KI-generierte Illustration: Collage unter der Schlagzeile „Wie die DDR in den 80ern?“, links eine Ost-Berliner Straße der 1980er Jahre mit Plattenbauten, Warteschlange und Trabant, rechts der Plenarsaal des Bundestags mit Bundesadler; davor Richard David Precht, Friedrich Merz und Boris Pistorius, jeweils mit Namensschild.
Precht, Merz, Pistorius – Wie die DDR in den 80ern?

Richard David Precht sagte am 24. Oktober 2026 im Podcast von Paul Ronzheimer, Deutschland verhalte sich wie die DDR in den 80er Jahren und könne in zwanzig Jahren keine liberale Demokratie mehr sein. Die Finanzplanung des Bundes sieht für 2030 Zinsausgaben von 81 Milliarden Euro vor; neue Kredite gibt es fast nur noch über die Verteidigungsausnahme, die Union, SPD und Grüne im März 2025 ins Grundgesetz geschrieben haben. Bild: KI-generierte Illustration (Loreley-Blog), keine Originalaufnahme. Einzelporträts, kein gemeinsames Treffen; die Straßenszene ist nachempfunden.

Veröffentlicht im Oktober 2026

Precht sieht die Bundesrepublik auf dem Weg der DDR. Der Finanzplan des Bundes bis 2030 sagt, wie das Ende aussieht

Lesezeit: 12 Minuten

Zinsen, Bereichsausnahme, Iran-Krieg und 33 Prozent für Union und SPD: Die alte Bundesrepublik endet an den Zinsen, an den Preisen und an der Wahlurne

Richard David Precht hat am 24. Oktober 2026 im Podcast von Bild-Vize Paul Ronzheimer gesagt: „Wir verhalten uns inzwischen ähnlich wie die DDR in den 80ern.“ Die DDR im Endstadium habe viele Leute unproduktiv arbeiten lassen, weil man keine Arbeitslosen haben wollte; Deutschland halte heute über zwei Millionen Menschen in der kommunalen Verwaltung, und die Gewerkschaften würden dafür sorgen, dass das noch zehn bis fünfzehn Jahre so bleibe. Das Statistische Bundesamt zählt 1,8 Millionen Beschäftigte bei den Kommunen, viele davon in Kitas. Die Rentenreform nannte Precht „Schönheitschirurgie am krebskranken Patienten“. Und er sagte den Satz, um den es hier geht: Er halte es für möglich, dass Deutschland in zwanzig Jahren keine liberale Demokratie mehr sei, weil die Zustimmung zu einer Demokratie verschwinde, die keinen Wohlstand mehr produziert. Die meisten Leute lebten am Ende lieber in einer „Wohlfühl-Diktatur“ als in einer armen Demokratie.

Precht ist kein Außenseiter. Er moderiert seit 2012 eine Sendung im ZDF und spricht wöchentlich mit Markus Lanz in einem der meistgehörten Podcasts des Landes. Wenn ein solcher Mann das Ende der liberalen Demokratie für möglich hält, bleibt die Frage, wodurch es eingeleitet wird. Precht beantwortet sie nicht. Die Antwort steht in der Finanzplanung der Bundesregierung, in der Preisstatistik und in den Umfragen.

Vier Milliarden Zinsen 2021, 81 Milliarden 2030

2021 musste der Bund vier Milliarden Euro für Zinsen ausgeben; der Bund der Steuerzahler rechnet für 2030 mit 81 Milliarden. Der Bundesrechnungshof erwartet, dass die Schulden des Bundes bis 2029 auf rund 2.700 Milliarden Euro wachsen. Die Bundesregierung selbst führt den Anstieg der Zinsausgaben auf den höheren Schuldenstand und die gestiegenen Renditen für Bundesanleihen zurück.

Alle drei Ratingagenturen führen Deutschland noch mit der Bestnote AAA, zuletzt im Frühjahr 2026 bestätigt. Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft hält diese Note „nicht mehr für einen Selbstläufer“. Ich auch nicht. Zwanzig Jahre abgefederter Rezessionen, ein überbordender Staatshaushalt, eine Staatsquote an der 50-Prozent-Marke, und jetzt Zinsen, die sich innerhalb eines Jahrzehnts verzwanzigfachen.

Kredit gibt es nur noch für die Bedrohung

Der Satz, der diese Finanzplanung erklärt, steht in der Unterrichtung des Bundestags vom August 2026: Die Nettokreditaufnahme ohne die im Grundgesetz verankerte Bereichsausnahme soll von 40,4 Milliarden Euro 2026 auf 15,6 Milliarden 2030 sinken, während die gesamte Kreditaufnahme auf 167 Milliarden steigt. Die Bereichsausnahme ist die Regel, die Union, SPD und Grüne im März 2025 in das Grundgesetz geschrieben haben: Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent der Wirtschaftsleistung zählen bei der Schuldenbremse nicht mit. Für Schulen, Brücken, Rente und Gesundheit wird die Neuverschuldung also zurückgefahren. Alles andere läuft über Verteidigung und die Sondervermögen. Für mich heißt das: Es ist kein Geld da, außer für das, was als Bedrohung gilt.

Dazu passt die Rhetorik. Boris Pistorius forderte am 29. Oktober 2023 im ZDF, Deutschland müsse „kriegstüchtig“ werden; am 5. Juni 2024 sagte er im Bundestag: „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein“; im November 2025 nannte er in der FAZ einen russischen Angriff auf ein Nato-Mitglied im Osten ab 2029 denkbar. Die Jahreszahl ist in allen amtlichen Aussagen ein Datum für Russlands Fähigkeit zum Angriff, kein erkannter Plan; Nato-Generalsekretär Mark Rutte sagte am 30. September 2026 in Brüssel, eine Bedrohung des Bündnisgebiets „besteht im Moment nicht“.

Warum 2029, fragt man sich, warum nicht früher, warum nicht später? Ist es reiner Zufall, dass 2029 in Deutschland ein neuer Bundestag gewählt werden soll? Ist es reiner Zufall, dass Pistorius ausgerechnet das Jahr 2029 nennt? Das Jahr, in dem angeblich ein Angriff auf ein Nato-Mitglied möglich wäre? Ich halte das für keinen Zufall. Ich denke, dass die Bundesregierung sich hier eine Option offenhält. Die Option nämlich, in diesem Fall, der von Pistorius mehrfach kommuniziert worden ist, die Bundestagswahlen nicht stattfinden zu lassen.

Friedrich Merz erklärte am 29. September 2025 in Düsseldorf: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden“, und im Februar 2026 auf der Münchner Sicherheitskonferenz, der Krieg ende erst, wenn Russland wirtschaftlich erschöpft sei. Was die Bedrohung politisch leistet, steht in der Finanzplanung: Sie ist die einzige Begründung, mit der der Bund noch Kredit aufnehmen darf.

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Seit 2025 zahlt Berlin, was Washington nicht mehr zahlt

Die Bundesrepublik hat letztendlich die USA ersetzt, die sich aus der Finanzierung des Krieges zurückgezogen haben. Nach den Zahlen des Kieler Instituts hat sich Washington im vergangenen Jahr nahezu vollständig aus der militärischen und finanziellen Unterstützung der Ukraine verabschiedet, Europa hat die Lücke gefüllt, und Deutschland rückt mit 11,5 Milliarden Euro für 2026 an die Spitze der Geber. Dazu kommen 35,1 Milliarden über die EU-Institutionen im Jahr 2025 und neue EU-Kredite von 90 Milliarden, beschlossen Ende 2025. Dieses Geld fehlt den nationalen Haushalten für die eigenen Mammutaufgaben, die Sozial- und Gesundheitsreform und die Rentenreform.

Die Ukraine-Hilfe ist der Posten, den jeder sieht. Der Posten, der Rente und Gesundheit tatsächlich verdrängt, sind die Zinsen: 2027 fast das Vierfache der Ukraine-Hilfe. Und wer die amerikanische Hilfe als Vorbild nimmt, sollte wissen, wohin sie ging: Von 175 Milliarden Dollar, die der Kongress seit 2022 bewilligt hat, wurden nach einer Analyse des American Enterprise Institute (einer Denkfabrik in Washington) knapp 70 Prozent in den USA selbst oder für US-Streitkräfte ausgegeben. Das ist das Werbeargument, mit dem Washington die Hilfe im Kongress verkauft hat. Was einmal als Bedrohung finanziert wird, wird so schnell nicht wieder abbestellt. Afghanistan kostete die USA nach dem Projekt „Costs of War“ (Kosten des Krieges) der Brown University rund 2,3 Billionen Dollar in zwanzig Jahren. Julian Assange sagte am 8. Oktober 2011 in London in einem Interview für die Stop-the-War-Koalition, Ziel sei, Geld aus den Steuerbasen der USA und Europas durch Afghanistan hindurch in die Hände einer transnationalen Sicherheitselite zu waschen.

Heizöl plus 75 Prozent: Der Iran-Krieg trifft Pendler und Ölheizungen

Seit dem Frühjahr 2026 führen die USA Krieg gegen den Iran. Am 13. April verhängten sie eine Blockade der iranischen Häfen in der Straße von Hormus, nachdem die Gespräche in Islamabad gescheitert waren; die Nordseesorte Brent sprang über Nacht auf 104 Dollar und erreichte im Mai 120. Im September meldete das Statistische Bundesamt 3,3 Prozent Inflation, den höchsten Wert seit Dezember 2023, und nannte als Grund die Rohölpreise seit Beginn des Iran-Kriegs. Heizöl kostete 74,9 Prozent mehr als im Vorjahr, Kraftstoffe 37,1 Prozent.

Strom und Gas wurden gleichzeitig billiger, weil die Bundesregierung sie im Frühjahr entlastet hat. Der Schock sitzt im Mineralöl, und er trifft die, die pendeln und mit Öl heizen: auf dem Land, im Mittelstand. Berlin federt ihn seit dem 1. Oktober mit einem Tankrabatt ab. Es gibt keine Verbesserung im Bereich der Energieversorgung. Da tritt man auf der Stelle und predigt immer das alte und selbe Mantra. Dazu die Angriffe der Ukraine auf die russischen Raffinerien, die das Angebot an Diesel und Heizöl in Europa weiter verknappen. Ich gehe davon aus, dass dieser Kreislauf der Verteuerung über kurz oder lang zu einer Verarmung der Bevölkerung in Deutschland führt.

Union und SPD: von 91 auf 33 Prozent

1976 holten CDU/CSU und SPD zusammen 91,2 Prozent der Zweitstimmen. Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 waren es 44,9 Prozent. Im ARD-DeutschlandTrend vom Oktober 2026 stehen beide zusammen bei 33 Prozent, die AfD allein bei 27. Mit der Arbeit von Friedrich Merz sind zehn Prozent zufrieden, mit der Bundesregierung ebenfalls zehn; einen tieferen Wert hat infratest dimap für keinen Kanzler gemessen. Zwei Drittel der Deutschen glauben laut einer weiteren Umfrage nicht, dass Merz bis 2029 Kanzler bleibt.

Das ist das Ende der Bundesrepublik, wie wir sie kennen, in einer einzigen Zahlenreihe. Die Bundesrepublik, so sehe ich es, handelt nicht mehr im Interesse des deutschen Volkes, dem die Gewählten nach dem Amtseid des Grundgesetzes verpflichtet sind, und das Volk antwortet darauf an der Wahlurne. Der Mittelstand entscheidet sich aus Angst vor dem Verlust der erarbeiteten Existenz, also aus pragmatischen Gründen, gar nicht so sehr aus politischen, die AfD zu wählen. In den Wahltagsbefragungen nennen AfD-Wähler die Zuwanderung vor der Wirtschaft; die Höhe, auf der die Partei seit zwei Jahren steht, erklärt die Zuwanderung allein nicht, denn an der AfD hat sich in dieser Zeit nichts geändert. Geändert hat sich, was ihre Wähler an der Tankstelle und für das Heizöl zahlen. Damit ist die alte Bundesrepublik, die von CDU und SPD getragen worden ist, am Ende.

Bedrängte Regierungen beginnen seltener Kriege als stabile – sagt eine Studie

Und der Krieg? Die Option, die ich oben beschrieben habe, hat eine Rechtsgrundlage: Im Verteidigungsfall findet nach Artikel 115h des Grundgesetzes keine Bundestagswahl statt; die Wahlperiode endet erst sechs Monate nach seinem Ende. Was die Forschung dazu sagt, ist eindeutig. Giacomo Chiozza und Hein Goemans haben 1.505 Regierungschefs aus 162 Ländern zwischen 1919 und 1992 ausgewertet: Wer sein Amt zu verlieren droht, löst dreimal seltener eine internationale Krise aus als ein sicherer Regierungschef. Erin Baggott Carter hat 24.274 außenpolitische Handlungen der USA seit 1945 gezählt: Steigen Arbeitslosigkeit und Inflation, verdoppelt sich die feindselige Rhetorik gegenüber Rivalen, die Zahl der Konflikte steigt nicht. Bedrängte Regierungen verschärfen ihre Worte. Das ist, was Pistorius und Merz seit 2023 tun. Was das Grundgesetz für den Verteidigungsfall verlangt, wer dafür stimmen müsste und warum die Wahl 2029 davon abhängt, steht im Beitrag „Pistorius will Deutschland bis 2029 kriegstüchtig. Im selben Jahr muss gewählt werden – außer im Verteidigungsfall“.

Die Notenbanken haben seit 1987 jeden Schuldenschnitt verhindert

Deutschland hat seine Schulden viermal bereinigt. 1923 durch die Inflation. 1948 durch die Währungsreform, mit der die Reichsschulden erloschen und Sparguthaben auf 6,5 Prozent ihres Wertes fielen, während Löhne eins zu eins umgestellt wurden. 1953 durch das Londoner Abkommen, das die Auslandsschulden halbierte. Und zwischen 1945 und 1980 durch Zinsen unter der Inflationsrate, die Carmen Reinhart von der Harvard-Universität für die Hälfte dieser Jahre nachgewiesen hat; eine stille Entschuldung auf Kosten der Sparer.

Seit 1987 hat der Westen jeden Schnitt verhindert: 1987, 2000, 2008, 2020, jedes Mal mit der Notenbank, jedes Mal auf Kosten einer anderen Gruppe. Die weltweite Verschuldung liegt nach dem Institute of International Finance (dem Weltverband der Finanzbranche) inzwischen bei 365 Billionen Dollar. Die harten Schnitte seit 1990 trafen nur den Rand: Griechenland 2012, Zypern 2013, wo Einlagen über 100.000 Euro bei der Bank of Cyprus um 47,5 Prozent gekürzt wurden, unter Aufsicht der EU, an einem Wochenende. Ich gehe davon aus, dass der nächste Schnitt in Deutschland so aussieht: Inflation über dem Zins, wie seit 2021, und im Ernstfall das Verfahren von Zypern. Dafür muss niemand einen Krieg anfangen.

Precht hat den Vergleich mit der DDR gewählt. Er passt an einer Stelle, die er nicht genannt hat. Am 30. Oktober 1989 legte Chefplaner Gerhard Schürer dem Politbüro der SED eine Analyse vor: Die DDR war nahezu zahlungsunfähig, ein Stopp der Neuverschuldung hätte 1990 „eine Senkung des Lebensstandards um 25–30 Prozent erfordert“, das Land wäre unregierbar geworden. Zehn Tage später fiel die Mauer.

Wofür der Bund noch Kredit aufnimmt
Nettokreditaufnahme gesamt
98,0 Mrd. Euro (2026), 118,7 Mrd. (2027), 167,3 Mrd. (2030).


Verteidigung über 1 % der Wirtschaftsleistung
Seit März 2025 von der Schuldenbremse ausgenommen (Bereichsausnahme, Artikel 115 GG).


Schuldenstand des Bundes
Rund 1.900 Mrd. Euro (2025), rund 2.700 Mrd. (2029, Bundesrechnungshof).

Was im Kernhaushalt bleibt
Nettokredit außerhalb der Bereichsausnahme
40,4 Mrd. Euro (2026), 33,4 Mrd. (2027), 15,6 Mrd. (2030).


Zinsausgaben des Bundes
4 Mrd. Euro (2021), 30 Mrd. (2026), 41,8 Mrd. (2027), 66,5 Mrd. (2029), 81 Mrd. (2030).


Ukraine-Hilfe Deutschlands 2026
11,5 Mrd. Euro – gut ein Viertel der Zinsausgaben 2027.


Zufriedenheit mit der Bundesregierung
10 Prozent (ARD-DeutschlandTrend, Oktober 2026).


Quellen: Finanzplan des Bundes 2026–2030 (Drucksache 21/7301), Bund der Steuerzahler, Bundesrechnungshof, Kiel Institut für Weltwirtschaft, infratest dimap