
KI-generierte Illustration einer Kontrolle von Geldtransportern auf der ungarischen Autobahn M5 im Zusammenhang mit der Beschlagnahme von Oschadbank-Transporten im März 2026. Keine Originalaufnahme. Bild: KI-generiert (Loreley-Blog)
Veröffentlicht im Oktober 2026
100 Milliarden aus Berlin: Wo landet das Geld für die Ukraine?
Lesezeit: 8 Minuten
Im August 2026 bezifferte die Bundesregierung ihre Hilfe für die Ukraine seit dem 24. Februar 2022 auf über 43,3 Milliarden Euro zivil und rund 57,6 Milliarden Euro militärisch, zusammen gut 100 Milliarden Euro. Beim Militärischen sind auch Mittel eingerechnet, die erst für die kommenden Jahre bereitgestellt sind. Am 8. Oktober 2026 hat das Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) die Zahl auseinandergenommen.
Nur 41,7 Milliarden kommen in der Ukraine an
Nach der Auswertung des Ukraine Support Tracker kommen nur 41,7 Milliarden Euro der Ukraine direkt zugute. Von der zivilen Hilfe wurden rund 80 Prozent in Deutschland ausgegeben, überwiegend für ukrainische Geflüchtete. Direkt in die Ukraine flossen 7,4 Milliarden Euro (Börsen-Zeitung). Tatsächlich geleistete Militärhilfe 2022 bis 2025: etwa 22,7 Milliarden Euro (Kurs).
Die Geflüchteten erhalten Schutz nach § 24 Aufenthaltsgesetz, der die EU-Massenzustromrichtlinie umsetzt: als Gruppe, ohne Prüfung der individuellen Gefährdung. Seit Kiew Ende August 2025 die Ausreise für Männer zwischen 18 und 22 Jahren freigab, stieg die Zahl ihrer Schutzgesuche laut Bundesinnenministerium von etwa 100 auf rund 1.000 pro Woche (evangelisch.de).
Auf europäischer Ebene nennt der Rat der EU 220,3 Milliarden Euro. Darin steckt der Ukraine-Unterstützungskredit über 90 Milliarden Euro für 2026 und 2027. Zwei Drittel davon sind für die Verteidigungsindustrie vorgesehen, finanziert über gemeinsame Schulden der EU (Europäisches Parlament). Zurückzahlen werden sie künftige Haushalte.
Die Ampel-Regierung hat die Zahlungen begonnen, die Regierung Merz hat sie fortgesetzt und im April 2026 eine strategische Partnerschaft mit Kiew geschlossen. Über die Haushaltsmittel entscheiden in beiden Fällen die Fraktionen im Bundestag.
Assange 2011: „Ein endloser Krieg“
Am 8. Oktober 2011, zum zehnten Jahrestag des Afghanistankriegs, sprach Julian Assange auf einer Kundgebung der Stop the War Coalition auf dem Londoner Trafalgar Square (Logically). Ziel sei nicht, Afghanistan zu unterwerfen. Ziel sei, Geld aus den Steuerkassen der USA und Europas über Afghanistan zurück in die Hände einer transnationalen Sicherheitselite zu waschen.
„Das Ziel ist ein endloser Krieg, kein erfolgreicher Krieg.“
„The goal is an endless war, not a successful war.“
Julian Assange, London, 8. Oktober 2011. Übersetzung Loreley-Blog
Assange sprach über Afghanistan, nicht über die Ukraine. Im Netz kursieren Fassungen, in denen das Wort ausgetauscht wurde. Ob sich der Satz übertragen lässt, kann der Leser an den Zahlen prüfen. Die Kieler Forscher verzeichnen einen wachsenden Anteil an Militärhilfe, der direkt bei der Industrie beschafft wird (Wirtschaftsdienst). Über die NATO-Initiative PURL (Prioritised Ukraine Requirements List, Liste vorrangiger ukrainischer Bedarfe) kaufen europäische Staaten Waffen in den USA und stellen sie der Ukraine zur Verfügung (Voronoi).
Die Afghanistan-Falle von 1979
Zbigniew Brzezinski, Sicherheitsberater von Präsident Jimmy Carter, schilderte 1998 im Nouvel Observateur, Carter habe bereits am 3. Juli 1979 die erste Direktive zur Geheimhilfe für die Gegner der prosowjetischen Regierung in Kabul unterzeichnet, ein halbes Jahr vor dem sowjetischen Einmarsch. Am Tag des Grenzübertritts habe er Carter geschrieben:
„Wir haben jetzt die Gelegenheit, der UdSSR ihren Vietnamkrieg zu bescheren.“
„We now have the opportunity of giving to the USSR its Vietnam war.“
Zbigniew Brzezinski, Le Nouvel Observateur, 15.–21. Januar 1998. Übersetzung Loreley-Blog
2010 bestritt Brzezinski, korrekt zitiert worden zu sein (Fabius Maximus). Die Juli-Direktive bestätigt dagegen auch der frühere CIA-Direktor Robert Gates in seinen Memoiren.
2019 lieferte die RAND Corporation im Auftrag der US-Armee eine Studie mit dem Titel „Overextending and Unbalancing Russia“ (Russland überdehnen und aus dem Gleichgewicht bringen). Waffenhilfe an die Ukraine treffe Russlands „greatest point of external vulnerability“ (größte äußere Verwundbarkeit). Die Studie riet allerdings, die Hilfe so zu dosieren, dass kein größerer Krieg entsteht, in dem Russland durch die Nähe im Vorteil wäre. Wie die Friedensgespräche von Istanbul 2022 abbrachen, beschreibt der Artikel „„Nichts kann aufhalten, was kommt“: Der Kreml-Gesandte und die Parole der Trump-Basis“.
Hundert Millionen Dollar Schmiergeld bei Energoatom
Im November 2025 machte das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU, National Anti-Corruption Bureau of Ukraine) die bislang größte Affäre der Amtszeit Selenskyjs öffentlich. Unter dem Namen „Midas“ wirft die Behörde mehreren Personen vor, über Aufträge des staatlichen Atomkonzerns Energoatom rund 100 Millionen Dollar an Schmiergeldern abgeschöpft zu haben (Novaya Gazeta Europe). Als Drahtzieher gilt den Ermittlern der Geschäftsmann Timur Mindich, früherer Geschäftspartner des Präsidenten. Mindich setzte sich kurz vor der Durchsuchung seines Hauses nach Israel ab.
Die Affäre kostete drei Spitzenleute ihr Amt:
- Herman Haluschtschenko, Energieminister von 2021 bis Juli 2025, danach Justizminister, trat im November 2025 zurück. Am 15. Februar 2026 nahmen ihn NABU-Ermittler fest, als er die Grenze überqueren wollte. Tags darauf wurde er wegen Geldwäsche und Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung offiziell zum Verdächtigen erklärt (Al Jazeera).
- Swetlana Hryntschuk, seine Nachfolgerin im Energieministerium, trat zur selben Zeit zurück.
- Andrij Jermak, Leiter des Präsidialamts und Chefunterhändler der Ukraine gegenüber Washington, trat am 28. November 2025 zurück, Stunden nachdem NABU und die Sonderstaatsanwaltschaft für Korruptionsbekämpfung (SAP) seine Wohnung durchsucht hatten. Angeklagt war er zu diesem Zeitpunkt nicht (Kyiv Independent).
Ebenfalls im Visier der Ermittler steht der frühere Vizepremier Oleksij Tschernyschow. Midas ist kein Einzelfall: Im Januar 2024 deckte der Inlandsgeheimdienst SBU einen Betrug bei der Waffenbeschaffung der Armee über fast 40 Millionen Dollar auf (CNN). Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung. Dass NABU gegen das engste Umfeld des Präsidenten ermittelt, zeigt allerdings auch, dass die Kontrollbehörden arbeiten.
Was steckte in den Geldtransportern von Budapest?
Anfang März 2026 stoppte die ungarische Anti-Terror-Einheit TEK auf der Autobahn M5 zwei gepanzerte Geldtransporter der ukrainischen Staatsbank Oschadbank, unterwegs von der Raiffeisen Bank in Wien nach Kiew. Nach Angaben der Bank enthielten sie 40 Millionen Dollar, 35 Millionen Euro und neun Kilogramm Gold (Berliner Zeitung). Die ungarische Steuer- und Zollbehörde begründete die Beschlagnahme mit dem Verdacht auf Geldwäsche, sieben Bankmitarbeiter wurden vorübergehend festgesetzt (ORF).
Außenminister Péter Szijjártó verlangte von Kiew Erklärungen: Seit Januar hätten ukrainische Konvois rund 900 Millionen Dollar, 420 Millionen Euro und 146 Kilogramm Gold in bar durch Ungarn transportiert (Daily News Hungary). Kiew sprach von Staatsterrorismus und Geiselnahme, die Oschadbank von einem regulären Interbankentransport.
Seit der Luftraum über der Ukraine geschlossen ist, kommt Bargeld per Panzerwagen über Mitteleuropa ins Land, Hauptpartner ist die Raiffeisen Bank (Daily News Hungary). Der Zugriff fiel zudem mitten in den Streit um die gestoppte Druschba-Ölpipeline, in dem Budapest den 90-Milliarden-Kredit der EU blockierte. Inzwischen hat Ungarn Geld und Gold zurückgegeben. Ein Geldwäsche-Nachweis wurde nicht öffentlich.
Offen bleibt, wofür eine Staatsbank im Krieg Monat für Monat Bargeld in dieser Größenordnung braucht. Und wie viel der für 2026 zugewiesenen deutschen Tranchen bereits geflossen ist, lässt sich nicht beziffern: Die Bundesregierung veröffentlicht seit Mitte 2025 keine detaillierten Zahlen mehr.




