
In Bordeaux brannte am 1. Oktober der Eingang des Lycée François-Mauriac aus. Die Schule bleibt mindestens bis zum Wochenende geschlossen, in der Gironde kamen am selben Tag 20 Personen in Gewahrsam. KI-generierte Illustration Keine Originalaufnahme. Bild: KI-generiert (Loreley-Blog)
Veröffentlicht im Oktober 2026
5.000 Festnahmen, keine Herkunft
Lesezeit: 9 Minuten
Paris – Mehr als 5.000 Festnahmen in fünf Tagen, rund 2.000 Jugendliche in Gewahrsam, 305 verletzte Polizisten an einem einzigen Donnerstag. Frankreichs Regierung spricht inzwischen von Banlieue-Gewalt und sieht La France insoumise (LFI) als Drahtzieherin. Woher die Täter kommen, sagt sie nicht – obwohl die Staatsanwaltschaften alle Adressen kennen.
Am Freitagabend nannte Innenminister Laurent Nuñez im Sender TF1 die Bilanz des Tages: 1.747 Festnahmen, insgesamt mehr als 5.000 seit Montag. 735 Schulen waren gestört. Im Umfeld von 158 Einrichtungen habe es Krawalle gegeben, so der Minister wörtlich.
Begonnen hatte es am 17. September am Lycée Saint-Exupéry in Créteil, südöstlich von Paris. Schüler protestierten gegen fehlende Lehrer, marode Gebäude und überladene Stundenpläne. Die Anliegen sind populär: 62 Prozent der Franzosen halten die Proteste laut einer Odoxa-Umfrage für berechtigt.
Zwei Wochen später brennen Schulen. In Nantes und Bordeaux griffen Feuer auf Schulgebäude über. In Marseille wurde ein Feuerwehrfahrzeug angezündet und ein Marinefeuerwehrmann verletzt. Bildungsminister Édouard Geffray sprach von Gewalt „äußerster Schwere“: Schulpersonal sei mit Benzin übergossen worden.
Ein erheblicher Teil der Randalierer gehört nicht zur Schule
Präfekturen, Schulleiter und Lokalpresse beschreiben landesweit dasselbe Muster. In Bordeaux berichteten Schüler von einer Gruppe Jugendlicher, die von Blockade zu Blockade zieht. Die Schülerorganisationen distanzierten sich am 2. Oktober ausdrücklich: Die Gewalt gehe nicht von Lycéens aus.
Polizeiquellen zeichneten gegenüber CNews ein Täterprofil: meist 15 bis 17 Jahre alt, oft ohne Vorstrafen, häufig bewaffnet. In Toulon trugen Festgenommene Messer, einen Taser, einen Hammer und Flaschen mit Salzsäure bei sich. Die Bilder der Gewalt kursieren als Wettbewerb in sozialen Netzwerken.
Matignon, der Amtssitz des Premierministers, nennt das Geschehen inzwischen „violences urbaines“, städtische Gewalt. In Frankreich ist das der feste Behördenbegriff für die Krawalle in den Vorstädten, den Banlieues. Olivier Vial, Direktor des Studienzentrums CERU, beschreibt ein Gemisch aus Banlieue-Gewalt, „extrême gauche“ (äußerster Linker) und Schülerprotest.
Die Nachrichtendienste sehen nach Angaben Matignons ein „von LFI und ihren Stellvertretern aus der Ultralinken organisiertes Manöver“. Belege dafür liegen öffentlich nicht vor, LFI-Koordinator Manuel Bompard spricht von Verschwörungsdenken. Belegt ist, dass LFI-Abgeordnete wie Louis Boyard offen zur Ausweitung der Blockaden aufriefen.
Wo wohnen die Festgenommenen?
Justizminister Gérald Darmanin beziffert die Zahl der Gewahrsamnahmen auf rund 2.000, 90 Prozent davon Minderjährige, ein Drittel wegen Gewalt gegen Personen. Per Rundschreiben verlangt er, die Eltern vorzuladen und für die Schäden haften zu lassen. Den Staatsanwaltschaften liegt damit zu jedem Minderjährigen die Anschrift der Familie vor.
Eine Auswertung nach Gemeinden oder nach den amtlich ausgewiesenen Problemvierteln, den Quartiers prioritaires, wäre keine ethnische Statistik. Frankreich veröffentlicht solche Viertelsdaten seit Jahren, etwa zu Arbeitslosigkeit und Armut. Zu den Festgenommenen hat bislang weder das Innen- noch das Justizministerium Wohnorte oder Staatsangehörigkeiten genannt.
Ethnische Merkmale darf der französische Staat ohnehin kaum erfassen. Bei Minderjährigen schützt zudem das Jugendstrafrecht die Identität. Öffentliche Schnellverfahren gibt es nur gegen Volljährige, also gegen rund ein Zehntel der Festgenommenen. Bekannt ist bislang ein einziger Fall: eine Schülerin aus Asnières-sur-Seine vor dem Gericht in Nanterre.
Handyvideo gegen Aktenlage
Alternative Medien füllen die Lücke mit Bildern. Die Autorin Sofia Taxidis schrieb am 2. Oktober in Tichys Einblick von Gruppen „mit klar erkennbarem migrantischem Hintergrund (Maghreb und Subsahara)“. Das Nachrichtenkonto Visegrád 24 sprach am 1. Oktober von Krawallen durch Migranten der zweiten und dritten Generation.
Beide Einordnungen stützen sich auf Videoaufnahmen. Keine nennt Namen, Wohnorte oder Zahlen. Ein angebliches Zitat, Marine Le Pen habe von „Migrantenmobs“ gesprochen, wurde hunderttausendfach geteilt. In ihrem eigenen Post vom 1. Oktober steht es nicht. Dort macht die 58-jährige Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement National Jean-Luc Mélenchon verantwortlich, weil er Abgeordnete vor die Schulen schicke.
Dass amtliche Zahlen möglich sind, hat Frankreich selbst gezeigt. Nach den Krawallen um den Tod des 17-jährigen Nahel im Sommer 2023 nannte der damalige Innenminister Darmanin dem Senat die Staatsangehörigkeit der Festgenommenen: Nur zehn Prozent waren keine Franzosen.
Über die Herkunft sagt der Pass allerdings wenig – ein in Saint-Denis geborener Enkel algerischer Einwanderer ist Franzose. Die Untersuchungskommission des Senats verlangte deshalb, die vorhandenen Daten für eine echte Täteranalyse zu nutzen. Drei Jahre später fehlt selbst die Angabe zur Staatsangehörigkeit.
18 Nationalitäten in drei Tagen
In Deutschland ging es nach der Berliner Silvesternacht 2022/23 schneller. Am 3. Januar 2023, drei Tage nach den Angriffen auf Polizei und Feuerwehr, veröffentlichte die Berliner Polizei die Staatsangehörigkeiten der 145 Festgenommenen: 45 Deutsche, 27 Afghanen, 21 Syrer, insgesamt 18 Nationalitäten.
Die CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus fragte daraufhin sogar nach den Vornamen der deutschen Tatverdächtigen. Die Debatte darüber war hart und ist bis heute umstritten. Sie stützte sich aber auf amtliche Zahlen, die jeder überprüfen konnte.
Die Namen minderjähriger Täter schützt das Gesetz. Eine Statistik nach Wohnorten könnte das Innenministerium trotzdem jederzeit vorlegen. In sieben Monaten wählt Frankreich einen Präsidenten. Le Pen führt die Umfragen an, Mélenchon rückt an die Stichwahl heran. Jede Zahl zur Herkunft der Täter wäre in diesem Wahlkampf Munition.
Ob die Regierung deshalb schweigt, sagt sie nicht. Fest steht: Ein Staat, der 5.000 Festnahmen zählt und die Eltern vorlädt, verfügt über die Daten. Wo der Wahlkalender der Parteien über die Veröffentlichung einer Statistik entscheidet, regiert die Taktik.
Saint-Denis, die Grablege der Könige
Die Banlieues, die Vorstädte vor allem von Paris, Marseille und Bordeaux, sind durch Einwanderer und ihre Nachkommen geprägt. Dort entzünden sich regelmäßig gewalttätige Ausbrüche, zuletzt 2023 nach dem Tod Nahels. Neu ist, dass die auffälligsten Tätergruppen anscheinend organisiert und koordiniert vorgehen.
Mit Gewalt den öffentlichen Raum immer wieder zu besetzen und zeitweise einzunehmen – das kann sich kein Staat gefallen lassen. Auffällig ist, wie sehr sich der französische Staat dennoch zurückhält, wenn es um die Täter geht: 5.000 Festnahmen, aber kein Wort zu ihrer Herkunft.
Mancher Volksvertreter scheint die Eskalation sogar zu begrüßen. Videos zeigen den LFI-Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, lachend und tanzend mit Randalierern vor einem Feuer. Tags zuvor soll er Gewalt als manchmal legitimes Mittel des Protests bezeichnet haben. Ein Einzelfall – oder hat sich damit die Gesinnung der französischen Linken offenbart?
In Saint-Denis ist mehr als jeder dritte Einwohner selbst eingewandert, nach Angaben der Stadt 37 Prozent. Bei den Jüngsten ist der Anteil weit höher: Schon 2005 lebten nach Berechnungen der Demografin Michèle Tribalat auf Basis von INSEE-Daten sieben von zehn Minderjährigen mit mindestens einem eingewanderten Elternteil.
Der Vorort war einst das Herz der Monarchie. In seiner Basilika liegen fast alle Könige Frankreichs begraben, hier wurden die Königinnen gekrönt und die Krönungsinsignien verwahrt. 2019 drang ein 41-jähriger Pakistaner nachts ein, beschädigte die Orgel und zerschlug zwei Fenster. Er war wegen Sachbeschädigung bereits bekannt und hatte zuvor nur eine Verwarnung erhalten.




