Simone Weil – Notizen zur Abschaffung der politischen Parteien

Simone Weil – Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien

Fokus: Parteien, Urteilskraft, Gemeinwohl

Die französische Philosophin Simone Weil fordert in dieser kurzen Schrift, alle politischen Parteien abzuschaffen. Der Text sollte als Empfehlung für die Nachkriegsordnung Frankreichs dienen und erschien 1950, sieben Jahre nach ihrem Tod. In dieser Rubrik steht er, weil er untersucht, welche Macht Parteien über das Denken ihrer Mitglieder ausüben.

Zusammenfassung für Eilige

Für Weil sind Parteien Organisationen, die kollektive Leidenschaft erzeugen, Druck auf das Denken ihrer Mitglieder ausüben und kein anderes Ziel haben als ihr eigenes Wachstum. Wer sich einer Partei anschließt, ersetzt das eigene Urteil durch die Parteilinie. Weil folgert daraus, dass alle Parteien abgeschafft werden sollten.

Geschrieben im Krieg, veröffentlicht 1950

Simone Weil (1909–1943) gehörte zu den ersten Absolventinnen der École Normale Supérieure. Von 1931 bis 1938 unterrichtete sie Philosophie. Sie arbeitete zeitweise am Fließband bei Renault und meldete sich im Spanischen Bürgerkrieg freiwillig gegen die Faschisten. 1942 floh sie in die USA und ging von dort nach London zur Exilorganisation des Freien Frankreich. Aus Solidarität mit dem besetzten Frankreich schränkte sie ihre Ernährung stark ein. Das beschleunigte ihren Tod an Tuberkulose im August 1943.

Nach Angabe ihres deutschen Verlags diaphanes entstand die „Anmerkung“ in ihren letzten Lebensmonaten in London, andere Ausgaben datieren sie auf 1940. Albert Camus zählte Weils Werk zu den eigenständigsten Positionen ihrer Zeit. Der Surrealist André Breton verteidigte die Schrift als notwendigen Beitrag zur kollektiven Ernüchterung.

Das einzige Ziel ist das eigene Wachstum

„Das erste und am Ende einzige Ziel jeder politischen Partei ist ihr eigenes Wachstum, ohne jede Grenze.“

« La première fin, et, en dernière analyse, l’unique fin de tout parti politique est sa propre croissance, et cela sans aucune limite. »

Simone Weil, Note sur la suppression générale des partis politiques, 1950. Übersetzung Loreley-Blog.

Weil nennt drei Merkmale einer Partei. Sie erzeugt kollektive Leidenschaft. Sie übt organisierten Druck auf das Denken ihrer Mitglieder aus. Und sie verfolgt als einziges Ziel ihr eigenes Wachstum. Durch diese drei Merkmale sei jede Partei im Keim totalitär.

An die Stelle des Denkens tritt nach Weil das Für und Wider. Diese Haltung nennt sie eine „Lepra“ des Geistes, die von der Politik auf fast das gesamte Denken übergegriffen habe.

Ihr Maßstab ist Jean-Jacques Rousseau. Ein Gemeinwille entsteht nach Rousseau nur, wenn jeder Bürger für sich urteilt, ohne sich einer Fraktion anzuschließen. Den Ursprung der Parteien sieht Weil in den Fraktionskämpfen der Französischen Revolution, die in die Schreckensherrschaft der Jakobiner mündeten. Legitim ist Politik für sie nicht durch Mehrheiten, sondern durch Wahrheit und Gerechtigkeit.

Machtversessen und machtvergessen

Das Grundgesetz weist den Parteien in Artikel 21 eine Verfassungsaufgabe zu: Sie wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.

1992 kritisierte Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einem Interviewbuch mit den Journalisten Gunter Hofmann und Werner A. Perger die „Machtversessenheit und Machtvergessenheit“ der Parteien. Nach einer Besprechung in Foreign Affairs warf er ihnen vor, sich nur noch an Wahlerfolgen zu orientieren. Er forderte eine aktivere Bürgerschaft.

Die Gegenposition formulierte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse 2003 in seiner Laudatio zur Verleihung des Erich-Kästner-Preises an Weizsäcker. An Artikel 21 komme man nicht vorbei, eine überzeugende Alternative zu den Parteien habe ihm noch niemand genannt.

Radikal, kurz, ohne Bauplan

Die Schrift ist ein schmaler Band und an einem Abend gelesen. Wie ein Parlament ohne Parteien arbeiten soll, beschreibt Weil nur in Ansätzen. Die Verlagsseite der österreichischen Ausgabe zitiert die Sozialwissenschaftlerin Marianne Gronemeyer mit dem Hinweis, Weils Forderung nach Leidenschaftslosigkeit meine keinen Kompromiss um jeden Preis.

Auf Deutsch liegen zwei Übersetzungen vor: bei diaphanes von Esther von der Osten und bei der Bibliothek der Provinz von Willibald Feinig, dort unter dem Titel „Notizen zur Abschaffung der politischen Parteien“.

Der Text eignet sich für Leser, die das Parteiensystem grundsätzlich befragen wollen. Praktische Reformvorschläge liefert er nicht.

Loreley-Einordnung

Carl Schmitt bestimmt das Politische über die Unterscheidung von Freund und Feind. Simone Weil sieht in genau dieser Einteilung in Lager das Grundübel. Beide schrieben in derselben Epoche, Schmitt in Deutschland, Weil im Exil. Ihre Schriften lassen sich als Gegenpositionen zur Frage lesen, ob Politik ohne Lagerbildung möglich ist.

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