
Carl Schmitt – Der Begriff des Politischen

Fokus: Freund und Feind, Ausnahmezustand, Souveränität
„Der Begriff des Politischen“ erschien 1927 als Aufsatz, 1932 als eigenständige Schrift. Der Staatsrechtler Carl Schmitt bestimmt darin das Politische über die Unterscheidung von Freund und Feind. Das Buch steht in dieser Rubrik, weil seine Begriffe die deutsche Debatte über den Ausnahmezustand bis in die Corona-Zeit prägen.
Zusammenfassung für Eilige
Für Schmitt ist das Feld des Politischen durch die Unterscheidung von Freund und Feind bestimmt, so wie die Moral durch die von Gut und Böse. Der Text gilt als Schlüsselwerk der politischen Theorie des 20. Jahrhunderts und als einer der umstrittensten. Sein Autor stellte sich 1933 in den Dienst des NS-Regimes.
Berlin 1927, Köln 1933
Schmitt (1888–1985) stammte aus dem sauerländischen Plettenberg und lehrte in Greifswald, Bonn, München und Berlin. „Der Begriff des Politischen“ geht auf Vorträge an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin zurück. Laut der Biografie des Deutschen Historischen Museums erschien der Text 1927, eine überarbeitete Fassung 1932, eine weitere 1933.
1932 vertrat Schmitt die Reichsregierung im Prozess „Preußen contra Reich“ nach der Absetzung der preußischen Regierung. Im März 1933 entschied er sich für die Unterstützung der Diktatur Hitlers, im Mai trat er der NSDAP bei. Nach Darstellung der Stanford Encyclopedia of Philosophy verlor er 1936 seine einflussreiche Stellung nach Machtkämpfen mit Konkurrenten, die ihn für einen Opportunisten hielten. Die neuere Forschung beschränkt seine antisemitischen Äußerungen nicht mehr auf die Jahre 1933 bis 1936.
Freund und Feind
„Der Begriff des Staates setzt den Begriff des Politischen voraus.“
Carl Schmitt, Der Begriff des Politischen, 1932
Mit diesem ersten Satz bestreitet Schmitt, dass der Staat das Politische allein verwaltet. Politisch ist nach dem Metzler Philosophen-Lexikon jedes Handeln, das Freund und Feind unterscheidet und Gruppen danach verbindet oder trennt. Der Feind ist dabei der öffentliche Gegner einer politischen Einheit, keine Person, die man privat hasst.
Eng verbunden ist der Text mit Schmitts „Politischer Theologie“ von 1922. Dort setzt er gegen das liberale Gespräch die autoritäre Entscheidung. Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.
Ausnahmezustand in der Pandemie?
Mit der Corona-Pandemie kehrte Schmitts Begriff in die Debatte zurück. Die irische Literaturwissenschaftlerin Rachel MagShamhráin, University College Cork, ordnete die Schutzmaßnahmen 2022 in einer Studie zwischen Schmitt und seinem Kritiker Giorgio Agamben ein. Der italienische Philosoph hatte die Maßnahmen ab Februar 2020 als Verstetigung des Ausnahmezustands kritisiert.
In Deutschland trug der Staatsrechtler Karl Albrecht Schachtschneider im November 2025 vor der Enquete-Kommission des Bundestages zur Aufarbeitung der Pandemie vor. Seine Stellungnahme stand unter dem Titel „Normalzustand und Ausnahmezustand“. Darin sprach er den Schutzmaßnahmen Notstandscharakter ohne verfassungsgesetzliche Grundlage zu.
Das Bundesverfassungsgericht hatte die Bundesnotbremse dagegen am 19. November 2021 für verfassungsgemäß erklärt. Die Pandemie bedeute eine „äußerste Gefahrenlage“, die die Grundrechtseingriffe rechtfertige. Die Enquete-Kommission hat ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen.
Kurz, dicht, belastet
Die Schrift umfasst in der gängigen Ausgabe bei Duncker & Humblot rund 120 Seiten und setzt Kenntnisse der Weimarer Verfassungsdebatte voraus. Wer die Entwicklung des Textes nachvollziehen will, greift zur synoptischen Ausgabe der Carl-Schmitt-Gesellschaft, herausgegeben von Marco Walter. Sie stellt die Fassungen von 1927, 1932 und 1933 nebeneinander. Die englische Übersetzung enthält zusätzlich den Kommentar des Philosophen Leo Strauss von 1932.
Zwei Lesarten stehen sich gegenüber. Das Deutsche Historische Museum nennt eine protofaschistische, die den gewaltsamen Konflikt und die innere Einheitlichkeit überhöht. Daneben steht eine, die in Schmitts Begriff eine radikal moderne Beschreibung einer Welt ohne feste Hierarchie sieht. Das Buch eignet sich für Leser, die beide Lesarten prüfen wollen und den Autor dabei nicht ausblenden.
Loreley-Einordnung
Clausewitz bestimmt den Krieg als Mittel der Politik. Schmitt fragt, was etwas überhaupt politisch macht. Seine Unterscheidung von Freund und Feind lässt sich auf die Frage anwenden, wann ein politischer Gegner zum Feind erklärt wird und wer darüber entscheidet. Die Antwort, die Schmitt selbst ab 1933 gab, gehört zur Lektüre dazu.
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