KI-generierte Illustration: Kirill Dmitriev blickt in der Abenddämmerung an einem Fenster auf sein Smartphone
Kirill Dmitriev

KI-generierte Illustration von Kirill Dmitriev im Zusammenhang mit seinen Beiträgen auf X zu den Friedensbemühungen Donald Trumps. Keine Originalaufnahme. Bild: KI-generiert (Loreley-Blog)

Veröffentlicht im Oktober 2026

„Nichts kann aufhalten, was kommt“: Der Kreml-Gesandte und die Parole der Trump-Basis

Lesezeit: 9 Minuten

Kirill Dmitriev, Sondergesandter des russischen Präsidenten und Chef des Russischen Direktinvestitionsfonds (RDIF, Russian Direct Investment Fund), hat in diesen Tagen auf X einen Beitrag des US-Journalisten Aaron Rupar geteilt. Rupar hatte sich über Äußerungen Donald Trumps vor Reportern auf der Luftwaffenbasis Andrews empört: Trump danke Putin, setze Selenskyj herab, stelle Russland als friedenswillig und die Ukraine als unnachgiebig dar. Dmitriev las dasselbe anders. Trumps Bemühungen gäben dem Frieden einen starken Impuls, schrieb er. Darunter setzte er sechs Buchstaben: „NCSWIC“.

Ein Kreml-Gesandter schreibt im Ton der Trump-Basis

NCSWIC steht für „Nothing can stop what is coming“ (Nichts kann aufhalten, was kommt). Der Leitspruch stammt aus den anonymen „Q“-Beiträgen, die seit 2017 in den USA kursieren, und ist heute im Umfeld der Bewegung Make America Great Again (MAGA, „Macht Amerika wieder groß“) verbreitet. Außerhalb dieses Milieus versteht ihn kaum jemand. Ein russischer Regierungsvertreter, der ihn verwendet, schreibt nicht für die Weltöffentlichkeit, sondern für die Anhänger des US-Präsidenten.

Dmitriev kennt dieses Publikum. Der 1975 in Kiew geborene Ökonom studierte in Stanford und Harvard, arbeitete bei Goldman Sachs und McKinsey und gilt als Putins direkter Draht ins Trump-Lager. Die Kyiv Independent nennt ihn Putins Trump-Flüsterer. Die Tonlage ist bei ihm nicht neu: Schon früher erklärte er auf X, die Ära der verlogenen Narrative gehe zu Ende, die Wahrheit breche sich Bahn.

Frieden binnen eines Jahres, versprach Dmitriev im Oktober 2025

Dmitriev begleitet die Friedensbemühungen nicht nur mit Beiträgen auf X, er hat sie mitgeschrieben. Vom 24. bis 26. Oktober 2025 verhandelte er in Miami mit Trumps Sondergesandtem Steve Witkoff. Der daraus entstandene 28-Punkte-Entwurf heißt in Fachmedien nach seinen mutmaßlichen Verfassern Witkoff-Dmitriev-Plan (bne IntelliNews). Von Bloomberg veröffentlichte Gesprächsmitschnitte zeigen, dass Witkoff zuvor, am 14. Oktober, Putins außenpolitischem Berater Juri Uschakow geraten hatte, wie Putin den Vorschlag bei Trump vorbringen solle (Euromaidan Press). Am 29. Oktober kündigte Dmitriev auf einer Investorenkonferenz in Riad an, der Krieg werde innerhalb eines Jahres enden (Al-Monitor/Reuters).

Die erste Fassung des Plans entsprach weitgehend den russischen Positionen und alarmierte Kiew (Radio Free Europe). Mit der Ukraine wurde daraus ein 20-Punkte-Plan, den Selenskyj im Dezember zu 90 Prozent fertig nannte (The Gazette). Anfang 2026 saßen die USA, Russland und die Ukraine erstmals zu dritt am Tisch, in Abu Dhabi und Genf (Bundeszentrale für politische Bildung). Dann zog der Krieg zwischen den USA, Israel und dem Iran die Aufmerksamkeit Washingtons ab, die Gespräche ruhten.

Anfang September 2026 reisten Witkoff und Trumps Schwiegersohn Jared Kushner nach Moskau und Kiew. Kremlsprecher Dmitri Peskow schloss am 13. September eine neue Dreierrunde im Oktober nicht aus. Selenskyjs Angebot, Putin beim G20-Gipfel im Dezember in Miami zu treffen, nannte er unmöglich: Ein Treffen komme nur in Moskau in Frage (AFP via Ahram). Kiew bereitet sich nach Angaben von Kyrylo Budanow, inzwischen Leiter des Präsidialamts, auf Oktober vor. Einen vereinbarten Termin gibt es nicht (ms-aktuell). Moskau hält an der Forderung fest, die Ukraine müsse auch Gebiete im Osten räumen, die russische Truppen nie erobert haben.

Die Jahresfrist, die Dmitriev selbst gesetzt hat, läuft in diesen Tagen ab.

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Fox News entdeckt Boris Johnson

Zur selben Zeit fiel bei Fox News ein Satz, den man im US-Kabelfernsehen sonst kaum hört. In der Sendung „Fox & Friends Weekend“ sagte die Moderatorin Rachel Campos-Duffy ihrem Kollegen Brian Kilmeade, der frühere britische Premierminister Boris Johnson habe die Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine in Istanbul im April 2022 sabotiert. Der US-Journalist Aaron Maté griff den Ausschnitt auf: Sie liege vollständig richtig, ukrainische Amtsträger hätten das bestätigt. Abgesehen von der Zeit, in der Tucker Carlson noch eine eigene Sendung bei Fox hatte, sei der Vorgang in den großen US-Sendern nie Thema gewesen.

Ein Kreml-Gesandter, der die Sprache der Trump-Basis spricht, und ein Trump-naher Sender richten den Blick damit auf denselben Ort: London, Frühjahr 2022.

Das Istanbuler Kommuniqué vom März 2022

Am 29. März 2022 trafen sich die Delegationen beider Länder in Istanbul. Ergebnis war das sogenannte Istanbuler Kommuniqué, ein Rahmen für eine Einigung. Samuel Charap, Politikwissenschaftler bei der RAND Corporation, und Sergey Radchenko, Professor an der Johns Hopkins University, haben die bis dahin unveröffentlichten Vertragsentwürfe ausgewertet. In Foreign Affairs kommen sie zu dem Schluss, dass ein fertiger Kompromisstext nie zustande kam. Die Unterhändler seien aber weiter gewesen als bislang bekannt: Neutralität der Ukraine, multilaterale Sicherheitsgarantien, ein Weg in die Europäische Union.

Am 9. April landete Johnson in Kiew

Zehn Tage nach Istanbul traf Johnson nahezu unangekündigt in Kiew ein. Die prowestliche ukrainische Zeitung Ukrainska Pravda berichtete am 5. Mai 2022 unter Berufung auf Personen aus Wolodymyr Selenskyjs Umfeld, Johnson habe zwei Botschaften mitgebracht: Putin sei ein Kriegsverbrecher, den man unter Druck setzen und mit dem man nicht verhandeln solle. Und selbst wenn Kiew zu Vereinbarungen bereit sei, sei es der Westen nicht. Drei Tage nach Johnsons Abreise erklärte Putin die Gespräche für festgefahren.

Im November 2023 bestätigte David Arakhamia, Fraktionschef der Regierungspartei „Diener des Volkes“ und Leiter der ukrainischen Delegation in Istanbul, die Darstellung im Kern. Laut Kyiv Post sagte er im Interview mit der Journalistin Natalia Moseychuk, Johnson habe erklärt, man solle mit den Russen gar nichts unterschreiben und einfach weiterkämpfen. Im selben Gespräch nannte Arakhamia allerdings weitere Gründe für den Abbruch, darunter die von Moskau verlangte Neutralität. Später erklärte er, seine Worte seien verzerrt worden. Johnson bestreitet jede Rolle, zuletzt im April 2026 gegenüber La Repubblica. Ausführlich aufgearbeitet ist die Kontroverse im Fachforum H-Diplo.

Was gegen die Ein-Mann-These spricht

Naftali Bennett, damals israelischer Ministerpräsident und im März 2022 Vermittler zwischen Moskau und Kiew, sagte im Februar 2023, nach dem Massaker von Butscha sei für ihn klar gewesen, dass es vorbei ist (The Bulwark). Später räumte er ein, es sei unklar, ob ein Abkommen überhaupt realistisch gewesen wäre (Correctiv). Nach den Recherchen von New York Times und Foreign Affairs brachte zudem die russische Seite einen Änderungsantrag ein, der die Garantien für die Ukraine entwertet hätte (Peace News). Johnson war damit ein Faktor unter mehreren. Ob er der entscheidende war, ist bis heute nicht geklärt.

„Einige wollen, dass der Krieg weitergeht“

Am 20. April 2022 äußerte sich der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu, dessen Regierung die Gespräche ausgerichtet hatte, gegenüber CNN Türk. Nach dem Treffen der NATO-Außenminister habe er den Eindruck gewonnen, dass einige Mitgliedstaaten den Krieg fortsetzen wollten, um Russland zu schwächen (Daily Sabah).

Fünf Tage später sprach US-Verteidigungsminister Lloyd Austin nach seinem Besuch in Kiew in Polen aus, worum es Washington ging:

„Wir wollen Russland geschwächt sehen.“

„We want to see Russia weakened.“

Lloyd Austin, 25. April 2022, Axios. Übersetzung Loreley-Blog

Bennett ordnete die westlichen Hauptstädte im selben Interview ein: Johnson habe die aggressive Linie vertreten, Olaf Scholz und Emmanuel Macron seien pragmatischer gewesen, Joe Biden beides. Auf die Frage, ob der Westen seine Vermittlung blockiert habe, antwortete er:

„Sie haben es blockiert, und ich hielt das für falsch.“

„They blocked it, and I thought they were wrong.“

Naftali Bennett, Februar 2023, nach Scheerpost. Übersetzung Loreley-Blog

Dmitriev hatte Frieden binnen eines Jahres versprochen. Ein Rahmen dafür lag in Istanbul schon im März 2022 auf dem Tisch. Was die Jahre seither gekostet haben, lässt sich zumindest in Euro beziffern: Allein die Bundesregierung nennt für ihre Hilfe an die Ukraine über 100 Milliarden Euro. Wo dieses Geld landet, zeigt der Artikel „100 Milliarden aus Berlin: Wo landet das Geld für die Ukraine?“.

Chronik
29. März 2022
Istanbuler Kommuniqué: Rahmen für eine Einigung zwischen Moskau und Kiew.


9. April 2022
Boris Johnson in Kiew.


25. April 2022
Lloyd Austin: „Wir wollen Russland geschwächt sehen.“


29. Oktober 2025
Dmitriev kündigt Frieden binnen eines Jahres an.


NCSWIC
„Nothing can stop what is coming“ – Leitspruch aus dem Umfeld der MAGA-Bewegung.