
Kanzler Friedrich Merz (70) am Rednerpult des Bundestags. Seine Reformen setzen auf Anreize wie Aktivrente und Pendlerpauschale – an fehlenden Geburtsjahrgängen ändern sie nichts. KI-generierte Illustration von Friedrich Merz im Zusammenhang mit den Reformen der Bundesregierung. Keine Originalaufnahme. Bild: KI-generiert (Loreley-Blog)
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Veröffentlicht im Oktober 2026
Die Merz-Reformen scheitern an der Demografie
Lesezeit: 7 Minuten
Die neue Steuer- und Sozialpolitik der Merz-Regierung wird als Antwort auf Fachkräftemangel, Leistungsschwäche und wirtschaftlichen Druck verkauft. Aktivrente, Pendlerpauschale, steuerliche Anreize für Mehrarbeit, später eine Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen: Das klingt nach Reform. Ein Teil davon gilt seit Januar, der größere Teil steht noch aus – die Finalisierung des Pakets wird für den Herbst erwartet. Schon jetzt lässt sich sagen, wohin es zielt, und schon jetzt bleibt es eine Reform am Rand des Problems. Der Kern liegt tiefer. Deutschland leidet nicht zuerst an zu wenig Anreiz für Überstunden. Deutschland leidet an einer demografischen Unterdeckung, die seit Jahrzehnten bekannt ist, von mehreren Bundesregierungen ignoriert wurde und deren volle Wirkung jetzt mit Verzögerung auf Arbeitsmarkt, Sozialstaat und Wohlstand durchschlägt.
Die mathematische Bevölkerungsstruktur der Gegenwart
Wer die Lage nüchtern betrachtet, sieht die eigentliche Frontlinie sofort. Laut Statistischem Bundesamt werden in den kommenden 15 Jahren 13,4 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter erreichen. Das entspricht knapp einem Drittel der heutigen Erwerbspersonen. Gleichzeitig ist die Gesellschaft bereits sichtbar gealtert: Auf der Themenseite zum demografischen Wandel weist Destatis aus, dass inzwischen jede zweite Person in Deutschland älter als 45 Jahre und jede fünfte älter als 66 Jahre ist. Das ist keine diffuse Zukunftsangst. Das ist die mathematische Struktur der Gegenwart.
Aktivrente heißt länger arbeiten, gleicht das strukturelle Defizit nicht aus
Genau deshalb greift die aktuelle Reformdebatte zu kurz. Die Bundesregierung setzt auf die Aktivierung bereits vorhandener Arbeitskraft. Wer im Rentenalter weiterarbeitet, kann seit dem 1. Januar 2026 über die Aktivrente bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen. Die Entfernungspauschale wurde ebenfalls seit 2026 auf 38 Cent ab dem ersten Kilometer angehoben. Das kann zusätzliche Stunden mobilisieren. Es kann ältere Fachkräfte länger im Erwerbsleben halten. Es kann Pendler etwas entlasten. Aber es kann keine fehlenden Geburtsjahrgänge ersetzen.
Es gibt kein Anreizproblem, die Bevölkerungspyramide steht Kopf
Darin liegt die eigentliche Schwäche der Merz-Linie: Sie behandelt den Fachkräftemangel im Kern als Anreizproblem, obwohl er in Wahrheit ein Bestandsproblem ist. Eine Regierung kann Überstunden attraktiver machen. Sie kann Rentner motivieren, weiterzuarbeiten. Sie kann Teilzeitkräfte zur Ausweitung bewegen. Aber sie kann nicht kurzfristig nachholen, was über Jahrzehnte bei Geburtenrate, Familienökonomie und Generationenstruktur versäumt wurde.
Die Geburtenentwicklung zeigt die Richtung klar: 2025 lag die zusammengefasste Geburtenziffer bei 1,32 Kindern je Frau, geboren wurden 654.241 Kinder – der niedrigste Stand der Nachkriegszeit. Das Geburtendefizit erreichte mit rund 352.000 nicht geborenen Kindern den größten Wert seit 1946. Wer diese Zahlen ernst nimmt, versteht sofort: Die Arbeitsmarktkrise beginnt nicht erst im Jetzt. Sie begann bereits im Gestern. Darüber entscheidet ein stabiles oder instabiles demografisches Fundament.
Dreizehn Millionen Menschen fehlen
Die entscheidende Zahl steht in der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes und wird in der Reformdebatte nie zitiert. Ohne Nettozuwanderung schrumpft die Bevölkerung im Erwerbsalter bis 2035 um 6,2 Millionen Menschen. Um das aufzufangen, müssten jährlich rund 570.000 Menschen im Alter zwischen 20 und 66 Jahren netto zuwandern. Der Wanderungssaldo 2024 lag bei 430.000, in den ersten sieben Monaten 2025 bei 122.000. Der Bedarf steigt, die Zufuhr fällt.
Aus eigener Kraft ließe sich die Lücke ohnehin nicht schließen. Für die Bestandserhaltung sind 2,07 Kinder je Frau nötig; bei einer Geburtenziffer von 1,32 wären statt 654.241 rund 1,03 Millionen Geburten pro Jahr erforderlich. Es fehlen also etwa 370.000 Kinder – jedes Jahr. Seit 1990 summiert sich das auf rund 13 Millionen: 26,7 Millionen tatsächliche Geburten gegenüber 39,7 Millionen, die auf Bestandserhaltungsniveau nötig gewesen wären. Und das ist der Erstrundeneffekt, ohne die Kinder, die diese Kinder bekommen hätten.
Daneben steht eine zweite Zahl aus derselben Statistik: Der Wanderungssaldo zwischen 1990 und 2024 beträgt 12,5 Millionen Personen. Saldo heißt Zuzüge minus Fortzüge – nicht zwölfeinhalb Millionen Eingewanderte, sondern zwölfeinhalb Millionen mehr Gekommene als Gegangene, über 35 Jahre.
Damit entspricht die Zuwanderung fast exakt der Zahl der fehlenden Geburten. Rechnerisch ist die Lücke geschlossen – in Kopfzahlen. Ein Mensch, der mit dreißig einwandert, ersetzt jedoch keinen Jahrgang: Er bringt weder die zwanzig Jahre mit, in denen ein hier Geborener beschult und ausgebildet wurde, noch dessen Erwerbsbiografie, noch dessen eigene Kinderzahl. Er tritt in eine bestehende Alterspyramide ein, statt sie von unten zu tragen. Wer Demografie als Kopfzahl bilanziert, bekommt eine ausgeglichene Bilanz. Wer sie als Altersstruktur und Erwerbsbeteiligung bilanziert, sieht die Lücke offen – und genau diese Lücke erscheint heute als Fachkräftemangel.
Es ist dreißig Jahre nach zwölf Uhr
Auch die naheliegende Gegenforderung trägt deshalb nicht mehr. Mehr Kinder helfen im kritischen Jahrzehnt nicht, weil Demografie mit einem Zeitverzug von einer Generation arbeitet. Ein heute geborenes Kind zahlt frühestens 2046 Beiträge. Die geburtenstarken Jahrgänge wechseln bis Mitte der 2030er-Jahre vollständig ins Rentenalter.
Der Bielefelder Demograf Herwig Birg hat das vor zwanzig Jahren in einen Satz gefasst, der bis heute steht: Es ist dreißig Jahre nach zwölf, und selbst ein Anstieg der Geburtenrate auf zwei Kinder je Frau kann die Alterung für Jahrzehnte nicht mehr abwenden. Birg vertritt zugleich die unbequemere These, dass der Sozialstaat den Geburtenrückgang mitverursacht hat: Wer eine Rente auf hohem Niveau garantiert, macht eigene Kinder ökonomisch entbehrlich. Der generative Beitrag wird sozialisiert, die Kosten bleiben privat.
Neu ist an der Diagnose nichts. Der Wirtschaftsjournalist Roland Tichy und die Wirtschaftsjournalistin Andrea Tichy beschrieben 2001 in „Die Pyramide steht Kopf“ die zurückliegenden Jahrzehnte als goldene Jahrzehnte des demografischen Hedonismus und schlossen mit dem Satz, es gebe kein Weiter-so. Amtlich gewarnt wurde ebenso: Die koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen weisen den Alterungsverlauf seit den neunziger Jahren in Fünfjahresschritten aus, und jede einzelne lag jeder Bundesregierung vor.
Für die 2030er bleiben damit drei Stellschrauben: Zuwanderung von Arbeitskräften, die den Namen auch verdient, flexible Arbeitsvolumen, Anerkennung von Leistungsniveaus. Alles andere ist Politik für die zweite Hälfte des Jahrhunderts. Die Politik in Deutschland hätte die Zahlen wissen müssen. Die Frage ist, warum vier Bundesregierungen den Umbau unterlassen konnten, zu dem das Bundesverfassungsgericht sie höchstrichterlich verpflichtet hat.
Teil 1 der Serie. Teil 2: Ungerechte Verteilung: Die Sozialversicherungen werden von Familien doppelt finanziert




