Scheitert Amerika, F. Fukuyama

Francis Fukuyama – Scheitert Amerika?

Fokus: Bruch mit den Neokonservativen, Irakkrieg, Bush-Doktrin, realistischer Wilsonianismus

Vierzehn Jahre nach „Das Ende der Geschichte“ rechnete Francis Fukuyama mit dem politischen Lager ab, dem er selbst angehört hatte. Das Buch erschien 2006 bei Yale University Press unter dem Titel „America at the Crossroads“ und im selben Jahr auf Deutsch bei Propyläen als „Scheitert Amerika? Supermacht am Scheideweg“, rund 220 Seiten. In die Rubrik gehört es als Gegenstück: Der Autor prüft, was aus seiner These geworden ist, nachdem andere sie zur Kriegsbegründung gemacht hatten.

Zusammenfassung für Eilige

Fukuyama zeichnet die Herkunft der neokonservativen Ideologie nach und wirft der Regierung von George W. Bush vor, deren eigene Grundsätze verraten zu haben. Der Irakkrieg sei an Selbstüberschätzung, mangelnder Planung für die Nachkriegszeit und Geringschätzung internationaler Institutionen gescheitert. Als Alternative schlägt er einen „realistischen Wilsonianismus“ vor: Demokratie fördern, aber mit Augenmaß und über Institutionen.

Der Wendepunkt: ein Abend im Februar 2004

Fukuyama gehörte selbst zum Umfeld der Bush-Berater und hatte im September 2001 einen Aufruf unterzeichnet, Saddam Hussein zu stürzen. Seinen Wendepunkt datiert er im Vorwort auf das Jahresessen des American Enterprise Institute im Februar 2004, bei dem der Kolumnist Charles Krauthammer die Irving-Kristol-Vorlesung hielt. Im Februar 2006 folgte der Essay „After Neoconservatism“ in der New York Times, der international Aufsehen erregte.

Der Neokonservatismus hat sich zu etwas entwickelt, das ich nicht länger unterstützen kann.

„… has evolved into something I can no longer support.“

Francis Fukuyama, After Neoconservatism, New York Times Magazine, 19.02.2006. Übersetzung Loreley-Blog

Vier Irrtümer der Bush-Regierung

Fukuyama stützt seine Kritik im Wesentlichen auf vier Punkte: die Überschätzung der Bedrohung durch den radikalen Islam, die Annahme einer allseits akzeptierten „wohlwollenden Hegemonie“ der USA, die Verachtung für internationale Institutionen und den naiven Glauben an gesellschaftliche Umgestaltung von außen. Der letzte Punkt ist der schärfste. Die Neokonservativen der Bush-Jahre hätten ausgerechnet ihre ursprüngliche Skepsis gegenüber staatlichen Großprojekten aufgegeben und im Irak genau ein solches Großprojekt versucht, wie der Publizist Walter Russell Mead in Foreign Affairs zusammenfasst.

Realistischer Wilsonianismus als Ausweg

Für die Rubrik ist die Ordnung interessant, die Fukuyama vorschlägt. Er unterscheidet vier Schulen amerikanischer Außenpolitik: Neokonservatismus, Realismus in der Tradition Henry Kissingers, liberalen Internationalismus und einen „jacksonianischen“ Nationalismus. Sein realistischer Wilsonianismus will Demokratie weiter verbreiten, nimmt aber internationale Institutionen ernst – ein Modell nach dem Vorbild der Ordnung nach 1945.

Für Leser mit Vorwissen

Die Grenzen benennen schon die Rezensionen von 2006. Claus Leggewie fand in der Zeit nichts, was er nicht anderswo besser gelesen hätte. Mead weist darauf hin, dass Fukuyama den Krieg aus pragmatischen und nicht aus grundsätzlichen Gründen ablehnt. Eine Generalabrechnung mit dem amerikanischen Interventionismus liefert das Buch nicht. Es ist die kompakte Darstellung eines Beteiligten, wie sich das neokonservative Lager von innen gespalten hat.

Loreley-Einordnung

Das Buch ist das Zeugnis eines Insiders, der die Folgen seiner eigenen Ideen besichtigt. Zusammen mit „Das Ende der Geschichte“ zeigt es den Weg einer These von der Hoffnung von 1989 zum Desaster im Irak. Fukuyama hat den Mut aufgebracht, sich mitten im Irakkrieg öffentlich von seinen Weggefährten zu trennen.

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