
Bild: Westend Verlag
Arthur Ponsonby – Lügen in Kriegszeiten

Fokus: Kriegspropaganda, Erster Weltkrieg, Gräuellügen, Zensur, Ukraine-Krieg
Ein britischer Lord, Sohn des Privatsekretärs von Königin Victoria, sammelt zehn Jahre nach dem Ersten Weltkrieg die Lügen, mit denen seine eigene Regierung das Land in den Krieg geführt und darin gehalten hat, und stellt die Lügen der Gegenseite daneben. Das Buch erschien 1928 in London, erlebte bis 1940 zehn Auflagen und liegt seit Juli 2022 in einer Neuübersetzung vor. Es steht in dieser Rubrik, weil es das Grundlagenwerk ist, aus dem die zehn Prinzipien der Kriegspropaganda abgeleitet wurden, und weil es zeigt, wie eine Regierung ihre Bevölkerung behandelt, wenn sie Rekruten braucht.
Zusammenfassung für Eilige
Arthur Ponsonby (1871–1946), Diplomat, Abgeordneter und Pazifist, untersucht in 30 Kapiteln die Lügen des Ersten Weltkriegs: das belgische Kind ohne Hände, die deutsche „Leichenfabrik“, den gekreuzigten Kanadier, die verschwiegene Munition der Lusitania. Seine These: Jede kriegführende Regierung muss den Feind als Verbrecher darstellen, um ihr Volk kampfbereit zu halten, und die Bevölkerung glaubt es, weil sie es glauben will. Das längste Kapitel gilt den Lügen Deutschlands, Frankreichs, der USA und Italiens.
Ein Mann, der am 3. August 1914 gegen den Krieg sprach
Ponsonby wurde auf Windsor Castle geboren, diente acht Jahre im diplomatischen Dienst und zog 1908 als Liberaler ins Unterhaus ein. Am 3. August 1914 war er einer von fünf Abgeordneten, die gegen den Kriegseintritt Großbritanniens sprachen. Mit Ramsay MacDonald und Edmund Dene Morel gründete er die Union of Democratic Control (Vereinigung für demokratische Kontrolle), die eine parlamentarische Kontrolle der Außenpolitik forderte; die Presse nannte sie „pro-deutsch“, 1915 wurde Ponsonby tätlich angegriffen, 1918 verlor er sein Mandat. 1924 war er Labour-Staatssekretär im Foreign Office, 1930 wurde er Lord, 1935 bis 1937 leitete er die War Resisters’ International (Internationale der Kriegsdienstgegner), 1940 verließ er die Labour Party, als diese in Churchills Kriegskoalition eintrat.
Die Lüge als Kriegswaffe mit eigenem Apparat
Die Einleitung ist der Kern des Buches. Ponsonby beschreibt die Lüge als anerkannte Waffe, die jede Regierung bewusst einsetzt, um das eigene Volk zu täuschen, Neutrale zu gewinnen und den Feind irrezuführen. Ein Land, das Freiwillige braucht, muss den Gegner als Verbrecher zeichnen und darf ihm kein Recht lassen; der Redner auf der Werbeveranstaltung lügt, weil die Wahrheit keine Rekruten bringt. Die Lüge hat einen Apparat: Zensur, Nachrichtendienste, Fälschungsabteilungen, das Propagandaministerium von Lord Northcliffe. Und sie hat eine Typologie, die Ponsonby ohne Nummerierung aufzählt: die amtliche Lüge, die Erfindung Einzelner, das Gerücht, das durch Wiederholung zur Tatsache wird, der Übersetzungsfehler, die weggelassene Passage im amtlichen Dokument, das gefälschte Foto, die vorgetäuschte Empörung über eine Waffe, die man selbst benutzt. Die 30 Kapitel sind die Belege dazu, jeder mit Datum, Zeitung und Dementi.
„Die Täuschung ganzer Völker ist keine Angelegenheit, die auf die leichte Schulter genommen werden kann.“
„The deception of whole peoples is not a matter which can be lightly regarded.“
Arthur Ponsonby, Lügen in Kriegszeiten, Westend 2022, Einleitung; Original: Falsehood in War-Time, 1928
Warum das Buch in der Rubrik Propaganda steht
Edward Bernays beschreibt in „Propaganda“ (1928, im selben Jahr) die Technik aus der Sicht dessen, der sie anwendet. Ponsonby beschreibt dieselbe Technik aus der Sicht dessen, der sie durchschaut hat, und er tut es gegen die eigene Regierung. Er nimmt die anderen Seiten nicht aus: Für Deutschland führt er die erfundene Meldung vom 3. August 1914 an, französische Flieger hätten Nürnberg bombardiert, und die Geschichte von den ausgestochenen Augen deutscher Verwundeter, die von Lazarett zu Lazarett wanderte, bis die Ärzte dementierten. Die belgische Historikerin Anne Morelli hat aus dem Buch 2001 die zehn Prinzipien der Kriegspropaganda abgeleitet; der Westend Verlag druckt sie in der Neuausgabe vor die Einleitung.
Grenzen des Buches und für wen es sich eignet
Ponsonby hat einzelne Lügen entlarvt und daraus geschlossen, die deutschen Gräuel in Belgien seien insgesamt Propaganda. Die Historiker John Horne und Alan Kramer haben 2001 in „German Atrocities 1914“ nachgewiesen, dass deutsche Truppen im Herbst 1914 rund 6.500 belgische und französische Zivilisten erschossen haben. Der Historiker Adrian Gregory wirft Ponsonby vor, deutsche Quellen als wahr und britische als Lüge behandelt zu haben. Und als 1942 die Nachricht von Seife aus den Leichen ermordeter Juden nach London kam, hielt der britische Nachrichtendienst sie für eine Neuauflage der „Leichenfabrik“ von 1917. Wer das Buch liest, muss diese Rezeptionsgeschichte mitlesen: Die Entlarvung einer Lüge beweist nicht, dass die nächste Nachricht auch eine ist. Für Leser, die Kriegsberichterstattung seit Februar 2022 an Primärquellen prüfen wollen, ist es das Handbuch; für Leser, die ein Urteil über die Schuld am Ersten Weltkrieg suchen, ist es die falsche Adresse.
Loreley-Einordnung
Das Buch ist 98 Jahre alt, und jeder Satz, mit dem die Bundesregierung seit dem 24. Februar 2022 Waffenlieferungen, Sondervermögen und Wehrpflicht begründet hat, steht darin als Typ: der Krieg, den man nicht will; der Feind, der allein schuld ist; die Werte, für die man kämpft; der Zweifler, der dem Feind dient. Ponsonby schrieb gegen die britische Regierung und wurde dafür als Verräter beschimpft. Darin liegt der Wert des Buches für eine Publizistik, die Staatskritik betreibt: Es ist von einem Mann geschrieben, der im Apparat saß und der die eigenen Verfehlungen sezierte.
Arthur Ponsonby: Lügen in Kriegszeiten. Kritische Betrachtungen. Aus dem Englischen von Lena Gundrum und Charlyne Huckins. Westend Verlag, Frankfurt am Main 2022, 176 Seiten.
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