Saluschnyj, dem kürzlich entlassenen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow und dem Kommandeur der Drohnen-Streitkräfte, Robert Browdy. 37 Prozent der Befragten geben an, ihm gar kein Vertrauen mehr entgegenzubringen. Berichten des „Telegraph“ zufolge hofft Wladimir Putin weiterhin auf eine Moskau-freundlichere Regierung in Kyjiw – eine Einschätzung, die als Fremdzuschreibung einer Kriegspartei über die Absichten der anderen Seite zu behandeln ist, nicht als gesicherte Tatsache.
Kein Waffenstillstand hält lange: Die für Ostern 2026 vereinbarte 32-stündige Feuerpause bleibt eine Ausnahme, keine Blaupause. Die Front bewegt sich kaum noch, die Verhandlungen drehen sich seit vier Jahren um dieselbe Frage der Gebietsabtretung, und die Öffentlichkeit trägt die Zermürbung auf beiden Seiten inzwischen ebenso wie die Soldaten an der Front. Schweigen die Medien über militärische Erfolge, dann vor allem deshalb, weil es auf dem Papier immer weniger davon zu vermelden gibt – auf beiden Seiten der Front.

